Warum getrennte Schlafbetten in Beziehungen kein No-Go sein müssen
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Ein geteiltes Bett gilt für viele Paare als normal – auch wenn es durchaus Gründe für getrenntes Schlafen gibt. (Symbolbild: Claudia van Zyl/Unsplash)

Luzerner Paartherapeutin zu Distanz während Corona Warum getrennte Schlafbetten in Beziehungen kein No-Go sein müssen

5 min Lesezeit 30.01.2021, 17:16 Uhr

Unserem Herzallerliebsten kommen wir zurzeit besonders nahe: Homeoffice sei Dank. Doch was, wenn man sich mehr Freiraum wünscht? Oder in getrennte Betten ausweichen will? Antworten darauf hat die Paar- und Sexualtherapeutin Linda Wüthrich aus Luzern.

In der Löffelchenstellung einschlafen, in der Löffelchenstellung aufwachen. Montag bis Sonntag, Nacht für Nacht: Für die meisten Paare ist das gemeinsame Liebes- und Schlafnest unverzichtbar. Weshalb es sich zumindest lohnt, über getrennte Schlafbetten nachzudenken, gerade in Zeiten von Corona, verrät die Paar- und Sexualtherapeutin Linda Wüthrich. Die 29-Jährige arbeitet in einer Gemeinschaftspraxis in Luzern.

zentralplus: Linda Wüthrich, Paare verbringen jetzt gezwungenermassen viel Zeit miteinander. Führt die vermehrte Zweisamkeit dazu, dass sich altbekannte Probleme zuspitzen? Wie nehmen Sie das in Ihrer Praxis wahr?

Linda Wüthrich: Wir sehen oft, dass sich Probleme jetzt anstauen. Es kommt zu Spannungen, die Probleme entladen sich gegenüber dem Partner, weil er der einzige ist, der immer da ist. Oftmals sind es ganz alltägliche, kleine Dinge. Wer sich mehr um den Haushalt kümmert beispielsweise. Vielen fehlt momentan der Ausgleich, der früher automatisch Distanz in eine Beziehung brachte. Sei das der Job ausser Haus, Hobbys, soziale Kontakte.

zentralplus: Inwiefern kommen Themen wie Nähe und Distanz in der Partnerschaft bei Ihnen in den Beratungen aufs Tapet?

Wüthrich: Das war schon vor Corona generell oft ein Thema, seit Corona aber noch expliziter und akuter. Gerade bei Paaren, bei denen beide seit Monaten im Homeoffice arbeiten. Viele sagen, dass sie zwar die ganze Zeit zusammen sind, ohne wirklich zusammen zu sein. Sie erleben nichts, sie haben sich nichts mehr zu sagen. Andere erzählen mir, dass sie während dieser Zeit eher zu Kumpeln wurden.

«Ich glaube, immer frisch verliebt zu sein und dieses Gefühl möglichst aufrechtzuerhalten, ist unsere grosse Illusion.»

zentralplus: Kann man sich denn auch nach Jahren in einer Beziehung noch frisch verliebt fühlen?

Wüthrich: Ich glaube, immer frisch verliebt zu sein und dieses Gefühl möglichst aufrechtzuerhalten, ist unsere grosse Illusion. Das ist schlicht nicht möglich. Wir selber verändern uns, unsere Lebensumstände, es ist ein ständiges Wachsen. So ist es logisch, dass sich auch die Liebe und eine Beziehung über die Jahre hinweg verändert. Das kann für viele ernüchternd sein. Das muss aber nicht unbedingt negativ sein und kann auch viele Chancen bieten.

Über Linda Wüthrich

Linda Wüthrich hat an der Universität Basel den Master in Psychotherapie und den Master in klinischer Psychologie und Neurowissenschaften abgeschlossen.

Sie ist als selbständige Paar-, Familien- und Sexualtherapeutin in der Praxisgemeinschaft von Dr. Ines Schweizer in Luzern tätig. Wüthrich ist 29-jährig und lebt in Bern.

zentralplus: Was raten Sie diesen Paaren?

Wüthrich: Letzteren rate ich, herauszufinden, an was es fehlt. Fehlen Aufmerksamkeit und Zärtlichkeiten oder ist der Sex anders geworden, lohnt es sich beispielsweise wieder einmal ein Date zu planen. Ein gemeinsamer Abend, an dem man sich schick anzieht, gemeinsam kocht. Sich bewusst Zeit für den Partner oder die Partnerin zu nehmen und auch bewusst Zeit getrennt zu verbringen. Sich also abzusprechen, wenn man die Wohnung mal für sich alleine hat. Das A und O ist Kommunikation. Ideal ist es, wenn sich Paare regelmässig darüber austauschen, wie sie sich in der Partnerschaft fühlen. Am besten in Ich-Botschaften, also stets das eigene Empfinden anzusprechen.

zentralplus: Getrennte Schlafzimmer müssen in Zeiten von Corona und Homeoffice ein Segen sein.

Wüthrich: Es kann eine Möglichkeit sein, eine neue Art, um Distanz in den Alltag zu bringen. In Ausnahmesituationen wie diesen kann es sich tatsächlich lohnen, mit seinem Partner oder seiner Partnerin über getrennte Betten zu sprechen. Oder sich zumindest einmal Gedanken darüber zu machen. In meinen Beratungen beobachte ich jedoch nicht, dass getrennte Betten vermehrt Thema ist. Oftmals sind es ja eher rationale Gründe, die zu diesem Entschluss führen, wie das Schnarchen des Partners, Schlafprobleme oder Schichtarbeit.

«Getrennte Betten sind kein Indiz für eine gescheiterte Beziehung und müssen auch nicht in eine Trennung münden.»

zentralplus: Oftmals assoziiert man getrennte Betten mit einer gescheiterten Beziehung. Glauben Sie, dass eine Beziehung mit getrennten Betten überhaupt funktionieren kann?

Linda Wüthrich ist als selbständige Paar-, Familien- und Sexualtherapeutin in der Praxisgemeinschaft von Dr. Ines Schweizer in Luzern tätig.

Wüthrich: Für viele sind und bleiben sie ein No-Go. Die Vorstellung darüber, dass sich ein Paar das Bett teilt, ist in unserer Gesellschaft fest verankert. Es gilt als normal. Ich bin aber überzeugt: Eine Beziehung kann sehr wohl funktionieren, wenn man getrennt schläft. Das ist kein Indiz für eine gescheiterte Beziehung und muss auch nicht in eine Trennung münden. Paare können physische oder psychische Nähe gerade auch ausserhalb des Schlafzimmers anders leben. Man muss nur neue Formen von Nähe und Intimität finden: Berührungen im Alltag, gemeinsames Kuscheln auf dem Sofa, intensive Gespräche.

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zentralplus: Also muss das gemeinsame Kuscheln und der Sex geplant werden, weil man sich nicht mehr jeden Abend im Bett antrifft?

Wüthrich: Wenn man die Entscheidung gemeinsam gefällt hat und es für beide stimmt, sollte man sich als Paar auch über die gemachten Erfahrungen austauschen. Vielleicht braucht es wirklich gemeinsame und geplante Kuschelzeit, sich bewusst Zeit zu nehmen für Intimität vor dem Schlafen. Vielleicht passiert das aber auch automatisch.

zentralplus: «Kuscheln nicht vergessen» klingt als Agendaeintrag nicht wirklich romantisch.

Wüthrich: Das ist nur eine Einstellungssache. Wenn man es einige Male gemacht hat, wirkt es viel natürlicher. Wir machen ja auch Termine, um Freunde zu treffen oder einen Termin für eine Massage. Warum sollten wir uns nicht auch Zeit für den Partner oder die Partnerin in der Agenda eintragen? Eine Beziehung zu haben und zu pflegen, bedeutet nun mal auch Arbeit und ständige Entwicklung.

zentralplus: Was glauben Sie, was schädlicher für eine Beziehung ist: zu viel Nähe oder zu viel Distanz?

Wüthrich: Zu viel von beidem kann wohl gefährlich werden: Wenn man nur noch aufeinander fokussiert ist, oder so distanziert zueinander ist, dass die gemeinsame Basis fehlt. Paare sollten auch hier wiederum miteinander kommunizieren, ihre eigene Balance finden.

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