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Samuel Steinemann: «Die Zuger Struktur frisst sehr viel Energie»
  • Kultur
Samuel Steinemann, Intendant des Theater Casinos Zug. (Bild: mbe.)

Der Casino-Intendant vor seinem Abgang Samuel Steinemann: «Die Zuger Struktur frisst sehr viel Energie»

5 min Lesezeit 01.05.2019, 05:03 Uhr

Samuel Steinemann verlässt das Theater Casino Zug. Nach elf Jahren geht der Intendant des Kulturhauses neue Wege. Ob der Abgang in Verbindung steht mit der kürzlich bekanntgewordenen Kündigung des Technischen Leiters?

Seit 2009 fungiert Samuel Steinemann als Intendant des Theaters Casino in Zug. In dieser Zeit ist einiges gegangen. Neue Formate wie etwa das Casino Style wurden aus dem Boden gestampft. Ausserdem wurde das Haus umfangreich renoviert, was der Theater- und Musikgesellschaft (TMGZ) einiges an Kreativität abverlangte, um ihr Publikum doch bei der Stange zu halten. Nun hat Steinemann gekündigt und wendet sich dem Freiamt zu. Genauer gesagt dem Künstlerhaus Boswil, wo er im kommenden November die Stelle als Geschäftsführer antritt.

zentralplus: Samuel Steinemann, mit welchem Gefühl verlassen Sie das Theater Casino Zug?

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Samuel Steinemann: Mit einem guten. Sonst hätte ich falsch entschieden. Aber natürlich ist da neben dem lachenden auch ein weinendes Auge. Immerhin waren es elf Jahre. Eine gute Zeit. Nach wie vor.

zentralplus: Kürzlich wurde bekannt, dass der langjährige Technische Leiter des Hauses, André Stocker, entlassen wurde (zentralplus berichtete). Ist das Zufall, oder hängen Ihre beiden Abgänge zusammen?

Steinemann: Das ist komplett unabhängig voneinander passiert und absoluter Zufall.

zentralplus: Also war für Sie einfach die Zeit reif für einen Wechsel?

Steinemann: Ja, das ist der einzige Grund. Als ich in Zug begonnen habe, war für mich das Ziel, mindestens fünf Jahre zu bleiben, falls nicht irgendwas völlig schiefläuft. Ich hatte mir schon damals nicht vorstellen können, 20 Jahre in dieser Position zu sein. Es ist ein Privileg, dem Kulturprogramm des Theaters Casino seine Handschrift geben zu können und dabei mit immer wieder frischen Ideen zu überraschen versuchen. Aber jetzt ist für mich die Zeit reif, mich an einem anderen Ort aufs Neue herauszufordern.

«Ich hatte völlig am damaligen Gospel-Stammpublikum vorbeiprogrammiert. Das war mir eine Lehre.»

zentralplus: Blicken wir zurück. Was war das Berauschendste, was Sie in Ihrer Zeit im Theater Casino Zug auf die Beine gestellt haben?

Steinemann: Immer wieder gab’s Wow-Momente, an denen ich mich freute. Sowohl fürs Haus als auch für mich. Etwa, wenn eine Idee funktioniert hat. Wie beispielsweise das Pedalokonzert oder die Konzerte in der Stadtbahn. Auch Casino Style, insbesondere der Klassik-Battle, war toll, als wir über 1’000 Leute im Haus hatten. Oder die Lichtshow beim Eröffnungsfest. Es waren alles Momente, in denen ich gemerkt habe, dass die Umsetzung einer verrückten Idee funktioniert und auch gut ankommt.

zentralplus: Wie stehts um die schwierigen Momente?

Steinemann: Ja, die gabs auch. (Er lacht.) Ich kann mich an ein Gospelkonzert ganz am Anfang meiner Zeit erinnern. Ich wollte eine Tradition meines Vorgängers übernehmen, habe jedoch komplett am damaligen Gospel-Stammpublikum vorbeiprogrammiert. Das war mir eine Lehre.

zentralplus: Was ist Ihnen während Ihrer Zeit beim Theater Casino Zug nicht gelungen?

Steinemann: Nach einem Konzert mit der Zuger Sinfonietta bin ich mit dem Dirigenten Mario Venzago auf die Akustik des Theatersaals zu sprechen gekommen. Und auf ein Raumakustik-System, das im Berner Kursaal eingerichtet wurde, von dem Venzago begeistert war. Schon lange bin ich der Ansicht, dass die Akustik im Theatersaal mit neuster Technologie für gewisse Bedürfnisse verbessert werden könnte und sollte. Diejenige, die aktuell im Theatersaal ist, kann von ihrer Grundphilosophie her nicht mehr mit den technischen Errungenschaften der letzten Jahre mithalten. Mario Venzago bot mir an, sich, gemeinsam mit mir, für eine neue Anlage einzusetzen. Nur ist es jetzt leider zu spät.

«Das Künstlerhaus Boswil ist zwar auf dem Land, aber überhaupt nicht provinziell.»

zentralplus: Nun wenden Sie sich vom Kanton Zug ab und nehmen die Geschäftsführungsstelle im Künstlerhaus Boswil an. Böse Zungen könnten sagen: Nach Boswil, in die Provinz, das ist doch ein Rückschritt!

Steinemann: Da habe ich eine komplett andere Wahrnehmung. Das Künstlerhaus Boswil ist zwar auf dem Land, aber überhaupt nicht provinziell. Das Künstlerhaus ist ein Ort mit langer und grosser Geschichte, in dem auch internationale Meilensteine gefeiert wurden. Es ist ein Ort, der sich immer auch stark mit zeitgenössischer Musik befasst und eine sehr klare Linie fährt.

zentralplus: Worauf freuen Sie sich explizit?

Steinemann: Ich freue mich auf das Team, das ich leiten darf. In Zug ist das eine etwas komplizierte Herausforderung. Dazu muss man wissen: Das Theater Casino Zug wird von drei Institutionen betrieben, wovon die TMGZ nur eine ist, und damit das Gesamtteam auf drei Institutionen verteilt ist. In Boswil sind die Strukturen einfacher. Obwohl ich von der Zuger Situation sehr viel gelernt habe, bin ich froh, dass die Konstellation im Künstlerhaus einfacher ist.

zentralplus: Sie sprechen davon, dass das Casino auf den drei Säulen TMGZ, Stiftung Theater Casino Zug sowie Restaurant Theater Casino Zug steht. Es gibt Leute, die behaupten, dass diese Struktur völlig veraltet sei. Wie sehen Sie das?

«Die Zuger Struktur ist geschichtlich gewachsen, und diese kann man oft nicht einfach so herauslöschen.»

Steinemann: Wenn man heute ein Kulturhaus auf die Beine stellt, dann versucht man tatsächlich, solche Strukturen zu verhindern. Soweit die Theorie. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass sie dennoch vorkommen. Ich persönlich würde alles unter einen Hut bringen. Ich sage jedoch nicht, dass das Casino das ändern muss. Diese Struktur ist geschichtlich gewachsen, und diese kann man oft nicht einfach so herauslöschen. Aber die Zuger Struktur frisst einfach sehr viel Energie.

zentralplus: Was wünschen und erhoffen Sie sich für Ihr jetziges Haus, wenn Sie weg sind?

Steinemann: Ich erhoffe und wünsche mir nichts. Ich bin vielmehr überzeugt, dass das Haus auch ohne mich funktionieren wird und weitere Highlights hervorbringt. Das Programm für die nächste Saison habe ich schon zusammengestellt. Es ist also nicht so, dass es Ende Oktober zum grossen Bruch kommt.

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