Umwelt
Kampf gegen ausländischen Blattkäfer

Hälfte der Maisernte bedroht: Das tut Zug dagegen

Ihre Larven zerfressen die Maiswurzeln, sie knabbern nur an den Stängeln: Mehrere Maiswurzelbohrer in Aktion. (Bild: Agroscope)

Wegen des Maiswurzelbohrers bauen Zuger Landwirte dieses Jahr statt Mais Weizen oder Gerste an. Dieser Wechsel entzieht den besonders schädlichen Larven die Lebensgrundlage, ist aber aufwändig.

Das Landwirtschaftsamt des Kantons Zug hat für den Frühling 2023 folgende Direktive herausgegeben: Auf allen 2022 bestehenden Maisfeldern dürfen die Zuger Landwirte nicht wieder erneut Mais anbauen. Der Grund: In Baar wie auch in mehreren Fallen in den umliegenden Kantonen sind Maiswurzelbohrer entdeckt worden.

Die Larven sind der Gefahrenherd

Sesshafte Populationen dieser Schädlinge hat es in der Schweiz nicht. Sie kommen jedes Jahr aus dem Ausland und legen mit ihren Flügen bis 100 Kilometer zurück. Die Insekten fliegen aus Süddeutschland, dem Elsass, Österreich und Italien ein. Wie viele andere Schädlinge auch können sie sich huckepack einschleichen. Entlang der Autobahnen kommen sie öfter vor. Entsprechend ist der Kanton Zug aufgrund reichlich vorkommender Autobahnabschnitte exponiert.

Fliegen sie frisch ein, können sie noch wenig Schaden anrichten, ernähren sich die ausgewachsenen Tiere, doch ausschliesslich von Maisbart – also den Härchen, die aus der Spitze des Kolbens ragen – und Blättern. Ernsthafte Schäden verursachen dann aber die Larven, die im Folgejahr schlüpfen. Sie fressen die Wurzeln mit fataler Gründlichkeit ab.

«Die Massnahme, die Larven im Folgejahr auszuhungern, ist so einfach wie effektiv.»

Raphael Vogel, Zuständiger für die Überwachung von Quarantäneschädlingen im Kanton Zug

Raphael Vogel ist Lehrer am landwirtschaftlichen Bildungs-​ und Beratungszentrum (LBBZ) Schluechthof in Cham. Zudem ist er zuständig für die Fallen zur Überwachung von Quarantäneschädlingen respektive Insekten, die sich noch nicht haben festsetzen können. Die Schweizer Standardmassnahme gegen den Maisschädling besteht darin, seinen Larven die Nahrung zu entziehen. Denn der Maiswurzelbohrer frisst stattdessen weder Gerste noch Weizen.

Vogel dazu: «Die Massnahme, auf demselben Feld für ein Jahr keinen Mais anzupflanzen, hungert die Larven im Folgejahr aus. Das ist ebenso einfach wie effektiv.» Doch gibt er auch zu bedenken, dass der mit den Schädlingen verbundene rasche Fruchtfolgewechsel für die Landwirte Mehrarbeit mit sich bringt.

Schweiz kann den Schädling vorerst noch eindämmen

So harmlos wie er auf den ersten Blick aussieht, ist der Maiswurzelbohrer nicht. Seine weite Verbreitung verursacht in Nordamerika Schäden in Milliardenhöhe. Entsprechend trägt er dort den Übernamen «Billion Dollar Bug». Das ist in der Schweiz noch nicht der Fall. Das Bundesamt für Landwirtschaft (BWL) erlässt vorderhand noch Massnahmen, um die Verbreitung einzudämmen. Betroffen ist eine grössere Landwirtschaftsfläche.

Denn Mais ist hierzulande eine der wichtigsten einjährigen Kulturpflanzen. Rund 17 Prozent der Schweizer Ackerflächen entfallen auf Silo- und Grünmais, der mitsamt Stängeln, Blättern und Kolben klein gehäckselt, siliert und Milchkühen und Fleischrindern als energiereiches Grundfutter zugeführt wird. Auf weiteren 6 Prozent Fläche wird Körnermais für Mensch, Schwein und Geflügel angebaut.

Für die entsprechenden Anordnungen an die Zuger Landwirte ist Thomas Wiederkehr, Leiter des Amtes für Landwirtschaft Zug, zuständig. Er weist darauf hin, dass die Zuger Landwirte im Flachland den Futtermais in erster Linie für den Eigengebrauch anbauen und nutzen. Ein kleiner Teil der Ernte geht in die Zuger Berggemeinden.

Ohne Fruchtfolgewechsel drohen hohe Ernteeinbussen

«Nun müssen sie auf den betreffenden Feldern Weizen oder Gerste anpflanzen, haben aber im günstigen Fall Ausweichflächen, die sie stattdessen nutzen können», sagt er. Würde man nichts tun, drohen Ernteausfälle von bis zu 50 Prozent. So ist es auch schon in Norditalien geschehen.

«Der Mais ist sehr attraktiv und ertragreich. Der Zuger Anbau kann 2023 noch neu organisiert werden.»

Thomas Wiederkehr, Leiter Landwirtschaftsamt des Kantons Zug

Der Kanton Zug komme mit diesen Verhaltensmassnahmen, die vom Bundesamt für Landwirtschaft verordnet werden, gut zurecht. «Der Mais ist zwar sehr attraktiv, weil er eine sehr ertragreiche Nutzpflanze ist», erklärt Thomas Wiederkehr. «Doch sind die Flächenanteile nicht so gross wie in anderen Regionen der Schweiz. Der Zuger Anbau 2023 kann noch neu organisiert werden.»

Erhöhte Wetterabhängigkeit und erschwerte Produktion

Problematischer sei dieser Schädling in Regionen mit hoher Tierdichte beim Milchvieh und zusätzlicher Rindviehmast, wo mehr Mais direkt verfüttert wird. In seiner Verantwortung als Leiter des Zuger Landwirtschaftsamtes stellt er immer wieder fest, dass Vorkommen und Häufigkeit von Schädlingen zunehmen und daher die Landwirtschaft mit erschwerten Produktionsbedingungen zurechtkommen muss. Bestes Beispiel dafür ist die Kirschessigfliege, die seit einiger Zeit die Kirschbauern plagt (zentralplus berichtete).

Für das Jahr 2023 wünscht er sich günstige Umweltbedingungen für die Landwirtschaft. «Das Jahr 2021 war mit Wetterextremen wie Trockenheit, Hagel und Sturm schlecht, das letzte Jahr ist beim Maisanbau wieder besser ausgefallen», sagt er. «Jetzt brauchen wir 2023 noch einmal ein wirklich gutes Jahr.»

Kurzfristig unökonomisch, langfristig aber gut für die Böden

Raphael Vogel weist darauf hin, dass der Kanton Luzern als einziger Schweizer Kanton statt des Einjahresrhythmus den Zweijahresrhythmus anwenden darf. Mitbedingt durch die Tatsache, dass aufgrund der intensiven Luzerner Viehwirtschaft im Nachbarkanton sehr viel mehr Mais benötigt wird.

Das BLW lässt diese Sonderregelung nicht nur zu. Es nutzt die Luzerner Praxis als Laborversuch, um im Direktvergleich Erkenntnisse für einen zielführenden Umgang mit dem Maiswurzelbohrer zu gewinnen.

«Kurzfristig ist diese Praxis zwar unökonomisch, mittel- und langfristig ist sie aber besser für die Bodenqualität.»

Raphael Vogel

Derweil sieht Raphael Vogel die Zuger Praxis mit einjährigem Fruchtfolgewechsel mit einer gewissen Gelassenheit. «Kurzfristig ist diese Praxis zwar unökonomisch durch den erhöhten Aufwand eines zusätzlichen Fruchtwechsels», meint er.

Doch gibt er zu bedenken, «dass dies mittel- und langfristig besser für die Bodenqualität ist». Denn wer jetzt dazu gezwungen ist, statt Mais Getreide anzusäen und dieses dann im nächsten Sommer erntet, kann erst im Folgefrühling erneut Mais säen. Zwischendurch wird dann häufig eine Wiese angesät, welche für den Boden und das Bodenleben Erholung und Nährstoffe bietet.

Verwendete Quellen
  • Telefonat und Mailverkehr mit Thomas Wiederkehr
  • Telefonat und Mailverkehr mit Raphael Vogel
  • Website Zuger Volkswirtschaftsdirektion
  • Website Agroscope
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