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Wenn die Luzerner Politik ein Public Viewing veranstaltet
  • Politik
Die Politiker standen unter besonderer Beobachtung. Für die Bürgerinnen und Bürger wurde die Ratssitzung in einen Nebenraum übertragen. (Bild: bic)

Erste Abendsitzung des Grossen Stadtrates Wenn die Luzerner Politik ein Public Viewing veranstaltet

5 min Lesezeit 21.02.2019, 23:28 Uhr

Diesen Donnerstag schauten die Luzerner ihren Parlamentariern ganz genau auf die Finger. Erstmals lud der Grosse Stadtrat zu einer Abendsitzung, um die Bevölkerung anzusprechen. Das Angebot stiess auf reges Interesse – und könnte wohl auch für die Politiker lehrreich gewesen sein.

«Sehr geehrter Präsident, geschätzte Kolleginnen und Kollegen und vor allem liebe Besucherinnen und Besucher.» Diese für die Luzerner Grossstadträte ungewohnte Formulierung, mit der sie ihre Voten einleiteten, hörte man am Donnerstagabend im städtischen Parlament mehrere Dutzend Mal.

Denn der Grosse Stadtrat feierte eine Premiere. Am Donnerstag wohnten neben den Medienvertretern auch zahlreiche Bürgerinnen und Bürger der Ratsdebatte bei. Die Sitzungen sind zwar immer öffentlich: Mit seiner ersten Abendsession wollte das Parlament diesmal auch berufstätigen Luzernern die Möglichkeit bieten, live dabei zu sein.

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Viele Besucher – trotz eher trockenen Themen

«Wir wagen heute Abend ein Experiment», mit diesem Satz eröffnete Ratspräsident Daniel Furrer (SP) die Sitzung. Besonders herzlich begrüsste er die drei Gehörlosen, die von ihrer Dolmetscherin begleitet wurden und ganz zuvorderst Platz nehmen durften. Dazu später mehr. 

«Ich bin häufig in den sozialen Medien unterwegs und wollte mir die Politik einmal von nahe ansehen.»

Fekrije Abazi, Besucherin

Rund 60 Personen sassen zwischenzeitlich in den beiden Räumen. Da die Besucherplätze im Ratssaal äussert knapp sind, wurde die Debatte in einen Nebenraum übertragen. Über den ganzen Abend gesehen nutzen wohl gut 100 Leute die Gelegenheit, live dabei zu sein – auch wenn die besprochenen Themen mit Titeln wie «Erlass und Teilrevision von Fondsreglementen» oder «Vertiefungsplan und städtebauliche Richtlinien Mattenplatz» sonst wohl nur die wenigsten hinter dem Ofen hervor holen können. 

Das lange Warten auf die Pause

Die Parlamentarierinnen nutzten die Chance, sich bei den Wählern in den Fokus zu rücken. Da die Politiker an diesem Abend unter besonderer Beobachtung standen, verschoben sie sogar ihre von vielen sehnlichst erwartete Pause nach hinten. Der Rat folgte einem Ordnungsantrag von Noëlle Bucher (Grüne), eine Motion über Anpassungen bei den schulischen Tagesstrukturen noch vor dem Unterbruch zu diskutieren. «Einige unserer Gäste sind extra für diese Diskussion gekommen», begründete Bucher den Antrag.

Die meisten Grossstadträte haderten im Nachhinein wohl aber mit ihrem Entscheid. Eine geschlagene Stunde dauerte die bildungspolitische Debatte. Anders als die Besucher, die nach eigenem Gusto kommen und gehen konnten, mussten die Parlamentarier damit fast drei Stunden am Stück auf ihren Sesseln ausharren.

GLP-Grossstadtrat Stefan Sägesser, für seine markigen Sprüche bekannt, brachte gegen Ende der Diskussion auf den Punkt, was wohl viele im Saal dachten: «Damit man meine Stimme heute auch noch hört, sage ich nun auch noch etwas. Obwohl ich vor Hunger fast umkippe.»

Die Zuschauer verfolgen gespannt die Ratsdebatte im Nebenraum.

Die Zuschauer verfolgen gespannt die Ratsdebatte im Nebenraum.

(Bild: bic)

Zufriedene Besucher

Trotz der teilweise schwierigen und detailreichen Debatte zeigten sich die Besucher mehrheitlich zufrieden. So etwa die 17-jährige Fekrije Abazi. Sie habe sich einen Überblick über die Stadt und die anstehenden Veränderungen verschaffen wollen. «Ich bin häufig in den sozialen Medien unterwegs und wollte mir die Politik einmal von nahe ansehen und mehr darüber erfahren. Denn ich weiss noch nicht so viel», so Abazi.

Sie arbeite im gleichen Betrieb wie Ratspräsident Daniel Furrer. «Er hat uns auf die heutige Grossstadtratssitzung aufmerksam gemacht», erzählt sie.

Bisher habe sie sich kaum für Politik interessiert. Dies habe sich jetzt aber geändert. «Es bewegt mich schon ein bisschen. Ich werde auf jeden Fall abstimmen gehen, wenn ich 18-jährig bin», freut sie sich.

«Ist das effizient?»

Interessant und lehrreich empfanden auch die 28-jährigen Samir Mejri und Oliver Baumberger aus der Stadt ihren Besuch. «Wir haben in den Medien und im Internet gesehen, dass es heute die Möglichkeit gibt, einmal am Abend bei einer Session zuzuschauen», sagt Mejri. Da er sehr politikinteressiert sei, habe er sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen wollen.

«Ich war sehr überrascht, wie lange man über ein einzelnes Thema diskutieren kann.»

Oliver Baumberger, Besucher

Oliver Baumberger sieht es ähnlich. «Ich wohne erst seit dem Sommer in der Stadt und wollte mich im Hinblick auf die anstehenden Wahlen etwas näher über die aktuellen Themen informieren.» Es interessiere ihn, wer überhaupt in diesem Parlament sitze und was hier drin abgehe.

Für die Parlamentarier hatten die beiden gleich noch eine Botschaft mitgebracht. «Ich kam ohne Erwartungen hier her, war aber sehr überrascht, wie lange man über ein einzelnes Thema diskutieren kann», sagt Baumberger lachend. «Ich weiss nicht, ob das immer so ist, frage mich aber, ob das tatsächlich effizient ist.»

Ein Zugang zur Politk – auch für Gehörlose

Interessiert und fasziniert waren auch die drei gehörlosen Besucherinnen und Besucher. «Es ist für uns sehr wichtig, dass wir heute hier sein und uns die Debatte von unserer Dolmetscherin übersetzen lassen können», zeigte sich der 32-jährige Patrick Mock aus Luzern erfreut.

Denn es sei entscheidend, dass sich auch Gehörlose künftig stärker politisch engagierten. «Es wird in der Politik immer über Menschen mit einer Behinderung geredet, sie selber haben aber oft kaum Möglichkeiten, sich zu äussern», kritisierte Mock. Es wäre daher super, wenn Menschen wie er künftig die Chance bekämen, in Parlamenten Einsitz zu bekommen.

Die drei gehörlosen Gäste im Rathaus.

Die drei gehörlosen Gäste im Rathaus.

(Bild: bic)

Loredana Gsponer-Bertolotti ergänzte: «Wenn in der Stadt eine Abstimmung stattfindet, habe ich meistens keine Ahnung, um was es geht. Ich bin deshalb sehr froh, dass ich mir die Aussagen der Politiker vor Ort von der Dolmetscherin übersetzen lassen kann.»

«Stadt sollte mehr Gebärdensprache anbieten»

Dies müsste noch viel umfassender geschehen, sagt sie. Zum Beispiel auf der Webseite, wo die Abstimmungstexte aufgeschaltet sind. Hier könnte man zum Beispiel Videos mit Gebärdendolmetschern aufschalten. «Andere Länder sind da schon viel weiter», so ihre Message an die Politik.

«Die Hörenden bekommen von der Politik viel mehr mit als wir. Für uns ist es aber schwierig, an die Informationen zu kommen», bemängelt eine dritte Gehörlose. «Durch mehr Dolmetscher hätten wir viel besseren Zugang zu den Inhalten.»

Der Abend im Rathaus scheint also sehr lehrreich gewesen zu sein. Sowohl für die Besucher als auch für die Politikerinnen. Bleibt zu hoffen, dass diese nicht nur einen knurrenden Magen, sondern ebenfalls Erfahrungen mit nach Hause nehmen.

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