Megaprojekte in Zug

Ausgerechnet ein Bauingenieur findet Stadttunnelbau falsch

Der Stadttunnel soll die Verkehrsprobleme im Zuger Zentrum lösen. (Bild: Andreas Busslinger)

Eine Milliarde Franken will der Kanton Zug in den Bau zweier Tunnels investieren. Doch ausgerechnet der ehemalige Leiter der Zuger Sektion des Ingenieurverbands hält das für keine gute Idee.

Eine Milliarde Franken will der Kanton Zug in die Hand nehmen, um seine Verkehrsprobleme in den Griff zu kriegen. Je ein Tunnel in der Stadt Zug sowie in der Gemeinde Unterägeri soll die beiden Ortschaften vom Verkehr entlasten. Und dafür ist die Regierung bereit, richtig viel Geld zu investieren (zentralplus berichtete).

Die Positionen zur Botschaft der Regierung waren schnell bezogen. Während bürgerliche Politikerinnen die Idee von zwei neuen Tunnels begrüssen, deckten die linken Parteien und die Umweltverbände die Regierung mit Kritik ein (zentralplus berichtete). Überraschend sind diese Haltungen nicht.

Wesentlich überraschender ist deshalb die Kritik von Philipp Kissling an den beiden Bauprojekten. Denn Kissling ist Bauingenieur und leitete mehrere Jahre die Zuger Sektion des Schweizer Ingenieur- und Architektenverbands STV. Nun würde man erwarten, ein Bauingenieur findet den Bau solcher Grossprojekte reizvoll. Doch Kissling sieht das anders. Ein Bauingenieur, der nicht bauen will – wie geht das?

Philipp Kissling leitete als Präsident die Zuger Sektion des Schweizer Ingenieurverbands. (Bild: zvg)

Weniger Bauen ist das Motto

«Als Bauingeneiur bin ich nicht aufs Bauen aus», sagt Kissling am Telefon. «Im Gegenteil: Spannend ist es, eine Lösung für ein Problem zu suchen, ohne zu bauen.» Die primäre Aufgabe eines Ingenieurs sei es, nach Antworten auf ein Problem zu suchen. Und Kissling kommt zum Schluss: «Die beiden Tunnels in Zug und Unterägeri liefern keine Antwort auf unsere heutigen Verkehrsprobleme.»

«Wir sollten mit den vorhandenen Kapazitäten arbeiten, anstatt immer mehr zu bauen.»

Philipp Kissling, Bauingenieur

Stattdessen würden die beiden Bauprojekte das heutige Verkehrssystem, in dem das Auto im Zentrum steht, zementieren. «Dabei ist das Auto für die Stadt das dümmste Verkehrsmittel», ärgert sich Kissling.

Ihm schweben deshalb andere Lösungen vor. In der Stadt Zug sieht er Potenzial in der Promenade, welche der VCS Zug vorgeschlagen hat. Das Konzept sieht vor, dass die Vorstadt autofrei und die Post- und Industriestrasse zu Einbahnstrassen werden. Kissling – selbst Vorstandsmitglied beim VCS – betont, dass die Idee ohne grossen baulichen Aufwand umgesetzt werden könnte.

Ein Umfahrungstunnel soll das Zentrum von Unterägeri vom Verkehr entlasten. (Bild: Andreas Busslinger)

«Wir sollten mit den vorhandenen Kapazitäten arbeiten, anstatt immer mehr zu bauen», fordert der Bauingenieur. Dieses Credo sollte aus seiner Sicht auch in Unterägeri angewendet werden. Das primäre Ziel müsse es sein, Verkehr zu vermeiden – zum Beispiel mit einer Art Mautsystem für Autos. Darum befürwortet Kissling auch einen ÖV-Ausbau nur unter der Bedingung, dass nicht neue Kapazitäten gebaut werden. «Der Kanton sollte das Angebot steuern, anstatt immer nur auf die Nachfrage zu reagieren.»

Grossprojekte als politisches Vermächtnis

Eine angebotsorientierte Verkehrsplanung, das sei in Ingenieurkreisen durchaus etabliert, sagt Kissling. Auch wenn der Ingenieurverband auf nationaler Ebene eher für den Bau neuer Projekte sei, so sei zumindest die Zuger Sektion des STV skeptisch gegenüber neuen Grossprojekten. Man könne sich solche Projekte in Zug zwar finanziell, nicht aber aus ökologischer Sicht leisten.

«Stadt und Kanton versuchen es so lange mit dem Stadttunnel, bis die Bevölkerung Ja sagt.»

Philipp Kissling, Bauingeneiur

Die treibende Kraft hinter solchen Grossprojekten sei darum nicht die Baubranche, sondern die Politik, meint Kissling. «Viele Politiker wollen bauen, um sich bei ihrer Wählerschaft beliebt zu machen.» So dürfte sich der Zuger Baudirektor Florian Weber über die Perspektive freuen, als jener Regierungsrat in die Geschichte einzugehen, welche die beiden Grossprojekte in Unterägeri und vor allem in der Stadt Zug entscheidend vorangetrieben hat.

Einstufiges Verfahren ist demokratisch heikel

Doch ob es überhaupt so weit kommt, ist eine andere Frage. Denn 2015 haben die Bewohner des Kantons Zug den Stadttunnel mit über 60 Prozent Neinstimmen entschieden abgelehnt. Dass in Zug einige Jahre später womöglich erneut über dasselbe Projekt abgestimmt wird, findet Kissling stossend. «Die Stadt und der Kanton haben während dieser Zeit nicht nach anderen Lösungen gesucht. Sie versuchen es so lange mit dem Stadttunnel, bis die Bevölkerung Ja sagt.» So bedauert er beispielsweise, dass sich die zuständigen Behörden noch nie vertieft mit dem Promenade-Konzept auseinandergesetzt hätten.

An dieser Stelle erkennt der Bauingenieur ein anderes Problem an den beiden Projekten – das einstufige Verfahren. So ist es im Kanton Zug üblich, dass Tiefbauprojekte in einer Abstimmung bewilligt werden, welche sowohl den Kredit für die Planung als auch die spätere Realisierung beinhaltet. Doch unter Umständen bringt die Planung neue Erkenntnisse, welche das Projekt stark verändern. «Über diese Veränderung kann nicht mehr abgestimmt werden, obwohl das Endprojekt womöglich ganz anders aussieht, als ursprünglich geplant.» Für Kissling ist das aus demokratischer Sicht problematisch.

Baudirektor Florian Weber hatte bereits zu einem früheren Zeitpunkt zu dieser Kritik Stellung genommen (zentralplus berichtete). Er entgegnet, dass die Bevölkerung nur über einen Rahmenkredit abstimmen würde. Die Kredite für die einzelnen Projektschritte müsse aber nach wie vor der Kantonsrat bewilligen. «Damit wird der Kantonsrat adäquat in den Prozess eingebunden, und die demokratische Kontrolle bleibt gewahrt», sagt Weber.

Verwendete Quellen
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