Abstimmung zur Zukunft des «Buuregarte»

Für die Hünenberger Familie Boog geht es «um alles»

Jonas Boog zwischen seinen Erdbeerpflanzen, die er im Substrat anbaut. (Bild: wia)

In den letzten Jahren musste sich die Familie Boog nicht nur um ihr Gemüse und ihre Beeren kümmern, sondern auch mit Politik auseinandersetzen. Dies, da ihre Anbauweise «uf ein Chlapf» nicht mehr als zonenkonform gilt. Ob der «Buuregarte» weiter wie gehabt funktionieren darf, entscheidet die Hünenberger Bevölkerung bald.

Es ist ein Tag, der nicht besser veranschaulichen könnte, mit welchen Problemen sich die Landwirtschaft herumplagen muss. 18. April 2024: Am vergangenen Wochenende – es herrschten 25 Grad – holten sich viele Zugerinnen ihren ersten Sonnenbrand der Saison. Fünf Tage später herrschen 0 Grad. Es schneit, wie es das kaum je im vergangenen Winter getan hat.

Langsam beginnt sich der Schnee auf den weissen Plastiktunnels zu sammeln, in denen im Moment Salat, Himbeeren und Erdbeeren angebaut werden. Jonas Boog, Betreiber des «Buuregarte» in der Gemeinde Hünenberg, sagt: «Nächste Woche ernten wir die ersten Erdbeeren.» Das klingt zunächst unglaubwürdig. Doch der Frühling war aussergewöhnlich warm, die Beeren sind heuer früh reif.

«Die Erdbeere ist eine absolute Diva; das Sensibelchen der Beerenwelt.»

Jonas Boog, Betreiber des Buuregarte in Hünenberg

Boog schaut den dicken Schneeflocken, die vom Himmel fallen, relativ gelassen entgegen. Dies mit gutem Grund. Die Tunnels schützen die Kulturen vor dem Wetter und erlauben es, ihnen jeweils das zuzuführen, was sie in dem Moment gerade brauchen. Etwa Schutz, wenn es hagelt oder extrem regnet, Schatten, wenn es zu heiss ist, oder aber eine trockene Umgebung während der Blüte- und Erntezeit. «Das wäre also gerade jetzt», sagt Boog, der zwischen den Erdbeerpflanzen steht, und nimmt eine kleine weisse Blüte zwischen die Finger.

«Die Erdbeere ist eine absolute Diva; das Sensibelchen der Beerenwelt.» Jonas Boog weiss, wovon er redet. Schon vor 37 Jahren haben seine Eltern vom Milchwirtschaftsbetrieb auf Gemüse, Früchte und vor allem Beeren umgesattelt.

Der Substratanbau ist nun ein Problem

Rund die Hälfte der Produktion des «Buuregarte» erfolgt im Substrat. Im Fachjargon heisst dies «bodenunabhängige Produktion». Tatsächlich wachsen etwa die Erdbeerpflanzen hier nicht direkt aus dem Boden, sondern auf erhöhten Gestellen. «Das hat mehrere Vorteile. Im Sommer können wir die Pflanzen gezielter wässern. Stünden sie im Boden, wüssten wir nicht, wie viel Wasser ungenutzt in die Erde fliesst. Mit dem Substrat können wir das kontrollieren.» Zu viel Feuchtigkeit erzeugt Fäulnis und begünstigt ausserdem den Pilzbefall.

Ausserdem schaffen es Schnecken nicht bis zu den Beeren, die rund 1,5 Meter über dem Boden gedeihen. Schädlinge treten dennoch auf. Boog weist auf kleine Couverts hin, die in je einem halben Meter Abstand voneinander an den Pflanzen hängen. «Der warme Herbst und Frühling haben Spinnmilben begünstigt. Diese behandeln wir hier mit Raubmilben. Unser Ziel ist es, dass diese Nützlinge das ganze Jahr hier bleiben.» Das klappe im Substrat besser als in der Erde. Überhaupt versuche man, so viel wie möglich mit Nützlingen und so wenig wie möglich mit herkömmlichen, also chemischen Methoden der Schädlingsbekämpfung zu arbeiten.

Während draussen der Schnee fällt, wird in den Tunnels Eichblattsalat geerntet. (Bild: wia)

Der Betrieb läuft prima, die Zukunft ist dennoch ungewiss

Der «Buuregarte», wie der Familienbetrieb heisst, ist breit aufgestellt. Nebst der Direktvermarktung werden Restaurants und Wiederverkäufer im Kanton Zug sowie die Migros Zentralschweiz beliefert. Dennoch hat Boog ein mulmiges Gefühl, wenn er an die nähere Zukunft denkt. Denn: Der Betrieb in seiner heutigen Form ist gefährdet.

Denn die bodenunabhängige Produktion in Substrat sowie die grossflächige Überdeckung der Gemüse- und Beerenkulturen bedürfen der Ausscheidung einer «Speziallandwirtschaftszone Buuregarte». Dies geht auf ein Bundesgerichtsurteil aus dem Jahr 2013 zurück. «Nachdem dieses gesprochen worden war, galten grosse Teile des ‹Buuregarte› von einem Tag auf den anderen als nicht mehr zonenkonform», gibt Boog zu bedenken.

Über besagte Speziallandwirtschaftszone stimmt die Hünenberger Bevölkerung nun also im Juni ab. Die Krux für die Familie Boog: «Gibt es ein Nein, wären der Witterungsschutz und die bodenunabhängigen Kulturen nicht mehr zulässig, was den Anbau von Beeren fast verunmöglicht. Zu gross wäre das Risiko.» Zur Veranschaulichung sagt er: «Ohne Abdeckung lohnt sich der Anbau kaum. Es braucht nur einen starken Regenfall über wenige Minuten, wenn die Beeren bereits reif sind, damit 20 bis 30 Prozent der Beeren unverkäuflich werden und somit zu Foodwaste verkommen.»

Jonas Boog erklärt, warum der Schutz der Kulturen gerade aktuell nützlich ist:

Extreme Wetterereignisse machen den Beerenbauern das Leben schwer

Die Veränderungen des Klimas machen den Landwirtschaftsbetrieben seit Jahren das Leben schwer. Jonas Boog dazu: «Klar, auch früher kamen Hagel oder Starkregen vor. Nur hat in den letzten Jahren die Häufigkeit solcher Ereignisse zugenommen. Ich kann aus jedem der vergangenen sieben Jahre eine Episode aufzählen, die für die Kulturen sehr ungünstig war.»

Das grosse Ziel der Familie Boog sei es deshalb, im «Buuregarte» so weiter arbeiten zu können wie bisher. Bereits 2016 begann die Familie Boog darum, gemeinsam mit der Gemeinde Hünenberg und dem Kanton Zug eine Speziallandwirtschaftszone zu erarbeiten. So plant die Familie, das Gebiet künftig in vier Bereiche aufzuteilen. Zum einen in einen Hofbereich, in dem die bestehenden Wohn- und Ökonomiegebäude zu finden sind. Weiter ist ein Tunnelbereich geplant, in dem der witterungsgeschützte Anbau, wie er heute bereits auf dem Hof praktiziert wird, zulässig sein soll. Auch der Anbau in Substrat soll hier erlaubt sein.

Dutzende Anbautunnels nutzen die Betreiber des «Buuregarte» für den Gemüse- und Früchteanbau. (Bild: wia)

Dann plant die Familie einen Gewächshausbereich, in dem die gleichen Bestimmungen gelten sollen wie im Tunnelbereich, aber in welchem bei Bedarf, langfristig betrachtet, auch bewilligungspflichtige Gewächshäuser zulässig sind. Letztlich planen Boogs einen Naturbereich. Dies im Gebiet entlang der Reuss. Die heutigen Tunnels entlang des Flusses würden rückgebaut, stattdessen sind eine Naturlandschaft aus Kleinstrukturen sowie eine extensive Wiese geplant.

Ein Tag der offenen Tür mit leicht politischem Hintergrund

Für Jonas Boog ist klar: «Wer ein Nein in die Urne legt, der spricht sich damit direkt gegen den lokalen Früchte- und Gemüseanbau aus.» Boog wirkt nicht wie ein Mensch, der gerne poltert oder lauthals politisiert. Dennoch muss sich die «Buuregarte»-Familie nun politisch engagieren, um den Fortbestand ihres Betriebs zu sichern.

«Was unternimmt man nicht, wenn es um alles geht?»

Jonas Boog, Betreiber des «Buuregarte»

Auf der Website des Hofs stösst man sofort auf eine auffällige Kampagne zur Abstimmung. «Ja zum Hünenberger Rüebli!» heisst es da etwa auf einem professionell gestalteten Banner, darunter sind Informationen zur kommenden Abstimmung zu finden. Die Familie Boog lädt die Bevölkerung zudem am 12. Mai zu einem Tag der offenen Türe ein. «Wir spielen seit Jahren mit dem Gedanken, einen solchen Event durchzuführen», sagt Boog, «jetzt haben wir die Möglichkeit, aufzuklären, was wir wie wieso machen. Gleichzeitig können wir über die bevorstehende Umzonung vor Ort orientieren.» Er fügt rhetorisch an: «Was unternimmt man nicht, wenn es um alles geht?»

Während des ganzen Gesprächs fallen ununterbrochen dicke Flocken vom Himmel. War er anfangs noch entspannt, blickt Boog nun etwas besorgt aus dem Fenster und sagt: «Dass der Schnee nun tatsächlich liegenbleibt, macht mir jetzt doch etwas Angst.» Zeit, bei seinen Pflanzen nach dem Rechten zu sehen. Auch wenn er sehr genau weiss: Das Wetter macht sowieso, was es will.

Verwendete Quellen
  • Besuch und Gespräch im «Buurgegarte»
  • Informationen des Kantons Zug zur Speziallandwirtschaftszone «Buuregarte»
  • Website «Buuregarte»
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