«Ich habe jahrelang dafür gebetet, dass ich heterosexuell werde»
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Für viele Homosexuelle war oder ist es nicht einfach, offen mit ihrer sexuellen Orientierung umzugehen. (Bild: Robert V. Ruggiero/Unsplash)

Zuger Homosexueller versteckte sich «Ich habe jahrelang dafür gebetet, dass ich heterosexuell werde»

5 min Lesezeit 31.01.2020, 05:05 Uhr

«Ein Leben im Versteck»: Mehr als 20 Jahre verheimlichte ein Homosexueller seine wahren Gefühle. Unproblematisch war sein Outing auch vor wenigen Jahren nicht. Der Zuger Matthias Ebneter sagt, weshalb die kommende Abstimmung einen fundamentalen Beitrag für die Akzeptanz von Schwulen leisten könnte.

Lange Zeit versteckte er einen wesentlichen Teil seiner Persönlichkeit: seine Homosexualität. Erst vor ungefähr sieben Jahren outete sich der heute 46-jährige Matthias Ebneter. Das, obwohl er schon in der Pubertät merkte, dass er sich eher zu Männern hingezogen fühlte.

«Ich habe die besten 20 Jahre meines Lebens damit verschwendet, heterosexuell sein zu wollen und nach aussen hin so zu wirken», sagt Matthias heute. Er verleugnete seine sexuelle Identität, zwang sich in heterosexuelle Normen.

Der Schwule, «der böse Mann»

Aufgewachsen ist Matthias in einem katholischen Dorf in der Schweiz. Homosexualität wurde dort damals «durchwegs als abnormal und etwas Böses» angesehen. Schwule galten als «pervers oder pädophil», wie Matthias erzählt.

«Ich habe viele Menschen enttäuscht.»

Es gab böse Dorfgerüchte. «Es wurde in meiner Kindheit über einen Schwulen in unserem Dorf gesprochen. Es hiess, dass er Kinder verführen wolle. Wir wurden vor ihm gewarnt: Er sei ein böser Mann und wir sollten uns von ihm fernhalten», erzählt Matthias. Damals war er gerade einmal zehn Jahre alt.

Das hat ihn geprägt. Er wuchs damit auf, dass Homosexualität etwas Verpöntes, ja gar etwas Böses ist. «Ich habe jahrelang dafür gebetet, dass ich heterosexuell werde und eine Freundin habe.»

Im Ausland auf Gleichgesinnte getroffen

Matthias hatte Beziehungen mit Frauen. Doch richtig fühlte es sich nie an. «Ich habe viele Menschen enttäuscht», sagt er heute. «Weil ich etwas vorspielen musste, das ich selbst nicht war.»

Zu seiner Sexualität konnte er das erste Mal stehen, als er im Rahmen seines Studiums mit knapp 30 Jahren ins Ausland reiste. Niemand kannte ihn. Er ging offen auf schwule Männer zu, traf Gleichgesinnte. Er lernte, dass Homosexualität nichts Schlechtes ist, dass es Menschen gibt, die Homosexualität offen leben und von Familien und Freunden akzeptiert werden. Und dass niemand wegen seiner sexuellen Orientierung aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden sollte.

Matthias war in dieser Zeit das erste Mal richtig verliebt, er machte seine ersten sexuellen Erfahrungen. Zu einer Zeit, als in seinem Freundeskreis viele schon verheiratet waren.

Zurück in der Schweiz: Weitere 10 Jahre nicht geoutet

Zurück in der Schweiz zeigte Matthias seine Homosexualität aber nicht mehr und lebte sie im Stillen. Er blieb nach wie vor stumm, wenn er sich derbe Witze über Schwule anhören musste, um sich nicht outen zu müssen.

«Mein Outing erlaubte mir, aus dem jahrelangen Gefängnis auszubrechen und meine Hetero-Maske abzulegen.»

Mit den Jahren verfestigte sich aber der Wunsch nach einer festen Partnerschaft. Matthias lernte seinen heutigen Partner kennen, mit dem er nun seit bald zehn Jahren zusammen ist. Er und sein Partner entschieden sich, die Partnerschaft offiziell eintragen zu lassen. Das war der Moment, in dem Matthias allen Mut zusammennahm, um sich zu outen und zu seiner Sexualität zu stehen. Erst bei guten Freunden und bei der Familie, dann am Arbeitsplatz, wo er die Registrierung der Partnerschaft unter anderem für die Regelung der Pensionskasse bekannt geben musste.

«Es war für mich eine enorme Befreiung», sagt Matthias. Einfach war es aber auch dann nicht. «Viele reagierten mit Unverständnis, wandten sich ab.» Seinen Entscheid bereut er nicht – auch wenn das Verhalten anderer ihn verletzte. «Mein Outing erlaubte mir immerhin, aus dem jahrelangen Gefängnis auszubrechen, mich selbst zu sein und meine Hetero-Maske abzulegen.»

Küsse werben für die erweiterte Strafnorm

Zur Zeit werben zahlreiche rosa Plakate zum «Ja zum Schutz vor Hass». Öffentlicher Aufruf zu Hass, Herabsetzung und Diskriminierung gegen Schwule, Lesben und Bisexuelle ist in der Schweiz nicht strafbar. Am 9. Februar stimmt die Schweizer Bevölkerung darüber ab, ob sich das ändern soll.

Aktionen fanden statt wie etwa die «Süsse Küsse»-Aktion vor dem Zuger Läderach (zentralplus berichtete). Auch in Luzern setzten rund 40 Menschen bei einer Aktion der Luzerner Juso mit Küssen und Umarmungen ein Zeichen für die gleichgeschlechtliche Liebe:

Gesetzesartikel soll zu mehr Akzeptanz führen

Matthias liegt die Abstimmung am Herzen. Auch er setzt sich für die Akzeptanz von LGBTIQ-Menschen ein. Privat und beruflich. Er arbeitet heute für die Rechtsabteilung eines globalen Unternehmens, wo er nebenbei auch für Diversität und insbesondere LGBTIQ-Anliegen in der Schweiz zuständig ist.

Gegner sagen, die Ausweitung würde keinen Schutz vor Diskriminierung, Hass und Hetze bieten. Niemand ändere deswegen seine Weltanschauung.

«Ich finde es fast schon tragisch, dass man lange studieren muss, ob man die Erweiterung annehmen oder ablehnen sollte.»

Für Matthias unverständlich. «Ich finde es fast schon tragisch, dass man lange studieren muss, ob man die Erweiterung annehmen oder ablehnen sollte. Denn niemand kann doch Diskriminierung, Hass und Herabsetzung in Ordnung finden.» Ein Ja würde nicht unbedingt zu mehr Gerichtsfällen führen, sagt auch er. «Aber die rechtlichen Konsequenzen stehen für mich auch nicht im Vordergrund.»

Es sei wichtig, dass sich die Schweizer Bevölkerung Gedanken darüber mache, ob man Homo- oder Bisexualität öffentlich «verdammen» könne – oder nicht. «Der Gesetzesartikel wird mehr Akzeptanz für Homo- und Bisexuelle schaffen. Er ist ein klares Statement: Nämlich, dass die Mehrheit der Gesellschaft sagt, dass sie keine derben Sprüche, Hass und Diskriminierungen aufgrund der sexuellen Orientierung mehr duldet.»

Schwule verstecken sich

Matthias befürchtet, dass bei einem Nein zur Vorlage Gegner in ihrem Verhalten bestärkt werden – und sich weiterhin homophob äussern, Schwule zum Teufel jagen wollen und öffentlich propagieren, dass man «Schwule therapieren soll».

Ein fatales Zeichen, sagt Matthias. Gerade jetzt. Denn nach den brutalen Attacken auf Schwule im Zürcher Nachtleben sind viele Homosexuelle verunsichert. Schwule fragen sich, wie viel sie von sich in der Öffentlichkeit zeigen können. Ob sie noch zeigen dürfen, dass sie ihren Partner lieben. Andere Schwule lassen nachts bereits die Hand ihres Partners los, weil sie ein mulmiges Gefühl haben (zentralplus berichtete).

«Es sollte sich niemand wegen seiner sexuellen Orientierung verstecken, wie ich es noch tun musste», sagt Matthias.

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