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«Das sind arme Teufel»
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Ein Herz wächst hier dem Himmel empor. (Bild: wia)

Sie trotzen im Schrebergarten der Hitze «Das sind arme Teufel»

5 min Lesezeit 07.07.2015, 19:00 Uhr

Unter der Hitze ächzen alle. Nur das Gemüse gedeiht. Und die Bierbäuche. In den Zuger Schrebergärten geht eine Ära zu Ende.

Es ist Montagnachmittag, ein weiterer Hitzetag in einer langen Reihe. Wer kann, flüchtet in den Schatten. Doch da gibt es ein paar ganz Hartnäckige, die trotzen den UV-Strahlen, die stellen sich der Sonne. Sie haben nämlich eine höhere Bestimmung, müssen sich ums Überleben kümmern. Ums Überleben von Broccoli, Zucchetti und Weichselkirsche, ums Gedeihen der Kartoffeln, Tilgen des Unkrauts, Tränken der Rosenbüsche. Es geht um Leben und Tod. Und um Gartenzwerge. Doch nicht mehr lange. Denn sie haben keine Lust mehr aufs Gärtnern.

Für die Sturmfestigkeit der Bohnen

Der Schrebergarten Lorze in Baar wirkt zwar ziemlich ausgestorben, doch das täuscht. Da steht ein untersetztes Männchen, oben ohne, braungebrannt, mitten in den Bohnenstauden. Diese wollen sturmtauglich gemacht werden. «Am Mittwoch gibts Sturm. Und wenn ich sie jetzt nicht hochbinde, liegen sie am nächsten Tag flach.»

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Das muss schön sein, wenn man sich vom eigenen Gemüse ernähren kann. «Ja schon», erklärt der Mann. «Vor allem weiss man, womit es behandelt wurde.» Ob er denn einen geschmacklichen Unterschied merke zwischen seinem Gemüse und jenem aus dem Coop? «Manche sagen das zwar, ich merke da aber gar nichts. Ich glaube, das ist vor allem im Kopf.»

Der ältere Herr gärtnert seit 10 Jahren hier. Gemeinsam mit seiner Frau? «Nein. Ich teile mir die Arbeit mit einer Kollegin. Meine Frau kann nicht helfen. Sie ist depressiv. Das ist auch der Grund, warum ich den Garten hier am liebsten aufgeben würde. Ich muss viel eher schauen, dass meine Frau wieder auf die Beine kommt.»

Sitzkissen aus den Siebzigern

Der Garten des Mannes wirkt aufgeräumt. Auf dieses Kompliment hin winkt er bloss ab. «Sie müssen mal nach nebenan gehen, zum Kollegen. Das ist ein ordentlicher Garten.» Ob denn nie Gemüse geklaut wird? «Das kann schon sein. Nur merken wir das gar nicht. Ab und zu stibitzt ein Kind vielleicht ein paar Himbeeren. Aber das sind ja Kinder. Die wollen auch leben.»

Dann wendet sich der Mann wieder seinen sturmgefährdeten Bohnen zu. Auf der Suche nach dem ordentlichen Garten kommen zwei weitere ältere Männer ins Blickfeld. Sie sitzen im Schatten eines Apfelbaumes, auf Sitzkissen, welche die Siebzigerjahre bestimmt schon erlebt haben, und trinken Bier. «Ich bin jeden Tag hier», sagt der voluminösere der beiden Männer. Sein runder Bauch ist braungebrannt. Hier pflegt man nicht nur den Garten.

Bier und Bauch im Garten

Man geniesst also im Schatten ein Bier und wartet, bis die Tomaten rot werden. Das klingt schön, nach Selbstversorger, nach heiler Welt und Romantik. «Schon schön, ja, aber eigentlich möchte ich meinen Garten abgeben», erklärt  der schmalere und bleichere der zwei Männer. «Ich habe meinen Garten seit 1972 und habe keine Lust mehr.» Seine Frau sei vor vier Jahren verstorben, die Kinder hätten kein Interesse an einer Übernahme.

«Hier haben wir Bohnen, da drüben irgendeine Pflanze die ich nicht kenne, dort Himbeeren, hier wieder irgendetwas, was meine Frau gepflanzt hat. Ich weiss nicht mehr, wie das heisst.»

Ein Schrebergartenbesitzer

Einen auswärtigen Nachfolger zu finden sei nicht einfach. «Bis jetzt haben sich nur ausländische Untermieter gemeldet», sagt er. Und ergänzt: «Aber eigentlich wäre das nicht schlimm.»  Der braungebrannte Herr sagt dazu: «Als meine Frau und ich 1982 angefangen haben hier zu gärtnern, waren fast alles Schweizer bis auf ein paar wenige Italiener. Nun sind viele Portugiesen hier.» Auch seine Kinder interessierten sich nicht im Geringsten fürs Gärtnern.

Was hat sich denn verändert? «Ich denke, früher hatte man weniger Möglichkeiten der Freizeitbeschäftigung. Wir hatten eine schöne Zeit hier, waren oft mit der ganzen Familie im Garten.» Und idyllisch ist es tatsächlich. In der Nähe befinden sich keine Häuser, man hört einzig den Zug, der auf dem Damm vorbeirauscht.

Die Artischocke als Unbekannte

In der Stimme des gebräunten Mannes schwingt Stolz mit. Und das, obwohl nicht er das Zugpferd im Garten ist. «Meine Frau ist die, die gärtnert. Ich giesse nur die Pflanzen.» Trotzdem zeigt er seinen Garten gern. «Hier haben wir Bohnen, da drüben irgendeine Pflanze die ich nicht kenne, dort Himbeeren, hier wieder irgendetwas, was meine Frau gepflanzt hat. Ich weiss nicht mehr, wie das heisst», und zeigt dabei auf die Artischocken. «Und hier wachsen Gurken! Ich liebe Gurken! Möchten Sie eine haben?»

«Ärgerlich ist das, wenn Scheiben eingeschlagen werden. Insbesondere, wenn das Häuschen gar nicht abgeschlossen ist.»

Ein Gartenbesitzer

Nicht selten hört man Geschichten von Einbrüchen in Gartenhäuschen und auch in den Baarer Schrebergärten macht man regelmässig Erfahrungen mit Einbrüchen. «Ärgerlich ist das, wenn Scheiben eingeschlagen werden. Insbesondere, wenn das Häuschen gar nicht abgeschlossen ist», erklärt der schmale Herr. Dabei seien ein paar Biere weggekommen, ein anderes mal waren es die Sitzkissen. «Vermutlich, damit sie darauf schlafen konnten. Das sind arme Teufel.»

Es ist nun fast 18 Uhr und damit Zeit zum heimradeln und fürs Nachtessen. Zuvor möchten Blumen und Gemüse aber noch gegossen werden. «Obwohl man grundsätzlich zu häufig giesst. Alle zwei bis drei Tage würde eigentlich reichen», sagt der Braungebrannte. Und was bringt er seiner Frau heute aus dem Garten mit nach Hause? «Nur Gurken. Daraus macht sie Salat. Ich könnte jeden Tag Gurken essen.»

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