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«Wir wollen kein zweites Luzern»
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Die meisten Geschäfte profitieren nicht vom chinesischen Tourismus in Zug. (Bild: wia)

Was bringen chinesische Touristen Zug? «Wir wollen kein zweites Luzern»

4 min Lesezeit 03.11.2014, 09:04 Uhr

Chinesische Touristen gehören heute zu Luzern wie der Pilatus und die rosarote Bäckerei. Doch in Zug sind sie ein Novum. Erst seit diesem April kommen regelmässig ganze Carladungen in Zug vorbei, touren durch die Stadt und rauschen wenige Stunden später wieder ab. Nur, wem bringen diese Touristen wirklich etwas?

Während der Sommermonate halten die Cars täglich beim Spielplatz Rigiplatz (oberhalb der Katastrophenbucht). Die Chinesen, die aus den vorwiegend italienischen Bussen aussteigen, werden von ihren Tourguides der Seepromenade entlang geführt, durch die Altstadt gelotst und landen dann jeweils in den Schmuckgeschäften. Doch eigentlich sind es nur wenige Unternehmen, die von den chinesischen Touristen profitieren.

Eines davon ist die Bijouterie Lohri. Diese hat den chinesischen Touristen den Weg nach Zug überhaupt erst geebnet. Goldschmied Franco Lohri erklärt: «Seit fünf oder sechs Jahren schon zählen chinesische Touristen zu unseren Kunden. In der letzten Zeit sind es etwas mehr geworden. Dies, weil generell mehr Chinesen in die Schweiz reisen.» Da viele von ihnen kein Englisch sprechen, hat Lohri extra eine chinesische Verkäuferin angestellt. Dies, so Lohri, «damit jeder Kunde bei uns richtig bedient wird. Wir verkaufen Marken, die erklärungsbedürftig sind.»

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Bekannte Marken statt individueller Schmuck

Doch nützen diese Touristen auch anderen Geschäften? Maya Sulger hat ihr Goldschmiedeatelier gleich gegenüber des Carparkplatzes. Ihr bringen die Chinesen nichts ein. Grund dafür sei wohl, dass sie keine Uhren bekannter Marken verkaufe, sondern nur individuellen Schmuck. Auch Raphael Meyer, der sein Goldschmiedeatelier eigentlich an bester Lage beim Fischmarkt hat, sieht die chinesischen Touristen bloss durch die Scheibe. «Praktisch jeder zückt vor meinem Geschäft den Fotoapparat. Wenn ich einen Franken bekäme für jedes Foto, das die Chinesen von meinem Geschäft machen, dann müsste ich nicht mehr arbeiten», erklärt Meyer. Nur: Es bleibt bei den Fotos, bisher sei nur ein einziger Tourist ins Geschäft eingetreten und habe etwas gekauft.

«Nein, die vielen chinesischen Touristen nützen dem Geschäft kaum», erklärt auch eine Verkäuferin des Ladens «Wunderbox». Und das, obwohl der Laden unter dem Zytturm auch typische Souvenirs verkauft. «Die Touristen sind meist in Gruppen unterwegs und haben einen fixen Zeitplan. Da bleibt nicht viel Zeit, um bei uns hereinzuschauen.» Dazu komme, dass der Laden viele Kleinigkeiten verkaufe. Um sich alles anzusehen, brauche es Zeit. Zudem sei es schwierig, mit den Touristen zu kommunizieren, da viele von ihnen kaum Englisch könnten.

Wie verschiedene Reaktionen zeigen, fürchten einige Geschäfte zudem, dass die jetzige, überschaubare Situation zu einem Massentourismus verkommen könnte.

Übernachtungszahlen sind um fast 13 Prozent gestiegen

Obwohl die Zahl der chinesischen Touristen in Zug merkbar zugenommen hat, profitieren nur wenige Hotels davon. Joseph Ruckli, Hoteldirektor vom Hotel Löwen am Landsgemeindeplatz sagt: «Wir sehen schon, dass immer mehr chinesische Touristengruppen die Stadt erkunden, doch die Allermeisten bleiben nicht über Nacht. Abgesehen davon hätten wir die Kapazität für solch grosse Gruppen nicht.» Auch im Hotel Ochsen beim Kolinplatz merkt man in der Kasse nichts von der Zunahme. Dies vor allem, weil das Hotel insbesondere auf Geschäftsleute spezialisiert sei.

Ähnlich argumentiert das Hotel Ibis in Baar. Auch dort sei man eher auf Businessgäste ausgerichtet und merke deshalb kaum eine Zunahme chinesischer Touristen, erklärt der Hoteldirektor Florian Kretzschmar.

Nur – die Zahlen sprechen für sich. Tourismusdirektor Urs Raschle sagt: «Tatsächlich hat die Zahl der Übernachtungen bis und mit August um 12,8 Prozent zugenommen im Vergleich zum Vorjahr.» Dass diese Entwicklung mit der Zunahme chinesischer Gäste im Zusammenhang steht, liegt nahe. Also wo übernachten die Chinesen? Im Parkhotel Zug, beispielsweise. Dort habe die Zahl zugenommen. Die Reservierungsleiterin Christine Freinatis erklärt: «Es sind vor allem kleinere Reisegruppen, die von Italien her anreisen und neuerdings auch in Zug Halt machen.» Meist blieben diese Touristen jedoch nur für eine Nacht im Parkhotel.

«Wenn Individualkunden hören, dass wir Gruppen aufnehmen, bekommen sie Angst und wählen ein anderes Hotel.»

Hoteldirektor aus Zug

Zwei weitere Hotels sagen gegenüber zentral+ zwar, dass sie regelmässig chinesische Touristengruppen aufnehmen, wollten aber in diesem Zusammenhang nicht genannt werden. «Wenn Individualkunden hören, dass wir Gruppen aufnehmen, bekommen sie Angst und wählen ein anderes Hotel», heisst es dort. Man fürchte sich vor Luzerner Verhältnissen.

Zug Tourismus zieht mit

Die Bijouterie Lohri hatte sich letztes Jahr an Zug Tourismus gewandt, um enger zusammen zu arbeiten. Da die Kontakte zu China bereits geknüpft worden seien, habe sich Zug Tourismus dazu bereit erklärt, sagt Tourismusdirektor Urs Raschle: «Deshalb bin ich im März dieses Jahres nach China gereist, um dort Kontakte mit Reiseführern zu knüpfen und um ihnen zu erklären, wie es hier in Zug läuft.»

Für Zug Tourismus ist aber klar: «Die Touristen kommen auch ohne unser Zutun nach Zug. Wir sorgen einfach dafür, dass ihnen neben ihrem Einkauf auch Programmpunkte wie Schifffahren oder der Besuch von Bauernhöfen geboten werden», so Raschle weiter.
Sowohl für Raschle wie auch für Lohri ist jedoch klar: Die Quantität chinesischer Touristen in Zug muss massvoll bleiben. «Wir wollen kein zweites Luzern», betont der Tourismusdirektor.

Das Fazit: Für die meisten Geschäfte und Hotels ändert sich durch die Gäste aus Fernost nichts. Denn dafür müssten sich nicht nur die Geschäfte, beispielsweise mit chinesisch sprechendem Personal, anpassen. Auch die Geschwindigkeit, mit welcher die Chinesen durchs alte Zug ziehen, müsste erheblich gedrosselt werden.

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