(Bild: vic)
Blog

Die Tour beginnt – mit 28 Stunden in einem Kleinbus

4min Lesezeit

Die Luzerner Band «Visions in Clouds» ist während zwei Wochen auf Europatour. In verschiedenen Blogeinträgen berichten sie von ihren Erlebnissen im Osten unseres Kontinents. Der Start bedeutete für die Musiker als allererstes eines: eine lange Reise in ihrem Tourbus.

Pascal Zeder

Als unser Booker uns die 13 definitiv gebuchten Daten für unsere Osteuropa-Tournee vorlegte, war unser erster Gedanke: Wie sollen wir es bloss zur ersten Show schaffen? Der Tourstart soll in einem Lokal im Zentrum von Prishtina, Hauptstadt des Kosovo, stattfinden. Das Navi verrät: 22 Stunden reine Fahrzeit. Mit unserem gemieteten Band-Van wohl ein paar mehr.

Wir entscheiden uns dafür, die Nacht durchzufahren. Auf die vier Bandmitglieder verteilt funktioniert das in der Theorie problemlos. Der Organisator der Tour sagte im Vorfeld: «Going to Kosovo is like going to another planet», der Kosovo, ein fremder Planet. Das verspricht, interessant werden.

Den Stempel abholen

Um unsere Waren legal durch die Länder zu kutschieren, bestellten wir vorab ein dafür notwendiges Formular. «An der Grenze den Stempel abholen», klang damals enorm simpel.

Nun, der Vorgang erwies sich in der Realität als weit zeitaufwändiger. In Chiasso werden wir vom Schweizer Zoll zur italienischen Beamtin geschickt. Diese, eigentlich in ihrer Pause, schaut kurz von ihrem Handy hoch – und verweist uns zurück an die Schweizer.

Drei Mal hin und her und 45 Minuten später ist der Stempel da; und wir in der EU. Inzwischen war es dunkel, seit dem Gotthard hält der Regen an. Dafür leert sich die italienische Autobahn zunehmends; wir kommen problemlos vorwärts.

Die Grenzen werden zum Problem

Wer im hinteren Bereich des Kleinbusses versucht zu schlafen, wird herbe enttäuscht. Höchstens in kurzen Abschnitten lässt sich hinten im ruckelnden Van schlafen. Dafür geht’s schnell vorwärts.

Die Nacht ist erstaunlich schnell vorbei, dank Kaffee und Heavy Metal; Der Sonnenaufgang in Kroatien ist die Belohnung. Doch dann endet die Europäische Union – und mit ihr die Gemütlichkeit. Die Grenzen werden zum Problem.

Montenegro zeigt seinen ganzen Charme, trotz Regen (Bild: vic)

Man lernt die Personenfreizügigkeit der EU erst schätzen, wenn einen die komplexen Beziehungen der Balkanländer auf einmal selber betreffen. An der kroatischen Grenze werden wir gestoppt. «The boarder to Bosnia is always trouble», sagt die Beamtin freundlich, aber bestimmt. Wir glauben ihr und machen uns auf den Weg nach Montenegro. Ein Umweg von zwei Stunden.

Tatsächlich, der Eintritt nach Montenegro klappt, doch anstatt direkt in den Kosovo werden wir nach Albanien geschickt. Wir würden nicht durch die kosovarische Grenze gelassen, sagt der Zöllner. Also erneut ein Umweg von rund zwei Stunden. Ausserdem: Die Formalitäten die wir pro Grenze zwei Mal abwickeln müssen, brauchen Zeit.

Zu spät und müde, aber am Ziel

Montenegro verfügt über keine Autobahn. Mit 40 Stundenkilometer, per Fähre und Schlaglöcher umrundend durchqueren wir das bildschöne Land. Langsam spüren wir die Nacht im Auto in den Knien, dem Rücken.

Nach 26 Stunden (!) im Auto kommen wir, zu spät und müde, endlich an die kosovarische Grenze. Wir werden rausgewunken. Wir benötigen eine Extra-Versicherung für unser Auto – das klingt nicht besonders vielversprechend. Jemand von uns wird ins Büro zitiert, um den Kauf abzuwickeln. Während dem Warten tauen die Zöllner auf. Einer begrüsst uns auf Deutsch – er hat fünf Jahre in der IKEA in Spreitenbach gearbeitet. Dass wir ein Konzert im Kosovo spielen, scheint uns einige Sympathiepunkte einzubringen. Am Ende kennen wir den halben Zoll, erhielten Restaurants- und Essensempfehlungen und haben unzählige Hände geschüttelt.

Nach 28 Stunden erreichen wir Prishtina. Müde aber glücklich sind wir auf dem fremden Planeten angekommen. Im «Rokuzine»-Club spielen wir unsere erste Show. Die Tour beginnt – wir können es nicht erwarten.

Aus dem zentralplus Blog Tour-Blog

ZUR BLOGÜBERSICHT
x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

Ihre Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, müssen Sie auf zentralplus eingeloggt sein.
Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich jetzt und profitieren Sie
von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

MEHR AUs diesem Blog