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Wie die regionale Gastronomie auf den Shutdown reagiert – und wie Gäste helfen können
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Auch die Jazzkantine steht still in Corona-Zeiten. (Bild: uus)

Wirte kämpfen um die Existenz und für die Mitarbeitenden Wie die regionale Gastronomie auf den Shutdown reagiert – und wie Gäste helfen können

7 min Lesezeit 18.03.2020, 04:57 Uhr

Das öffentliche Leben kommt zum Erliegen. Die verordnete Schliessung der Betriebe, die nicht überlebenswichtig sind, trifft auch die Gastro-Branche in Zug und Luzern hart. Die Wirte, Hoteliers und Restaurantbesitzer suchen nach dem richtigen Umgang mit der Corona-Krise – und bereiten sich schon jetzt auf die Zeit danach vor.

Im Gasthaus zum Rössli in Oberägeri ist Wirtin Barbara Schneider gerade damit beschäftigt, die Vorräte zu prüfen. Was eingefroren werden kann, kommt jetzt in die Truhe. «Einen Teil werde ich für den Eigenbedarf brauchen. Dann werde ich Freunde und Bekannte anrufen und ihnen anbieten, die restlichen Lebensmittel abzuholen. Foodwaste gibt es sicher nicht.»

Als Präsidentin von Gastro Zug ist Schneider am Montag vom Kanton etwas vorab informiert worden, dass die komplette Schliessung der Gastrobetriebe auf bundesrätliche Anordnung Tatsache wird (zentralplus berichtete). Etwas, das die gestandene Wirtin in ihren 30 Berufsjahren – wie alle ihre Kollegen – noch nie erlebt hat.

Sie seufzt am Telefon, fasst sich aber sofort wieder: «Es macht jetzt keinen Sinn, Panik zu schieben», sagt sie. Viele Gastronomen aus ihrem Verband fürchten nun um ihre Existenz – auch wenn sie die Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus verstehen würden. Schneider appelliert: «Wir müssen jetzt einander unterstützen und zusammenstehen.»

Frischwaren werden an die Mitarbeitenden verschenkt

Der Betriebsausfall trifft viele Gastronomen brutal – auch stabile Unternehmen. «Wir sind verhältnismässig gut aufgestellt, die Liquiditätssituation bereitet uns aber Sorgen», sagt Simone Müller-Staubli, die von Luzern aus zusammen mit Samuel Vörös und Dominik Grossenbacher die Schatz AG mit ihren 23 Betrieben, davon sechs Hotels, führt. «Die vergangenen Wochen, in denen nahezu alle Anlässe abgesagt wurden und die Gästezahlen zurückgegangen sind, haben ein Loch in unsere Kassen gerissen. Nun geht gar nichts mehr.»

«Jetzt sollen alle durchatmen können, um wieder einen klaren Kopf zu kriegen.»

Philippe Giesser, Sinnvoll Gastro AG

Auf eine mögliche Schliessung der Betriebe habe man sich und die insgesamt rund 450 Mitarbeitenden vorbereitet. «Die Kurzfristigkeit der Massnahme der kompletten Schliessung stellte uns vor Herausforderungen und war mit viel Aufwand verbunden.» Was von den Lebensmitteln haltbar gemacht werden konnte, habe man verarbeitet. Die restlichen Waren wurden an die Mitarbeitenden verschenkt. «Das war eine bewusste Entscheidung», so Müller-Staubli. «Sie sind diejenigen, die mit uns mitkämpfen.» Und sie betont: «In den vergangenen Wochen hatten wir keinen einzigen Ausfall. Erst im Krisenfall zeigt sich, wie stark ein Team wirklich ist.»

Simone Müller-Staubli.

Nun kämpfen die Geschäftspartner Müller-Staubli, Vörös und Grossenbacher für ihre Mitarbeitenden. «Die Kurzarbeit ist aufgegleist und für jeden ist eine Lösung gefunden.» Wie andere Unternehmen auch setzen die Gastronomen vor allem auf die 10 Milliarden Franken, die der Bund in Aussicht stellt. «Es ist generell sehr aufwendig, an Informationen zu kommen», sagt Müller-Staubli. Wie werden Kader und Betriebsinhaber für ihre Ausfälle entschädigt? Welche weiteren Möglichkeiten gibt es, um die Unternehmen zu stützen?

Was Gäste für ihre Lieblingsbeiz tun können

Es ist absehbar, dass einige Gastronomiebetriebe in den kommenden Monaten um ihre Existenz bangen müssen. Stammgäste können ihre Lieblingsrestaurants und Hotels aber unterstützen. «Ich würde mir wünschen, dass Reservationen nicht abgesagt, sondern nach Möglichkeit verschoben werden. Das gibt den Gastronomen etwas Planungssicherheit für die Zeit danach», sagt Barbara Schneider, Präsidentin des Verbands Gastro Zug. Dem stimmt auch Simone Müller-Staubli von der Luzerner Schatz AG zu und ergänzt: «Mit einem verschenkten Gutschein unterstützt man die Betriebe und macht zudem jemandem eine Freude.» Ein Gutschein ist auch ein Hinweis auf die Zeit nach dem Corona-Shutdown – denn auch dieser wird ein Ende haben.

Restaurantbesitzer und Teilzeitarbeitende trifft es hart

Es sind Fragen, die auch die Gastronomieverbände im Moment am meisten beschäftigen. Patrick Grinschgl, Präsident von Gastro Region Luzern, erklärt die aktuellen Brennpunkte: «Es geht jetzt um die Liquidität der Unternehmen.» In der Branche, in der viele Tagelöhner und Teilzeitarbeitende tätig seien, sei es besonders wichtig, für diese Personen Regelungen zu finden. Inhaber von Wirtshäusern, die sich selbst keinen Lohn auszahlten, seien zudem durch die gängigen Regelungen für Kurzarbeit nicht zwingend gedeckt.

Erschwerend komme für viele Unternehmen hinzu, dass neben Lohnfortzahlungen auch hohe Fixkosten gedeckt werden müssten, während der Betrieb stillstehe. Der Bund hat angekündigt, zinslose Darlehen bereitzustellen, um Liquiditätsengpässe notfalls zu überbrücken. Am Dienstag hat auch die Luzerner Kantonalbank angekündigt, 50 Millionen Franken für Kleinunternehmen zur Verfügung zu stellen (zentralplus berichtete).

«Das Problem ist aber, dass sich die Schulden dadurch nur verschieben», sagt Grinschgl, der für die CVP für Luzerns Stadtparlament kandidiert. Viele Unternehmen könnten ein solches Darlehen, das für einen oder zwei Monate hoch ausfallen kann, nicht zurückzahlen. «Wir setzen uns deshalb als Verband dafür ein, dass der Bund auch mit Einsätzen à fonds perdu rechnen muss.»

«Die Versicherung kann sich auf den Standpunkt stellen, es handle sich beim Corona-Virus um eine weltweite Pandemie – der Epidemiefall sei dadurch nicht abgedeckt.»

Patrick Grinschgl, Gastro Region Luzern

Einen Teil der Umsatzeinbussen haben viele Gastronomen zudem mit einer Epidemie-Versicherung abgedeckt. Während sich einige Versicherungen kulant zeigen, bocken andere: «Die Versicherung kann sich auf den Standpunkt stellen, es handle sich beim Corona-Virus um eine weltweite Pandemie – der Epidemiefall sei dadurch nicht abgedeckt», so Grinschgl. Für solche Wortklaubereien hat er aber im Moment kein Verständnis: Für einen Restaurant- oder Hotelbetrieb in Luzern spielt es keine Rolle, ob ein Bistro in Südkorea ebenfalls betroffen ist. «Wir werden hier versuchen, auch politischen Druck auf die Versicherungen auszuüben, Kulanz walten zu lassen», verspricht der Verbandspräsident.

Wie weiter? Viele Fragen bleiben offen

Während Verband und Wirte darum kämpfen, die horrenden Ausfälle möglichst abzudämpfen, geht es für die auf Kurzarbeit gestellten Mitarbeitenden auch darum, wie sie die kommenden Wochen oder vielleicht Monate überbrücken. «Kurzfristig ist es essenziell, die Kosten in den Griff zu bekommen», sagt Simone Müller-Staubli. Dazu gehöre, nun zu sparen, wo es möglich sei und die Liquidität sicherzustellen.

Patrick Grinschgl.

So bald wie möglich soll wieder nach vorne geschaut werden. Wo möglich, möchte man die Mitarbeitenden am Wiederaufbau des Betriebs mitwirken lassen, auch wenn derzeit keine Gäste betreut werden. «Wir haben in der vergangenen Zeit gemerkt, dass viele helfen möchten, auch weil sie gerne arbeiten.» Aber: «Wer für Kurzarbeit angemeldet ist, darf nicht arbeiten», so Müller-Staubli. Hilfreich wäre eine Lockerung der Gesetze, die kreative und unbürokratische Lösungen möglich machen würde: Zum Beispiel, dass die Köche für Einsätze zur Verfügung stehen könnten, wo Not an Personal herrscht. «Wir haben dem Küchenteam des Kantonsspitals Luzern Unterstützung angeboten.»

«Wir möchten möglichst rasch wieder an die Eröffnung denken.»

Simone Müller-Staubli, Schatz AG

Wenn es nach Müller geht, sollen die Mitarbeitenden aber auch die Möglichkeit haben, in der Zwischenzeit an der Verbesserung der Betriebe mitzuwirken. «Wir möchten möglichst rasch wieder an die Eröffnung denken. Wenn sich die Mitarbeitenden mit Ideen beteiligen könnten, wäre diese Zeit sinnvoll genutzt.» Unter Einhaltung der verordneten Massnahmen wären auch interne Trainings und Weiterbildungsmodule sinnvoll. Oder Einsätze in den Betrieben – etwa beim Umdekorieren.

Trotz strahlender Frühlingssonne: Das Corona-Virus zwingt auch die Gastronomie am Luzerner Mühlenplatz in die Knie.

Hilfe zur Selbsthilfe: Take-Away-Angebote nehmen zu

Derweil helfen sich gerade in der Stadt einige Restaurants mit Ad-hoc-Lösungen: Sie liefern den Kunden das Essen nach Hause oder stellen es zum Abholen bereit. Das ist auch unter dem strengen neuen Regime erlaubt (zentralplus berichtete). Auch in der Jazzkantine an der Grabenstrasse überlegt man sich diese Option. «Wir wollen diese Woche abwarten und schauen, wie es sich entwickelt. Wenn die Leute nach unserem Food verlangen, wäre das bestimmt eine Möglichkeit», sagt Betreiber Mario Waldispühl. Und er fügt an: «Viele unserer Lieferanten bieten diese Option auch an.»

«Wir räumen unseren Keller und den Estrich auf. Es gibt einige Dinge, für die wir sonst kaum Zeit finden.»

Wirtin Barbara Schneider, «Zum Rössli», Oberägeri

Nachgefragt bei der Sinnvoll Gastro hält man sich etwas zurück. Philippe Giesser gleist mit seinen Teams gerade den Frühlingsputz auf: «Wir wollen mit den bestehenden Angeboten nicht konkurrieren. Zuerst einmal fahren wir unsere Betriebe richtig herunter. Dann sollen alle durchatmen, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen.» Er könne sich aber vorstellen, dass sein Personal bestehende Betriebe unterstütze, zum Beispiel mit einem zusätzlichen Angebot auf dem Speisezettel. Dabei gelte der Grundsatz: «Wer arbeitet, wird nicht auf Kurzarbeit angemeldet.»

In Oberägeri macht Barbara Schneider derweil, was viele zum Daheimbleiben Gezwungene tun: «Wir räumen unseren Keller und den Estrich auf. Es gibt einige Dinge, für die wir sonst kaum Zeit finden.»

Auch die Rathaus Brauerei hat ihren Mitarbeitern Lebensmittel zur Verfügung gestellt.

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