Hoffnungsschimmer für Zugs gebeutelte Berufsfischer
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Netze einholen zu Forschungszwecken: Im Brienzersee (im Bild) fanden die Forscher des Projet Lac zwar eine grössere Felchen-Dichte vor, die Fische sind dort jedoch kleiner als im Zugersee. (Bild: Andri Bryner)

Forschungsprojekt zur Fischvielfalt im Zugersee Hoffnungsschimmer für Zugs gebeutelte Berufsfischer

5 min Lesezeit 30.11.2013, 06:02 Uhr

Im Rahmen des «Projet Lac» untersuchen Forscher erstmals die Fischvielfalt im Zugersee. Nachdem die Fischer zuletzt kaum mehr Felchen fangen konnten, kann sich die gebeutelte Berufsfischerei bald wohl über einen Silberstreifen am Horizont freuen: In absehbarer Zeit gibt es  wieder mehr des einstmals so zahlreichen Fisches – und Zuger Rötel. 

Fünf Tage lang fischten Pascal Vonlanthen und sein Forschungsteam diesen August im Zugersee. Der Freiburger Wissenschaftler bezeichnet sich als fanatischen Fischnarr, doch auf dem Teller landete sein Fang diesmal nicht. Er warf seine Netze nämlich zu Forschungszwecken aus. Ziel seines aufwändigen Vorhabens: die wissenschaftliche Erfassung der Fischvielfalt im Zugersee.

Pascal Vonlanthen koordiniert das mehrjährige Forschungsprojekt «Projet Lac», an dem neben dem Wasserforschungsinstitut Eawag zahlreiche weitere Partner beteiligt sind. Während Fliessgewässer in der Schweiz relativ gut erforscht sind, fristet die Fischdiversität in den Schweizer Seen bislang ein Mauerblümchendasein. Und dies, obwohl sich in den letzten hundert Jahren die Fischzusammensetzung in den stehenden Gewässern massiv verändert hat. «Unser bisheriges Wissen beschränkt sich auf die Kenntnis über 22 Fischarten im Zugersee», erklärt Peter Ulmann, Co-Leiter des Zuger Amts für Wald und Wild. Über die genetische Aufschlüsselung innerhalb der Arten wisse man zum Beispiel nichts, da es an Methoden, Instrumenten und Know-how fehle.

Vom Kanton Zug mitfinanziert

Genau das bringt das Projet Lac mit und will Licht in die Tiefen des Zugersees bringen. Um Vergleiche zwischen den bislang 21 erforschten Seen in den Alpen und am Alpenrand anstellen zu können, wird die Fischfauna auf standardisierte und daher wiederholbare Weise erhoben. Die Daten ermöglichen aber auch, Entwicklungen innerhalb von Seen und Fischarten zu verfolgen. Die gefangenen Fische landen deshalb nicht auf dem Teller. Sie werden präpariert und in einer Sammlung im Naturhistorischen Museum der Burgergemeinde Bern konserviert.

Untersuchung des Vierwaldstättersees 2014?

Drei Schweizer Seen will das Projet Lac noch untersuchen: den Zürichsee, den Bodensee und den Vierwaldstättersee. Ob es soweit kommt, ist noch nicht sicher, denn die finanziellen Möglichkeiten des Forschungsprojekts sind ausgeschöpft. «Wir sind auf Unterstützung der Kantone angewiesen», sagt Projektkoordinator Pascal Vonlanthen.

Das Luzerner Amt für Jagd und Fischerei wurde daher um einen Betrag angefragt, der ähnlich hoch wie der Beitrag Zugs ist, sprich: rund 35.000 Franken. Von Vorteil ist, dass die Forscher bei der Untersuchung des Vierwaldstättersees die Einrichtungen am Eawag-Standort Kastanienbaum nützen könnten.

Als Pascal Vonlanthen im Frühling bei den Zuger Behörden anklopfte, zögerte die zuständige Regierungsrätin Manuela Weichelt-Piccard keinen Augenblick. Sie stellte ein budgetiertes Projekt zurück, damit sich der Kanton mit 35.000 Franken am Gesamtaufwand von rund 120.000 Franken beteiligen konnte. «Für unseren Sonderpatienten Zugersee war das eine einmalige Gelegenheit», resümierte sie an einer Informationsveranstaltung.

Egli kam, andere Arten sind verschwunden

In der Tat ist das Projekt gerade für den Zugersee von grossem Interesse, leidet dieser doch seit Jahrzehnten unter «Eutrophierung», einer starken Nährstoffbelastung. Übermässige Nährstoff- bzw. Phosphormengen fördern das Wachstum von Algen und Wasserpflanzen. Die Folge: der See «erstickt», der Lebensraum für anspruchsvollere Fischarten wird knapper und die Fischzusammensetzung ändert sich. In Zug setzte sie als Folge einer starken Bevölkerungszunahme und der Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion im Einzugsgebiet schon früh ein und erreichte anfangs der 1980er-Jahre ihren unrühmlichen Zenith.

Im Zugersee machte sich die Eutrophierung vor allem durch eine grosse Zunahme der Egli-Population und das Verschwinden tiefenangepasster Fischarten bemerkbar. Am starken Rückgang eines beliebten, ganzjährigen Speisefisches zeigte sich das besonders drastisch: «Der Felchen war einst unser Brotfisch», erinnert sich Werner Hürlimann aus Walchwil. Er fischt seit 65 Jahren, davon jahrzehntelang berufsmässig. In den 70er-Jahren wechselte er auf Ganzjahresfischerei. «Das ging 10 bis 15 Jahre lang gut, danach mussten wir aber wieder auf saisonale Fischerei umstellen», berichtet Hürlimann. Den Felchen-Ausfall vermochte er nicht zu kompensieren. Er verzichtet mittlerweile vollends auf die Felchen-Fischerei: «Wegen drei, vier Felchen am Tag lohnt sich das nicht mehr.»

Wenige Felchen, doch rasches Wachstum

Auch in den Netzen von Pascal Vonlanthen landeten nur wenige Felchen. Am meisten davon gäbe es heute im Walensee und im Brienzersee, weiss er zu berichten. In zwei Seen also, die als unproduktiv verschrien sind. «Die dortigen Felchen haben sich den Bedingungen angepasst und sind sehr klein», sagt Vonlanthen. Der Biologe fischte sie bis in 150 Meter Tiefe, im Zugersee jedoch bloss zwischen 12 und 20 Meter unter der Wasseroberfläche. Die oberen Wasserschichten des Zugersees sind den Felchen zu warm, derweil sie gegen unten durch den mangelnden Sauerstoffgehalt des Wassers limitiert sind. Allerdings: Im Zugersee hat es zwar weniger Felchen, dafür wachsen sie sehr schnell und erreichen eine Grösse, die für die Fischerei interessant ist. «Es mag etwas paradox scheinen», sagt Vonlanthen, «doch in anderen Seen, wo es deutlich mehr Felchen gibt, werden weniger gefangen als hier im Zugersee.»

Dank diversen indirekten Massnahmen sinkt der Phosphorgehalt des Zugersees seit 1982 stetig. Wurden damals im See noch 635 Tonnen Phosphor ermittelt, waren es Anfang 2013 noch 254 Tonnen. Der vom Gewässerschutz vorgeschriebene Grenzwert liegt bei rund 95 Tonnen. Bis dieser erreicht wird, verstreichen nach Schätzungen von Peter Ulmann vom Amt für Wald und Wild noch 20 bis 40 Jahre. «Aktive Massnahmen, wie beispielsweise die Ableitung von Tiefenwasser oder die Seebelüftung, wurden zwar eingehend geprüft, für den Zugersee aber als untauglich beurteilt», sagt Peter Ulmann vom Amt für Wald und Wild. Der See brauche halt einfach lange, um wieder in den ursprünglichen Nährstoffzustand zurück zu kehren. «Begründet ist dies durch seine Umgebung und seine Ökologie: er ist sehr windgeschützt, zirkuliert kaum und hat im Verhältnis zu seinem Volumen einen verhältnismässig geringen Zu- und Abfluss.»

«Wir Berufsfischer haben genug lange gehungert»

Vom sinkenden Phosphorgehalt könnten die Felchen dereinst profitieren. Projektkoordinator Vonlanthen bemüht sich vorsichtshalber um den Konjunktiv. «Auch für Rötel könnte sich das Umfeld verbessern», vermutet er. «Möglicherweise stehen für die Zuger Fischer gute Zeiten an.» In Buonas blickt derweil Berufsfischer Marcel Wismer auf ein ausserordentliches Jahr zurück. Er habe jahrelang kaum Felchen gefangen, doch dieses Jahr sei positiv verlaufen. «Wir Berufsfischer haben genug lange gehungert», sagt der 67-Jährige. «Ich wäre froh, wenn es künftig wieder etwas zu fangen gäbe!»

Überraschungen hat Vonlanthens Team in den letzten Monaten in den Tiefen des Zugersees keine entdeckt. Allerdings sind die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen. Die Resultate aus den Fängen mit dem Elektrofanggerät an den Ufern und den Untersuchungen mit dem Hydrosonar liegen noch nicht vor. Im Frühling erscheint sein Schlussbericht zum Zugersee. Mögliche Handlungsempfehlungen lassen sich erst formulieren, wenn die abschliessenden Erkenntnisse vorliegen.

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