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Unterwegs auf Luzerns meistbefahrener Baustelle
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Durch dieses Rohr fliesst bald wieder Abwasser: Armando Gehrig von Real im Krienbachkanal. (Bild: zar)

Dunkel, feucht und stinkig Unterwegs auf Luzerns meistbefahrener Baustelle

4 min Lesezeit 02.02.2020, 16:29 Uhr

Abschrankungen mitten auf der Fahrbahn zeigen: An der Obergrundstrasse wird gebaut. Aber was? Und noch wichtiger: Wo? Wir haben uns auf die Suche gemacht – und in die Röhre geguckt.

«Wer hier durchfährt, sieht hoffentlich keine Arbeiter.»

Ungewohnt, was Armando Gehrig von Recycling Entsorgung Abwasser Luzern (Real) auf diesem Baustellenrundgang von sich gibt. Gehrig, ein drahtiger Mitvierziger mit oranger Leuchtweste, Baustellenhelm und unter den Arm geklemmter Mappe, ist technischer Mitarbeiter und Bauherrenvertretung – und kennt sich als solcher bestens aus auf einer der wohl bekanntesten Baustellen Luzerns, die gleichzeitig auch eine der ungewöhnlichsten ist.

Die Rede ist von der Krienbachkanalsanierung an der Obergrundstrasse. Tausende von Autos, Rollern und LKWs umspülen täglich die vier Baustelleninseln, die mitten in der Fahrbahn stehen, zwischen Pauluskirche und Pilatusplatz. Viel zu sehen kriegen sie allerdings nicht. Hier eine Baracke und ein Silo, dort ein Kran. Ab und zu, da kraxelt eine Leuchtweste scheinbar aus dem Nichts zwischen den Absperrungen empor.

Schwache Decke und undichtes Bett

Genau so soll es sein, sagt Gehrig. Denn die eigentliche Arbeit spielt sich ab, wo selbst der aufmerksamste Autofahrer nicht hinlinsen kann: untertags, wo tagein, tagaus bis zu zehn Bauarbeiter gleichzeitig chrampfen. Getrennt vom Verkehr durch unzählige Stahlträger und bis zu 70 Zentimetern Beton, in einem rund 1,5 Meter hohen und bis zu 4 Meter breiten Kanal. Dort floss einst der gezähmte Krienbach (siehe Box), heute immerhin noch das Abwasser der Gemeinden Kriens, Horw und Luzern (bevor es über weitere Leitungen bis in die ARA Buholz geführt wird).

«Betreten Neuland»: Armando Gehrig vor einem glasfaserverstärkten Rohrstück, das für den Untergrund der Obergrundstrasse bestimmt ist. (Bild: zar)

Auch wenn nach wie vor von Nutzen, so ist der Kanal mit bald einem Jahrhundert doch arg in die Jahre gekommen – und gleichzeitig immer grösseren Belastungen ausgesetzt. Ob wie anno dozis ein knapp 8 Tonnen schweres Tram darüberrattert oder ein moderner 40-Tönner, das macht einen gehörigen Unterschied aus. «Besonders die Kanaldecke ist am Anschlag», weiss Gehrig. Zudem versickert Abwasser in der undichten Bachsohle.

Vom Wildbach zum Abwasserkanal

Wo sich heute in einer Selbstverständlichkeit eine beständige Blechlawine ergiesst, floss einst ein geschiebereicher Wildbach: der Krienbach. Noch bis ins 20. Jahrhundert sorgte dieser immer wieder für schwere Überschwemmungen. Obschon der Bachlauf bereits ab dem 15. Jahrhundert kontrolliert, später kanalisiert und im Zuge des Trambaus um 1900 spätestens weitgehend überdeckt wurde. Eine letzte Überflutung verursachte der Krienbach 1988; seither wird er umgeleitet, über einen Stollen durch den Sonnenberg direkt in die Reuss. Über den ehemaligen Kanal wurde in der Folge das Abwasser abgeführt.

Glasfasern sorgen für «besondere Stabilität»

Um den Kanal für die Zukunft fitzumachen, kommt eine in der Schweiz noch weitgehend unbekannte Technologie zum Einsatz. Unter der Obergrundstrasse zwischen Paulus- und Pilatusplatz werden zwei 540 Meter lange Stränge aus glasfaserverstärkten Rohren eingezogen. Diese weisen einen Durchmesser von rund 1,20 Metern auf und sind laut Gehrig «extrem formstabil». Vor allem, wenn die Hohlräume um die Rohre erst einmal mit speziellem Flüssigbeton aufgefüllt worden sind.

Noch aber ist es nicht so weit. Noch schlucken die Baustelleninseln, die vielmehr Kanaleinschnitte sind, täglich bis zu 30 Meter Glasfaserrohre: Erst hievt ein Bagger die jeweils 3 Meter langen Rohrstücke auf den Kanalboden, bevor sie eine Spezialmaschine, die an einen überdimensionierten Palettrolli erinnert, an ihren Bestimmungsort befördert. Durch Feuchtigkeit und Dunkelheit, nicht aber durch Kot- und Seifenwasser. Denn fürs Abwasser, das nach wie vor unter der Obergrundstrasse fliesst, wurde eigens eine provisorische Umleitung aus Holzbrettern gezimmert.

Eine Frage der Perspektive: Verkehrsinseln oder Kanaleinschnitte. Hier im Bereich Paulusplatz. (Bild: zar)

Arbeiten im Winter – auch der Nase zuliebe

Bis zu 2’500 Sekundenliter schluckt die hölzerne Konstruktion. Eine beachtliche Menge. Denn an einem trockenen Tag fliessen bloss etwa 200 Liter in der Sekunde durch den Kanal. Bei starkem Regen allerdings kann das bescheidene Abwasserbächlein gewaltig anschwellen – und bis 12’000 Sekundenliter führen, was der 60-fachen Trockenwettermenge entspricht.

Oben rauscht der Verkehr, im Krienbachkanal das Abwasser. In diesem Abschnitt noch hinter dem Holzprovisorium. Später dann durch die zwei verlegten Rohrstränge. (Bild: zar)

Von einem solchen Extremereignis sei man aber – «Holz alänge» – verschont geblieben, meint Gehrig. Denn ist das Provisorium erst einmal überlastet, wird der Kanal geflutet, muss die Baustelle geräumt – und anschliessend geputzt werden. Eine Arbeit, nach der sich wohl kaum einer die Finger leckt.

Aber auch die normalen Umstände verlangen den Arbeitern einiges ab: der niedere Kanal, die Dunkelheit – und nicht zuletzt der nicht zu überriechende Abwassergestank. Daran gewöhnt man sich rasch, meint zwar Gehrig. Und doch ist es kein Zufall, dass im Winter gearbeitet wird. Weil weniger Niederschläge, aber auch tiefere Temperaturen. Die Nase dankt’s.

Alles auf Kurs und fast keine Überraschungen

Seit September ist man bereits am Werk, Ende Mai soll das Projekt abgeschlossen sein. Derzeit verzeichne man zwar einen kleinen Rückstand im Zeitplan. «Wir sind aber zuversichtlich, diesen einzuholen», so Gehrig. Und auch beim Budget soll es kein blaues Wunder geben, die veranschlagten Baumeisterkosten von 5,5 Millionen Franken «werden wir einhalten».

Mindestens eine Überraschung aber haben die Bauarbeiten trotzdem für Gehrig bereitgehalten. Obschon am offenen Luzerner Verkehrsherz saniert werde, sei der Verkehr kaum beeinträchtigt. Es stauen sich weder Autos, noch holpert der Busverkehr, sodass selbst die dünnhäutigsten Blechkistendompteure bisher an der Obergrundstrasse die Fassung bewahrt haben – Baustelle hin, Verkehrsumleitung her. «Bisher ist mir noch keine einzige Reklamation zu Ohren gekommen», bestätigt Gehrig.

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