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Die leise Verschulung der Kindergärten
  • Gesellschaft
Das ist die Fantasie: Kindergartenkind steckt voller Potential, ist vielleicht ein kleiner Einstein, muss mit frühem Lernen geweckt werden. Alles falsch, sagt Carl Bossard. (Bild: zvg )

Spielen nicht erwünscht Die leise Verschulung der Kindergärten

7 min Lesezeit 22.02.2015, 16:00 Uhr

Der Wettbewerb verlagert sich in den Kindergarten: Kinder dürfen immer weniger spielen. Müssen immer früher schulisch lernen. Das sagt Carl Bossard, der Gründungsrektor der PH Zug. Der gesellschaftliche Trend sei dramatisch. Der Druck der Eltern nimmt zu. Aber ohne freies Spielen verbaut man den Kindern den Weg zu selbständigem Denken. Bossard sagt im Interview, weshalb Gesellschaft und Wissenschaft in völlig verschiedene Richtungen gehen.

«Der Verlust der freien Spielzeit macht aus Kindern eingetrichterte Puppen, die nicht lernen, selbständig zu denken.» Das sagt einer, der sich sein ganzes Leben lang mit dem Lernen und der Bildung beschäftigt hat. Dr. Carl Bossard hat als Gründungsrektor die PH Zug aufgebaut, war lange Direktor der Kantonsschule Luzern, hat Reihen von Kantonsschülern und Lehrern mitgeformt.

Und sagt: «Das freie Spielen hat im vorschulischen Kinderalltag stark an Bedeutung verloren. Kita und Kindergarten werden zunehmend als Orte zum Lernen und nicht zum Spielen angesehen. Das Spielen gilt als unnütz, als trivial.» Die ganze Schulzeit ist nach vorne verlegt worden, frühere Einschulung, früher in den Kindergarten, früher schulisch lernen. «Das ungezwungene, zweckfreie und vom Kind initiierte Spielen ist in Verruf geraten und damit gefährdet.»

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Und das ist dramatisch, sagt Bossard. Denn die Forschung zeige, dass genau das Gegenteil wichtig sei. Das Spielen sei der Königsweg des Denkens und Problemlösens. «Kinder müssen spielen können, auch stundenlang mit denselben Objekten. Man weiss aus der Forschung: Das fördert das kreative Denken, das schafft die Grundlage für das selbständige Denken überhaupt.»

Bossard hat zum Thema im Magazin Journal21 einen Essay verfasst. Gegenüber zentral+ gibt er Auskunft darüber, weshalb der Verlust der Spielzeit im Vorschulalter für die Kinder einschneidend ist. Und weshalb die Gesellschaft gegen besseres Wissen trotzdem immer früher schulisch unterrichten will.

 

zentral+: Wie haben Sie festgestellt, dass die Kinder in Kita und Kindergarten nicht mehr frei spielen dürfen?

Carl Bossard: In den letzten 20 Jahren ist die freie Spielzeit im vorschulischen Kinderalltag um einen Drittel geschrumpft. Das ist ein Fakt. Ich treffe Eltern und Kinder, studiere Lehrpläne und lese wissenschaftliche Studien. Das sind Beobachtungen, Aussagen von Kindergärtnerinnen und Eltern sowie Erkenntnisse von Forscherinnen. Wenn zum Beispiel die Tatsache, dasss ein Kindergärtner über längere Zeit am Gleichen spielt, als irritierend empfunden wird und allenfalls sogar als therapiewürdig, dann stimmt das nachdenklich. Dabei machen Kinder genau das, sie können stundenlang verweilen. Zweckfrei. Ohne einen Gegenstand wegzulegen. Das Denken ist ein Abkömmling des Tuns. Kinder lernen ganz viel über dieses freie Tun, sie kombinieren den Gegenstand neu, interpretieren ihn neu, das ist ein kreatives Kennenlernen. Das hat immer weniger Platz.

zentral+: Was ist in Kita und Kindergarten an die Stelle der freien Spielzeit getreten?

Bossard: Gezielte Arbeitsblätter, Aufgaben, die dem Kind «spielerisch» erste Mathematik- oder auch Fremdsprachenkenntnisse beibringen. Das Kind soll möglichst früh all die Fähigkeiten lernen, die Erwachsene können. Von Eltern kennt man diesen Druck: Ihre Kinder sollen möglichst früh einen Wissensvorsprung vor anderen Kindern haben und einmal eine möglichst hohe soziale Stellung erreichen. Abbild dieser Haltung ist der verstärkte Run aufs Gymnasium. Der Trend ist klar: Beschleunigen, früher einschulen. Das schulähnliche Lernen in den Kindergärten nimmt zu, sagt die Bildungsforscherin Margrit Stamm, Direktorin des Forschungsinstituts Swiss Education in Bern. Das zeigen verschiedene Studien, etwa die PRINZ-Studie (2014) oder die FRANZ-Studie (2012) «Früher an die Bildung – erfolgreicher in die Zukunft?».

zentral+: Woher kommt dieser Druck?

Bossard:

Carl Bossard, Gründungsrektor der PH Zug und ehemaliger Direktor der Kantonsschule Alpenquai Luzern, Autor.

Carl Bossard, Gründungsrektor der PH Zug und ehemaliger Direktor der Kantonsschule Alpenquai Luzern, Autor.

(Bild: zvg)

Da ist einerseits der pathologische Selbstzwang, dem sich unsere Gesellschaft in Teilen unterstellt, nämlich alles zu ökonomisieren, alles dem Effizienzgebot zu unterstellen, beinahe alle Lebensbereiche – von der Arbeit über die Wissenschaft bis zur Schule – dem Diktat «Leistung in der Zeiteinheit» unterzuordnen. Das verdrängt die Musse.

Dazu kommt die Angst vor dem sozialen Abstieg. Die Angst der erodierenden Mittelschicht. Heinz Bude schrieb ein kluges Buch über die Gesellschaft der Angst: Wir verteilen immer mehr Diplome, dadurch verliert die eigene Bildung an Wert. Deshalb verlagert sich der Wettbewerb schon in die Kindheit. Kinder müssen früh Fremdsprachen lernen – Englisch mit drei Jahren ist keine Ausnahme. Sie sollen schon im Kindergarten Wissen anhäufen. Sie müssen früher das können, was sie vorher erst in der Primarschule können mussten. Es hat sich einfach alles fast zwei Jahre früher in die Kindheit verlagert, auch durch HarmoS: Wo früher die Kinder zum Teil mit fünf oder sechs in den Kindergarten gingen, gehen sie heute mit vier.

zentral+: Was ist daran schlecht?

Bossard: Die Wissenschaft zeigt einen ganz anderen Weg auf: Margrit Stamm hat nachgewiesen, wie wichtig das freie Spiel ist, wie bedeutsam das Erlebnis, das vordergründig Unnütze ist. Das freie Spiel als Vorläufer des Denkens fördert die Intelligenz, stimuliert die Kreativität und die Problemlösefähigkeit. Das sind Grundfertigkeiten, die die Kinder später brauchen. Die spielerisch frühe Förderung ist die effektivste Lernform und der bedeutendste Entwicklungsmotor. Diese Entwicklung lässt sich schlicht nicht beschleunigen. Eine grosse Neuseeländische Studie hat gezeigt, dass Kinder, die entweder mit fünf oder mit sieben Jahren lesen lernten, spätestens mit neun Jahren gleich gut lesen. Mit zwölf kehrt sich das Verhältnis um: Diejenigen lesen jetzt besser, die es später gelernt haben.

«Die in Mittel- und Oberschichtfamilien verbreitete Frühförderhysterie bringt den Kindern gar nichts.»

Carl Bossard, Gründungsrektor PH Zug, ehemaliger Direktor Gymnasium Luzern

zentral+: Aber dieser grosse Wunsch der Eltern, in ihren Kindern durch frühe Förderung ein ungeahntes Potential zu entfalten, ist der nicht berechtigt?

Bossard: Dieser Wunsch ist verständlich und nachvollziehbar. Doch die Wissenschaft spricht eine andere Sprache. Die in Mittel- und Oberschichtfamilien verbreitete Frühförderhysterie bringt den Kindern gar nichts. Die leider auch von «verantwortungslosen» Forschern verbreitete Angst, es würden sich früh sogenannte Lernfenster schliessen, erwies sich als grundlos. Darauf weist die ETHZ-Forscherin Elsbeth Stern hin und betont, dass stattdessen mangelnde Fürsorge sich fatal auswirken könne. Das sagen im Übrigen alle Hirnforscher, unter anderen auch der Neurobiologe Prof. Gerhard Roth und der renommierte Kinderarzt Prof. Manfred Cierpka aus Heidelberg – dies aufgrund umfangreicher Forschungen. Alle betonen: Auch im Kleinkindalter ist kein spezielles Intelligenztraining vonnöten. Emotional dem Kind zugewandte Eltern, die mit ihm spielerisch die Welt erkunden und anregen, reichen aus. In der Gärtnersprache ausgedrückt: Der Rasen wächst nicht schneller, wenn man daran zupft. Der Verlust der freien Spielzeit aber macht aus Kindern eingetrichterte Puppen, die nicht lernen, selbständig zu denken.

zentral+: Wie kommt dann der Trend zum schulischen Lernen in die Kindergärten? Über Lehrpläne?

Bossard: Die gesellschaftliche Debatte dreht sich heute vor allem um Frühförderung und frühe Einschulung. Das verdrängt die Zeit für das freie Spiel. HarmoS hat den Schuleintritt nach unten gedrückt. Dadurch werden Kita und Kindergarten vermehrt zu Lernorten. Kindergärtnerinnen sehen sich so zunehmend dem Druck ausgesetzt, mit den Kindern «etwas Lehrreiches und Ernsthaftes» zu tun. Es muss allen bewusst sein: Der Kindergarten ist keine Frühschule. Es kann im Kindergarten nicht darum gehen, den Kindern lektionsmässig Kompetenzen einzutrichtern.

zentral+: Sondern?

Bossard: Das Kind hat eine natürliche Neugier, eine curiositée intellectuelle. Es soll seinen Forscherdrang beibehalten. Die Lust, etwas zu tun. Das ist die Aufgabe im Kindergarten. Es braucht viel Fantasie und Kreativität, solche Erlebnisse zu gestalten. Mit den Kindern so zu arbeiten.

zentral+: Sie bilden ja als Lehrer an der PHZ solche Lehrpersonen aus. Wird darauf zu wenig Wert gelegt?

Bossard: Wir haben Dozierende mit langjähriger Erfahrung auf der KiGa-Stufe die den Trend erkannt haben. Doch es braucht auf jeden Fall dieses Bewusstsein unter den Kindergärtnerinnen: Der Kindergarten ist keine Frühschule.

zentral+: Sie schreiben in Ihrem Essay, die Wirtschaft habe diese Verfrühung des schulischen Lernens über HarmoS bewusst gefordert. Aber ist es denn wirklich das, was die Wirtschaft tatsächlich braucht?

Bossard: Was braucht die Wirtschaft? Die Wirtschaft braucht Menschen, die kreativ und selbständig denken können. Das braucht sie. Keine abgerichteten Leute, nicht solche, die möglichst viele Dinge auswendig gelernt haben.

zentral+: Also ist das Ganze ein Missverständnis? Die Eltern machen dem Kind Druck, weil sie denken, dadurch die Chancen des Kindes zu erhöhen. Stattdessen verschlechtert der Druck die Chancen der Kinder, in der Wirtschaft und Gesellschaft wirksame und zukunftsweisende Positionen einzunehmen.

Bossard: Vielleicht ist es tatsächlich ein Missverständnis. Auf jeden Fall nimmt das schulähnliche, didaktisch-instruierende Lernen im Kindergarten zu. Und das, obwohl die Wissenschaft ganz klar aufzeigt, dass spielerisches Lernen erfolgversprechender ist.

zentral+: Ist das nicht schlicht Nostalgie? Früher waren die Kindergärten ja so – die Spielzeit war wichtiger.

Bossard: Es ist keine Nostalgie. Es ist ein Rückkommen auf etwas, das man verloren hatte. Es ist eine Renaissance des freien Spielens, die die Forschung aufzeigt. Gute frühe Förderung lässt Kinder auf spielerische und ihnen eigene Art das lernen, was im Bereich des Möglichen liegt. In der Gesellschaft ist das noch zu wenig angekommen.

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