Zuger Expertin schätzt ein

Bessere Bedingungen für Pflege? Euphorie ist verflogen

Während der Corona-Pandemie verschafften sich Pflegefachkräfte vermehrt Gehör. Was ist davon geblieben? (Bild: Annie Spratt/Unsplash)

Laut Miriam Rittmann, der Präsidentin des Zentralschweizer Pflegeverbands, ist es die grösste Errungenschaft der letzten zwei Jahre: dass die Forderungen der Pflege gehört werden. Doch die grosse Euphorie nach den politischen Erfolgen ist mittlerweile verflogen – und Angst geht um.

Während der Corona-Krise haben die Gesellschaft und die Medien das Scheinwerferlicht vermehrt auch auf jene gerückt, die sonst eher ein wenig untergingen. Besonders das Pflegepersonal hat sich Gehör verschafft. Selten haben wir so viel über Pflegefachleute gelesen und gehört.

Wir sind für Menschen, die in der Pflege arbeiten, auf unsere Balkone gestanden und haben landesweit geklatscht. Sie wiederum zogen durch die Strassen – etwa beim «Walk of Care» – platzierten Forderungen, wiesen auf Missstände im Pflegeberuf hin. Das Thema kam im Zusammenhang mit der Pflege-Initiative eine bedeutende politische Dimension.

Doch was hat sich nach zwei Jahren Corona-Pandemie in der Pflege wirklich getan? Das haben wir Miriam Rittmann gefragt. Sie ist Präsidentin der Zentralschweizer Sektion des Pflegeverbands SBK und wohnt im Kanton Zug.

1. Die Sorgen von Miriam Rittmann

Ein Jahr nach Ausbruch der Corona-Pandemie blickte Miriam Rittmann mit Sorgenfalten auf die Pflegebranche, wie sie damals gegenüber zentralplus sagte: «Ich frage mich, wie viele nach der Krise noch im Beruf bleiben.» Die hohe Arbeitsbelastung führe zu einer Berufsermüdung.

«Diese Gefühle haben sich nicht gross verändert», sagt Rittmann heute. Auf die Pandemie bezogen sei es sicherlich zu einer Entlastung gekommen. Das Pflegepersonal sei nicht mehr so stark belastet wie zu den Peaks der Corona-Wellen. «Aber – und das möchte ich betonen: Die Befürchtung, dass viele Pflegefachkräfte aus ihrem Beruf flüchten, hat sich leider bestätigt. Wir verzeichnen gehäuft Abgänge. Viele Menschen in der Pflege können nicht mehr, sind ausgebrannt.»

Beziffern kann Rittmann die Abgänge nicht. Der SBK erfasst sie nicht gesamthaft. Sie habe aber Kenntnis von Spitälern und Heimen, dass es seit Corona gehäuft zu Abgängen komme und es noch schwieriger als früher sei, neue Fachkräfte zu rekrutieren.

2. Die Arbeitsbedingungen in der Pflege sind jetzt Thema

Kommen wir zu den erfreulicheren Dingen: «Was mich am meisten freut: Es wurde noch nie so viel über die Situation in Pflegeberufen gesprochen wie in den letzten zwei Jahren. Viele Leute haben verstanden, was der Beruf beinhaltet, wie anspruchsvoll er ist – und wie wichtig eine gute Qualifikation ist. Lange haben wir auf die Missstände hingewiesen und Forderungen platziert, doch man hat uns nicht gehört. Jetzt hört man uns. Es hat ein Umdenken stattgefunden. Das ist definitiv die grösste Errungenschaft der letzten zwei Jahre.»

«Wir befürchten, dass sich die Versprechen einiger Politiker als blosse Lippenbekenntnisse entpuppen.»

Die grosse Euphorie nach dem eindeutigen Ja zur Pflegeinitiative scheint mittlerweile aber verflogen. «Wir befürchten, dass sich die Versprechen einiger Politiker als blosse Lippenbekenntnisse entpuppen.» Miriam Rittmann betont, dass man sich auf dem Ja nicht ausruhen dürfe. «Die Erwartungen sind hoch, dass sich die Situation in der Pflege verbessert. Es ist für uns besonders herausfordernd, den Pflegepersonen, die im Beruf arbeiten, zu signalisieren: Das Thema ist für uns nicht erledigt, wir bleiben beharrlich dran.»

Miriam Rittmann ist die Präsidentin der Zentralschweizer Sektion des Pflegeverbands SBK. (Bild: zvg)

3. Das wurde auf nationaler und auf kantonaler Ebene erreicht

Der SBK Zentralschweiz spricht von einem erfolgreichen 2021. Schliesslich kamen die Missstände im Pflegeberuf auch aufs politische Parkett – mit Erfolg.

Im Kanton Luzern haben sich die Mitarbeitenden von Spital und Psychiatrie für einen Gesamtarbeitsvertrag (GAV) ausgesprochen. Dieser regelt die Anstellungsbedingungen. Festgeschrieben werden unter anderem Arbeitszeit, Urlaubs- und Ferienansprüche, Lohn und Zulagen, die Lohnfortzahlung im Falle der Arbeitsverhinderung und der Kündigungsschutz.

Auf nationaler Ebene hat sich das Schweizer Stimmvolk im letzten November für die Pflegeinitiative ausgesprochen. Laut Initiativtext müssen Bund und Kantone für eine ausreichende, allen zugängliche Pflege von hoher Qualität sorgen und sicherstellen, dass genügend Personal für den zunehmenden Bedarf der alternden Gesellschaft zur Verfügung steht. Zudem muss der Bund die Arbeitsbedingungen in den Spitälern, Heimen und Spitex-Organisationen verbindlich regeln – auch der Lohn gehört dazu.

Gingen für bessere Arbeitsbedingungen fordernd auf die Strasse: Pflegefachfrauen an einem «Walk of Care» in Luzern:

4. Das hat sich für Pflegefachleute effektiv verändert

Veränderungen brauchen bekanntlich ihre Zeit. Der GAV tritt im Luzerner Kantonsspital und der Luzerner Psychiatrie in diesem Juli in Kraft. Doch in Sachen Arbeitsbedingungen haben sich bereits erste, kleinere Schritte getan. Seit letztem Herbst gilt im Luzerner Kantonsspital beispielsweise Umkleidezeit als Arbeitszeit. Die Mitarbeiterinnen erhalten täglich eine Zeitgutschrift von zehn Minuten (zentralplus berichtete).

Mit der Pflegeinitiative geht es eher schleppend voran. Der Bundesrat entschied im Januar, dass die Pflegeinitiative in zwei Etappen umgesetzt werden soll. Dazu soll das eidgenössische Departement des Innern zuerst eine Botschaft zur Ausbildungsoffensive erarbeiten. Bis mit konkreten Vorgaben zu rechnen ist, dürfte es deshalb einige Zeit dauern.

«Natürlich wussten wir schon im November, als das Abstimmungsresultat vorlag, dass die Pflegeinitiative nicht von heute auf morgen umgesetzt wird», sagt Miriam Rittmann. Doch die Politik sei in der Verantwortung, die Kernforderungen der Pflegeinitiative rasch umzusetzen. «Werden die Anliegen politisch verschleppt, nimmt die Personalknappheit zu. Und dann sind die Patientinnen und das Personal die Leidtragenden.»

5. So viel Geduld hat SBK-Präsidentin Miriam Rittmann noch

Wie viel Geduld hat Rittmann noch? «Die Frage nach der Geduld steht weniger im Vordergrund als die Frage: Wie viel mag es noch leiden an Abgängen? Die Menschen brauchen jetzt Lösungen», so Miriam Rittmann. «Diejenigen Punkte, welche auch im Gegenvorschlag unbestritten waren, sollen jetzt so schnell es geht umgesetzt werden.»

Beispielsweise die Investitionen in die Ausbildung von neuen Pflegefachkräften. «Da sind die Kantone gefordert, ihre Gesetzgebung bezüglich der Ausbildungsoffensive rasch zu revidieren und Modelle und Ideen zu entwickeln, damit Ausbildungsgelder zügig gesprochen werden können», so die SBL-Präsidentin. Unter anderem haben die Kantone Zürich und Basel-Stadt bereits eigenständig Geld für die Aus- und Weiterbildung von Pflegefachkräften gesprochen. Der Kanton Zürich investiert beispielsweise 3,8 Millionen Franken in die Pflegeausbildung.

«Hier muss man nicht auf grosse politische Entscheide des Bundes warten – sondern die Arbeitgeber stehen in der Pflicht, Arbeitszeitmodelle so zu gestalten, wie wir das fordern.»

Und wie sieht es in unserer Region aus? «Der Kanton Luzern kennt hier nur ein kostenneutrales Anreizmodell», sagt Rittmann. «Ein halbherziges Zugeständnis zur Förderung der Ausbildung in Gesundheitsberufen.»

Sie ergänzt: «Jedoch passiert nach wie vor auf kantonaler Ebene viel mit Vorstössen – von der Basis ist der Druck, vorwärtszumachen, immer noch hier – und das spüren wir.»

6. Das sind die grössten Baustellen

Wo sieht Miriam Rittmann die grössten Baustellen? Bei den Arbeitsbedingungen, etwa bezüglich attraktiver Arbeitszeitmodelle. «Hier muss man nicht auf grosse politische Entscheide des Bundes warten – sondern die Arbeitgeber sind in der Pflicht, Arbeitszeitmodelle so zu gestalten, wie wir das fordern.» Das erfordere jedoch mehr Fachpersonal. «Und das müsste dann wiederum über die Finanzierung und politische Vorgaben gelenkt werden.»

Bessere Arbeitszeitmodelle, das heisst: eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie und dass beispielsweise Pikettdienste speziell abgegolten werden. «Der Arbeitsplan soll verbindlich sein. Die Mitarbeitenden sollen sich darauf verlassen können und Einsätze sollen sich nicht kurzfristig ändern, damit die Mitarbeitenden auch die Kinderbetreuung und Freizeitaktivitäten planen können.»

«Während der Pandemie standen oft die schwierigen Aspekte des Pflegeberufs im Vordergrund. Jetzt, da sich die Corona-Situation etwas beruhigt, müssen wir wieder betonen, dass es ein toller Beruf ist.»

Das Luzerner Kantonsspital (Luks) und die Luzerner Psychiatrie (Lups) arbeiten derzeit daran, neue Lösungen zu finden. Das Luks prüft eine zusätzliche Zeitgutschrift pro Nachtarbeitsstunde zwischen 23 Uhr und 6 Uhr. Zudem prüft das Luks ein neues Lohnsystem, in welchem die Pflege und pflegenahe Berufe im Durchschnitt eine Lohnerhöhung von 2,6 Prozent erhalten. Dies geht aus einer Stellungnahme der Regierung auf ein Postulat von Mitte-Kantonsrat Stephan Schärli hervor (zentralplus berichtete).

7. Die nächsten Schritte des SBK

Der SBK bleibt mit Beharrlichkeit dran, sich für eine schnelle Umsetzung der Pflegeinitiative einzusetzen, wie Miriam Rittmann sagt. Der Berufsverband selbst sei in diesem Jahr gefordert, den Pflegeberuf wieder in ein besseres Licht zu rücken:

«Während der Pandemie standen oft die schwierigen Aspekte des Pflegeberufs im Vordergrund. Im Sinne von: Es ist ein strenger Beruf, der Lohn könnte besser sein, viele brennen aus. Jetzt, da sich die Corona-Situation etwas beruhigt, müssen wir wieder betonen, dass es ein toller Beruf ist, mit vielen Weiterbildungsmöglichkeiten und Karrierechancen.»

Verwendete Quellen
  • Telefonat mit Miriam Rittmann
  • Antwort der Regierung auf den Vorstoss von Stephan Schärli
  • Frühere Medienberichte

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