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Frauen-Demo in Istanbul: «Nein, Angst hatte ich nicht»
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Irina Studhalter, Co-Präsidentin der Jungen Grünen Kanton Luzern, mitten in Istanbul. (Bild: zvg)

Luzerner Vertreterin der Jungen Grünen in Türkei Frauen-Demo in Istanbul: «Nein, Angst hatte ich nicht»

4 min Lesezeit 11.03.2017, 05:11 Uhr

«Zieht Schuhe und einen Rucksack an, mit denen ihr rennen könnt»: Die Devise vor der Demo war klar. Am Weltfrauentag gingen in Istanbul Zehntausende Frauen auf die Strasse – unter ihnen Irina Studhalter, bis vor kurzem Co-Präsidentin der Jungen Grünen Luzern. Was sie dabei erlebte und welche Erkenntnisse sie mit in die Schweiz nahm.

Die ehemalige Co-Präsidentin der Jungen Grünen im Kanton Luzern, Irina Studhalter, ging am Weltfrauentag diesen Mittwoch zusammen mit Zehntausenden Frauen in der Türkei auf die Strasse. Grund ihrer Reise nach Istanbul war ein Seminar der Jungen Grünen Europa, das sich der Bekämpfung des Patriarchats widmete und zu dem sie als einzige Schweizerin zur Teilnahme eingeladen worden war. «Wenn Leute losrennen, rennt nicht. Aber zieht Schuhe und einen Rucksack an, mit denen ihr rennen könnt.» Das war die Anweisung, die Irina Studhalter für den Marsch für Frauenrechte in Istanbul erhielt.

Auf Rechtsstaat ist kein Verlass

Die Verhaltenstipps veranschaulichen die derzeitige Situation für politische Aktivisten in der Türkei. Seit dem Putschversuch im Sommer kerkert die Regierung massenhaft Oppositionelle und Journalisten ein, zuletzt den «Welt»-Journalisten Deniz Yüzel, und sorgt mit abgebauten Grundrechten für weltweite Empörung. Am 16. April will Präsident Recep Tayyip Erdoğan zudem mit einer umstrittenen Verfassungsänderung seine Macht ausbauen. «Man spürt, dass ein politisches Momentum in der Luft ist, es steht so vieles auf der Kippe», beschreibt die Luzernerin die Stimmung. «Es brodelt, auch wenn man das nicht direkt sieht.»

Tausende Frauen gingen in Istanbul am Weltfrauentag auf die Strasse.

Tausende Frauen gingen in Istanbul am Weltfrauentag auf die Strasse.

(Bild: zvg)

Die Einschränkungen hat Irina Studhalter nur indirekt zu spüren bekommen. Aber vor dem Frauenmarsch sei ihr von türkischen Jungpolitikern erklärt worden, wie man einerseits eine Massenpanik verhindere – andererseits einer Verhaftung entgehe. «Wenn die Demo eskaliert, reicht es offensichtlich nicht mehr, sich richtig zu verhalten», sagt Studhalter. «Dann geht es nur noch darum, der Hetzjagd der Polizeikräfte zu entkommen.» So jedenfalls hätten sie ihre türkischen Kolleginnen angewiesen.

Und das war es auch, was Irina Studhalter besonders zu denken gab. «Dass man sich nicht auf den Rechtsstaat verlassen kann und mit der Teilnahme an einer Demonstration das Risiko eingeht, im schlimmsten Fall ins Gefängnis zu wandern – dieser Gedanke spielt bei uns nie eine Rolle.»

Für die 24-Jährige, die vorher noch nie in der Türkei war, verdeutlichte die Situation, wie privilegiert politische Aktivistinnen in der Schweiz sind. «Es ist für mich unvorstellbar, wie politischer Aktivismus unter solchen Umständen stattfinden kann.» Im Gespräch mit türkischen Aktivistinnen sei ihr klar geworden, dass sich in Instanbul viele daran gewöhnt haben, dass ihr Engagement gefährlich ist. «Für viele gehört es einfach zu ihrer Realität.» Trotzdem: «Im Gespräch war ich mir nie ganz sicher, wie tief sie die Situation wirklich trifft.»

Unglückliche Eltern

Der Frauenmarsch in Istanbul ist indes ohne grössere Zwischenfälle verlaufen. Einzig in einem Moment, als eine Sirene der Polizei losging, sei Hektik aufgekommen. Angst, nein, das habe sie nicht gehabt. Als fahrlässig erachtet Irina Studhalter die Teilnahme an der Demo nicht. «Klar, meine Eltern waren nicht glücklich darüber, dass ich jetzt in die Türkei reiste.» Aber man habe riskante Situationen bewusst vermieden. Der Anlass wäre gemäss Studhalter gar nicht durchgeführt worden, wenn das Risiko zu gross gewesen wäre. 

«Alle türkischen Aktivisten kennen jemanden, der im Gefängnis steckte oder noch immer steckt.»

Mit Anhängern der Erdoğan-Regierung hatte Irina Studhalter hingegen keinen Kontakt. Ihre international zusammengestellte Gruppe sei vorwiegend in links-alternativen Kreisen unterwegs gewesen.

Gerade die Linken in der Türkei hätten Angst und verspürten eine Ungewissheit, sagte Grüne-Kantonsrat und türkisch-schweizerischer Doppelbürger Ali R. Celik diesen Sommer gegenüber zentralplus. «Diesen Eindruck teilte ich. Die Linken sind in einer passiven Rolle, auch weil ihre Möglichkeiten so limitiert sind.» Sich zu engagieren, sei relativ schwierig. Es fliesse kaum Geld dafür, Organisationen könnten jederzeit von der Regierung geschlossen werden, das Gefängnis droht. «Alle türkischen Aktivisten, die ich traf, kennen jemanden, der im Gefängnis steckte oder noch immer steckt.»

Die Grenzen des Legitimen

Gerade auch der Kampf für mehr Frauenrechte in der Türkei erlebt zurzeit praktisch nur Rückschritte. Erst am Weltfrauentag beteuerte Erdoğan wieder einmal, dass er in der Frau vor allem eine Mutter sieht – die Regierungspartei predigt das traditionelle Rollenmodell. «Eine Aktivistin hat mir erzählt: Vor rund drei Jahren habe man darüber debatiert, ob die Ehe für alle geöffnet werden solle. Nun diskutiere man, ob Vergewaltigung in der Ehe wieder legal werden soll», sagt Irina Studhalter ernüchtert. Im November sorgte die Regierung für Schlagzeilen, als sie sexuelle Übergriffe an Kindern legalisieren wollte, unter grossem Protest allerdings darauf verzichtete.

Irina Studhalter twittert von der Demo in Istanbul:


 

Doch mit ihren radikalen Vorschlägen verschiebe die Regierung die Grenzen des Normalen – ähnlich wie in den USA, findet Studhalter. «Es gab zuletzt beispielsweise mehr Gewaltakte gegen Transmenschen, auch, weil die Regierung das nicht verurteilt. Ihre Werte sickern in die Bevölkerung und manifestieren sich dann in einzelnen Taten.» Die fatale Spaltung der türkischen Gesellschaft in zwei Lager, sagt die Linkspolitikerin, das wünsche sie keinem Land.

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