«Der Tourismus liegt noch auf der Intensivstation»
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In der Stadt Luzern stehen derzeit viele Hotelzimmer leer.

Erste Hilfe für krisengeplagte Ferienregion «Der Tourismus liegt noch auf der Intensivstation»

4 min Lesezeit 08.07.2020, 17:59 Uhr

Luzern Tourismus schafft neue Angebote, um einheimische Gäste anzulocken. Doch die Verantwortlichen wissen, dass dies vorerst wohl nur Tropfen auf den heissen Stein sind. Sie rechnen mit weiteren Entlassungen und Schliessungen in der Branche – vor allem in der Stadt.

«Der Tourismus liegt noch auf der Intensivstation», sagte Martin Bütikofer gleich zu Beginn des jährlichen Mediengesprächs. Er ist Verwaltungsratspräsident von Luzern Tourismus sowie Direktor des Verkehrshauses.

Zusammen mit dem Gastgeber, KKL-CEO Philipp Keller und dem Luzerner Tourismusdirektor Marcel Perren wagte er eine Auslegeordnung der Situation in und um Luzern.

Bütikofers Botschaft: Corona ist nicht einfach ein Sturm, den es zu überstehen gilt. Sondern er zwingt die Branche dazu, «die Flughöhe im Tourismus komplett neu einzustellen».

Die Touristiker stellen sich dabei auf einen langen Kampf gegen das «Virus im Kopf» ein – welches das Reiseverhalten weltweit und nachhaltig verändern wird.

Entlassungen und Schliessungen: Stadt besonders betroffen

Kurzfristig rechnet man bei Luzern Tourismus damit, dass es im dritten und vierten Quartal 2020 zu weiteren Entlassungen und gar Schliessungen kommen wird. Im Schatten der Entlassungen bei den Karli-Hotels (zentralplus berichtete), sei es bei vielen kleineren Hotels und Gastrobetrieben bereits jetzt zu einzelnen Entlassungen gekommen, wie Marcel Perren sagte. Einige hätten bisher nicht wiedereröffnet und es sei offen, ob sie das in Zukunft tun können.

«Den Gästen ist es egal, wo die Kantonsgrenze aufhört.»

Tourismusdirektor Marcel Perren

Die Stadt Luzern ist dabei am stärksten betroffen – die Übernachtungen sind im Vergleich zum Vorjahr um 61 Prozent eingebrochen und erholen sich nur langsam. Der Gast bleibt aktuell nur 1,7 Nächte, mit etwas mehr als zwei wären die Touristiker zufrieden.

Wer macht schon Ferien in der Stadt?

Während auf dem Land, sprich, in den alpinen Regionen, die Hotels inzwischen wieder gute Auslastungen – teils auf dem Niveau von 80 Prozent des Vorjahres – verzeichnen, kommt für die Stadt erschwerend hinzu, dass Herr und Frau Schweizer ihre Sommerferien zuhause traditionsgemäss selten in den urbanen Gebieten planen.

Der Luzerner Tourismusdirektor Marcel Perren. (Bild: uus)

Aber selbst wenn die einheimischen Gäste kommen, sagt Perren: «Luzerns Tourismus war immer schon international ausgerichtet. Es wird unmöglich sein, die Ausfälle durch einheimische Gäste zu kompensieren.»

Was die Situation in der Stadt noch kniffliger macht: Ohne Veranstaltungen fehlt eines der wichtigsten Vehikel, den Sommertourismus in der Stadt anzukurbeln. Der Wegfall von Zugpferden wie dem Blueballs und dem Lucerne Festival, das nur in einer Miniausführung stattfinden wird, trifft nicht nur die Veranstalter, sondern sorgt für zusätzliche leere Betten in den Hotels.

Erste Lektion: Die Vernetzung muss besser werden

Vor diesem Hintergrund sind die Bemühungen um einheimische Gäste auch als kurz- bis mittelfristige Massnahme zur Schadensbegrenzung zu verstehen. Oder als Wiederbelebungsmassnahme, um im eingangs gewählten Bild zu bleiben. 1,2 Millionen Franken kostet die Kampagne, die mit einem Abenteuerkalender, Gutscheinen und dem Tell-Pass punkten will (zentralplus berichtete).

Die Nähe der Stadt Luzern zu den Bergen schreit eigentlich nach Anknüpfungspunkten mit den naturnahen Bergkantonen. Ein Blick auf die neu geschaffenen Angebote zeigt, dass dies auch probiert wird. Der vergünstigte Tellpass ist ein Beispiel dafür, dass die regionale Zusammenarbeit auch interkantonal funktionieren kann. Wie gefragt Zentralschweizer Einkaufsgutscheine sein werden, muss sich zeigen.

«Es ist noch nicht viel Zeit vergangen, seit wir diese komplett neue Situation im Tourismus haben.»

Insgesamt gestaltet sich die interkantonale Zusammenarbeit laut Perren aber schwierig (zentralplus berichtete). «Es ist sicher ein Learning aus der Krise, dass wir hier besser werden müssen, die Zentralschweiz als Tourismusregion zu vermarkten. Den Gästen ist es egal, wo die Kantonsgrenze aufhört», so Perren.

Weil sich die Tourismusdirektoren aber stark nach den Vorgaben der kantonalen Fördergelder ausrichten, ist es nicht einfach, die Zentralschweiz im inländischen Wettbewerb schlagkräftig zu positionieren. Rund zwei Millionen Franken erhält Luzern Tourismus von Kanton und Stadt Luzern. Zum Vergleich: In Perrens Heimatkanton, dem Wallis, werden stolze 17 Millionen Franken investiert, um die einheimischen Gäste anzuwerben. Das reicht, um auch aufwändige Plakataktionen oder gar TV-Spots zu finanzieren.

Immerhin: Keine Zustände wie in Interlaken

Die Situation sieht also insgesamt düster aus für die Tourismushochburg Luzern. Doch es gibt auch Lichtblicke: Die Romands kommen. Es wird in den Gassen Luzerns mehr französisch gesprochen als auch schon. Und einzelne Hotels mit einer treuen Stammkundschaft können ihre Betten auch in Stadtnähe füllen. Zustände wie in Interlaken, wo die Infrastruktur zu grossen Teilen auf die arabische und asiatische Kundschaft ausgelegt ist, befürchtet Perren deshalb nicht.

Gefragt sein wird Kreativität und die Fähigkeit, neue Lösungen zu finden, um die «neue Normalität im Tourismus» auch zugunsten der Stadt und der Region zu nutzen. Klar ist: Es geht kurz- und mittelfristig darum, die Auswirkungen der durch die Corona-Pandemie veränderten Reisegewohnheiten mit einem Erste-Hilfe-Paket zu dämpfen. Wie sich der Tourismus langfristig verändern wird, das wird gerade die Touristiker weltweit noch lange beschäftigen. Noch einmal Perren: «Es ist noch nicht viel Zeit vergangen, seit wir diese komplett neue Situation im Tourismus haben.»

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