Sascha Welz hat als Gastronom ein Dutzend Luzerner Lokale geprägt. (Bild: jav)
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Sascha Welz hat als Gastronom ein Dutzend Luzerner Lokale geprägt. (Bild: jav)

Der nicht mehr ganz so junge Wilde der Luzerner Gastro-Szene

12min Lesezeit

Der Berliner Sascha Welz mischt seit fast 30 Jahren die Luzerner Gastronomie auf. Wir sind mit ihm durch seine ehemaligen und oft legendären Wirkungsstätten gezogen. Ein Abend voller Bars, Bier und Nostalgie.

Er wirkt unaufgeregt. So, als würde er sich kaum jemals ärgern. Auch das Grübeln gibt man ihm nicht oder das Schwelgen.

Und dann haben wir ihn doch dabei erwischt. Nach gefühlten zehn Bier und Velokilometern steht Sascha Welz am Ufer des Vierwaldstättersees, an der Stelle, wo früher einmal die Haifisch-Bar brummte, und wird still. Doch alles von Anfang an.

West, Ost und neue Wege

Wir verabreden uns da, wo es in den frühen 90er-Jahren für den Westberliner Alexander Sascha Welz in Luzern begann. In Tschuppis Wonderbar in der Kleinstadt.

Damals verliess Welz West-Berlin, wo er ein paar Jahre vorher noch mit dem «Die Ärzte»-Frontmann Farin Urlaub im Sandkasten gesessen hatte. Nun war die Mauer gefallen, Tausende Menschen strömten in den Westen. Für Welz, der sich damals in der Hausbesetzerszene Berlins umtrieb, Zeit, etwas Neues zu suchen.

Punks, Feuer und Afterhours

Bei Tschuppi planen wir bei einem Bier die abendliche Tour. Zwölf gastronomische Stationen hat Welz bisher in der Zentralschweiz durchlaufen (siehe Box). Tschuppis Wonderbar hiess zu Welz’ Zeiten noch «Die Bar». Er hatte während der punkigen Sedel-Zeiten das Wirtepatent gemacht und konnte «Die Bar» als Geschäftsführer übernehmen. Afterhours waren hier angesagt und brennende Shots, erinnert sich Welz.

Eigentlich war «Die Bar» seine zweite Station in Luzern. Welz hatte 1990 im Sedel begonnen. Ein Kollege aus Luzern hatte die Idee: «Lass uns im Sedel Bier verkaufen.» Das taten sie.

In Tschuppis Wonderbar starten wir unsere Bar-Tour.
In Tschuppis Wonderbar starten wir unsere Bar-Tour. (Bild: jav)

Sushi, Internet und Liebesdramen

Danach übernahm Welz das «Parterre» und eröffnete darin das erste Internet-Café der Schweiz. «Obwohl ich damals nicht einmal wusste, wie ein Computer überhaupt angeht.» In den sechs Jahren an der Mythenstrasse lernte er nicht nur das, er machte das «Parterre» international bekannt. Neue Trends wie Sushi und Gamen, die Festivals Fiper, Fumetto und Gwand beherbergte er in ihren Anfängen. Er erzählt von Einbrüchen und von Dramen um den verliebten Koch und die Adlige Bessie Gräfin von Brühl.

«In Berlin gab es alles, in Luzern vergleichsweise nichts.»

Er sitzt am grossen Betontisch in der Mitte des Lokals, der schon zu seiner Zeit da stand, und schüttelt den Kopf über die neuen Fliesen an der Bar. «Ich muss das wohl auch nicht mehr verstehen», kommentiert er den kürzlichen Umbau lachend.

Die Tour

  1. Sedel – lassen wir weg. Weil zu weit weg.
  2. Die Bar – (heute Tschuppis wonderbar) Hier wird gestartet.
  3. Parterre
  4. Jochpass – Lassen wir aus. Weil wirklich zu weit weg.
  5. Haifisch-Bar am See – (heute ein Spielplatz) Wir trinken ein Bier nebenan im Tivoli am See bei Claude Zeder.
  6. Drei Könige
  7. Odeon – (heute das Uhrengeschäft Chromoswiss) Wir stellen uns kurz davor.
  8. Baba-Bar (heute das Orthopädiegeschäft Schärer) Wir stellen uns kurz davor.
  9. Beach-Bar an der Ufschötti* – lassen wir ebenfalls aus.
  10. Gewerbehalle
  11. Bar Berlin (heute El Barrio)
  12. Bar Berlin* die Zweite

* Diese Bars führt er heute.

Gastronom, Galerist und Zimmermann

Schleifen, malen, hämmern und schweissen: Der gelernte Betonbauer und Zimmermann hat stets selbst Hand angelegt. Im «Drei Könige» baute er die Bar ein und öffnete eine Fensterfront zum Trottoir hin. In der «Gewerbehalle» stammen die Tische aus der alten Haifisch-Bar. Die hat er abgeschliffen, die Lampen an den Wänden selbst designt. Der Brunnen zwischen «Gewerbehalle» und El Barrio ist mit einem von Welz geschweissten Kunstwerk geschmückt. Den Handwerker hat der 55-Jährige nie verloren.

Neben seinem gastronomischen Wirken führt Welz eine Baufirma mit dem Namen Baba Industrie GmbH. Die folgt auf eine Konzertagentur, eine Internetfirma und eine Galerie, die er mit seiner damaligen Frau am Löwenplatz führte. «Ich habe schlicht Freude am Gestalten, an der Umsetzung neuer Ideen», sagt Welz so selbstverständlich.

Auf dem Jochpass hat er das erste Iglu der Schweiz gebaut. Im Sedel die ersten Technopartys veranstaltet. Im «Parterre» das erste Internet-Café eröffnet und das erste Sushi in Luzern serviert. So weltbewegend seien seine Konzepte gar nicht gewesen, winkt er ab. Er habe bloss viele Ideen aus seiner Heimatstadt mitgebracht. «In Berlin gab es alles, in Luzern vergleichsweise nichts. So wurde der Einäugige König unter den Blinden.»

So locker jedoch, wie es sich heute anhört, sei es nicht immer gewesen. «Auch ich musste kämpfen und habe die Grenzen ausgetestet», so Welz. Doch er sei immer im Rahmen geblieben – keine Drogen oder Frauengeschichten. «Nur manchmal schräge Leute», sagt er und lacht. Mit Behörden und Bewilligungen sei der Umgang damals entspannter gewesen und zwischendurch auch ein Polizist für drei, vier Schnäpse sitzen geblieben, statt die Sperrstunde durchzusetzen.

Massen, Klasse und Polizeieinsätze

Wir fahren weiter zur ehemaligen Haifisch-Bar am See. Zehn Jahre hat Welz hier gewirtet. Doch mit dem Abriss des Hotel Tivoli und der benachbarten Bar 57 ging das Land, auf welchem die Haifisch-Bar stand, an die Stadt. «Es waren zehn schöne Jahre», sagt Welz und blickt plötzlich gerührt auf den Spielplatz, wo früher die Bar stand. Die ganze Promenade sei voller Menschen gewesen. «Ewig lange Schlangen zogen sich vom WC bis zwischen die Bäume.» Selbst die einsamen Regentage, an welchen unter den Planen Karten gespielt und das Golfabschlagen in den See mit Kastanien geübt wurde, seien legendär. Genauso wie die grossen Partys. «Die Polizei hat uns an Silvester 2000 sogar die Bar zugemacht. Dafür hatten wir am nächsten Tag das grösste Bild in der Zeitung», sagt Welz und lacht, während wir uns im Restaurant Tivoli am See neben dem Spielplatz ein vom Chef offeriertes Bier genehmigen. Auch hier ist die Begrüssung herzlich und der Austausch rege, wie bei praktisch allen Stationen an diesem Abend.

Am alten Standort der Haifischbar wird Welz nostalgisch.
Am alten Standort der Haifisch-Bar wird Welz nostalgisch. (Bild: jav)

In derselben Silvesternacht blockierte die Streetdance-Party von Welz vor dem Restaurant «Drei Könige» den ganzen Platz auf der Kreuzung Bruch- und Klosterstrasse. 

Als er das «Drei Könige» im Bruchquartier übernommen hatte, «da hab ich mir die grossen Schuhe angezogen», sagt er und schaut sich aufmerksam um. Ein Restaurant, eine Schwulenbar und ein 15-Quadratmeter-Kellerlokal führte Welz hier. Unter dem Boden im «Schneckenloch» standen teilweise drei Leute gleichzeitig an der Bar. Der Laden lief, getrunken wurde Vanillelikör mit Wodka, ein Getränk, das in der Haifisch-Bar bereits Trend war. Rundherum gab es damals noch keine Beizen. Im ehemaligen Meridiani wurden noch Briefmarken verkauft.

Uhren, Arien und orthopädisches Schuhwerk

Auf dem Rückweg Richtung Innenstadt halten wir kurz an zwei Stationen. Hier müssen wir auf dem Trottoir und «auf dem Trockenen» stehen bleiben. Eine willkommene Abwechslung auf der Tour, denn der Pegel steigt spürbar.

«Menschen unterschiedlichster Couleur. Das ist es, was mich an der Gastronomie so reizt.»

In der ehemaligen Bar «Odeon», einem Lokal gleich neben dem Bourbaki, werden mittlerweile schicke Uhren verkauft. «Das war eine komische Welt. Hohe Räume, Chrom überall. Da haben wir richtig auf dicke Hose gemacht», sagt Welz lachend. Passend dazu erzählt er, an die blitzblanke Fassade gelehnt, wie der russische Nachtportier Sergej – vom Hotel ums Eck – oft Arien schmetternd um das Haus geschlendert sei. Lange wirtete Welz hier nicht. «Ein Umbau, eine andere Nutzung, ein Vertrag lief aus oder ein gutes Angebot über den Weg, es gab immer gute Gründe für die Wechsel», erklärt er. Nicht immer war er derjenige, der das Ende einer Bar einläutete, und ein paar Lokale hätte er auch gerne länger geführt.

An bester Lage führte Welz die Baba-Bar. Heute werden hier Schuhe verkauft.
An bester Lage führte Welz die Baba-Bar. Heute werden hier Schuhe verkauft. (Bild: jav)

Gerade der Baba-Bar trauert er offensichtlich nach. Vor dem heutigen Orthopädiegeschäft Schärer in der Theaterstrasse wird er nostalgisch. Hier habe sich alles getroffen. «Punker und Banker. Menschen unterschiedlichster Couleur. Genau das ist es, was mich an der Gastronomie so reizt», sagt Welz und begutachtet die orthopädischen Schuhe im Schaufenster. «Verwurzelt ist man an einem Ort, wenn man bei Menschen angekommen ist.» Und er sei in Luzern oft an die richtigen Leute geraten, sagt der Vater von drei Kindern.

Alkohol, Grenzen und das Elend

In der «Gewerbehalle» an der Baselstrasse treffen wir auf einen alten Bekannten im Elend. «Damit lebt man im Nachtleben», meint Welz pragmatisch. Der Alkohol gehört dazu und damit auch die Menschen, die sich in ihm ertränken.

«Auch ich hatte meine Krisen mit dem Nachtleben.»

«Man muss aber gerade in der Baselstrasse wissen, welche Leute man besser raushält.» Wer verpasse, Grenzen zu setzen, der könne einen Laden hier nicht halten. Ein guter Türsteher sei deshalb Gold wert. Das habe er auch in der «Gewerbehalle» gelernt, wo damals der Carajillo in Strömen floss und sich die «Kunsti-» und die Rockerszene traf.

Die Gewerbehalle und die Bar Berlin – zwei Wirkungsstätten von Welz sind nur wenige Schritte voneinander entfernt.
Die «Gewerbehalle» und die Bar Berlin – zwei Wirkungsstätten von Welz sind nur wenige Schritte voneinander entfernt. (Bild: jav)

Guten Tag, guten Abend und gute Nacht

Im El Barrio, der ehemaligen Bar Berlin, werden wir mit Umarmungen und einem Rum begrüsst, das Tischchen vor der Tür wird trotz erster Regentropfen für Welz und Begleitung stehen gelassen. Mittlerweile ist es spät geworden – und der Blick schräg. Wir bleiben kurz, die letzten Station liegt auf der anderen Seite der Stadt und der Körper sehnt sich nach dem Ende.

Ein Gefühl, das auch Welz nur zu gut kennt. «Auch ich hatte meine Krisen mit dem Nachtleben.» Deshalb hörte er mit der ersten Bar Berlin auf. Er wollte raus aus der Nacht und sich ganz auf seine Tageslichtprojekte – wie die Beach-Bar an der Ufschötti – konzentrieren. Doch dann lief ihm das nächste Angebot über den Weg: Die «Freiheit» an der Neustadtstrasse ging zu und Welz machte seine Bar Berlin in der Neustadt auf.

Sie ist unsere letzte Station. Die Bar Berlin die Zweite. Das Velo wird schon gar nicht mehr abgeschlossen, die Hülle der Kamera ist unterwegs verloren gegangen, wir nehmen einen Negroni. Welz steht hinter der Bar, sofort in seinem Element. Wir sind durch.

Es ist 1 Uhr nachts. Die letzte Station ist erreicht: Die Bar Berlin an der Neustadtstrasse. Hier wirtet Welz heute.
Es ist 1 Uhr nachts. Die letzte Station ist erreicht: Die Bar Berlin an der Neustadtstrasse. Hier wirtet Welz heute. (Bild: jav)

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