«Einen Narzissten zu lieben, macht süchtig»
  • Gesellschaft
Weiss, wie es sich anfühlt, in einen Narzissten verliebt zu sein: die Zugerin Chris Oeuvray. (Bild: zvg)

Zugerin schrieb Thriller zu toxischen Beziehungen «Einen Narzissten zu lieben, macht süchtig»

6 min Lesezeit 2 Kommentare 10.05.2020, 17:00 Uhr

Toxische Beziehungen gibt es häufiger, als man denkt. Das jedenfalls sagt die Zugerin Chris Oeuvray, die selbst schon in Narzissten verliebt war. Oftmals seien die Trennungen von ihnen übel – der Ex-Partner könne zur Bestie werden. Davon liest man in ihrem ersten Thriller.

Trump ist einer. Darüber sind sich Psychologen einig. Auch wenn man sich darüber streitet, ob Ferndiagnosen ethisch vertretbar sind. «Trump ist in all seinen Extremen ein Narzisst aus dem Lehrbuch», sagte auch Mitja Back, die an der Universität Münster zu Narzissmus forscht, gegenüber der «Zeit».

Narzissten sind gemäss der griechischen Mythologie in ihr Spiegelbild verliebt – und sie haben zwei Gesichter. Das zeigt sich auch in Beziehungen, wo sich Narzissten ein passendes Pendant suchen – einen Co-Narzissten.

Wie toxisch, erniedrigend und gefährlich solche Beziehungen sein können, weiss Chris Oeuvray. Die Zugerin hat zu diesem Thema einen Thriller geschrieben. Wie es sich anfühlt, in einen Narzissten verliebt zu sein, weiss sie nur zu gut. Denn auch sie war es in ihrer Vergangenheit.

«Mit einem Narzissten wird man nicht glücklich»

«Ich habe früher Männer angezogen, die narzisstische Züge hatten», sagt Oeuvray. «Teilweise sehr ausgeprägt.» Sie sagt bewusst «angezogen», weil sie der Überzeugung ist, man sei selbst dafür verantwortlich, welchen Partner man in seinem Leben anzieht.

Sozusagen Hure und Heilige gleichzeitig.
Sie gab alles. Bis zur Erschöpfung.
Chris Oeuvray in «Tödlich verliebt»

Oeuvray fand sich in der Vergangenheit selbst in der Rolle der Co-Narzisstin wieder. Gab sich alle Mühe, dass es mit der Beziehung klappt. Ihre eigenen Bedürfnisse steckte sie zurück. Hauptsache ihr Partner war glücklich. «Ich war erschöpft, ausgelaugt und finanziell ruiniert», sagt Oeuvray. Heute weiss sie: «Mit einem Narzissten kann man keine glückliche Beziehung führen.»

Zwischen Hoch und Tief

Heute ist Oeuvray glücklich liiert und Mutter eines Sohnes. Ihre Partnerschaft hat nichts mehr mit Narzissmus zu tun. Gottseidank. Ihr Thriller basiert auf einer erfundenen Geschichte, wie sie sagt. Im Fokus steht Melanie, eine erfolgreiche Frau in den 30ern. Ronald umgarnt sie, trägt sie sprichwörtlich auf Händen. Bis es allmählich kippt. Er lädt eine Tracking-App auf ihr Handy, fängt an, sie zu kontrollieren, zu beleidigen. Immer mehr. Immer heftiger.

Sie sah ihn an. «Wieso weisst du, dass es ein Mädchen ist?»
«Weil ich mir ein Mädchen wünsche.»
«Und wenn ich lieber einen Jungen hätte?»
«Ich kriege immer, was ich will, das weisst du doch.
»

Doch weshalb lässt man sich ein solches Verhalten überhaupt gefallen? Wie Oeuvray erklärt, herrscht in einer Beziehung zu einem Narzissten eine starke Abhängigkeit. «Einen Narzissten zu lieben, macht süchtig, so wie die Sucht zu Drogen.» So ist es auch nicht einfach, von ihm loszukommen. Auch Aussagen anderer nützen nichts. Dass er ihr nicht guttue. «Die Sucht ist stärker.»

Hier gibt’s den Thriller

Wer mehr zum Thema Narzissmus lesen will, erfährt dazu mehr im Thriller «Tödlich verliebt» von Chris Oeuvray. Hier kannst du das Buch bestellen.

Das Buch hat 288 Seiten und kostet mit persönlicher Widmung 35 Franken.

Narzissten destabilisieren ihren Partner

Der Narzisst in der Beziehung destabilisiert seinen Partner. Sozial, finanziell, emotional. Bis der Partner nur noch ihn hat. Er hat die Fäden in der Hand. «Er zermürbt die Partnerin mit Psychoterror, bis sie kein Selbstwertgefühl mehr hat.»

Die Sache wurde noch schlimmer, als sie befürchtet hatte.
Er tobte während Tagen.
Er beschimpfte sie, sie hätte alles vermasselt.
Sie wäre dumm, inkompetent, unfähig, überhaupt nicht belastbar – er liess nichts aus.

Die Co-Narzisstin im Buch, Melanie, möchte, dass alles wieder ist, wie zuvor. Er ihr wieder sagt, wie sehr er sie liebt, dass sie die Einzige sei. Sie sich wieder so gesehen, verstanden und berührt wie zu Beginn fühlt.

Narzissten glauben, alles mit dem Partner machen zu dürfen

Auch in ihrer Arbeit als Lebensberaterin und Mentaltrainerin wird Oeuvray immer wieder mit dem Thema Narzissmus konfrontiert. «Der grösste Teil meiner Arbeit mit Menschen setzt sich mit narzisstischen Dynamiken auseinander.» Sei es, weil der Partner narzisstische Züge hat oder der Chef. Und auch wenn es um häusliche Gewalt und Femizide geht: In vielen Fällen rechnet Oeuvray damit, dass der Partner narzisstische Neigungen hat.

Ronald liebte die Kinder, aber er wollte auch eine Frau an seiner Seite, die für ihn da war und ihn verwöhnte. Er kam an erster Stelle.
Als Melanie die Babys eines Morgens im Bett stillen wollte, sagte Ronald: «Vergiss es. Deine Brüste gehören mir.»

Trennungen mit einem Narzissten seien oft übel, weil er das Gefühl habe, die Frau gehöre ihm. «Sie haben die tiefe Überzeugung, dass sie das Recht haben, alles mit dem Partner zu machen. Sie können zur Bestie werden.» Je nachdem, wie stark diese narzisstischen Neigungen ausgeprägt sind.

Männliche Co-Narzissten? Die Dunkelziffer dürfte hoch sein

Doch genauso gut können Frauen die Rolle der Narzisstin spielen, die ihren Partner schamlos ausnutzen. Auch im Thriller Oeuvrays ist die Mutter der Hauptprotagonistin Melanie eine Narzisstin, der Vater das Opfer. «Die Wissenschaft geht aber davon aus, dass zu 80 Prozent Männer die Rolle des Narzissten einnehmen», so Oeuvray. Doch die Dunkelziffer wird hoch sein, die Anzahl der Männer, die co-narzisstisch sind, viel höher. «Nur ist die Scham bei Männern grösser, darüber zu sprechen.»

Oder wie Psychiater Pablo Hagemeyer – der spezialisiert auf Egomanen ist und sich sogar selbst als einen bezeichnet – in einem Interview mit dem «Tagesanzeiger» sagte, wollen sich Frauen ebenso durchsetzen «und ihre Wichtigkeit bestätigt haben.» Nur sei ihr Verhalten intransparenter, «nicht so klar narzisstisch.»

Es widerte sie an, wie sie hier herumhastete, als wäre sie seine Dienerin.
Sie widerte sich an.

Oeuvray glaubt nicht, dass man mit einem Narzissten oder einer Narzisstin glücklich in einer Beziehung werden kann. «Co-Narzissten glauben, dass sie anderen dienen müssen, um wertvoll zu sein. Sie opfern sich für den Narzissten auf.» Sie definieren sich über die Opferrolle. «Je mehr sie sich als Opfer fühlen, desto stärker fühlen sie sich. Ein Teufelskreis.»

Die Autorin, die sich den #MeToo-Effekt wünscht

Oeuvray will mit ihrem Thriller anderen Mut machen. Viele Betroffene hätten sich in letzter Zeit bei ihr gemeldet. Rückmeldungen, dass man sich endlich verstanden fühle. Die Zugerin will eine Stimme für alle Betroffenen einnehmen. Anderen sagen, dass es kein Tabu sein soll, über toxische Beziehungen zu sprechen und sich wo nötig auch professionelle Hilfe zu suchen.

Egal ob Mann oder Frau, ein Narzisst ist im Herzen leer, unerfüllt, hungrig.

«Ich erhoffe mir durch den Thriller den #MeToo-Effekt», sagt Oeuvray. «Dass das Thema toxische Beziehungen nicht mehr unter den Teppich gekehrt werden.» Denn solche Beziehungen gebe es viel mehr, als man vermutet.

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2 Kommentare
  1. Hartmuth Kölling, 08.08.2020, 17:42 Uhr

    Seit mindestens 40 Jahren wissen wir das der westliche Kapitalismus Menschen braucht die narzisstisch geprägt sind. Diese beginnt in der frühen Kindheit und setzt sich durch die gesamte Sozialisation fort. Es ist also müssig
    nach schuldigen Individuen zu suchen. Natürlich gibt es Menschen die mehr
    grandios auftreten und andere die mehr masochistisch mit ihren kleinen Selbstwert umgehen. Das die beiden sich suchen um sich zu ergänzen ist
    verständlich aber nicht effektiv. Was in der heutigen Zeit noch hilfreich ist ?
    Lest das Buch > das falsche Selbst< von Hans Joachim Maaz, er erklärt
    uns was wir im Moment erreichen können. Viel Freude beim lesen.

  2. Daniele Vonarburg, 10.05.2020, 21:02 Uhr

    Dieses Thema interessiert mich, weil ich selber betroffen war. Meine Tochter ist jetzt auch in einer Beziehung mit einem narzisstischen Mann. Sie hört nicht auf mich. Aber vielleicht hilft es, wenn sie das Buch liest.

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