Miriam Rittmann: «Ich frage mich, wie viele nach der Krise noch im Beruf bleiben»
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Die Arbeitsbelastung in den Spitälern ist hoch, nicht nur wegen Corona. (Bild: zvg)

Zuger Pflegeverbands-Präsidentin zur aktuellen Situation Miriam Rittmann: «Ich frage mich, wie viele nach der Krise noch im Beruf bleiben»

7 min Lesezeit 4 Kommentare 28.12.2020, 05:00 Uhr

Die Pflegefachkräfte haben in der Coronakrise alle Hände voll zu tun – vor den Festtagen hat sich die Lage zugespitzt. Wird von der Politik nichts unternommen, könnte es zum Kollaps kommen, glaubt die Zugerin Miriam Rittmann, Präsidentin des Zentralschweizer Berufsverbandes.

Wir dachten, wir hätten alles im Griff. Jedenfalls bis im Herbst, als plötzlich die Corona-Fallzahlen in die Höhe schossen. Die Spitäler füllten sich, die Intensivstationen sind beinahe voll.

Doch nicht erst seit Oktober ist die Situation in der Pflege angespannt. Schon seit Jahren fordert der Berufsverband der Pflegefachpersonen bessere Arbeitsbedingungen. Wir haben Miriam Rittmann, die Präsidentin der Zentralschweizer Sektion, zum Zoom-Interview getroffen. Und wollten gleich von ihr wissen, mit welchen Gefühlen sie derzeit auf die Pflegebranche blickt.

Miriam Rittmann: Mit grosser Sorge. Die Belastung ist sehr hoch. Wir haben im Moment nur einen Wunsch: dass die Fallzahlen so schnell wie möglich sinken, damit die Mitarbeitenden baldmöglichst entlastet werden. Die hohe Arbeitsbelastung führt zu einer Berufsermüdung. Ich frage mich, wie viele nach der Krise noch im Beruf bleiben. Das macht uns im Verband grosse Sorgen.

«Ich schaue voller Respekt auf das Personal, welches ausharrt, damit das System gerade noch funktioniert.»

Miriam Rittmann, Präsidentin Zentralschweizer Pflege-Berufsverband

zentralplus: Gibt es denn bereits Anzeichen, dass Pflegefachpersonen aus dem Beruf aussteigen?

Rittmann: Es gibt in der Schweiz erste Anzeichen dafür, dass Pflegende wegen dieser grossen Belastung kündigen. In Schweden, einem Land, das in vielerlei Hinsicht vergleichbar ist mit der Schweiz, beobachtet man derzeit, dass monatlich mehrere hundert Fachpersonen aussteigen. Dort dauert die starke Belastung schon länger an. Eine ähnlich hohe Belastung beobachten wir hier jetzt auch. Das ist besorgniserregend. Ich schaue voller Respekt auf das Personal, welches ausharrt, damit das System gerade noch funktioniert.

zentralplus: Befassen Sie sich derzeit mit anderen Themen als noch während der ersten Welle?

Rittmann: Ja, während der ersten Welle gab es die seltsame Situation, dass nicht-dringende Operationen verschoben wurden und gewisses Gesundheitspersonal deshalb weniger zu tun hatte, während andere schon damals stark belastet waren. Damals ging es auch um die Frage, was man mit dem Personal macht, das nicht arbeiten konnte. Dabei ging es um arbeitsrechtliche Fragen und wir mussten viele Rechtsberatungen machen. Auch fehlte es an Schutzmaterial. Wir haben versucht, die freiberuflichen Pflegefachkräfte bei der Beschaffung dieses Materials zu unterstützen.

zentralplus: Und heute?

Rittmann: In der aktuellen Situation geht es eher darum, dazu aufzurufen, dem Personal möglichst viel Ruhezeit zukommen zu lassen, damit ein Mindestmass an Erholung möglich ist. Es müssen zusätzliche Mittel zur Verfügung gestellt werden, um den Einsatz des Pflegepersonals zu würdigen.

zentralplus: Sie sprachen vorhin davon, dass Sie fürchten, die Pflegekräfte würden dem Job den Rücken kehren. Doch interessieren sich offenbar gerade aktuell mehr junge Leute für die Pflegeberufe. Das tönt doch gut.

Rittmann: Tatsächlich verzeichnet das Bildungszentrum Gesundheit Zentralschweiz Xund heuer eine leicht zunehmende Nachfrage. Ob das ein genereller Trend ist, kann man jedoch noch nicht sagen. Die Coronakrise zeigt, dass Berufe im Gesundheitswesen krisensicher sind. Ansonsten haben es Jugendliche bei der Lehrstellensuche im Moment schwer. Wir würden es natürlich begrüssen, wenn Menschen durch die Krise nicht nur abgeschreckt werden, sondern aus echtem Interesse diesen Beruf wählen.

«Die Spitäler sind alle gleichermassen von Corona betroffen und können deshalb einander auch nicht mehr aushelfen.»

zentralplus: Wie sieht die Situation aktuell in Zentralschweizer Spitälern aus?

Rittmann: Ich arbeite zwar nicht mehr selber in der Pflege, wir stehen jedoch im engen Kontakt mit Spitälern und Heimen. Soweit ich weiss, kann man zwischen den Kantonen der Deutschschweiz mittlerweile keine Unterschiede mehr machen. Sie alle sind gleichermassen von Corona betroffen und können deshalb einander auch nicht mehr aushelfen. Die Belastungsgrenze ist sicherlich erreicht. Dabei darf ein Aspekt nicht vernachlässigt werden.

Die Verbandspräsidentin Miriam Rittmann

zentralplus: Der da wäre?

Rittmann: Auch aktuell wird in gewissen Spitälern auf Wahleingriffe verzichtet. Ich möchte betonen, dass es sich dabei zwar um nicht notfallmässige, aber dennoch nötige Eingriffe handelt. Das gesamte Gesundheitssystem beginnt zu leiden. Mit der andauernden Überlastung steigt ausserdem das Risiko, dass Fehler passieren und die Behandlung nicht mehr in gleicher Qualität erbracht werden kann. Dass es einen Fachkräftemangel gibt, zeigt uns Corona mit beinahe verstörender Deutlichkeit.

zentralplus: Bereits vor drei Jahren kam die Pflegeinitiative zustande, die vom Schweizerischen Berufsverband lanciert wurde. Noch immer hängt das Anliegen zwischen den beiden Kammern im Bundeshaus. Geändert hat sich an der Situation auf politischer Ebene nichts.  Was fordern Sie?

Rittmann: Wir fordern das, was man in der Krise jetzt deutlich sieht: Es gibt zu wenig ausgebildetes Personal und zu wenig Zeit für die viele Arbeit. Das wirkt sich letztlich auf die Sicherheit der Patienten aus.

zentralplus: Was braucht es?

Rittmann: Es braucht mehr finanzielle Mittel, damit mehr Leute ausgebildet werden können. Die Löhne während der Ausbildung zur diplomierten Pflegefachperson sollen angehoben werden. Dies insbesondere deshalb, weil Menschen oft mit einer weiterführenden Ausbildung oder auf dem zweiten Bildungsweg zur Pflege kommen. Der tiefe Ausbildungslohn schreckt viele ab. Es ist unumgänglich, die Ausbildungszahlen zu steigern. Auch sollen sich die Rahmenbedingungen verbessern. Die Löhne allein sind jedoch nicht die Ursache des Problems. Vielmehr geht es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, um bessere Regelungen von Pikettdiensten und Ausnahmeeinsätzen, um verlässliche Dienstpläne, damit man sein Privatleben planen kann.

zentralplus: Auf den Balkonen hat man im März laut geklatscht. Pflegefachleute wurden als Helden bezeichnet. Gleichzeitig hat sich an der politischen Situation bislang nichts geändert. Macht Sie diese Diskrepanz nicht wütend?

Rittmann: Es stimmt, in der Bevölkerung geniessen wir tatsächlich einen grossen Rückhalt, den wir – etwa in Form von Applaus – zu spüren bekommen. Das allein kostet jedoch nichts. Wenn man davon spricht, dass es Mittel für die Ausbildung braucht, dann meinen wir Geld. Letztlich geht es auch um die Frage, was uns die Pflege wert ist. Was wollen wir ausgeben dafür? Uns geht es insbesondere darum aufzuzeigen, dass wir nicht die Kostentreiber sind. Denn gut ausgebildetes Personal verhindert Komplikationen und Todesfälle und kann so Gesundheitskosten einsparen.

«Der Aufruf, diese Lautstärke, das ist vielmehr ein Hilfeschrei denn ein Politisieren.»

zentralplus: Im Oktober fand unter dem Namen «Mehr als Applaus» eine Protestwoche statt. Es gibt Menschen, auch solche aus dem Gesundheitswesen, die kritisieren, dass die Branche die Coronakrise nutzt, oder «ausnützt», um Politik zu machen. Was antworten Sie auf solche Aussagen?

Rittmann: Der Aufruf, diese Lautstärke, das ist vielmehr ein Hilfeschrei denn ein Politisieren. Der Fachkräftemangel ist nun für alle spürbar. Wir sind an einem Punkt, an dem wir dem Pflegepersonal dringendst Sorge tragen und fundamentale Verbesserungen umsetzen müssen. Die Politik ist aufgefordert, endlich wirksame Massnahmen zu ergreifen, damit genug Pflegepersonal ausgebildet und auch im Beruf gehalten wird.

zentralplus: Gibt es bereits Zahlen dazu, wie viele Leute aus der Gesundheitsbranche dieses Jahr wegen des Drucks bereits ausgefallen sind?

Rittmann: Zu den Abgängen können wir bis dato noch nichts Konkretes sagen. Was wir jedoch beobachten, ist, dass mehr Berufsausübungsbewilligungen bei den Kantonen eingeholt werden, damit Fachkräfte als freiberufliche Pflegende arbeiten können. Das kann ein Indiz dafür sein, dass die Menschen aufgrund der schwierigen Situation den Heimen und Spitälern den Rücken kehren. Bundesrat Alain Berset sagte letzthin, dass sich bislang 5’000 Personen im Pflegebereich mit Covid-19 angesteckt haben. 301 mussten hospitalisiert werden. Das allein sind Ausfälle, welche die Lage verschärfen.

«Ich wünsche mir, dass die Bevölkerung eigenverantwortlich handelt, ganz unabhängig davon, wie der Bund entscheidet.»

zentralplus: Bis kurz vor Weihnachten waren die Restaurants und Sportbetriebe in vielen Kantonen noch geöffnet. Die Menschen trafen sich ungeniert zum Mittagessen und zum Apéro. Dem gegenüber stehen die Spitäler, die nahe am Kollaps sind. Was macht das mit Ihnen?

Rittmann: Corona kann die Meinungen sehr stark spalten. Wir versuchen die Leute zu informieren, ihnen aufzuzeigen, was in den Spitälern passiert. Corona ist unsichtbar. Was genau in den Spitälern abläuft, war bislang nur jenen Menschen wirklich bewusst, die mit dem Gesundheitswesen konfrontiert sind. Mir ist wichtig, dass wir uns solidarisch verhalten. Nicht nur dem Pflegepersonal gegenüber, sondern auch jenen gegenüber, welche die wirtschaftlichen Konsequenzen der Krise tragen müssen. Ich wünsche mir, dass die Bevölkerung eigenverantwortlich handelt – ganz unabhängig davon, wie der Bund entscheidet.

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4 Kommentare
  1. Remo Genzoli, 28.12.2020, 09:13 Uhr

    Sehr treffender Beitrag von Frau Wieser von zentralplus zur Situation im Gesundheitswesen und Frau Rittmann bringt es auf den Punkt. Die aktuelle Situation im Gesundheitswesen ist das Resultat des jahrzehntelangen, neoliberalen Privatisierungsfetischismus vorwiegend bürgerlicher Politikerinnen und Politikern. Erinnern wir uns doch an die aussage von Frau Humbel: Das Pflegepersonal soll doch zufrieden sein, denn sie hätten, im Gegensatz zu andern, die seuchenbedingt arbeitslos würden, wenigstens einen sicheren Job….

    1. Dunning-Kruger, 28.12.2020, 10:21 Uhr

      Frau Humbel ist eine Krankenkassen-Lobbyistin. Das Gemeinwohl hatte sie nie im Sinn! Damit die Politik wenigstens einigermassen glaubwürdig wird, müsste Humbel als erstes aus der Gesundheitskommission ausgeschlossen werden!

    2. Remo Genzoli, 28.12.2020, 13:24 Uhr

      frage an die redaktion von zentral+:
      wer redigierte meinen beitrag? geht nicht! auch wenn sie den inhalt grossmehrheitlich treffen, möchte ich in zukunft trotzdem das original sehen, sonst lassen sie es sein oder informieren mich….

    3. Redaktion Redaktion zentralplus, 28.12.2020, 13:29 Uhr

      Dies geschah im Einklang mit unserer Netiquette. Zitat: «zentralplus behält sich vor, Kommentare zu kürzen, zu bearbeiten, oder diese nicht zu veröffentlichen, bzw. zu löschen», nachzulesen unter https://www.zentralplus.ch/information/netiquette/
      In der Regel werden nicht der Netiquette entsprechende Beiträge gelöscht, hier machten wir eine Ausnahme.

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