Gesellschaft
Impfskeptiker dabei? Zuger Psychotherapeutin weiss Rat

Corona und Weihnachten: So umschiffst du Familien-Knatsch

Ganz so harmonisch dürfte es diese Weihnachten wohl nicht bei allen Familien sein … Corona sei Dank. (Symbolbild: Adobe Stock) (Bild: )

Es ist der vierte Advent – bald steht Weihnachten bevor. Das Fest der Liebe, im Kreise seiner Familie. Zu Zeiten von Corona scheint der Frust und Ärger in vielen Familien, in denen Impfskeptiker auf Befürworterinnen treffen, jedoch vorprogrammiert. Psychotherapeutin Denise Hürlimann aus Zug weiss Rat.

Fröhliche Weihnacht überall!
tönet durch die Lüfte froher Schall.
Weihnachtston, Weihnachtsbaum,
Weihnachtsduft in jedem Raum!

Die Fressorgie ist vollzogen, die Leber «freut» sich über den Wein in Endlosschleife. Von Kerzen umflackert, im Kreis der Liebsten. Harmonie pur. Bis Oma Anneli sich wieder erkundigt, wann man denn endlich unter die Haube komme und Onkel Peter nach dem dritten Glas eine politische Diskussion anbahnt. Die Stimmung ist im Keller.

Dieses Jahr steht noch ein anderer Elefant im Raum: ein Elefant namens Corona. Für die eine Person kann es nicht vorsichtig genug sein, der anderen gehen die Massnahmen gegen den Strich. Das Fest der Liebe zu Corona-Zeiten: tendenziell schwierig.

Wem es bei diesem Gedanken kalt den Rücken runterläuft: Psychotherapeutin Denise Hürlimann aus Zug weiss Rat, wie ihr ohne Streit in der Familie durchs Weihnachtsfest kommt.

zentralplus: Denise Hürlimann, Sie verrieten bereits, dass Weihnachten in beinahe jedem Therapiegespräch Thema ist. Fürchten sich alle vor dem grossen Knall unter dem Christbaum?

Denise Hürlimann: Grundsätzlich ist das Thema Streit an Heiligabend ein Dauerbrenner – unabhängig von Corona. Gerade in Familien mit eher komplexeren Verhältnissen. Oder Familien, die sich unter dem Jahr relativ selten sehen. Das spitzt sich wegen Corona jetzt natürlich zu. Diejenigen, die mit ihren Familien Weihnachten feiern, wollen wissen, wie sie Streit vermeiden und wie sie ein friedliches Fest vorbereiten können. Und diejenigen, die keine Familien haben, fürchten sich vor der Einsamkeit. Das soziale Leben steht gefühlt still für sie.

«Ich rate jeder Familie, das Thema Corona wie auch andere politisch brisante Themen an Weihnachten grosszügig zu umschiffen.»

zentralplus: Ein friedliches Fest trotz Corona: Wie findet man überhaupt zusammen, wenn die Meinungen radikal anders sind?

Hürlimann: Ich plädiere klar: Klärt im Vorfeld die Rahmenbedingungen für Weihnachten. Am einfachsten ist es wohl, wenn der Gastgeber den Lead übernimmt. Er sich also nach Impf- und Testbereitschaft und -status erkundigt. Wenn möglich sollen sich alle wohlfühlen. Ob sich diejenigen testen, die nicht geimpft sind – oder sich alle vor dem Treffen testen. Dann kann man das Thema am Fest selbst aussen vor lassen.

Über Denise Hürlimann

Denise Hürlimann ist Fachpsychologin für Psychotherapie. Sie hat sich spezialisiert auf Verhaltenstherapie, Notfallpsychologie und Psychoonkologie. Hürlimann hat in Hünenberg eine eigene Praxis. Zudem begleitet sie stationäre Onkologiepatienten und deren Angehörige in Spitälern.

Vor zwei Jahren hat Hürlimann gemeinsam mit Mirjam Indermaur eine Psychotherapie zum Mitlesen geschrieben und als Buch veröffentlicht (zentralplus berichtete).

Hürlimann lebt mit ihrem Ehemann und ihren drei Kindern in Zug.

zentralplus: Das heisst, Familien schaffen die Rahmenbedingungen bestenfalls so, dass sie auf die Schwächsten, beziehungsweise diejenigen, die am vorsichtigsten sind, Rücksicht nehmen?

Hürlimann: Auf die Schwächsten Rücksicht nehmen, das ist der Algorithmus, den ich eigentlich immer empfehle. Beziehungsweise eben auf denjenigen, der am vorsichtigsten ist. Auch eine Möglichkeit ist, wenn der Gastgeber die Regel bestimmt und diese im Vorfeld kommuniziert. Dass jeder, der kommen will, beispielsweise getestet sein soll. So kann jeder Gast für sich entscheiden, ob das für ihn stimmt oder nicht. Wenn nicht, muss er die Konsequenzen ziehen und sich folglich vom Treffen abmelden. Oder man findet eine Alternative wie zum Beispiel ein Video-Dinner. Es gibt Familien, die das seit Corona sehr erfolgreich praktizieren.

zentralplus: Wo die unterschiedlichsten Meinungen aufeinanderprallen, Emotionen hochkochen und die Weingläser aufs Neue gefüllt werden, ist auch der Knatsch nicht weit. Wie umgeht man diese Differenzen?

Hürlimann: Ich rate jeder Familie, das Thema Corona wie auch andere politisch brisante Themen an Weihnachten grosszügig zu umschiffen. Im Vorfeld explizit zu sagen: Lasst uns an Heiligabend nicht über Corona reden. Darüber diskutieren und streiten kann man die restlichen 364 Tage im Jahr. Stattdessen kann man sich überlegen, was gute Gesprächsthemen sind.

«Ob man sich für oder gegen die Impfung entschieden hat, beide Seiten müssen sich genauso für ihre Entscheidung permanent rechtfertigen, was sie auch tun. Das verunmöglicht einen vernünftigen Diskurs.»

zentralplus: Also ist zwischen Corona-Skeptikern, Massnahmen-Gegnerinnen sowie denjenigen, die hinter diesen Massnahmen und der Impfung stehen, kein vernünftiger Dialog mehr möglich?

Hürlimann: Es lohnt sich ja grundsätzlich immer, Dinge auszudiskutieren. Jedoch sind die Fronten bezüglich Corona-Massnahmen mittlerweile so verhärtet. Jeder einzelne hat sich in eine Ecke manövriert, eine feste Position eingenommen, von der er oder sie fast nicht mehr abkommt. Ob man sich für oder gegen die Impfung entschieden hat, beide Seiten müssen sich genauso für ihre Entscheidung permanent rechtfertigen, was sie auch tun. Das verunmöglicht einen vernünftigen Diskurs. Noch mehr an Heiligabend oder nach dem dritten Glas Wein.

zentralplus: Irgendwann gelangt man wohl auch an den Punkt, zu sagen: Wir sind uns einig, uneinig zu sein. Ein Waffenstillstand quasi.

Hürlimann: Sie lacht. Genau. Man kann dies ja auch mit einem Schmunzeln sagen. So kann einem gelingen, eine gewisse Leichtigkeit an den Tisch zurückzuholen. Das Thema an Weihnachten zu meiden, rate ich übrigens auch Familien, in denen man sich über die Corona-Pandemie, Massnahmen und das Impfen einig ist. Wer die gleiche Meinung teilt, tendiert dazu, sich gegenseitig aufzuschaukeln im Aufregen über die Meinung der anderen.

zentralplus: Falls man die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat: Wie diskutieren Menschen vernünftig miteinander?

Hürlimann: Wenn möglich sachlich, mit Argumenten und nicht zu emotional diskutieren. Den anderen ausreden lassen, ihm seine Redezeit zugestehen. Nicht mit Vorwürfen auf den anderen einprasseln. Also in Ich-Botschaften und nicht Du-Botschaften kommunizieren. Generell empfehle ich: Beginnt mit den Diskussionen nicht in Situationen, die sowieso emotional geladen sind. Und Weihnachten ist so ein emotional geladenes und angespanntes Fest. Da ist die Gefahr noch grösser, dass es eskaliert.

zentralplus: Sie sagen, Weihnachten sei emotional geladen. Inwiefern?

Hürlimann: Es ist diese Erwartung an das perfekte, idealisierte Weihnachtsfest. Das schürt Erwartungshaltungen. Und je grösser die Erwartungen sind, umso höher ist die Gefahr für Enttäuschungen. Es hilft, eigene Erwartungen zu überdenken und auf ein realistisches Level runterzuschrauben. Es muss nicht immer ein 6-Gänger sein und ein dreitägiger Weihnachtsmarathon.

zentralplus: Warum denn nicht?

Hürlimann: Ein entspannter 3-Gänger kann wesentlich bekömmlicher sein. Man darf nicht vergessen, dass viele Leute vor Weihnachten eine stressige Zeit haben. Nicht nur das Kaufen und Auswählen der Geschenke ist anstrengend, auch im Beruf haben viele vor Jahresende eine stressige Zeit. Auch die Kinder sind an Weihnachten angespannt. Deshalb macht es schon Sinn, sich die Arbeit etwas aufzuteilen und die eigenen Grenzen wahrzunehmen.

«Wenn man jemanden das ganze Jahr über unsympathisch findet, so wird diese Person auch an Heiligabend nicht sympathischer.»

zentralplus: Was, wenn sich jemand nicht an die Regel hält und ein bissiger Corona-Kommentar fällt? Den Ärger der Harmonie zuliebe runterschlucken – oder zurückgeben?

Hürlimann: Wenn es irgendwie geht: am Weihnachtsfest runterschlucken.

zentralplus: Die Pandemie stellt viele Beziehungen und Freundschaften auf die Probe. Denken Sie, dass solche Beziehungen an Weihnachten auseinanderbrechen können?

Hürlimann: Ich höre in gewissen Therapiegesprächen im Januar jedes Jahr aufs Neue, dass es an Weihnachten riesig geknallt hat. Dass es der Horror war, man sich bis mindestens Ostern nicht mehr sehen möchte. Ob das emotional geladene Weihnachtsfest dafür verantwortlich ist oder ob es daran liegt, dass man sich ansonsten selten sieht. Wenn man jemanden das ganze Jahr über unsympathisch findet, so wird diese Person auch an Heiligabend nicht sympathischer.

zentralplus: Haben Sie noch einen weiteren Tipp, wie wir möglichst ohne Knatsch durch das Fest kommen?

Hürlimann: Wir alle sollten lernen Weihnachten zu relativieren und flexibel zu sein. Wir können uns zwischendurch auch wieder einmal sagen, dass es ja eigentlich ums Beisammensein geht, das hilft vielleicht toleranter zu sein. Vom Ursprung der Weihnachtsgeschichte her ist es ja so, dass es auch bei der heiligen Familie mit der beschwerlichen Reise, der Geburt im Stall und der anschliessenden Flucht nicht immer perfekt lief. Weihnachten kann und muss auch bei uns nicht perfekt sein. Es ist kein Drama, wenn man vom alljährlichen Ablauf abweicht und etwas schiefläuft. Vielleicht helfen auch Pausen und Rückzugsmöglichkeiten, die Kinder sind vielleicht froh wenn sie draussen ein bisschen Stress abbauen können, die ältere Generation ist vielleicht froh um Ruhepausen. Und: Wir können uns zumindest über unsere Familien ärgern – andere haben gar keine Familie und leiden sehr darunter.

Die Zuger Psychotherapeutin Denise Hürlimann gibt Tipps, wie Familien Streit an Heiligabend verhindern. (Bild: zvg)
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