Mein Corona-Tagebuch: Heute Manuela Weichelt-Picard
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Den Politikalltag und das Leben zu Hause unter einen Hut bringen. (Bild: zvg)

Turbulenter Tag mit Interviews, Kindern und Popcorn Mein Corona-Tagebuch: Heute Manuela Weichelt-Picard

5 min Lesezeit 10.04.2020, 16:02 Uhr

Liebes Corona-Tagebuch,

Auf zu einem weiteren Tag, an dem ich den Tatbeweis erbringen soll, dass sich Haushalt, Homeschooling und Homeoffice wunderbar vereinen lassen. Multitasking soll ja laut Studien ein Talent sein, mit dem wir Frauen/Mütter ganz besonders gesegnet sind.

Oder wird das bloss behauptet, um uns guten Gewissens alle Aufgaben aufzubürden, die der familiäre und berufliche Alltag so bereithält?

Geschwisterliebe auf Probe gestellt

Wie auch immer: Heute ist englische Literatur angesagt. Der von der Lehrerin erteilte Auftrag an die Fünftklässler lautet wie folgt: Jedes Kind soll sein Buch fertiglesen und eine Mindmap erstellen, um sich auf diese Weise intensiv mit dem Inhalt auseinanderzusetzen.

Ich finde das eine gute Idee und bin fasziniert von den Büchern, die Sophie und Ladina auf dem Tisch liegen haben: «Anne of Green Gables» von Lucy Maud Montgomery und «The coldest place on earth» von Tim Vicary.

Mutter- und Tochterlektüre.

Anschliessend ist Bruchrechnen mit der Lehrerin in der virtuellen Kleingruppe angesagt, die sich via «Teams» pünktlich auf den Schullaptops meldet. Kurze Zeit später taucht auch noch mein Gastsohn Domenic auf.

Sein Erscheinen wird von der älteren Schwester mit einer Grimasse quittiert. Die Corona-Krise stellt offenbar nicht nur die Beziehung vieler Paare, sondern auch die Geschwisterliebe auf eine harte Probe.

Zeitdruck durch SRF-Interview

Fabian Kohler, Journalist bei der Tagesschau, meldet sich auf meinem Handy und möchte ein Interview. Thema: Versorgungssicherheit von Medikamenten und Schutzsachen.

Als grüne Gesundheitspolitikerin, Mitglied der Kommission für Soziale Sicherheit und Gesundheit mit einem Master of Public Health, so meint er, könne ich dazu doch sicher etwas Substanzielles sagen – per Videokonferenz.

Auf meinen Vorschlag, die ganze Übung aufgrund meiner derzeitigen Betreuungspflichten auf morgen zu verschieben, kann er allerdings nicht eingehen. Der Termin muss noch heute stattfinden – punkt 15.30 Uhr; denn auch SRF verfügt nicht mehr jeden Tag über ausreichend Personal.

Kinder und sich selbst auf das Interview vorbereiten

Während mein Mann ein paar Nudeln mit Tomatensauce auf den Tisch zaubert, nutze ich die Zeit, um mich auf das bevorstehende Videointerview vorzubereiten. Wobei ich mir bewusst bin: 20 Minuten Interview und schlussendlich werden ein bis zwei Sätze gesendet.

Und ach ja, für die Einrichtung eines Skype-Kontos benötige ich noch kurz die Unterstützung der Bundeshaus-IT; die auch im Homeoffice ist.

Zuvor brauchen die jüngeren Mädels mein offenes Ohr, denn sie müssen je zehn Minuten vorlesen. Dann ist es soweit. Obwohl mein Mann mit Domenic im Garten den letzten Schulauftrag erledigt und ein Naturmandala aus Kieselsteinen anlegt, findet das Interview unter erschwerten Bedingungen statt.

Denn meine Tochter hat kurzfristig entschieden, statt der nachmittäglichen Joggingrunde im Freien ein Training in Bodengymnastik in ihrem Zimmer zu absolvieren. Und das befindet sich zufälligerweise genau über meinem Homeoffice, mit entsprechenden Immissionen für mich.

Mandalas im Garten sorgen für entspannte Momente. (Bild: zvg)

Nur noch wenige Minuten bis zu meinem Videointerview – und ich bin noch nicht mal umgezogen, geschweige denn frisiert oder geschminkt.

Dank einer kleinen Fristerstreckung durch den Fernsehjournalisten schaffe ich schliesslich doch noch alles unter einen Hut zu bringen. Das virtuelle Interview kann stattfinden und geht ohne Komplikationen über die Bühne.

Politisieren statt kochen!

Zu ergänzen ist: Die Kinder wollten während meines Interviews unbedingt Popcorn brutzeln. Das Resultat: Im Fett schwimmende Maiskörner und enttäuschte Kinder. Doch auch mein Versuch, eine neue Packung Körner mit Rohrzucker zu karamellisieren, misslingt.

Zwar springen bei mir die Körner an den Deckel, aber der Zucker verbrennt im Nu in der Pfanne. «Manuela!», sage ich zu mir selbst, «raus aus der Küche, zurück zu deinem Job als eidgenössische Parlamentarierin.» Da bist du im Element.

Videoschaltung läuft nicht einwandfrei

Tatsächlich: In einer Stunde halte ich meine Videobotschaft für das «Forum für Demokratie», das in Zusammenarbeit mit der Schweizer UNESCO-Kommission die Veranstaltung gezwungenermassen virtuell durchführen muss. Thema: «Global Citizenship Education».

Der Event richtet sich an Politikerinnen, Lehrpersonen, Vertreterinnen von Jugend- und Migrationsarbeit sowie Gemeinden. Doch natürlich läuft auch dieses Vorhaben nicht nach Plan. Während beim Probedurchlauf das Zoom-Video-Webinar noch tadellos funktionierte, ist jetzt – wo es ernst gilt – irgendwo der Wurm drin.

Der von mir gewählte Hintergrund – die Kulisse eines farbenprächtigen Sonnenuntergangs am Zugersee – erscheint zwar klar und deutlich auf dem Bildschirm, nicht aber mein Konterfei. Was solls. Dann hört man eben nur meine Stimme … und allenfalls noch ein wenig Begleitmusik.

Denn Sophie, kommt mir erst im Nachhinein in den Sinn, hat während der Aufzeichnung der Videobotschaft im Nebenzimmer mit ihrem Musikschullehrer Fernunterricht im Waldhornspiel genossen.

Abendliche Routine und trauriger Blick nach Italien

Hungrig setzen wir uns um 19.30 Uhr zu viert an den Tisch und verschlingen den «fried rice», den meine ältere Tochter Mia gebraten hat. Bevor sie wieder in ihr Zimmer abtaucht, muss ich allerdings ein ernstes Wort an ihre Adresse bzw. ihre Klasse richten. Denn für das Stummschalten von Lehrpersonen während des virtuellen Unterrichts habe ich kein Verständnis.

Um 21 Uhr schaue ich mir auf der Admin-Website noch die gestreamte Medienkonferenz der Bundesbehörden an, die ich am Nachmittag verpasst habe, sowie einen Beitrag über das Corona-Elend in Italien, das mit fast 11’600 Toten das am schwersten betroffene Land ist; erschütternd und traurig, welche Szenen sich hier an der Pflegefront der Akutspitäler, auf den Friedhöfen und in den Familien abspielen.

Dankbarkeit und Solidarität in Zeiten der Krise

Da schätze ich mich in meinem letztlich überschaubaren Alltagschaos einfach nur glücklich und dankbar. Und sollte das Zuger Kantonsspital in den kommenden Tagen oder Wochen aufgrund steigender Notfallzahlen in einen personellen Engpass geraten, springe ich mit meinem Erstberuf als ausgebildete Pflegefachfrau sofort ein.

Hier geht es zum früheren Beitrag von Manuela Weichelt-Picard

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