Gesellschaft
Luzerner im Einsatz für Schwule und Bisexuelle

Michel Rudin von Pink Cross: «Es war ein Chrampf»

Der in Luzern lebende Michel Rudin tritt im April 2022 als Co-Präsident von Pink Cross zurück. (Bild: zvg)

Michel Rudin (GLP) ist seit acht Jahren Co-Präsident von Pink Cross. Die Organisation setzt sich für die Interessen der schwulen und bisexuellen Männer in der Schweiz ein. Im April 2022 tritt Rudin nun von seinem Amt zurück. Im Interview mit zentralplus erzählt er von Höhen und Tiefen während seiner Amtszeit und warum er kein Freund von Ideologien ist.

zentralplus: Herr Rudin, mit dem Ja zur «Ehe für Alle» hat Pink Cross vor wenigen Wochen an der Urne einen deutlichen Sieg erreicht. Warum treten Sie gerade jetzt ab?

Michel Rudin: Ich bin seit acht Jahren der Co-Präsident von Pink Cross. Während dieser Zeit haben wir insgesamt drei nationale Volksabstimmungen gewonnen. Wir haben mit unserem Team also einiges erreicht. Nun finde ich es wichtig, Platz für neue Menschen und neue Ideen zu schaffen. Pink Cross darf die Dynamik nicht verlieren. Darum braucht es jetzt neue Inputs.

zentralplus: Auf welche Abstimmungserfolge beziehen Sie sich nebst der «Ehe für Alle»?

Rudin: Da war einerseits die Heiratstrafe-Initiative 2016 der damaligen CVP, in deren Initiativtext die Ehe als reines Bündnis zwischen Mann und Frau bezeichnet wurde. Mit der Ablehnung der Initiative haben wir uns erfolgreich gegen dieses Verständnis gewehrt. Zudem haben wir 2020 erfolgreiche Kampagnenarbeit geleistet bei der Abstimmung zum Diskriminierungsverbot aufgrund der sexuellen Orientierung. So sind Schwule und Lesbische nun auch durch das Diskriminierungsverbot gesetzlich geschützt.

zentralplus: Und bei allen drei Abstimmungen hat sich Pink Cross im Wahlkampf aktiv beteiligt?

Rudin: Pink Cross ist die grösste Organisation in der Schweiz, die sich für die Interessen der LGBTQIA-Community einsetzt. Dementsprechend haben wir einen grossen politischen Einfluss. Bei allen drei Abstimmungen haben wir die Kampagne massgeblich mitbestimmt, bei zwei davon waren Vorstandsmitglieder von uns im offiziellen Wahlkampfkomitee vertreten. Doch die Kampagnen stellen nur den Endspurt eines Wahlkampfs dar. Fast noch wichtiger ist, was bereits im Vorfeld geschieht.

zentralplus: Was geschieht denn im Vorfeld?

Rudin: Dort geht es um die Vernetzung. Es geht darum, verschiedene Menschen zusammenzubringen. Brücken zu schlagen. Meine Hauptaufgabe als Co-Präsident von Pink Cross war es, politische und gesellschaftliche Mehrheiten zu schaffen. Dazu braucht es gute Menschen im Team, aber auch um unsere Organisation herum. Und vor allem braucht es einen unideologischen Blick auf die Thematik.

zentralplus: Was meinen Sie mit einem «unideologischen» Blick?

Rudin: Unsere Organisation setzt sich für Menschenrechte in der Schweiz ein. Dieses Ziel rechtfertigt sich selbst. Dennoch müssen für dieses Ziel politische Mehrheiten geschaffen werden. Und dazu kann man nicht stur auf seinen Standpunkten sitzendbleiben. Das funktioniert nur mit Überzeugungsarbeit und Kompromissbereitschaft. Man muss auch zuhören können, um die verschiedenen Bedürfnisse abzuholen. So schafft man Mehrheiten. Mit der Brechstange erreicht man in der Schweiz gar nichts.

«Es brauchte viel Durchhaltewillen. Ich musste gegen viele Widerstände bestehen, intern und extern.»

Michel Rudin, Co-Präsident Pink Cross

zentralplus: Und ist Ihnen das gelungen?

Rudin: Ich denke schon. In einer ersten Phase haben wir intern eine effizient funktionierende Struktur aufgebaut. Dazu braucht es gute Menschen im Vorstand und auf der Geschäftsstelle. In einer zweiten Phase haben wir Mehrheiten beschafft, in dem wir auf Menschen ausserhalb des persönlichen Blickwinkels zugegangen sind. Unser Jahresbudget beträgt nicht mal 500'000 Franken. Wenn man das mit anderen politischen Organisationen vergleicht und schaut, welchen Erfolg wir in den letzten Jahren hatten, zeigt das, wie effizient wir gearbeitet haben.

zentralplus: Wie blicken Sie persönlich auf Ihre Amtszeit zurück?

Rudin: Es war ein «Chrampf». Es brauchte viel Durchhaltewillen. Ich musste gegen viele Widerstände bestehen, intern und extern. Doch die gemeinsamen Erfolge sind für mich persönlich eine grosse Genugtuung. Die Abstimmungserfolge waren mitunter die bewegendsten Momente in meiner persönlichen Laufbahn.

zentralplus: Das klingt jetzt alles so positiv. Gab es während Ihrer Amtszeit denn gar keine Rückschläge?

Rudin: Doch, natürlich. Vor allem das Verhältnis zur «Los», der Lesbenorganisation Schweiz sowie das Verhältnis zur Romandie waren ein stetes Auf und Ab. Es kam immer wieder zu Auseinandersetzungen. Mittlerweile haben wir aber mit Damien Cottier einen Neuenburger Nationalrat für unseren Vorstand überzeugen können. Und auch zur Los haben wir nun ein gutes Verhältnis. Das hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, nicht nur nach aussen, sondern auch nach innen Brücken zu schlagen.

zentralplus: Haben Sie bereits Projekte für die Zeit nach Pink Cross ins Auge gefasst?

Rudin: Ich bleibe weiterhin als Vizepräsident der Swiss Diversity Award Night aktiv. Auch bin ich weiterhin als Co-Präsident der GLP Kanton Luzern tätig. Vor allem aber bin ich auch Unternehmer einer Anwaltskanzlei, wo ich mich als Teil der Geschäftsleitung vor allem auf die Kommunikation fokussiere. So werde ich mich in Zukunft politisch-kommunikativ stärker betätigen als heute. Sie sehen also: Langweilig wird mir in nächster Zeit bestimmt nicht.

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