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Experte: «Die Welle zieht halt ein junges Publikum an»
  • Wirtschaft
Ein Blick in die Mall of Switzerland.

Leere Läden in der Mall of Switzerland Experte: «Die Welle zieht halt ein junges Publikum an»

4 min Lesezeit 4 Kommentare 31.10.2019, 05:00 Uhr

Die Mall of Switzerland hat Mühe, neue Mieter zu finden. Für den Experten ist klar: Je länger Ladenflächen leer bleiben, desto schlimmer. Doch er sieht auch einen Ausweg.

Insgesamt 20 Geschäfte haben die Mall of Switzerland seit der Eröffnung verlassen, 13 neue sind hinzugekommen (zentralplus berichtete). Diese Negativbilanz hat zur Folge, dass sich im zweiten Stock des Einkaufscenters ein ganzer Flügel geleert hat (zentralplus berichtete).

Stefan Lüthi, Dozent für Regionalökonomie an der Hochschule Luzern, hat sich in seiner Forschungs- und Beratungstätigkeit mit dem Detailhandel befasst. Er ist von der Entwicklung nicht überrascht. «Der ganze Markt hat zu kämpfen», sagt er. Hauptgrund und Treiber seien der Onlinehandel und das neue Freizeit- und Einkaufsverhalten. «Kleinsendungen aus Asien sind in den letzten Jahren regelrecht explodiert, hier kommt noch eine riesige Welle auf uns zu», sagt er.

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Der Onlinehandel verändere das Konsumverhalten. Soziale Medien würden neue Kommunikations-, Partizipations- und Organisationsformen von Kunden, Detaillisten und Produzenten ermöglichen, so Lüthi.

Attraktiv, aber für wen?

Umso wichtiger sei es für den stationären Handel, dass er ein Einkaufserlebnis biete. «Das Einkaufen an sich wird immer nebensächlicher, der Freizeitaspekt muss heute viel höher gewichtet werden», erklärt Lüthi. Einkaufen werde zum Nebenprodukt der Freizeitgestaltung: «Leben statt Läden», wirft Lüthi ein.

Der stationäre Handel entwickle sich dabei zunehmend zu einem «Showroom», in dem Produkte erlebnisorientiert ausprobiert werden können. Der eigentliche Kauf erfolge dann über das Internet mit direkter Lieferung nach Hause.

Stefan Lüthi von der HSLU gibt Auskunft zur Mall of Switzerland.

Das Konzept «Einkaufen als Erlebnis» verfolgt auch die Mall of Switzerland. Mit einem Fitnesscenter, zahlreichen Kinosälen, vielen Gastroangeboten und einer Surfwelle versucht sie die Kunden anzulocken.

Und trotzdem scheint es für zahlreiche Läden nicht aufzugehen. Wer ein besser situiertes Kundensegment anspricht, scheint Mühe zu haben. Dies unterstreichen die verlassenen Läden im zweiten Stock der Mall.

«Es droht ein Teufelskreis»

Detailhandels-Experte Lüthi ist nicht überrascht. «Das Erlebnis ist schon wichtig, aber auch dieses muss hochwertig und der Zielgruppe angepasst sein», sagt er. «Eine Welle zieht ein jüngeres Publikum an und dieses ist meist weniger kaufkräftig», erklärt Lüthi.

Er geht davon aus, dass finanzstarke Kunden vom Einkaufserlebnis in Top-Lagen wie der Zürcher Bahnhofstrasse oder Luzern viel stärker angesprochen werden. Gerade auch, weil eine Innenstadt mit ihren urbanen Qualitäten und den zahlreichen Flaniermöglichkeiten einfach ein attraktiverer Standort sei als die Agglomeration.

Problem: Sinkendes Interessse

«Die Kundenorientierung ist zentral», hält Lüthi fest. Dazu müsse man den Kunden verstehen. Aber der Kunde ändere sich: In Zeiten des digitalen und kulturellen Wandels sogar besonders schnell. Lüthi sagt: «Auch der Detailhandel muss sich verändern. Nicht der stationäre Handel stirbt, sondern die heutigen Formate.»

Lüthi empfiehlt der Mall, rasch Zwischenlösungen für die leeren Flächen zu suchen. «Es droht ein Teufelskreis», sagt er. Da unterscheide sich eine Mall kaum von einer Strasse in einer Innenstadt. «Niemand geht gerne in eine verlassene Strasse einkaufen», so Lüthi. Schliesslich wolle man sich beim Einkaufen auch mit anderen Leuten treffen. «Aber wenn die Frequenzen rückläufig sind, sinkt auch das Interesse», erklärt Lüthi.

Wie weiter?

«Warum nicht eine Experimentierfläche für neue Detailhandelsformate anbieten?», fragt Lüthi. Die Nachfrage nach flexiblen und kurzfristigen Miet- und Sharing-Modellen sei im Vormarsch. Aber auch Wohnen und Arbeiten sei in der Mall of Switzerland denkbar. «Ein zukunftsorientierter Nutzungsmix erfordert vonseiten der öffentlichen Hand aber auch eine flexible Interpretation der Zonenplanung», mahnt der HSLU-Dozent

Lager statt Leere?

Stefan Lüthi könnte sich auch einen weiteren Lösungsansatz für die Mall of Switzerland vorstellen: «Die Logistik, welche der ganze Onlinehandel mit sich zieht, ist nicht zu unterschätzen.» Eine zunehmende Herausforderung im Lieferverkehr besteht auf der «letzten Meile». «Der aktuelle Trend geht in Richtung same-day-delivery.» Dies bedeutet, dass die online bestellte Ware noch am gleichen Tag geliefert wird. Lüthi: «Wer das anbietet, muss die Wege zum Kunden verkürzen.»

Hier könnte die Mall of Switzerland ins Spiel kommen. «Ich kann mir vorstellen, dass gewisse Geschäfte einen Showroom einrichten und hinter diesem ein Mini-Logisitikcenter», sagt Lüthi. So würden gleich drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Die Kunden würden auf offene Läden stossen, die Läden könnten ihre Logistik-Schwierigkeiten überwinden und die leeren Flächen in der Mall würden besetzt.

Und übrigens: Der stationäre Detailhandel wäre deutlich ökologischer als die weltweiten Logistikströme des Onlinehandels. Vielleicht liesse sich hier mit einer auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Positionierung von Einkaufszentren etwas erreichen, gerade in der heutigen Zeit der Klima-Streiks, so Experte Lüthi.

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4 Kommentare
  1. Hans Peter Weber, 01.11.2019, 06:26 Uhr

    Herr Lüthi, scheint die Zahlen im Detailhandel nicht zu kennen.Der Onlinehandel macht erst 10% des Umsatzes des gesamten Details Handels aus.Also am Onlinehandel liegt es nicht. Sondern einfach an einer Fehlplanung. Alles die Mall geplant wurde sah die Welt im Detailhandel noch anders aus. Egal was die Mall macht die Zeiten solcher Einkaufszentren sind vorbei. Siehe zum Beispiel auch das Stücki in Basel, das komplett umgestaltete wird.
    Läden mit Profil, haben auch weiterhin Bestand ,aber nicht in zu Grossen und zu spät geplant Einkaufszentren.

  2. Joseph de Mol, 31.10.2019, 09:36 Uhr

    Der Mall of Switzerland gebe ich aufgrund der sich seit Monaten stetig verschlimmernden Flaute und aufgrund der Marktvoraussetzungen (Malls ist ein US-Konzept aus den 70er-Jahren!!) noch max. 24 Monate. Danach ist lichterlöschen!

  3. Hans, 31.10.2019, 09:18 Uhr

    Die Mall (bzw. damals das Projekt Ebisquare) wurde in Ebikon überhaupt nur gutgeheissen, weil man der Bevölkerung 2005 ein Hallenbad versprach. Davon ist ausser der läppischen Welle nichts übrig geblieben. Jetzt haben wir eine überdimensionierte Retortenwelt, in der man ewig rumlaufen muss um die paar Läden, die einen interessieren, zu besuchen.

  4. Jörg Müller, 31.10.2019, 07:33 Uhr

    Toller Experte und wir Rentner sitzen zu Hause oder was,???

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