Die Porträtierten hat er an der Määs entdeckt: aus der Fotoserie, die Cedric Zellweger an der photo17 zeigen wird. (Bild: Cedric Zellweger)
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Die Porträtierten hat er an der Määs entdeckt: aus der Fotoserie, die Cedric Zellweger an der photo17 zeigen wird. (Bild: Cedric Zellweger)

Die etwas anderen Models von der Strasse

12min Lesezeit

Ein junger Selfmade-Fotograf landet in der Modewelt – und eine Luzerner Fotografin dokumentiert eine US-Band auf Tour. Cedric Zellweger und Raffaella Bachmann stellen an der Werkschau photo17 in Zürich aus. Ihre Beweggründe könnten unterschiedlicher nicht sein.

Es braucht einiges, um da wahrgenommen zu werden: 150 Fotografinnen und Fotografen zeigen in Zürich ab 6. Januar ihre aktuellen Werke. 4000 Quadratmeter nur für Fotografie. Die photo17 ist die grösste Werkschau für Schweizer Fotografie (siehe Box).

Aus der Zentralschweiz sind heuer 23 Fotografen dabei. Zwei, die sich dem stellen, sind Cedric Zellweger und Raffaella Bachmann. Beide sind jung, beide aus Luzern – doch ihre Arbeiten sind höchst unterschiedlich.

Lernen von den Vorbildern

Im Moment ist er am lernen, doch sonst steht für Cedric Zellweger die Fotografie im Zentrum.
Im Moment ist er am lernen, doch sonst steht für Cedric Zellweger die Fotografie im Zentrum. (Bild: zvg)
Cedric Zellweger, 22 Jahre jung, hat eigentlich grad gar keine Zeit für die photo17. Prüfungen stehen an, er ist am «Hardcore-Lernen» für sein Volkswirtschaftsstudium. Der Luzerner wohnt und studiert in Zürich.

Zellweger machte vor zweieinhalb Jahren erste Gehversuche in der Fotografie. In einem Zwischenjahr nach dem Gymi reiste er nach Hawaii – mit im Gepäck seine erste richtige Kamera, die er überallhin mitnahm.

Zurück in der Schweiz war es karger Winter, und er begann vermehrt Leute zu porträtieren. «Innert eines Jahres hat sich alles sehr schnell entwickelt», erzählt er. Er setzte gänzlich auf die Werkzeuge der Generation Youtube und Instagram.

Er folgte seinen Vorbildern, schaute sich deren Tutorials an und vor allem: Er probierte im Fotostudio im Luzerner Treibhaus möglichst viel aus. So brachte sich Zellweger das Handwerk nach und nach selber bei.

Eine Krankheit zwang zum Zwischenjahr

Dass es dann ernst wurde mit der Fotografie, ist einem unschönen Zufall geschuldet: Cedric Zellweger wollte sein Studium beginnen, doch während eines Roadtrips in Spanien platzte ihm der Blinddarm. «Das band mich fast für ein halbes Jahr ans Bett», sagt er. Ärzte in Spanien machten Fehler, also musste er immer wieder ins Spital und erholte sich nur langsam – das Studium musste warten. «Das trieb mich dann in ein zweites Zwischenjahr, das ich intensiv für die Fotografie nutzte», sagt er. Und in diesem Jahr sollte es richtig losgehen mit der Modefotografie.

Am Anfang hat er gratis fotografiert, um an möglichst viele Kontakte zu gelangen. «Und auf einmal begannen die Leute auf mich zuzukommen», sagt er. Erste bezahlte Fotoaufträge kamen rein, Kleidermarken stellten ihm ihre Kollektionen zur Verfügung und Zellweger fing an, «New Faces», also Nachwuchsmodels, von Modelagenturen abzulichten.

Auf der Suche nach neuen Gesichtern

Obwohl noch ganz neu im Business, begann ihn die kontrastreiche, glatte und perfekte Modefotografie bald zu langweilen. An der photo17 zeigt Zellweger darum eine andere Arbeit als das, was man bisher von ihm gesehen hat. Stil, Gesichter, aber auch die Technik haben sich in den letzten Monaten komplett geändert, die neuen Bilder sind analog, mit Kleinbildfilmen entstanden.

«Ich weiss genau, in welche Richtung es gehen soll, das treibt mich an.»

Cedric Zellweger, Fotograf

«Ich richtete den Fokus weg vom Verkauf und von Modelagenturen. So habe ich für mich eine Art Fotografie gefunden, die ich unbedingt weiterverfolgen will», sagt er. Dazu hält er auf der Strasse Ausschau nach spannenden Gesichtern. Dabei interessieren ihn nicht nur die gängigen Schönheitsideale. Speziell die «Ostblock-Drögeler-Fotografie» fasziniere ihn – bewusst plakativ ausgedrückt. Markante, spezielle Gesichter, «die nicht unbedingt schön sind, aber viel aussagen».

Zellweger arbeitet aktuell mit dem Zürcher Blogger «Mattschwarz» zusammen, der wiederum Kontakte zu Geschäften und Labels hat. «So kann ich damit Geld verdienen, aber genau das machen, was ich will, und jene Leute auswählen, die ich spannend finde», sagt er.

Aus der Fotoserie, die Cedric Zellweger an der photo17 zeigen wird.
Aus der Fotoserie, die Cedric Zellweger an der photo17 zeigen wird. (Bild: Cedric Zellweger)

Models von der Määs

An der photo17 zeigt er Fotos der drei «Ginger-Jungs», wie er sie nennt, eine seiner neusten Analog-Arbeiten. Die Jugendlichen hat er an der Luzerner Määs diesen Herbst entdeckt und angesprochen. Sie sind zwischen 13 und 15 Jahre alt, anfangs seien sie skeptisch gewesen, hätten sich aber schliesslich wieder bei ihm gemeldet. Das Shooting fand dann an einem Tag auf einem Bauernhof statt.

Es mutet ironisch an, dass ein junger Fotograf, der das Social-Media-Zeitalter verkörpert und ohne die Möglichkeiten des Internets nicht dort wäre, wo er heute ist, auf analoge Fotografie setzt. «Ich wollte das einfach ausprobieren», sagt er.

Das Verfahren ist aufwendig: Mit der Digitalkamera machte er Testaufnahmen, bis alle Einstellungen stimmten. Danach schoss er die Analogbilder und entwickelte sie im Labor. Schliesslich hat er die Abzüge einscannt und sie so wieder digitalisiert. «Das braucht enorm Zeit, das mache ich meistens in der Zeit zwischen Mitternacht und morgens um vier», sagt er.

Die ausgestellten Fotos aus dieser Serie sind analog entstanden.
Die ausgestellten Fotos aus dieser Serie sind analog entstanden. (Bild: Cedric Zellweger)

Paris, London, vielleicht Osteuropa

Dass Zellweger sein Portfolio so radikal geändert hat, kommt bei vielen gut an, andere wiederum fänden eher die moderne, kontrastreiche Studio-Fotografie cool. «Aber solange es mir so gut gefällt, mache ich weiter», sagt er.

150 Fotografen an der photo17

Die Werkschau photo 17 dauert vom Freitag, 6., bis Dienstag, 10. Januar (Maag-Halle Zürich). Auf den Instagram-Accounts von Cedric Zellweger und Raffaella Bachmann findet man mehr Fotos von ihnen.

Nun stehen vorerst die Prüfungen Anfang Januar im Vordergrund und die Fotografie muss ruhen. Das Studium ist für ihn mehr Absicherung als wirkliches Interesse. Die Hauptrolle spielt weiterhin die Fotografie. Leben kann Cedric Zellweger zwar noch nicht davon, aber seit Kurzem stellt ihm ein grosser Kamerahersteller das nötige Equipment zur Verfügung.

Pläne hat er bereits genügend, weitere Aufnahmesessions und Projekte sind aufgegleist. Er arbeitet regelmässig mit Jeffrey Cameron, dem ehemaligen Art Director von Ralph Lauren in Paris, zusammen. Es stehen Ausstellungen in Paris und London an, dazu ein Filmprojekt. Und auch eine Reise nach Osteuropa reizt ihn: «Ich will versuchen, Leute kennenzulernen und sie in ihren Wohnungen, in ihren Kleidern, zu porträtieren.» Ihm schwebt eine Mischung aus Mode- und Reportagefotografie vor. Für sein Alter tönt das sehr abgeklärt: «Ich weiss genau, in welche Richtung es gehen soll, das treibt mich an.»

Via New York zurück nach Luzern

Die Luzerner Fotografin Raffaella Bachmann.
Die Luzerner Fotografin Raffaella Bachmann. (Bild: zvg)
Auch die Fotografin Raffaella Bachmann wusste genau, welche Richtung sie einschlagen will. Sie lebt und arbeitet in Luzern. Wieder in Luzern, muss man sagen. Ihre Ausbildung zur Fotografin machte sie in Paris und New York an der Parsons School of Design. Dass es sie ins Ausland zieht, war für sie schon lange klar. «Ich habe mich nach der Oberstufe überall beworben, hätte aber nicht erwartet, dass es gerade an dieser Kunsthochschule klappt.»

Das war 2008 und die finanziellen Möglichkeiten waren beschränkt. Doch dank Stipendien und viel Überzeugung konnte sie die Ausbildung in Angriff nehmen. Denn: «Ich sah für mich nie eine andere Möglichkeit als eine Ausbildung im Kreativ- oder Kunstbereich», sagt sie. «Mit der Fotografie konnte ich am besten und am natürlichsten meine Gedanken und Ideen verwirklichen.»

Streng, aber glücklich

Seither arbeitet die heute 27-jährige Bachmann als selbstständige Fotografin: Kunst- und Musikfotografie stehen im Vordergrund, ebenso experimentelle Arbeiten und auch kommerzielle Auftragsfotografie. Fotografie ist für sie beides: Passion und Brotjob. «Ich mache viele Porträts, auch Modefotografie und Aktaufnahmen sowie Aufträge für Magazine oder Geschäfte.» Hochzeiten habe sie bis jetzt noch vermeiden können, sagt sie und lacht. Zudem fotografiert sie seit einigen Jahren regelmässig an der Pariser Fashion Week.

«Endlose Strassen, Schweigen, Kotzen, Tanzen, Couches, Tankstellen – all das wird zu deinem Zuhause.»

Raffaella Bachmann, Fotografin

Sie romantisiert das Leben als Fotografin nicht. «Es ist nicht immer einfach, es gibt Momente, da komme ich nur knapp durch», sagt sie. Es brauche zwar Mut und sei oft streng, zudem habe sie kaum je einfach frei. «Aber ich bin überglücklich damit und sehr dankbar, dass ich das machen darf.»

Mit der Kamera auf der Tour dabei

In Zürich an der photo17 zeigt sie Schwarz-Weiss-Fotos aus dem Tourleben einer Band namens Clear Plastic Masks. Sie hat die Band in New York kennengelernt und besucht sie seither regelmässig in Nashville, dieser «Wahnsinnsstadt», wo die Band inzwischen beheimatet ist. «Musik war schon immer ein wichtiger Teil für mich, also habe ich angefangen, die Band zu fotografieren», sagt Raffaella Bachmann.

Aus dem Tourleben der Band Clear Plastic Masks.
Aus dem Tourleben der Band Clear Plastic Masks. (Bild: Raffaella Bachmann)

Diesen Sommer schliesslich fuhr sie zwei Monate mit der Band auf Tour – und machte den ganzen Wahnsinn mit. «Endlose Strassen, Schweigen, Kotzen, Tanzen, Couches, Tankstellen – all das wird zu deinem Zuhause», hält die Fotografin zu ihrer Fotoserie fest.

Sie suchte auf der Tour die speziellen Momente: die Augenblicke vor und nach den Shows, das Warten, das Weiterschauen und jeden Tag in einer anderen Stadt zu verbringen. Nichts Glamouröses also? Kommt auf den Blickwinkel an, jedenfalls findet man die Schönheit in ihren Fotos durchaus. «Ich wollte jene Zwischenmomente aufnehmen, welche auf poetische Weise den Augenblick zum Ausdruck bringen», sagt sie.

Die US-Band Clear Plastic Masks auf Tour – festgehalten von einer Luzerner Fotografin.
Die US-Band Clear Plastic Masks auf Tour – festgehalten von einer Luzerner Fotografin. (Bild: Raffaella Bachmann)

Die Tour brachte die Band und Bachmann von Nashville durch Texas, den Süden der USA und an die Westküste bis nach Los Angeles. «Die Band ist noch nicht riesig, aber sie leben ihr Musikerding so fest», sagt Raffaella Bachmann. Oder wie es im Beschrieb zur Fotoserie heisst: «It’s the beauty of youth living its dream. It is pure freedom.»

Die Dokumentar-Fotos hat Raffaella Bachmann bis jetzt noch nie öffentlich gezeigt, darum ist die Fotografin nun gespannt auf die Reaktionen. «Wir werden sehen, was mir die Plattform bringt», sagt sie. Darüber hinaus hofft sie, dass sie an der photo17 die Chance hat, viele neue Leute kennenzulernen, sich auszutauschen und vor allem die Arbeiten von anderen Künstlern anzuschauen.

Mehr Bilder von Cedric Zellweger und Raffaella Bachmann gibt’s in der Bildergalerie:

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