Nach Studie über Kaufkraft

Hä, sind etwa doch nicht alle Zuger reich?

Die Idylle trügt: Vor allem die Wohnkosten stellen viele Zugerinnen vor Herausforderungen. (Bild: Andreas Busslinger)

Eine Studie zeigte kürzlich, dass Zugerinnen schweizweit die stärkste Kaufkraft haben. Doch wenn man vom Einkommen der Zuger die Fixkosten abzieht, stehen sie im schweizweiten Vergleich gar nicht mehr so gut da.

Auf die Pizza gehört zwingend Mozzarella und auf die Bankkonti der Zuger viel Geld. Vor wenigen Tagen geisterte eine Studie durch viele Medien, welche zweitgenanntes Gesetz bestätigt. Sie zeigt: Die Einwohner keines anderen Kantons haben so viel Geld zur Verfügung wie jene von Zug (zentralplus berichtete).

Eine Auswertung der Axa fürs Jahr 2023 verrät ausserdem: Auf Zuger Strassen sind die teuersten Autos unterwegs. Im Schnitt sind die Autos der Zugerinnen mehr als 30 Prozent teurer als die aus dem Rest der Schweiz (zentralplus berichtete).

Doch nun melden sich die Zuger und sagen: So einfach ist es nicht. Die neuen Zahlen des Marktforschungsunternehmens GFK seien mit Vorsicht zu geniessen. «Das Marktforschungsinstitut verwendet aus Sicht der Volkswirtschaftsdirektion mit ‹Kaufkraft› einen irreführenden Begriff, denn wesentliche und fixe Ausgaben wie etwa Wohnkosten sind nicht korrigiert», schreibt der Kanton auf Anfrage.

Um die finanzielle Situation einer Person darzustellen, sei das frei verfügbare Einkommen – also der Wert nach Abzug der Fixkosten – ein besserer Indikator, hält die Volkswirtschaftsdirektion fest. Zieht man diese Ausgaben nämlich ab, fällt der Kantonsvergleich ziemlich anders aus. Auch der Zuger ALG-Kantonsrat Luzian Franzini reagiert auf die Studie und verweist wiederum auf eine andere Studie der Credit Suisse aus dem Jahr 2021.

Hier liegt der Kanton plötzlich auf Platz sechs

Diese Untersuchung arbeitet mit dem sogenannten RDI-Indikator (Regional Disposable Income). Dieser bewertet die finanzielle Wohnattraktivität der Schweizer Kantone und Gemeinden.

So berechnet die Credit Suisse das «frei verfügbare Einkommen». (Bild: Credit Suisse)

Die Credit Suisse hat für jeweils 120’000 Beispielhaushalte pro Wohnort das frei verfügbare Einkommen berechnet. Dafür haben die Ökonomen zuerst obligatorische Ausgaben wie Steuern, Sozialversicherungsbeiträge und die Krankenkassenkosten vom Einkommen abgezogen. In einem zweiten Schritt beachten sie die Wohnkosten sowie fixe Ausgaben beispielsweise fürs Pendeln oder die Kinderbetreuung.

Daraus ergibt sich das frei verfügbare Einkommen – also jener Betrag, der einem Haushalt zum freien Konsum bleibt.

Für die Berechnung des RDI-Indikators betrachtet die Credit Suisse zudem nur Haushalte mit einem Einkommen zwischen 40’000 und 180’000 Franken. Damit will sie das mittlere 80-Prozent-Intervall der Schweizer Einkommensverteilung abbilden. Auch Haushalte mit einem Nettovermögen von über 2 Millionen Franken schliesst die Credit Suisse für diese Studie aus.

Der RDI-Indikator stellt die finanzielle Wohnattraktivität der Kantone für den Mittelstand dar. (Bild: Credit Suisse)

Der RDI-Indikator zeigt: Das frei verfügbare Einkommen der Zugerinnen liegt ziemlich nahe am schweizweiten Mittelwert. In der Liste liegt der Kanton Zug auf Platz 6 von 26. Auf der Grafik lässt sich erkennen, dass der RDI-Wert von Zug sogar ziemlich nahe an null – also am schweizweiten Mittelwert liegt.

Für Familien mit Kindern sieht es nochmals anders aus

Die Credit Suisse hat bei der Untersuchung verschiedene Haushaltstypen analysiert. Die Studie unterscheidet zwischen Ein-Person-Haushalten, Ehepaaren ohne Kindern, Rentnerehepaare und Familien mit zwei Kindern. Bei letzterer Kategorie gibt es noch die Unterscheidung, ob die Kinder in der Kita sind oder nicht.

Schaut man sich die einzelnen Formen genauer an, sieht man, dass der Kanton Zug bei zwei Modellen sogar unterdurchschnittlich abschneidet. Das frei verfügbare Einkommen von Familien mit zwei Kindern im Kanton Zug liegt gar unter dem Schweizer Mittelwert. Der RDI-Wert der anderen Haushaltstypen im Kanton Zug liegt jeweils zwischen 0 und –1.

Das sagt der Kanton dazu

Auch der Kanton Zug ordnet die Kaufkraft der Einwohnerinnen anders ein, als es die Studie des Marktforschungsunternehmens GfK tut. Betrachte man das frei verfügbare Einkommen, stehe der Kanton Zug je nach Einkommensschicht nicht an erster Stelle, schreibt die Volkswirtschaftsdirektion.

«Dass die Steuerattraktivität die Kaufkraft stärkt, ist eine höchst umstrittene Aussage.»

Luzian Franzini, ALG-Kantonsrat

«Insgesamt stehen die untersten Einkommensschichten, dank Unterstützungen, sowie die obersten Einkommensschichten im Vergleich zu den anderen Kantonen gut da. Für die breite Mittelschicht hingegen trifft dies nicht zu», so der Kanton.

ALG-Kantonsrat: Nur Reiche profitieren von den tiefen Steuern

Der ALG-Kantonsrat Luzian Franzini stört sich noch an etwas anderem: Als Erklärung dafür, dass die Einwohner des Kantons Zug bei ihrer Untersuchung die höchste Kaufkraft ausweisen, nennt das Marktforschungsinstitut die Steuerpolitik.

Franzini entgegnet: «Dass die Steuerattraktivität die Kaufkraft stärkt, ist eine höchst umstrittene Aussage.» Finanziell würden sich die tiefen Steuern nämlich nur für hohe Einkommen lohnen, ergänzt der Politiker.

Geld gehört doch nicht zwingend zu den Zugern wie Mozzarella auf die Pizza

Beim Wort «Zuger» lohnt es sich, zweimal hinzuhören, wer wirklich damit gemeint ist. Denn ob die Rede von der breiten Mittelschicht oder einem Durchschnittswert ist, macht einen mächtigen Unterschied. Der Durchschnitt kann schnell von einigen wenigen massiv in die Höhe gezogen werden.

Verwendete Quellen
  • Studie «Hier lebt es sich am günstigsten» der Credit Suisse
  • Schriftlicher Austausch mit der Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Zug
  • Schriftlicher Austausch mit Luzian Franzini, ALG-Kantonsrat
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