Dankeschön! Rollstuhlfahrer loben nervenstarke Luzerner Buschauffeure
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Oliver Kaufmann und Barbara Schwegler Peyer bedanken sich bei VBL-Chauffeuse Karin Zürcher symbolisch für die rund 800 Busfahrer des Kanton Luzern für behindertenfreundliche Fahrweise. (Bild: bic)

Hohe Kunst des Busfahrens Dankeschön! Rollstuhlfahrer loben nervenstarke Luzerner Buschauffeure

4 min Lesezeit 1 Kommentar 12.08.2020, 19:30 Uhr

Rund 800 Buschauffeusen wurden an diesem Mittwoch für ihre Fahrkünste gewürdigt. Besonders wird das anspruchsvolle Anfahren von hohen Haltekanten betont, das Rollstuhlfahrern das selbständige Ein- und Aussteigen ermöglicht. Der Dank ist allerdings mit einem dringenden Appell verbunden. Auch die Stadt Luzern ist gefordert.

Das Fahrmanöver sieht leichter aus, als es ist: Unter Zeitdruck müssen Buschauffeure die neuen hohen Haltekanten zentimetergenau anfahren. Gelingt ihnen das, können Rollstuhlfahrer selbstständig – sprich ohne Einsatz einer Rampe oder sonstiger Fremdhilfe ein- und aussteigen.

Für diese kleine, aber wichtige Leistung erhielten rund 800 Chauffeusen und Chauffeure ein Dankeschön in Form einer Tüte kraftspendender Trockenfrüchte. Hinter der Aktion steht der Verein Hindernisfrei Bauen Luzern (HBLU).

Früchte aus dem Seetal für die Nerven

Vereinspräsidentin Barbara Schwegler Peyer war bei mehreren Übergaben selbst präsent. Zuerst in der Luzerner Landschaft kurz vor Mittag dann in Ebikon. Zusammen mit Rollstuhlfahrer Oliver Kaufmann überraschte sie die VBL-Chauffeuse Karin Zürcher mit einer Tüte «Nervenfutter».

«Man kann sich schon fragen, ob wir uns für etwas bedanken sollten, das längst von Gesetzes wegen Pflicht ist.»

Barbara Schwegler Peyer, Präsidentin Verein Hindernisfrei Bauen Luzern

«Ich kann mir vorstellen, dass Busfahren, insbesondere in der Stadt, oft viel Nerven braucht. Umso mehr schätzen die Rollstuhlfahrer die Rücksichtnahme und die Bemühungen der Chauffeure, das Einsteigen für sie möglichst einfach zu gestalten.

Ins gleiche Horn stiess Oliver Kaufmann, der seit acht Jahren im Rollstuhl sitzt. «Ich möchte mich hiermit für die Unterstützung und die Geduld in den nicht immer einfachen Situationen sowie die von der VBL angebotenen Einsteigetrainings bedanken.» Natürlich hätten aber auch die Optimierungen an den Stationen vieles erleichtert.

Freude über Entwicklungen

Die jüngsten Entwicklungen begrüsst man auch aufseiten der Busfahrer: «Die Arbeit wird für uns natürlich leichter, wenn die Rollstuhlfahrer selbstständig einsteigen können», sagt VBL-Chauffeuse Karin Zürcher. Auch werde so der Fahrbetrieb flüssiger, was letztlich allen Passagieren zugutekomme.

Seit fast 20 Jahren gesetzlich verankert

Der Hintergrund der Aktion liegt im Behindertengleichstellungsgesetz. Dieses trat 2004 in Kraft und verlangt, dass der öffentliche Verkehr für Menschen mit einer Behinderung autonom benutzbar ist.

Seither werden mehr Bushaltestellen im Kanton Luzern mit den neuen, hohen Haltekanten – sogenannten 22er-Kanten – ausgerüstet. Bis 2024 müssten alle nötigen baulichen Anpassungen umgesetzt sein.

Umsetzung harzt gewaltig

Wie Vereinspräsidentin Schwegler Peyer weiss, ist es aber noch ein langer Weg bis dahin. Die Stadt Luzern beispielsweise habe bisher nur knapp 10 Prozent ihrer rund 170 Bushaltestellen umgebaut, mindestens 82 weitere sind allerdings in Planung. In Sursee wurde dagegen bisher noch keine einzige der 19 Haltestellen auf Stadtgebiet umgebaut.

«Man kann sich schon fragen, ob wir uns für etwas bedanken sollten, das längst von Gesetzes wegen Pflicht ist», sagt Schwegler Peyer. Die Aktion soll denn auch die Öffentlichkeit für das Anliegen sensibilisieren. «Für Betroffene machen die hohen Kanten einen gewaltigen Unterschied und das Nutzen des öffentlichen Verkehrs um Welten entspannter.»

Folglich dürfte es für alle Beteiligten deutlich rascher vorangehen, wie sie unisono betonen. Und VBL-Betriebsleiter Mario Bühlmann ergänzt: «Wir gehen nicht davon aus, dass bis 2024 tatsächlich alle Haltestellen umgebaut sind, auch wenn das Bemühen vonseiten des Kantons und der Gemeinden eindeutig zu erkennen ist.»

Einige Haltestellen bleiben problematisch

Bühlmann weist zudem auf verschiedene Haltestellen hin, die trotz Umrüstung ein Sorgenkind bleiben werden. Konkret nennt er die Station Morgenweg im Wesemlin sowie zwei Kanten bei der Kantonalbank.

Während bei ersterer aufgrund der Kurve immer ein beträchtlicher Abstand zwischen Bus und Randstein bestehen wird, bereiten die Bäume und Güselkübel bei der Kantonalbank sowohl der VBL wie auch den Rollstuhlfahrerinnen sorgen. «Diesbezüglich stehen wir mit der Stadt im Austausch und sind guter Dinge, dass wir das Problem innert nützlicher Frist lösen können», sagt Mario Bühlmann dazu.

Gleichzeitig nimmt er die Hersteller der Busse in die Pflicht, von denen er sich ebenfalls weitere Optimierungen erhofft, wie zum Beispiel ein herausfahrendes Trittbrett, wie man es in der Schweiz von den S-Bahnen kennt. Auch hier sei man, so wie hunderte andere Verkehrsbetriebe in Europa, in Kontakt mit den Fahrzeugbauern, so Bühlmann.

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1 Kommentare
  1. Beat Husmann, 13.08.2020, 13:48 Uhr

    Sehr «gmögige» Aktion von Hindernisfrei Bauen Luzern. Danke allen Busfahrinnen und Busfahrer – das habt ihr mehr als verdient!

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