Rossel mit einem Huhn, das aus der Eiproduktion ausrangiert wurde und seither auf dem Gnadenhof lebt. (Bild: wia)
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Rossel mit einem Huhn, das aus der Eiproduktion ausrangiert wurde und seither auf dem Gnadenhof lebt. (Bild: wia)

«Irgendwann müssen wir alle vegan leben»

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Die Baarer Tierrechtsaktivistin Valentina Rossel fordert die Abschaffung der Tierhaltung und des Konsums tierischer Produkte. Damit sie sich voll und ganz auf dieses Ziel fokussieren kann, hat sie ihren KV-Job gekündet, zog aufs Land und arbeitet nun auf einem Gnadenhof. Ihr bester Freund dort: der verschmuste Dreihundertkilo-Eber Tobi.

Bei unserer Ankunft steht Valentina Rossel im Gehege und füttert glückliche Hühner. Ganz unklischiert, wirklich und wahrhaftig glückliche Hühner. Alle 40 von ihnen sind dem Schlachter nämlich von der Schippe gesprungen. Wie alle Tiere, die auf dem Hof Narr im zürcherischen Hinteregg leben. Die winzigen Ponys, die stolzen Pferde, die gigantischen Schweine, sie alle wurden vor dem Schlachthof gerettet.

Während die gebürtige Zugerin ins Bauernhaus tritt, um einen Cappuccino zu brauen, schleicht ein alter Kater penetrant maunzend über den Hof. Das Tier bewegt sich langsam, es scheint biblischen Alters zu sein. Rossel kommt mit zwei Tassen aus dem Haus, wir setzen uns an die sonnenbeschienene Bank, Jussi, der Kater, setzt sich derweil auf den Tisch zwischen uns, wo das 23-jährige Tier für den Rest des Interviews bleiben wird.

Speziesismus, ein wichtiges Wort für Rossel

«Ich war schon immer sehr sensibel», beginnt Rossel, «und bereits als Kind sehr tierlieb. Doch ass ich damals noch Fleisch, weil ich überhaupt nicht begriff, was das bedeutete.» Sie sei damals noch Speziesistin gewesen. Es ist ein Wort, das Rossel häufig gebraucht. Speziesismus. Der Umstand, dass sich Menschen ihre moralischen Werte so zurechtlegen, dass es für sie legitim wird, Tiere zu schlachten und zu essen.

Der Hof Narr liegt höchst idyllisch zwischen dem Greifensee und dem Pfannenstil.
Der Hof Narr liegt höchst idyllisch zwischen dem Greifensee und dem Pfannenstil. (Bild: wia)

«Später habe ich mich in Spanien in einem Tierheim für den Schutz von Hunden und Katzen eingesetzt und wurde Vegetarierin», sagt die 26-Jährige. «Ich hatte immer schon ein starkes Gerechtigkeitsdenken. Als ich später begann, mich mit Tierversuchen auseinanderzusetzen, realisierte ich, dass es nicht reicht, nur Vegetarierin zu sein.»

Vor vier Jahren lernte sie den Gnadenhof Narr in Hinteregg kennen. «Ich war sofort Feuer und Flamme», sagt sie. Immer mehr Zeit verbrachte sie hier und half bei den Tieren sowie auf dem Obst- und Gemüsebetrieb mit. «Dieses Projekt spricht alles in mir an. Es ist ein Mikrokosmos davon, wie die Welt sein sollte», sagt sie und blickt um sich. Gackernde Hühner, mampfende Shetlandponys, der Methusalem von Kater auf dem Tisch maunzt zufrieden.

«Irgendwann kam mir mein Job im KV-Bereich nur noch sinnlos vor.» Rossel beschloss, zu kündigen. Seit Februar 2018 wohnt sie in Hinteregg, arbeitet auf dem Hof und in einem veganen Laden in Uster. «Es war die beste Entscheidung überhaupt. Ein Wendepunkt. Hier bin ich wirklich zuhause», sagt sie, «hier kann ich mein Leben auf ganzer Ebene für eine bessere Welt einsetzen.»

Wöchentlicher Protest vor dem Schlachthof

Seit Jahren nimmt Rossel an Tiermahnwachen teil und steht noch heute wöchentlich mit Gleichgesinnten vor dem Zürcher Schlachthof, um zu protestieren.

Ob es Sinn macht, gerade dort zu stehen? Die Leute, die auf dem Schlachthof verkehren, wissen wohl haargenau, wie es da zugeht und lassen sich kaum von ein paar Aktivisten beeindrucken. «Die Leute vom Schlachthof sind nicht unser Zielpublikum. Vielmehr wollen wir anderen zeigen, was dort passiert.»

«Das Unrecht, das in der Tierhaltung geschieht, konnte ich anfangs fast nicht glauben.»

Valentina Rossel, Tierrechtsaktivistin

Rossel führt aus: «Das Unrecht, das in der Tierhaltung geschieht, konnte ich anfangs fast nicht glauben. Es hat mich zutiefst erschüttert und völlig eingenommen.» Vom anliegenden Gelände filmen die Aktivisten, wie die Tiere vom Transporter ins Schlachthaus getrieben werden und stellen die Videos auf Social Media.

Seit dem «Rundschau»-Bericht haben sie Geländeverbot

«Früher durften wir noch aufs Schlachthofgelände. Nach einem «Rundschau»-Bericht über uns wurde uns verboten, das Gelände zu betreten.» Wohl aus Angst vor negativen Schlagzeilen, vermutet die Baarerin. «Dabei wollen wir nicht die Leute vom Schlachthof an den Pranger stellen. Wir prangern das ganze System an», sagt Rossel.

Rossel ist es gewohnt, kritische Fragen zu beantworten. Die Aussage, dass mit dem Anbau von Soja Regenwälder zerstört werden und damit auch dem Veganismus etwas entgegenzusetzen sei, kontert sie routiniert: «Diese Aussage lässt sich leicht widerlegen. 90 Prozent der Sojafelder dienen nämlich nicht dem menschlichen Verzehr, sondern werden für die Viehmast gebraucht.»

Auch, wenn sich die gesamte Weltbevölkerung vegan ernähren würde, bräuchte sie nur einen Bruchteil des heute angebauten Sojas, ist Rossel überzeugt.

Jussi, das Urgestein, half beim Interview mit.
Jussi, das Urgestein, half beim Interview mit. (Bild: wia)

Wo sind die Grenzen der Aktivismus?

Es gibt Tierrechtsaktivisten, welche die Grenzen des Legalen überschreiten und Gefängnisstrafen in Kauf nehmen. Wo ist Valentina Rossels Grenze? «Das ist tatsächlich eine sehr präsente Frage. Für mich steht dabei im Vordergrund, abzuwägen, was am meisten Nutzen bringt.»

«Es bringt keinen Nutzen, jemandem aus Frust eine Fensterscheibe einzuschlagen.»

Valentina Rossel

Dabei gehe sie taktisch vor: «Ich überlege mir eine Aktion und ein Ziel, das ich erreichen will. Dann frage ich mich, was es dazu braucht.» Sie ergänzt: «Es bringt keinen Nutzen, jemandem aus Frust eine Fensterscheibe einzuschlagen.» Und wenn es mal richtig emotional zu- und hergeht? «Klar, dann muss man sich kontrollieren und wieder zu sich finden. Es nützt schliesslich auch nichts, wenn wir Negativpresse bekommen.»

Der Eber Tobi stiess vor vier Jahren auf den Gnadenhof.
Der Eber Tobi stiess vor vier Jahren auf den Gnadenhof. (Bild: wia)

Der Kaffee ist ausgetrunken. Wir besuchen Tobi. Und sind schwer beeindruckt. Tobi ist ein 300 Kilo schwerer Eber. Zutraulich wie ein Golden Retriever, bloss weniger flauschig. Wir betreten das grosszügige Gehege. Tobi kommt angezottelt, legt sich gleich hin und lässt sich ausgiebig am Bauch kraulen. Zwei weitere entspannte Schweine liegen im Stroh und dösen.

Dass Schweine so gross werden, war uns bisher nicht bekannt.«Spätestens, wenn sie fünf Monate alt sind, werden die Tiere üblicherweise geschlachtet. Dann sind sie noch wesentlich kleiner», erklärt Rossel, während sie dem Eber zärtlich über den Rücken streicht. Ihre Beziehung zu dem imposanten Tier ist innig.

Wir verlassen das Gehege. In dessen Nähe leben die Ziegen. Darunter ein Ziegenbock, der seiner Rolle als Zuchtbock nicht gerecht wurde und deshalb hätte geschlachtet werden sollen. Auch die hier lebenden Hühner haben eine eher grausame Vorgeschichte:

Es ist Zeit, die Pferde von der Koppel zu holen. Valentina Rossel öffnet das Gatter, nachdem ihre Kollegin die Tiere auf dem Feld anspornt. Laut ruft Rossel «Chööömed!», und die sechs Rösser toben über die grosse Wiese.

«Wir haben viele Besucher hier. Schulklassen, aber auch Gruppen mit Behinderten oder Flüchtlinge. Bei vielen lässt dieser Hof eine bestimmte Saite anklingen», so die junge Frau. «Wir betreiben nachhaltige, gewaltfreie Landwirtschaft, leben in einer Koexistenz miteinander.»

Das Ziel, das Rossel mit ihrer Arbeit und dem Aktivismus erreichen will, ist klar: «Irgendwann müssen wir alle auf vegane Ernährung umsteigen.» Alles andere sei in Anbetracht des Ressourcenverbrauchs und der Umweltverschmutzung, welche im Rahmen der Produktion tierischer Produkte entstehe, nicht genug. «Das ist der einzig mögliche Weg, um die Welt zu retten», ist für Rossel klar.

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