Luzerner Filmemacherin widmet Thema Dok-Film

Kinderfrei: Diese Frauen wollen kein Mami sein

Ist Hebamme, wollte und hat aber keine eigenen Kinder: Michelle im neuen Dok-Film «Kinderfrei» aus Luzern. (Bild: «Kinderfrei»/Antonia Meile)

Kinderlos – und vollkommen: Die Luzerner Filmemacherin Antonia Meile hat sich in ihrem neuen Dok-Film «Kinderfrei» mit dem Thema auseinandergesetzt.

«Guten Morgen! Oh, du süsser Käfer.» Michelle, kurze braune Haare und wacher Blick, hält das Bébé in ihren Händen, blickt dem Gegenüber in die Augen und lacht. Dann hört sie es mit dem Stethoskop ab, alles ist beim Besten.

Das Kind, das sie hält, das ist nicht ihres. Michelle ist Hebamme. Seit ihrer Jugend wusste sie, dass sie Hebamme werden, aber keine eigenen Kinder haben will. Natürlich sei ein Baby süss, sagt sie. «Aber das ist doch kein Grund, selbst ein Menschli in die Welt zu stellen, für das du verantwortlich bist. Du musst dieses Kind erziehen. Ich meine, bei dem Wort kriege ich Atemnot.»

Michelle ist eine von drei Frauen unterschiedlicher Generationen, die im Film «Kinderfrei – Frauen ohne Kinderwunsch» porträtiert werden. Der 50-minütige Dokumentarfilm stammt von der Luzerner Filmemacherin Antonia Meile.

Der Trailer des Films:

Kinderkriegen – ein freier Wunsch?

Ein paar Tage, bevor der Film ausgestrahlt wird, sitzt Meile vor einem Stadtluzerner Café, vor sich eine Gurkenlimo. Die 37-Jährige ist seit 2010 als selbstständige Dokumentarfilmregisseurin unterwegs. Hauptsächlich macht sie Filme zu gesellschaftlichen und sozialen Themen.

Sie selbst hat zwei kleine Kinder. Doch auch sie hat sich vor Jahren mit der Frage auseinandergesetzt, ob sie das wirklich möchte. Sie habe zwar schon immer Bilder im Kopf gehabt, was sie mit ihren Kindern einmal unternehmen wird. Als sie mit ihrem Freund vor Jahren dann darüber gesprochen habe, wurde sie, je konkreter es wurde, immer unsicherer. «Ich fragte mich: Möchte ich wirklich Kinder?»

«Frauen sollten nicht auf die Kinderfrage reduziert werden.»

Antonia Meile, Luzerner Filmemacherin

Meile realisierte damals: «Ich hatte mir bis zu diesem Zeitpunkt nie diese Frage gestellt. Es war wie immer selbstverständlich, dass ich einmal eine Familie gründen werde.» Schliesslich habe sie sich intensiver damit beschäftigt, sich ins Thema eingelesen und sich selbst hinterfragt. «Was mich erschrocken hat: Kinder haben zu wollen, war gar nicht mein freier Wunsch – es war eine gesellschaftliche Zuschreibung und Projektion auf mich als Frau.» Rückblickend sei sie froh, sich mit der Frage so intensiv auseinandergesetzt und Sicherheit für ihren Kinderwunsch gefunden zu haben.

Mehr über «Kinderfrei – Frauen ohne Kinderwunsch»

Der Dok-Film von Antonia Meile wird am 7. März um 20.05 auf SRF 1 zum ersten Mal ausgestrahlt. Danach ist er noch für 30 Tage auf Play SRF zu sehen.

Hebamme liess sich mit 30 Jahren sterilisieren

«Mit dem Dok-Film geht es mir aber überhaupt nicht darum, ob es besser ist, Mutter zu werden oder auf Kinder zu verzichten», sagt Meile. Vielmehr will sie mit dem Film aufzeigen, dass Frauen immer noch sehr stark beurteilt und in ihren Entscheidungen nicht für voll genommen werden.

So war es der Filmemacherin von Beginn weg klar, dass auch das Thema Sterilisation ein wichtiger Teil des Filmes sein soll. Quasi als «definitive Konsequenz und definitive Absicherung» eines nicht existierenden Kinderwunschs. Für viele – gerade auch junge – Frauen sei es schwierig, eine Gynäkologin zu finden, die den Eingriff mache. In der Schweiz müssen Frauen gesetzlich 18 Jahre alt, urteilsfähig und umfassend informiert sein und die schriftliche Zustimmung geben. «Jede Frau sollte auch hier frei über ihren Körper entscheiden dürfen und in ihrer Selbstverantwortung ernst genommen werden», so Meile.

Beschäftigt sich gerne mit dem Stand der Frau: Filmemacherin Antonia Meile. (Bild: ida)

Die Protagonistin, die sich sterilisieren wollte, hat sie mit Michelle, der Hebamme, gefunden. In einer Szene sieht man die junge Frau, wie sie in ihrem Bett liegt. Ihre Schwester setzt sich zu ihr, Michelle legt die Decke weg, zieht den Pullover hoch und zeigt ihren noch aufgeblähten Bauch mit den beiden Pflastern darauf. Ihre Gynäkologin habe sich geweigert, den Eingriff durchzuführen. Eine Ärztin, die sie kannte, erklärte sich schliesslich dazu bereit, bei der 31-Jährigen eine Sterilisation durchzuführen.

«Krass, dass man als Frau im 21. Jahrhundert frauengesundheitstechnisch jenste Möglichkeiten hat. Du kannst dir fast alles machen lassen – aber eine Sterilisation geht so gar nicht», sagt Michelle. Die beiden Schwestern googeln und stossen auf eine Internetseite, auf der es heisst, dass «kein verantwortungsvoller Mediziner» eine Sterilisation bei einer kinderlosen Frau unter 35 Jahren durchführe. Beide Frauen können es nicht fassen.

Auch Sibylle wollte nie Kinder

Auch Sibylle und Mary sind Teil des Dok-Films. Mary fühlt sich auch mit 81 Jahren nicht einsam, sie könne gut alleine. 42 Jahre war sie mit einem Mann zusammen – dennoch wollte sie alleine bleiben.

Sibylle ist der Meinung, dass Kinder «eine eigenartige Mischung aus anstrengend und langweilig» seien. Mutter werden wollte sie nie. Es habe einmal eine kurze Phase in ihrem Leben gegeben, in der sie dachte: Wenn sie jetzt schwanger würde, würde sie nicht abtreiben. «Allerdings habe ich es nie drauf ankommen lassen – und immer verhütet.»

Drei Frauen, drei Generationen – alle ohne Kinderwunsch.

Am Telefon erzählt die Grafikerin, dass sie Anfang 30 ihre Entscheidung nochmals überdacht habe. Sie sei jedoch immer noch hinter ihrem Entschluss gestanden, keine Mutter werden zu wollen. Bereits damals war sie mit ihrem Mann zusammen. «Ich fragte auch ihn, wie er zur Kinderfrage steht – doch für mich war es immer meine eigene Entscheidung», erzählt Sibylle. Wie es gekommen wäre, wenn er sich Kinder gewünscht hätte, kann sie nicht sagen. «Glücklicherweise hat es gepasst.»

«Das Leben mit Kind ist ein fremdbestimmtes.»

Sibylle

Das Gefühl, mit ihrem kinderfreien Leben andere zu provozieren, hatte sie nicht. Wenn sie auch weiss, dass es bei anderen Frauen anders ist. Viele von Sibylles Freundinnen haben selbst keine Kinder. «Für mich war und ist es gar nie Thema.» Durch den Film habe sie das erste Mal bewusst auch mit ihren Freundinnen darüber geredet.

Die Frage nach dem «Fremdbestimmten»

Freiheit und Unabhängigkeit sind der gebürtigen Baslerin wichtig. Sie und ihr Mann, mit dem sie seit 2004 verheiratet ist, beide jedoch in separaten Wohnungen leben, würde dieses Bedürfnis nach Autonomie verbinden. Auch bei der Kinderfrage. «Das Leben mit Kind ist ein fremdbestimmtes», sagt Sibylle. Kinder hätten Bedürfnisse, Eltern würden sich «Tag und Nacht danach richten». Auch der Ferienplan von Schulen oder die Schulfächer und Themen seien von aussen vorgegeben. «Wenn man Kinder hat, ist man viel mehr den gesellschaftlichen Normen unterworfen», sagt sie. «Umgekehrt finde ich es aber auch überhaupt nicht in Ordnung, wenn Eltern ihren Kindern ihre Wertvorstellungen aufdrängen.»

Für Sibylle ist Familie eine «unauflösliche Verbindung», das fände sie schon fast etwas bedrohlich. Warum? «Eine Familie bewegt sich nicht immer in einer heilen Welt. Meine Kindheit war behütet, doch in meinem Umfeld und der gesellschaftlichen Realität habe ich gesehen, dass es auch endlose Konflikte, Missbrauch oder andere tragische Erlebnisse in einer Familie geben kann.» Was ihr weiter Angst mache: Eltern könnten sich nicht einfach von ihren Kindern verabschieden, ihnen stünde nicht die Freiheit zu, «einfach zu gehen».

Wollte immer unabhängig bleiben: Sibylle. (Bild: «Kinderfrei»/Antonia Meile)

Eine freie Entscheidung

Wenn Meile mit den Protagonistinnen ihres Films gesprochen hat, so nannten allesamt Gründe, warum sie kinderfrei bleiben wollten. «Dabei liegt der eigentliche Ursprung meistens darin, dass der Wunsch nach Kindern bei ihnen einfach nicht existiert. Doch alle beginnen, nach Gründen zu suchen, wenn sie danach gefragt werden. Weil sie gezwungen werden, sich gegen aussen zu erklären – und vielleicht auch gegenüber sich selbst, weil es nicht der Norm entspricht.»

Andere Lebensentwürfe sowie der Stand der Frauen in unserer Gesellschaft hätten sie schon immer interessiert. Mit dem Film möchte sie Diskussionen und Selbstreflexionen anregen. «Ein kinderfreies Leben ist eine reale Option – dieser Fakt macht Frauen freier. Frauen sollten nicht auf die Kinderfrage reduziert werden.» Gleichzeitig würde sie sich wünschen, dass Mütter mehr unterstützt werden und «die Leistung einer Mutterschaft nicht stilisiert, sondern echt honoriert wird».

Ob sich nun jemand für oder gegen Kinder entscheide: Meile möchte Frauen bestärken. «Frauen sollen nicht mehr stigmatisiert und verurteilt werden fürs Nichtmuttersein, genauso wenig wie fürs Muttersein. Jede Frau soll die individuelle, strukturelle, kulturelle und gesellschaftliche Freiheit bekommen, die Kinderfrage für sich zu entscheiden, ohne benachteiligt, behelligt oder bevormundet zu werden.»

Verwendete Quellen
  • Persönliches Treffen mit Antonia Meile
  • Film «Kinderfrei – Frauen ohne Kinderwunsch» von Antonia Meile
  • Telefonat mit Sibylle
  • Website von Antonia Meile
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5 Kommentare
  • Profilfoto von Merle
    Merle, 07.03.2024, 23:54 Uhr

    Hallo ich bin 28 Jahre alt und habe eine Gehbehinderung. Die Doku „Kinderfrei“ find ich super. Ich habe mich mit 25 Jahren unterbinden lassen und bin sehr froh darüber. Da ich mir, mit meiner Behinderung nicht vorstellen kann, schwanger zu sein und ein Kind in die Welt zu setzen. Alls ich die Dokumentation gesehen habe fühlte ich mich bestätigt und freue mich dass ich mit diesem Thema nicht alleine bin. Ich kann mit Kindern auch nicht gut und finde Sie oft nervig . Finde Babys süss aber nicht mehr und nicht weniger, freue mich aber für anderw wenn sie Kinder haben, doch selbst möchte ich keine. Meine Frauenärztin wollte mich zuerst auch nicht unterbinden lassen, fand ich sei zu jung, doch ich habe es trotz dem machen lassen. Meine Mutter verstand dies nicht, doch mein Vater unterstützte mich. Ich wusste dies schon mit 18 das ich mich unterbinden lassen wolle. Manche verstehen mich und manche nicht. Durch diese Doku fühle ich mich besser. Fühle mich in gewissen Situationen auch alleine, wenn alle von Kindern schwärmen und ich mich nicht für sie interessiere. Ich finde es wichtig das es auch in unserer Generation Normalität wird, dass Frauen auch ohne Kinder Akzeptiert werden und auch eine Unterbindung bei einer Frau wenn sie es will kein Tabu mehr ist. Deswegen hat mich die Dokumentation so begeistert und auch wie die drei Frauen über die Thematik Frauen Ohne Kinderwunsch Sprechen. Ein Riesen Kompliment, dass sie sich getraut haben dies mit Öffentlichkeit zu Teilen.

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  • Profilfoto von Kira
    Kira, 04.03.2024, 06:28 Uhr

    Toller Bericht. Ich hatte selbst mit negativen Kommentaren zu kämpfen, wenn ich nach dem Kinderwunsch gefragt wurde und ich halt gesagt habe, dass ich keine Kinder haben möchte. Die entsetzten Gesichter und die Behauptungen, dass ich das einmal bereuen werde, gingen mir auf die Nerven. Schliesslich habe ich mich die letzten 10 Jahre mit dem Gedanken beschäftigt, ob ich Kinder möchte oder nicht und ich hatte nie das Gefühl selbst Kinder haben zu wollen, auch wenn Freundinnen schwanger wurden. Deshalb ist meine Antwort nun "im Moment stimmt es so für uns", so bleibt die Vorstellung der Fragenden von Familie aufrecht und alles andere geht sie nicht an.

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    Julia, 03.03.2024, 10:23 Uhr

    Für mich war als Kind und Jugendliche lange klar, dass ich Kinder will, dachte ich zumindest. Auf Grund von Depressionen, Angststörungen… musste ich mich allerdings sehr mit mir, meiner Vergangenheit und meiner Herkunft befassen. Mein Kinderwunsch hat sich da recht abgeschwächt, aus einem "sicher" wurde ein "aber nicht um jeden Preis", schon gar nicht, wenn das Kind diesen bezahlen muss. Als ich 10 Wochen in eine Klinik musste/durfte, war ich das erste mal richtig froh, keine Kinder zu haben. Ich habe in den letzten Jahren sehr viel über mich gelernt. Gelernt meine Bedürfnisse auch zu achten, meine Energie einzuteilen, rechtzeitig zu merken, wenn sich meine soziale Batterie leert, wenn mein Kopf zu voll wird, die Ruhe zu suchen… Ein Kind kann man nicht einfach in den Schrank räumen, wenn man seine Ruhe braucht. Ich habe seit drei Jahren ein tolles Patenkind, welches ich einen Tag in der Woche betreuen darf. Ich mache das sehr gerne, aber ich könnte das nicht jeden Tag. Kinder sind eine grosse Belastung und Verantwortung und jeder sollte sich überlegen, ob er dem gewachsen ist und auch bereit ist, diese für die nächsten 20 Jahre oder noch länger zu tragen, bevor er / sie ein Kind bekommt. Ich kann das nicht und mein Kind müsste meinen Egoismus ausbaden, wenn ich eines bekäme. Also werde ich kinderfrei bleiben, ich bin lieber eine gute Patentante als eine schlechte Mutter.

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    Roli Greter, 03.03.2024, 08:55 Uhr

    Zitat: «Was mich erschrocken hat: Kinder haben zu wollen, war gar nicht mein freier Wunsch – es war eine gesellschaftliche Zuschreibung und Projektion auf mich als Frau.»

    Eine gesellschaftliche Projektion hat nichts damit zu tun selber entscheiden zu können. Selbstverständlich ist es ihr freier Wunsch, und nur ihrer.

    Es findet gar keine Stigmatisierung oder Verurteilung statt, ein Sturm im Wasserglas.

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    • Profilfoto von Ogi Nicole
      Ogi Nicole, 03.03.2024, 12:39 Uhr

      Ich denke diese Stigmatisierung macht man sich selbst weil man unsicher ist was man wirklich will. Ich erlebe viele Frauen, welche sagen, dass sie keine Kinder wollen, als unsicher. Da ja biologisch nur die Frau Kinder austragen kann, ist es ganz natürlich sich mit der Kinderfrage auseinanderzusetzen und halt auch danach gefragt zu werden. Besonders nach der Heirat. Das war seit jeher der nächste Schritt. Die Entscheidung liegt aber immer noch bei uns Frauen, ob wir das wollen.

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