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Wenn sich der Zöllner plötzlich auf den Schlagzeugstuhl setzt
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In der bulgarischen Hauptstadt gibt’s für die Band unverhofft einen Videodreh. (Bild: pze )

Luzerner Band Visions in Clouds auf Tour Wenn sich der Zöllner plötzlich auf den Schlagzeugstuhl setzt

4 min Lesezeit 10.11.2018, 14:51 Uhr

Die Luzerner Band «Visions in Clouds» tourt zwei Wochen durch den Balkan und Osteuropa. Auf ein Schockerlebnis in Albanien folgt die Euphorie in Bulgarien. Ein Drogentest endet – dank gütiger Mithilfe von Shaqiri – glimpflich.

Die Zeit auf Tour läuft schneller. Der Wechsel von Bühne zu Bandbus und zurück lässt die Tage vorbeiziehen. Wir sind bereits in der Hälfte der zweiwöchigen Tour. Die Eindrücke, die wir bisher sammeln durften, sind immens.

Die Reise war lange und anstrengend (zentralplus berichtete), nun beginnen endlich die Konzerte. Wir können es nicht erwarten, die Motivation überwiegt noch die Müdigkeit.

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Doch kurz nach dem Start ein Dämpfer: Bei der Ausreise aus dem Kosovo erleben wir den Tiefpunkt unserer bisherigen Fahrt. Wir passieren einen Autounfall, Frontalkollision. Die beiden Wagen versperren den linken Fahrstreifen, man sieht Brems- und Blutspuren – es muss vor wenigen Minuten passiert sein. Die Rettungskräfte sind bereits hier.

Die Polizei winkt uns vorbei, während im Hintergrund ein Mann versucht, die Türe des zerdrückten Volkswagens zu öffnen. Als wir den Wagen umrunden, sehen wir: Ein Mann steckt noch im Wrack fest. Für die nächsten Minuten wird es still in unserem Van.

Es mag schrecklich klingen, doch mit etwas Abstand zum Geschehenen erscheint der Unfall nicht wirklich überraschend. Gewisse Lenker missachten hier die Verkehrsregeln auf für uns ungekannt krasse Art und Weise: Überholen in Kurven trotz Sicherheitslinien ist nicht selten. Dennoch: Das gebotene Bild der eingedrückten Fahrzeuge werden wir wohl nie vergessen.

Die Welt ist ein Dorf

In Tirana spielen wir im Eventraum eines Hostels – vom Ambiente könnte es genauso gut Berlin sein. Im Publikum taucht plötzlich ein bekanntes Gesicht auf: ein Luzerner, der inzwischen in Albanien lebt. Er sei in den sozialen Medien auf den Event gestossen und kam vorbei. Die Welt ist ein Dorf.

Die Ausreise aus Albanien bedeutet für uns: Drogentest. Wir werden in eine Garage geführt, in der ein angeleinter deutscher Schäfer auf uns wartet. Die Polizeibeamten sprechen kein Wort Deutsch, Englisch oder – was hier erstaunlich häufig ist – Italienisch. Wozu auch, als Zollbeamter.

Mit fuchtelnden Händen bedeuten sie uns, unsere Arme zu spreizen. Wir werden kritisch gefragt: «Marihuana? Kokain?» Wir verneinen.

Unser Tourbus

Unser Tourbus

(Bild: vic)

Als sie den Van öffnen, erkennen sie, dass wir Musiker aus der Schweiz sind. Die Stimmung wird gelöster. Einer fragt: «Shaqiri? Xhaka?» Wir bejahen und ein Lächeln taucht auf seinem Gesicht auf.

Dennoch müssen wir unseren gesamten Karsumpel aus dem Bus laden. Doch die Laune der Zöllner ist nun definitiv besser. Einer von ihnen setzt sich auf unseren Drumstuhl und spielt Luftschlagzeug zu imaginiertem Beat, während der andere unsere Sachen durchsucht. Verwirrt, aber zugegeben belustigt, dürfen wir unsere Sachen wieder einräumen.

Fleisch mit Fleisch

Es folgt ein Konzert in einem kleinen Ort im Süden Mazedoniens, Gevgelija. Die jungen Leute seien alle in Skopje, sagt der Veranstalter, weil gerade das Semester an der Universität begonnen habe. Es soll also ein intimes Konzert werden.

Zum Abendessen gibt es Fleisch mit Fleisch als Beilage, dazu mazedonischen Brandy. Die bestellte Portion ist völlig überladen. «Typical mazedonian food», sagt der Promoter lachend.

Die Show verläuft tatsächlich im kleinen Rahmen, doch die Zuschauer bleiben nach dem Konzert länger und stossen mit uns an. Wir treffen auf sehr herzliche Menschen hier. Der Abend fühlt sich an wie ein Treffen mit alten Freunden.

Alles andere ist Beilage: Essen in Mazedonien.

Alles andere ist Beilage: Essen in Mazedonien.

(Bild: pze)

Endlich mal verschnaufen

Nach dem Abenteuer der exjugoslavischen Staaten und kurvigen Bergstrassen voller Schlaglöcher freuen wir uns auf die Autobahn Bulgariens.

In Sofia spielen wir zwei Shows. Das heisst für uns vor allem, einen ganzen Tag nicht im Bus zu verbringen und auf die vorbeiziehende Landschaft zu starren. Anstelle dessen schlendern wir Kaffee trinkend durch die Stadt. Die Fahrpause tut sichtlich gut, denn langsam spüren wir die Erschöpfung der vergangenen Tage in unseren Körpern. Auch der langsam angekratzten Stimme tut die Auszeit gut.

Die bulgarische Hauptstadt verfügt über eine ausgedehntere, pulsierendere Kunst- und Kulturszene als die zuvor bereisten Länder. So werden wir am zweiten Abend von einer Filmcrew überrascht, die ein Livevideo unseres Songs «Show me the way (you tried to be seen)» drehen wollen.

Hier ein Beispiel der Crew:

 

Es ist faszinierend, dass sich so weit weg von Luzern eine Gruppe Künstler intensiv mit unserer Musik auseinandersetzt und diese audiovisuell in Szene setzt. Das hätten wir niemals erwartet.

Beide Abende in Sofia bringen uns ein grösseres Publikum als die vorigen Konzerte, es gibt endlich den ersehnten Austausch mit lokalen Künstlerinnen und Künstlern. Sofia behalten wir in guter Erinnerung; und eine Flasche Raki gibt’s von einem Zuschauer für die restliche Reise geschenkt. Mit gutem Gefühl geht’s ab nach Serbien.

Weitere Bilder der Tour: