Der Theologe und Sozialpädagoge Sepp Riedener in seinem Büro in Luzern. (Bild: pbu)
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Der Theologe und Sozialpädagoge Sepp Riedener in seinem Büro in Luzern. (Bild: pbu)

Luzerns ganz persönlicher Jesus

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Seit über 30 Jahren kämpft der Theologe Sepp Riedener in Luzern für eine menschenwürdige Drogenpolitik. Wir sprachen mit dem Urgestein der Stadtluzerner Sozialarbeit über Gott und die Welt – wortwörtlich. Dabei verrät er nicht nur, wie es heute um die Gassenarbeit steht, sondern auch, was er von Donald Trump hält und ob die Menschheit tatsächlich die Krönung der Schöpfung ist.

Prediger in der Kirche und Sprachrohr für die sozial Schwachen: Der Luzerner Sepp Riedener ist Theologe, Sozialpädagoge, Seelsorger und Menschenfreund. Vor allem aber ist der 73-Jährige Stimme und Gesicht der Luzerner Gassenarbeit. Er gründete unter anderem die «Gassechuchi» und das «Paradiesgässli» – und gilt heute als Pionier der Innerschweizer Drogenpolitik.

Für seinen ungebrochenen Einsatz für Menschen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden, erhielt Riedener jüngst den Ehrendoktor-Titel der theologischen Fakultät der Universität Luzern (zentralplus berichtete). Höchste Zeit also, den kirchlichen Seelsorger mit 50 Fragen zu löchern.

Wir treffen Riedener bei sich zu Hause in Würzenbach. Herzlich begrüsst uns der Theologe im Treppenhaus, bietet sofort das Du an und führt uns in sein Arbeitszimmer – in seine «Höhle», wie er sagt.

zentralplus: 1. Sepp Riedener, Sie wurden dieses Jahr 73 – haben Sie Angst vor dem Tod?

Sepp Riedener: Da muss ich etwas differenzieren. Ich fürchte mich vor dem Sterbeprozess. Zum Beispiel habe ich grosse Angst vor dem Ersticken. Das stelle ich mir fürchterlich vor. Aber der Tod an sich löst in mir keine Ängste aus. Auf der Gasse bin ich dem Tod schon hunderte Male begegnet, ich habe Menschen in den Tod begleitet, ihnen die Augen geschlossen und so weiter. Der Tod ist mir also nahe. Damit kann ich umgehen.

«An Gott habe ich nie gezweifelt. Aber an seinem Bodenpersonal.»

2. Und wie glauben Sie, geht es nach dem Tod weiter?

Da gibt es ganz verschiedene Angebote: Hinduismus, Buddhismus, Nirwana, Reinkarnation und natürlich die christliche Geschichte. Alle Religionen sagen, sie hätten Recht. Was aber tatsächlich geschehen wird, weiss niemand. Ich bin überzeugt davon, dass es weitergehen wird. Aber wie es weitergeht, das lasse ich offen. In meiner christlichen Überzeugung sage ich: Ich lasse mich in die Hände Gottes fallen.

3. Gab es Momente in Ihrem Leben, in denen Sie an Gott gezweifelt haben?

An Gott habe ich nie gezweifelt. Aber an seinem Bodenpersonal.

Eine ökumenische Erfolgsgeschichte

Auf Initiative von Sepp Riedener schuf die katholische Kirchgemeinde Luzern im Jahr 1985 die Gassenarbeit. Hauptaufgabe war es, drogenabhängige Menschen zu beraten. Auf den einschlägigen Plätzen wurden zum Beispiel saubere Spritzen und Kondome verteilt. Rund 30 Jahre lang war Riedener als Seelsorger an vorderster Front dabei. 1993 wurde der ökumenische Verein «Kirchliche Gassenarbeit Luzern» gegründet, den Riedener bis 2008 als Geschäftsleiter leitete. 2015 trat er aus Altersgründen auch als Seelsorger der kirchlichen Gassenarbeit zurück.

Der Verein wird getragen von der römisch-katholischen, der evangelisch-reformierten und der christkatholischen Kirchgemeinde Luzern sowie von der römisch-katholischen und der evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Luzern. Finanziert wird der Verein aus Beiträgen der Trägerorganisationen, der öffentlichen Hand und von institutionellen und privaten Spendern.

Heute wird der Verein «Kirchliche Gassenarbeit Luzern» von etwa 50 Mitarbeitenden getragen. Der Jahresumsatz beläuft sich auf 4,3 Millionen Franken – davon 1,3 Millionen Spendengelder.

4. Ist für Sie ein Leben ohne Gott vorstellbar?

Nein. Der Sozialpsychologe Erich Fromm, der Atheist war, hat mal gesagt, jeder Mensch brauche eine innere Landkarte, ohne die er nicht sozial handeln könne. Ich teile diese Überzeugung. Wie diese Landkarte aussieht, muss jeder für sich wissen. Für mich ist das der christliche Glaube.

5. Immer mehr Schweizer treten allerdings aus der Kirche aus – wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Ich kann verstehen, dass Menschen der Kirche den Rücken zukehren. Für viele handelt die Kirche nicht mehr das ab, was ihr Leben betrifft. Sie fühlen sich nicht angesprochen. Insbesondere junge Menschen. Von daher kann ich das nachvollziehen. Auf der anderen Seite bin ich natürlich enttäuscht, auch aus ganz praktischen Gründen: Je weniger Mitglieder die Kirche hat, desto weniger Kirchensteuern werden generiert. Mit diesem Geld wird aber die kirchliche Gassenarbeit massgeblich unterstützt.

6. Die Luzerner Gassenarbeit gäbe es ohne die Kirche also nicht?

Nein.

7. Aber ist Gassenarbeit überhaupt eine kirchliche Aufgabe?

Rein geschichtlich gesehen war es die Kirche, die Sozialinstitutionen auf die Beine gestellt hat. Spitäler zum Beispiel. Später wurde diese Aufgabe vom Staat übernommen. Das ist auch richtig so. Nun gibt es aber Situationen, in denen der Staat komplett überfordert ist. Gerade bei Randständigen ist Nähe wichtig. Es braucht Gespräche und viel Zeit. Das kann eine offizielle staatliche Institution fast nicht leisten. Hier kann die Kirche einspringen. Im Fall von Luzern wäre ohne die Kirchen in der Drogenpolitik wohl lange nichts passiert. Jetzt ist es optimal, weil die Kirche eng mit Stadt und Kanton zusammenarbeitet. Dieses «Luzerner Modell» funktioniert ausgezeichnet.

8. Woher kommt Ihr Engagement für die Menschen auf der Strasse?

Zum einen von meiner persönlichen Betroffenheit. Ich weiss aus eigener Erfahrung, was es heisst, in Armut zu leben. Zum anderen vom Evangelium, das klar Stellung für die Armen und Ausgestossenen bezieht. Die Diakonie empfinde ich als eine zentrale Aufgabe der Kirche und für mich.

9. Viele Menschen sind der Kirche gegenüber kritisch eingestellt. Wirkt der kirchliche Hintergrund der Luzerner Gassenarbeit auf die Betroffenen nicht hemmend?

Das habe ich in 30 Jahren nie erlebt. Ich bin allerdings auch kein missionarischer Typ, ich wollte die Leute nicht in die Kirche holen. Es hat für mich auch nie eine Rolle gespielt, welcher Glaubensrichtung die in Not geratenen Menschen angehören. Ich habe viel eher Lobbyarbeit für jene betrieben, deren Stimme niemand hört.

«In Zeiten der offenen Drogenszene auf der Luzerner Eisengasse hat die hiesige Politik total versagt.»

10. Was waren die Beweggründe, die Luzerner Gassenarbeit zu gründen?

Als ich im Jahr 1985 die Gassenarbeit gründete, betrat ich Neuland. In der gesamten Innerschweiz gab es keine Bestrebungen in Sachen Resozialisierung von Randständigen. Drogensüchtige wurden schlicht sich selbst überlassen. Diesen Umstand wollte ich ändern. Und ich war motiviert, mich dafür einzusetzen.

11. Gab es Widerstand?

In Zeiten der offenen Drogenszene auf der Luzerner Eisengasse hat die hiesige Politik total versagt. Sie hatte ja gar kein Interesse daran, die an den Rand der Gesellschaft gedrängten Menschen wieder in die Mitte zu holen. Der damalige Luzerner Regierungsrat hat mir gar vorgeworfen, ich hätte die Drogen nach Luzern gebracht. Dazu kamen etliche despektierliche Briefe und böse Leserbriefe. Trotzdem habe ich unermüdlich dafür gekämpft, den Menschen auf der Strasse eine Heimat zu geben. Die Anfangszeit war sehr schwierig. Nach und nach konnten wir aber Institutionen ins Leben rufen: die Gassenküche, den Fixerraum, das «Paradiesgässli» und andere. Damit stieg auch die Akzeptanz für unser Tun innerhalb der Bevölkerung und seitens der Politik.

12. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit der Polizei?

Auch diese hat sich radikal verändert. Am Anfang gab es riesige Spannungen. Für die Polizei waren wir Sozialfreaks. Wir verteilten saubere Spritzen, die Polizei sammelte diese wieder ein und präsentierte sie als Beweisstücke für den Drogenkonsum. Der damalige Stadtpräsident Franz Kurzmeyer wollte dieses Gegeneinander beenden und hat alle Parteien an einen Tisch geholt. Von da an hat sich das Verhältnis grundlegend geändert. Es gibt heute regelmässige Sitzungen und Vereinbarungen zwischen der Gassenarbeit und der Polizei. Mittlerweile ist es kein Gegeneinander mehr, sondern ein Miteinander. Ein grosses Verdienst gebührt diesbezüglich auch dem ehemaligen Polizeikommandanten Kurt Fellmann.

Sepp Riedener fertigt ein Porträt von sich an.
Sepp Riedener fertigt ein Porträt von sich an. (Bild: pbu)

13. Was können Sie den Leuten auf der Strasse in der Rolle als Seelsorger bieten?

Zunächst das Gespräch. Sie können alles bei mir abladen. Zweitens eine gewisse Zärtlichkeit und eine gesunde Balance aus Nähe und Distanz. Drittens die Sterbebegleitung. Die Menschen müssen wissen, dass sie nicht alleine sind und mit Würde beerdigt werden. Die Gassenarbeit ist zu einem Flaggschiff der Kirchen geworden. Der grösste Teil der Menschen, die heute noch Kirchensteuern zahlen, tun dies auch wegen des diakonischen und sozialen Engagements der Kirche. Das trägt massgeblich zur Glaubwürdigkeit der Kirche bei.

14. Wurde Ihnen die Arbeit auf der Strasse nie zu viel?

Komischerweise nicht. Ich habe mich zwar über Ferien gefreut, aber gleichzeitig habe ich mich auch immer gefreut, wieder arbeiten zu gehen.

«Wenn ich sehe, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken, dann könnte ich laut aufschreien.»

15. Was würden Sie anders machen, wenn Sie auf Ihr Leben zurückblicken?

Nichts. Ich würde alles nochmals genauso machen.

16. Es gibt nichts, was Sie bereuen?

Nein. Alle Ecken und Umwege in meinem Leben erachte ich als wichtige und wunderbare Fügung.

17. Sie haben immer viel gearbeitet, auch weit über das Pensionsalter hinaus. Wird das mit dem Ruhestand jemals funktionieren?

Im Moment überhaupt nicht (lacht). Seit acht Jahren bin ich nun pensioniert. Die ersten sechs Jahre war ich weiterhin als Seelsorger auf der Gasse tätig. Danach habe ich beim Fundraising für den Verein LiSa, der sich für Sexarbeiterinnen einsetzt, mitgeholfen. Heute engagiere ich mich für Sans-Papiers, bin im Hotel Dieu, einem Treffpunkt für Armutsbetroffene und psychisch Kranke, sowie in der Pastoral tätig. Solange ich mich fit fühle, werde ich weiter arbeiten.

18. Können Sie ein Porträt von sich zeichnen?

Sepp Riedener, gezeichnet von Sepp Riedener.
Sepp Riedener, gezeichnet von Sepp Riedener. (Bild: pbu)

19. Was steht bei Ihnen auf dem Nachttisch?

Zurzeit ein Buch von Fulbert Steffensky (deutscher Theologe) mit dem Titel «Das Haus, das die Träume verwaltet».

20. Trinken Sie lieber Bier oder Wein?

Das kommt auf das Essen an. Grundsätzlich mag ich Rotwein. Wenn es aber Fisch zu essen gibt, dann bevorzuge ich einen Oeil de Perdrix. Je nachdem, was auf dem Tisch steht, trinke ich aber auch gerne ein Bier.

21. Stellen Sie sich vor, Sie müssten abrupt Ihr Zuhause verlassen und hätten bloss Zeit, drei Gegenstände mitzunehmen: Welche wären das?

Als Erstes würde ich mich um die Menschen kümmern, meine Frau, meine Kinder und Grosskinder. Wenn es um Sachen geht: die Bibel, eine Kerze inklusive Zündhölzer und eine Ikone.

22. Orgelpfeifen oder Bassgitarre?

Ich habe einen Hörschaden, Tinnitus, Hörsturz und so weiter. Von daher präferiere ich ein Instrument, das weder pfeift noch laut ist. Die Orgel pfeift und der Bass ist laut. Darum verzichte ich lieber auf beides.

«Die Luzerner Fasnacht ist der Horror für mich.»

23. Mozart oder Rolling Stones?

Die Rolling Stones habe ich in meiner Jugendzeit gerne gehört. Aber zur jetzigen Zeit bin ich eher bei Mozart.

24. Wovor haben Sie Angst?

Zum Beispiel vor der Fasnacht in Luzern. Mit Menschenansammlungen und Gedränge habe ich Mühe. Ich habe Angst davor, eingeschlossen zu sein. Ich leide an Klaustrophobie, von daher ist die Fasnacht der Horror für mich.

25. Was hat Ihnen am meisten dabei geholfen, dahin zu kommen, wo Sie heute sind?

Da gibt es verschiedene Faktoren. Zum einen – so tragisch das klingen mag – meine ganz persönliche Armut in meiner Kinder- und Jugendzeit. Diese hat in mir grosse Betroffenheit geschaffen. Und diese Betroffenheit ist für mich eine wesentliche Voraussetzung, um überhaupt Sozialarbeit mit Menschen am Rand unserer Gesellschaft machen zu können. Daneben natürlich meine Sozialisierung im Kloster, die mich sehr stark geprägt hat. Zum anderen hat meine Frau wesentlich dazu beigetragen, dass ich nun an dieser Stelle bin. Seit 40 Jahren beschreiten wir nun schon gemeinsam unseren Weg.

26. Was bringt Sie zum Weinen?

Wenn ich sehe, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken, dann könnte ich laut aufschreien. Wenn ich sehe, wie Menschen im Sexgewerbe missbraucht werden, dann könnte ich heulen. Überhaupt bringt es mich zum Weinen, wenn ich sehe, wie sich Menschen gegenseitig kaputt machen.

27. Was bringt Sie zum Lachen?

Meine Grosskinder.

28. Was stört Sie an sich selber?

Meine Ungeduld. Vor allem im Strassenverkehr. Da kann ich manchmal so richtig drauflosschimpfen. Wenn jemand mit 30 Stundenkilometern durch eine Tempo-50-Zone fährt, dann werde ich schon mal ungeduldig.

29. Können Sie Ihr liebstes Bibelzitat aufsagen?

30. Was wollten Sie schon lange mal tun, schieben es aber immer auf?

Reisen. 1975 habe ich meine Frau geheiratet. Damals wollten wir nach Griechenland. Unsere Hochzeitsreise haben wir aber immer noch vor uns. Nach Bolivien möchte ich auch sehr gerne, weil ich damals als Missionar dorthin wollte.

31. Was bedeutet Lebensqualität für Sie?

Wandern, Essen, Kultur, Gemeinschaft und Familie.

32. Wenn Sie nicht Theologe geworden wären, was dann?

Als 12-jähriger Junge wollte ich Kondukteur werden. Fahren und Reisen, dafür konnte ich mich schon früh begeistern.

33. Wie haben Sie auf die Wahl Donald Trumps zum US-amerikanischen Präsidenten reagiert?

Ich war total enttäuscht. Es macht mir Angst. Jedes Mal, wenn Trump etwas sagt, nimmt meine Angst zu. Vor allem hinsichtlich seiner Einstellung gegenüber Fremden.

34. Was können Sie besser als alle anderen?

Es gibt nichts, in dem ich besser als alle anderen bin. Was ich aber sehr gut beherrsche, ist die Rhetorik. Ich kann gut reden. Nach meinem Referat im Zuge der Ehrendoktorverleihung an der Universität Luzern haben mehrere Dozenten meine rhetorischen Fähigkeiten gelobt.

35. Was bedeutet Ihnen die Ernennung zum Ehrendoktor?

Zunächst einmal ist das eine grosse Anerkennung, die mir sagt, dass ich auf dem rechten Weg bin, den ich weiterhin beschreiten darf. Der Titel an sich ist mir völlig fremd. Wenn ich einen Brief erhalte, der mit «Herr Dr. Riedener» adressiert ist, dann denke ich, dass sich da jemand in der Adresse geirrt haben muss. Auf der anderen Seite sage ich mir, wenn der Titel etwas dazu beiträgt, dass die Menschen am Rand der Gesellschaft mehr Anerkennung erhalten, dann ist das wunderbar. Dann hilft mir der Titel. Und wenn der Titel gar noch als Türöffner zum Beispiel für das Fundraising von Sozialinstitutionen fungiert, dann ist es noch besser. Dann kann ich mit dem Titel umgehen.

36. Auf einer Skala von 1 bis 10: Für wie charismatisch halten Sie sich?

(Ohne zu zögern) Neun.

«Wir sind nicht die Krone der Schöpfung.»

37. Sie sind Vater von vier Kindern. Was macht einen guten Vater aus?

Die Liebe. Man muss seine Kinder gernhaben. Daneben gehört auch eine gewisse Strenge dazu. Laissez-faire ist nicht mein Prinzip. Kinder müssen lernen, dass es Normen in unserer Gesellschaft gibt. Zeit für die Kinder haben ist ebenfalls wichtig. Man darf sich auch mal in absichtslosem Spielen verlieren. Zudem versuche ich, ihnen die Natur näherzubringen und Werte zu vermitteln.

38. Sind Sie vor Predigten nervös?

Ja, immer noch sehr. Mir läuft der Schweiss jeweils den Rücken hinunter. Mit Atemübungen versuche ich, dem entgegenzuwirken.

39. Ist der Mensch die Krönung der Schöpfung?

Das müsste er eigentlich sein. Aber wenn ich mir die Welt so betrachte und sehe, wie der Mensch die Natur zerstört, sich gegenseitig kaputtmacht, übervorteilt und ausgrenzt, dann sind wir nicht die Krönung der Schöpfung. Wir könnten es sein, aber davon sind wir noch weit entfernt. Wir haben noch einen langen Weg vor uns.

40. Was spricht gegen weibliche Priester?

Nichts. Es ist höchste Zeit, das zu ändern.

41. Beantworten Sie folgende Frage ohne Worte: Was halten Sie von Papst Franziskus?

Die Interpretation wird dem Leser überlassen.
Die Interpretation wird dem Leser überlassen. (Bild: pbu)

42. Als Seelsorger haben Sie Realpolitik par excellence betrieben – war der Schritt in die Politik nie ein Thema für Sie?

Doch. Ich hätte mir vorstellen können, in die Politik zu gehen. Aber ich wollte vor allem bei den Leuten auf der Strasse bleiben, um ihnen eine Stimme zu geben.

43. Zu welcher Partei hätten Sie sich denn gesellt?

Mit Vorbehalten zur SP.

44. Was halten Sie von der aktuellen Luzerner Steuerpolitik?

Da herrscht eine einzige Sparhysterie. Damit habe ich grosse Mühe. Man senkt die Unternehmenssteuer massiv und heute fehlt das Geld. Kurz: Mit der aktuellen Steuerpolitik bin ich absolut nicht einverstanden.

45. Sollen homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen?

Ja. Freiheit ist sehr wichtig für mich. Ich habe meine Sicht, sie haben ihre. Wenn sie dieses Leben leben wollen und das für gut befinden, dann soll dem nichts im Weg stehen.

46. Ist es Ihnen schwergefallen, die Leitung der Luzerner Gassenarbeit abzugeben?

Nein, denn ich hatte einen guten Übergang. Mit 65 habe ich die Verantwortung an Fridolin Wyss abgegeben. Der Verein ist also in guten Händen.

47. Wie hat die Gassenarbeit Sie verändert?

Die Sympathie diesen Menschen gegenüber ist grösser geworden. Ich setze mich lauter, klarer und prophetischer für diese Menschen ein. Die Arbeit als Gassenseelsorger hat mich also radikalisiert. Auf der anderen Seite hat sie mich auch etwas ernüchtert, weil ich feststellen musste, wie wenige von ihnen ich definitiv aus den Drogen rausgebracht habe; dass ich viel mehr Leute beerdigt habe, als aus der Drogenszene zu bringen. Die Hoffnung hingegen habe ich nie verloren.

«Ich habe einmal einen Joint geraucht. Er ist allerdings überhaupt nicht eingefahren.»

48. Was macht den Ausstieg aus der Drogenszene so schwierig?

Die erste Frage, die mir gestellt wird, wenn ich jemanden dazu bewegen möchte, sich von den Drogen loszusagen, ist: Hast du mir nachher eine Arbeit? Dann muss ich klar sagen: Du hast fast keine Chance. Da stellt sich natürlich die Frage, wozu überhaupt ein Entzug? Wir haben viel zu wenig niederschwellige Arbeitsplätze, um diese Leute motivieren zu können, auszusteigen und einen anderen Weg einzuschlagen.

49. Vor welchen Herausforderungen steht die Gassenarbeit heute?

Es gilt, niederschwellige Arbeitsplätze zu schaffen. Das würde die Motivationsarbeit enorm erleichtern. Zudem müssen die bestehenden Betriebe finanziell auch in Zukunft weitergeführt werden können und nicht der Sparhysterie zum Opfer fallen. Ohne Subventionen geht es nicht. Ausserdem sind heute andere Drogen im Spiel, was die Arbeit komplizierter macht. Heute weißt du nicht mehr, wo die grösste Suchtproblematik liegt.

50. Haben Sie eigentlich selbst je Drogen konsumiert?

Grundsätzlich habe ich nie Drogen konsumiert. Ich muss mich nicht auf einen Misthaufen setzen, um zu wissen, dass dieser stinkt. Aber ich war einst an einer Beerdigung, deren Eintrittsticket ein Joint war. Jeder musste einen Joint mitnehmen, um den Mann von der Gasse zu beerdigen. Die Leute wussten natürlich genau, dass ich keinen Joint mitbringen würde. Deshalb hat jemand für mich eine Tüte gedreht und darauf bestanden, dass ich diese mit den Trauernden rauche. Also habe ich den Joint mit ihnen geraucht. Er ist allerdings überhaupt nicht eingefahren.

«Ich habe unermüdlich dafür gekämpft, den Menschen auf der Strasse eine Heimat zu geben.»
«Ich habe unermüdlich dafür gekämpft, den Menschen auf der Strasse eine Heimat zu geben.» (Bild: pbu)

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