Wird der Tourismus nun zwangsläufig grüner, Frau Bitzi?
  • Politik
  • Tourismus
  • Wirtschaft
Franziska Bitzi Staub (CVP) würde sofort für Ferien in Luzern werben, wenn es in eine sinnvolle Kampagne passen würde. (Bild: gwi)

Luzerner Finanzdirektorin im Gespräch Wird der Tourismus nun zwangsläufig grüner, Frau Bitzi?

7 min Lesezeit 12.07.2020, 05:01 Uhr

Die Coronakrise hat die Diskussion über den Tourismus in einen neuen Kontext gerückt: Statt Overtourism drohen Luzern jetzt Hotelschliessungen. Stadträtin Franziska Bitzi Staub spricht im Interview über die Vorzüge von Cars, ein Kapellbrücken-Modell in der Mall und die Idee, der Gastronomie auch 2021 mehr Platz im Freien zu gewähren.

zentralplus: Franziska Bitzi Staub, der Löwenplatz ist begrünt, der Wochenmarkt nicht so überfüllt, das Inseli ohne Cars: Viele Luzerner geniessen es, ihre Stadt einmal für sich zu haben. Hand aufs Herz, gefällt Ihnen Luzern so nicht auch besser?

Franziska Bitzi Staub: Es ist wirklich schön, wenn man die Bilder auf der Kapellbrücke mal in Ruhe betrachten kann oder am Schwanenplatz nicht vom Velo steigen muss. Wem das besser gefällt, soll diese Phase mit weniger Touristinnen und Touristen geniessen. Aber auf Dauer ist das nicht der Idealzustand.

zentralplus: Stimmt es Sie nachdenklich, wenn es den Einwohnern der Tourismushochburg jetzt so gut gefällt?

Bitzi: Nein, das ist menschlich. Aber wir vergessen manchmal, wie viel Lebensqualität wir in dieser Stadt den Touristinnen und Touristen und insbesondere den Tagesgästen verdanken.

zentralplus: Sie meinen die Steuereinnahmen?

Bitzi: Die ganze Wertschöpfung umfasst viel mehr als den Steuerertrag. Es geht auch um Arbeitsplätze, Handwerkeraufträge und Lebensmittellieferungen. Die Schiffe, die Bergbahnen, das KKL oder die Festivals rentieren nicht allein mit Luzernerinnen und Luzernern. Wir sind darauf angewiesen, dass Besucherinnen nach Luzern kommen. Ansonsten hätten wir dieses Angebot gar nicht. Und es ist auch eine Bereicherung: Die Touristen bringen die Welt zu uns.

zentralplus: Die Stadt erarbeitet zurzeit eine Vision für den Tourismus im Jahr 2030. Aufgrund der Coronakrise ist von Overtourism überhaupt nicht mehr die Rede. Ist die Debatte überhaupt noch nötig?

Bitzi: Ja. Luzern ist eine Touristenstadt, das ist unsere Geschichte, das ist unsere DNA. Doch welchen Tourismus wollen wir und wie können wir das beeinflussen? Diese Fragen sind nach wie vor wichtig, auch wenn die Welt nicht mehr dieselbe ist wie vor einem Jahr.

Wie soll sich der Tourismus entwickeln?

Die Stadt Luzern erarbeitet zurzeit eine Vision Tourismus 2030. Damit soll eine Einigung über die Zukunft des Tourismus – und damit zusammenhängend – eine Lösung für das Carproblem gefunden werden (zentralplus berichtete). Die Arbeiten an der Tourismus-Strategie laufen unter der Leitung von Finanzdirektorin Franziska Bitzi Staub (CVP). Die 46-Jährige sitzt auch im Verwaltungsrat der Luzern Tourismus AG.

zentralplus: Wie beeinflusst die Coronakrise die Arbeit an der Vision?

Bitzi: Der Prozess ist im Moment sistiert, weil wir die Workshops mit Bevölkerung und Stakeholdern auf den Herbst verschieben mussten. Inhaltlich bietet diese Krise vielleicht eine Chance, dass die Diskussion breiter ablaufen wird als noch vor einem Jahr, als sich vieles einfach um die Masse an Touristinnen und Touristen drehte.

zentralplus: Inwiefern kann die Stadt den Tourismus überhaupt steuern?

Bitzi: Ein ausländischer Gast weiss auf dem Titlis wohl nicht, in welchem Kanton er nun steht – und das muss er auch nicht. Die Marke Luzern geht weit über die Stadt hinaus. Darum ist klar: Was die Stadt jetzt macht, ist nicht zwingend, was Luzern Tourismus AG übernehmen muss. Aber wir können mit gezielten Massnahmen den Tourismus in der Stadt steuern. Zum Beispiel mit teureren Carparkplätzen oder der Vorgabe, dass einheimische Guides die Stadtrundgänge durchführen.

«Wenn ich in der Bruchstrasse, im Schönbühlquartier oder in Littau unterwegs bin, besteht keine Gefahr, dass ich in einer Gruppe Asiatinnen feststecke.»

zentralplus: Gibt es Vorbilder aus anderen Städten?

Bitzi: Amsterdam zum Beispiel hat sich entschieden, Attraktionen in den Vororten zu promoten, weil es im Zentrum zu eng wurde. Dubrovnik, wo besonders viele Kreuzfahrtschiffe halten, beschränkt die Zahl der Einlasse in die Altstadt. Auch auf dem Markusplatz in Venedig versucht man, den Ansturm mit einer Eintrittsgebühr zu regulieren. Barcelona grenzt die Zahl der Airbnb-Angebote je nach Stadtkreis ein. Es gibt weltweit verschiedene Ideen mit unterschiedlichem Erfolg. Welche für Luzern die richtigen sein werden, wird sich zeigen.

zentralplus: Analog zu Amsterdam könnte man also die Kapellbrücke in der Mall of Switzerland nachbauen.

Bitzi: Ich weiss nicht, wie authentisch das wäre (lacht). Klar ist, und so funktioniere ich selber auch: Ist man zum ersten Mal in einer Stadt, will man die prominenten Sehenswürdigkeiten sehen. Dass ein Chinese den «echten» Wasserturm fotografieren will, verstehe ich. Und es hat auch Vorteile, wenn der Tourismus auf gewisse Hotspots konzentriert ist. Die Einheimischen können die Massen so problemlos umgehen. Wenn ich in der Bruchstrasse, im Schönbühlquartier oder in Littau unterwegs bin, besteht keine Gefahr, dass ich in einer Gruppe Asiatinnen feststecke.

zentralplus: Wäre das auch eine Vision: die Hotspots wie Schwanenplatz und Co. den Touristen zu überlassen?

Bitzi: Das ist eine der offenen Fragen. Die Anhäufung wird zwar als Problem wahrgenommen, aber was ist die Alternative? Die Carreisen kann man einfacher lenken als eine Vielzahl von Mietautos. Vielleicht merken wir im Prozess, dass Carreisen ein zu schlechtes Image haben und wir dort ansetzen müssen. Aber da möchte ich dem Prozess nicht vorgreifen.

zentralplus: Diesen Sommer buhlen alle Regionen um Schweizer Gäste. Für viele ist klar, dass sanfter, nachhaltiger Tourismus die Zukunft ist. Geht es zwangsläufig in diese Richtung?

Bitzi: Dass das Thema Nachhaltigkeit in der Vision Tourismus einfliessen muss, ist für mich klar. Wobei dieser Aspekt nicht neu ist. Die Frage ist vielmehr: Worin drückt sich das aus und wie weit soll es gehen? Sobald man im Flugzeug reist, ist das Reisen nicht besonders nachhaltig.

«Dass ein Chinese den ‹echten› Wasserturm fotografieren will, verstehe ich»: Stadträtin Franziska Bitzi Staub vor dem Luzerner Wahrzeichen.

zentralplus: Heisst das: Der Umwelt zuliebe – die Stadt hat ja auch ehrgeizige Klimaziele – muss man zukünftig die Gruppenreisen aus Asien und den USA zurückfahren?

Bitzi: Das Bedürfnis der Menschen zu reisen, ist ungebrochen und unser Handlungsspielraum beschränkt. Wir werden das nicht alleine bremsen können. Doch jeder Akteur, der auf Nachhaltigkeit setzt – sei es zum Beispiel mit einem Solarboot, sei es mit saisonalen Produkten aus der Region – bewirkt eine Veränderung. Die Angebote sind dann vielleicht teurer und für Discount-Gruppenreisen weniger attraktiv. Es geht in diesem Prozess aber sicher nicht darum, den Tourismus abzuschaffen – das können und wollen wir nicht.

zentralplus: Der Luzerner Tourismus lebt stark von den ausländischen Gästen. Hat man das Klumpenrisiko unterschätzt und es versäumt, sich früher zu diversifizieren?

Bitzi: Nein, das sehe ich nicht so. Dass der Tourismus verletzlich ist, war immer allen klar. Luzern ist bei Gruppenreisen sehr stark aufgestellt, was jetzt zum Nachteil wird. Aber nicht nur die Carreisen sind eingebrochen, sondern auch der Übernachtungs- und Kongresstourismus und die Veranstaltungsbranche. Wir stecken in einer gesamtwirtschaftlichen Krise.

«Es wird Firmen geben, welche die Coronakrise nicht überstehen, und Menschen, die arbeitslos werden.»

zentralplus: Luzern Tourismus zeichnet ein düsteres Bild. Andere Regionen werben mit einem weitaus grösseren Budget um Gäste. Macht der Staat in Luzern genug, um die Branche zu unterstützen?

Bitzi: Sowohl die Stadt als auch der Kanton haben zusätzliche Kredite gesprochen. Es wäre aber nicht sinnvoll, wenn wir direkt in die Wirtschaft eingreifen und beispielsweise Ausfälle der Betriebe kompensieren. Wir müssen die Wirtschaft mit guten Rahmenbedingungen unterstützen.

zentralplus: Dennoch: In Luzern haben erste Hotels Mitarbeiter entlassen. Erwarten Sie weitere Kündigungen und gar Schliessungen?

Bitzi: Es dürfte eine Strukturbereinigung erfolgen. Da darf man nicht blauäugig sein. Es wird Firmen geben, welche die Coronakrise nicht überstehen, und Menschen, die arbeitslos werden. Aber wir haben Sozialwerke, die gewährleisten, dass niemand in der Existenz bedroht ist. Und unsere Wirtschaft hat schon mehrfach bewiesen, dass sie genug flexibel ist, um das aufzufangen.

zentralplus: Der Bundesrat ruft die Bevölkerung dazu auf, Ferien in der Schweiz zu verbringen. Sie könnten auch für Urlaub in der Stadt Luzern werben?

Bitzi: Ich würde das sofort machen, wenn es in eine sinnvolle Kampagne reinpassen würde (lacht). Ich sehe es als Aufgabe des Stadtrates, unsere Stadt zu vermarkten.

zentralplus: A propos Rahmenbedingungen: Die Restaurants dürfen derzeit mehr Tische nach draussen stellen. Durch Luzern weht dadurch ein Hauch von Italianità. Das wäre doch über diesen Sommer hinaus attraktiv.

Bitzi: Wir sind den Restaurants entgegengekommen, weil sie die Abstandsregeln gewährleisten müssen. Aber das ist eine Ausnahmeregelung für diesen Sommer. Denn es handelt sich um öffentlichen Grund und dessen Nutzung ist und bleibt aus gutem Grund reglementiert. Wenn man die ganze Stadt zu einer Partymeile macht, ist die Erholung für die Daheimgebliebenen nicht dieselbe.

«Ich werde sicher in der Schweiz bleiben.»

Dass man grundsätzlich offener und flexibler ist, darf hingegen gerne so bleiben. Wir sehen zum Beispiel, dass wir auch mit einzelnen Parkplätzen eine Bereicherung und Begrünung hinbekommen. Gerade im Sommer, wo viele Handwerksbetriebe Ferien haben und der Verkehr in der Stadt abnimmt, könnte das auch in Zukunft eine Möglichkeit sein.

zentralplus: Zum Schluss eine persönliche Frage: Wie sehen Ihre eigenen Ferienpläne aus?

Bitzi: Ich habe noch keine (lacht). Das hat aber damit zu tun, dass mein Mann diesen Sommer keine Ferien nehmen konnte. Ich werde sicher in der Schweiz bleiben, allenfalls mit einem Abstecher ins grenznahe Ausland.

War dieser Artikel nützlich für Dich?

Ja

Nein

Dieser Artikel hat uns über 800 Franken gekostet. Löse ein freiwilliges Abo und hilf uns, Artikel wie diesen auch in Zukunft anzubieten.

CHF

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

0 Kommentare

Abonniere den Newsletter

Und erhalte unsere Post ganz nach Deinen Bedürfnissen und Wünschen: Täglich oder wöchentlich.