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Vom Gewitter überrascht
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Auf dem Chilchligletscher mutiert das Blau zu Grau. (Bild: Fabian Duss)

Vom Wetterrisiko auf alpinen Touren Vom Gewitter überrascht

4 min Lesezeit 24.08.2018, 11:00 Uhr

Trotz guter Planung kommt es in den Bergen manchmal anders als man denkt. Etwa, wenn man in ungünstiger Lage von einem Gewitter überrascht wird.

Als Einzige brechen wir um 6.30 Uhr in der Wildhornhütte zu einer einfachen Hochtour auf den gleichnamigen Gipfel auf. Zunächst etwas wandern, danach auf den Gletscher und zum Schluss noch etwas steiler zum Gipfelkreuz – schwierig ist anders. Aus Osten strahlt inmitten einiger Wolken bereits die Sonne. Im Westen, da wo das Wetter herkommt, ist der Himmel blau. Den auf Mitte Nachmittag angesagten Gewittern schenken wir keine Beachtung, denn bis dann würden wir längst wieder im Tal sein.

Der Sonnenaufgang verspricht einen schönen Tag in den Bergen.

Der Sonnenaufgang verspricht einen schönen Tag in den Bergen.

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(Bild: Fabian Duss)

Eine Stunde später schnallen wir auf dem Chilchligletscher die Steigeisen an die Füsse. Das Blau am Himmel mischt sich zusehends mit Grautönen. Bald fallen erste Regentropfen und im Rückspiegel beobachten wir ein Gewitter von Gstaad nach Zweisimmen ziehen. Gewitter am frühen Morgen?! Davon sagten weder die Prognosen, noch der Niederschlagsradar etwas, als wir sie tags zuvor im Tal ein letztes Mal konsultierten, bevor wir uns ins Funkloch begaben. Danach warfen die Hüttenwarte nochmals einen Blick auf den Radar – auch sie sahen nichts dergleichen.

Statistik, während die Blitze zischen

Wir entscheiden uns, die Tour fortzusetzen. Die paar Regentropfen machen uns wenig aus, etwas Nässe ist angesichts fehlender technischer Schwierigkeiten kein Problem, umkehren können wir jederzeit und Gewitterzellen haben gewöhnlich nicht nur einen Anfang, sondern auch ein Ende. Irgendwo unterzustehen ist in diesem Gelände ohnehin nirgends möglich, die Hütte mittlerweile zu weit weg und der Rückweg dorthin gänzlich schutzlos. Lange dauert es nicht, bis es hinter Chilchi und Paffehore, den nächsten zwei Gipfeln im Westen, brandschwarz daherkommt. Es blitzt und knallt – und wir stehen mitten auf dem Gletscher. Obwohl nicht auf einem Grat oder Gipfel, sind wir ziemlich exponiert, ein halbwegs sicherer Ort ist weit und breit nicht in Sicht.

Auf dem Weg zum Chilchligletscher zeigt sich der Himmel fast wolkenlos.

Auf dem Weg zum Chilchligletscher zeigt sich der Himmel fast wolkenlos.

(Bild: Fabian Duss)

Natürlich ist das Risiko, direkt oder indirekt vom Blitz getroffen zu werden, extrem gering. Von 1946 bis 2015 starben gemäss einer Studie der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) insgesamt 164 Personen infolge von Blitzschlag. Der Schweizer Alpen-Club (SAC) registriert jährlich nicht mal eine Handvoll Notfälle auf Hochtouren aufgrund von Blitzschlägen. Nur: Ist man der eine, den es trifft, ist die statistische Unwahrscheinlichkeit ein schwacher Trost.

Tatsächlich überrascht

Wir tun, was wir können und verstauen wenigstens unsere Eispickel in den Rucksack, um das Risiko eines Blitzeinschlags etwas zu reduzieren. Die Steigeisen hingegen benötigen wir weiterhin an den Füssen. Panik haben wir keine, doch jeder Blitz stimmt uns etwas mulmiger. Vielleicht finden wir weiter oben, beim gerölligen Übergang vom Chilchli- zum Wildhorngletscher einen Überhang oder gar eine Höhle? Während wir die Zentralschweizer Bergwelt wie unsere Westentasche kennen, sind wir hier gänzlich fremd. Tatsächlich finden wir einen grossen Felsbrocken und kauern uns darunter.

Während der Regen unsere Nasen nur um wenige Zentimeter verfehlt, kommt mir in den Sinn, wie oft ich mich schon über die Formulierung «vom Gewitter überrascht» in Presseberichten nervte. Auch wenn Gewittervorhersagen schwierig und oft ungenau sind: Die angekündigte Tageszeit trifft in den allermeisten Fällen zu. Wenn also Bergsteiger nachmittags von einem auf den Nachmittag angekündigten Gewitter «überrascht» werden, ist es also meist eine Überraschung mit Ansage – also keine.

Planung – und Pech

Auf diese Weise misslang mir noch nie eine Hochtour, was nicht zuletzt an meiner stets sorgfältigen Tourenplanung liegt. Doch Planung und Prognosen hin oder her: Wer in den Bergen unterwegs ist, geht ein gewisses Restrisiko ein – und Pech lässt sich nie gänzlich ausschliessen. Trifft es ein, lautet die Devise, den Schaden möglichst in Grenzen zu halten.

Das Gewitter naht.

Das Gewitter naht.

(Bild: Fabian Duss)

Als der Spuk vorbei ist, brechen wir unsere Tour ab. Gerne hätten wir auf dem Radar geschaut, ob es das war mit dem Niederschlag, doch in dieser Einöde auf gut 2800 Metern über Meer fehlt dafür der Handyempfang. Der Blick gegen Westen reicht nicht weit, verspricht jedoch keine stabile Witterung und komplett durchnässt sind wir auch – teure Outdoorkleidung hin oder her. Auf den Abstieg zur Hütte folgt jener ins Tal. Anstatt Schweiss tropft uns der Regen von der Nase.

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