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Sagen Sie was zu Putin? «Nein danke! Und jetzt, bitte raus hier!»
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In Putin steckt eine Menge politischer, russischer Vergangenheit – wie diese Matrjoschka-Puppe enthüllt. Von links nach rechts: Putin, Jelzin, Gorbatschow, Stalin, Lenin. (Bild: flickr.com)

Wie Gazprom in Zug einen Reporter abserviert Sagen Sie was zu Putin? «Nein danke! Und jetzt, bitte raus hier!»

7 min Lesezeit 16.03.2018, 18:59 Uhr

Am Sonntag wird Wladimir Putin zum russischen Präsidenten wiedergewählt. Da könnten sich Millionen seiner Fans beruhigt zurücklehnen. Doch selbst wenn man im entfernten Zug den Namen Putin erwähnt und weitere Fragen stellt, kann es sein, dass man gleich zur Tür hinauskomplimentiert wird – wie es zentralplus erlebt hat.

Man klingelt bei Gazprom an der Tür in der Dammstrasse 19. Ein Handwerker montiert gerade neue Lampen im Büro der Marketinggesellschaft des russischen Gasgiganten. Der Mann unterbricht kurz seine Arbeit, öffnet dem zentralplus-Reporter höflich die Glastür.

Doch kaum steht man einen Meter auf dem Territorium von Gazprom, auf dem geschmackvollen Parkett der Büroetage im zweiten Stock, wird’s ungemütlich. «What can I do for you?», bedrängen einen sofort zwei Business-Männer in weissen Hemden.

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«Am Sonntag sind doch Wahlen in Russland, was bedeutet das für Sie hier in Zug? Würden Sie vielleicht ein Interview geben?» – «No, I don’t think anybody here would like to give you an interview», blafft einen der junge Mann im weissen Oberhemd barsch mit russischem Akzent an.

«Der Handwerker hat Sie widerrechtlich reingelassen»

Dann stossen plötzlich zwei Kolleginnen von ihm dazu. «No, no, we don’t give interviews here», beteuert die eine hektisch. Die andere Russin zitiert den Reporter per Fingerzeig durch die Türe zu sich nach draussen. «Könnten Sie bitte das Büro verlassen, der Handwerker hat Sie widerrechtlich reingelassen.» Draussen vor der Tür wiederholt sie dann mantrahaft: «Wir geben keine Interviews.» – «Aber warum, haben Sie etwa Angst?», fragt der Reporter nach. «Wir geben keine Interviews.»

Choroscho! Man muss ja keine Interviews geben. Aber man hätte einem ja wenigstens die Telefonnummer vom Gazprom-Pressebüro in Moskau geben können. Oder sonst eine Informationsstelle. Nitschewo! Irgendwie scheint wenig Kommunikationsprofessionalität beim weltgrössten Gaslieferanten in Zug zu herrschen.

In der Dammstrasse 19 residiert Gazprom in Zug.

In der Dammstrasse 19 residiert Gazprom in Zug.

(Bild: woz)

Und offenbar wirkt auf einige Zuger Russen die Putin-Wahl doch beunruhigender, als sie es äusserlich vermuten lassen. Insbesondere jene Russen, die für Putin in Zug arbeiten. Und das sind nicht wenige.

Gazprom und Nord Stream sind die beiden grossen Putin-Gesellschaften

Denn Gazprom und Nord Stream sind zwei der grossen Gaskonzerne, die in der Stadt Zug ihren Sitz haben. Beide sind in den Händen von Putin.

Die Gazprom Marketing & Trading Switzerland residiert seit 2012 an der Dammstrasse 19 in Zug. Sie ist eine hundertprozentige Tochter von Gazprom Marketing & Trading Limited, die wiederum Teil des Imperiums des weltgrössten Gasproduzenten Gazprom ist. Gazprom hat bekanntlich in Moskau seinen Sitz und gehört dem russischen Staat. Und ist damit fest im Griff des russischen Präsidenten.

Die Gazprom Trading und Marketing Gesellschaft profitiert an ihrem schweizerischen Standort natürlich nicht nur von den Steuern, sondern auch von der Lage im Herzen Europas, «um neue geschäftliche Strukturen aufzubauen», wie die Firma auf ihrer Homepage schreibt. Weltweit betreibt der russische Gashändler noch Dependancen in London, Manchester, Paris, s’Hertogenbosch, Houston und Singapur.

«Der russische Markt spielt auch bei im Kanton Zug ansässigen Firmen eine wichtige Rolle.»

Matthias Michel, Zuger Volkswirtschaftsdirektor

Das zweite grosse Standbein Putins in Zug ist Nord Stream. Der Pipeline-Konzern, der seit 2011 eine 1224 Kilometer lange Unterwasser-Gasleitung in der Ostsee betreibt, transportiert Erdgas von Russland nach Deutschland. Eigentümer dieser Gasleitung ist die Nord Stream AG.

Deren Anteile werden von Gazprom, Wintershall, E.ON, Gasunie und Engie gehalten – wobei Gazprom, also Putin, mit 51 Prozent als Mehrheitsaktionär zeichnet. Seit 2006 ist übrigens auch der deutsche Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder für das Unternehmen beschäftigt – Putins Busenfreund.

Von diesem Gebäude in der Industriestrasse 18 in Zug aus reguliert die Nordstream AG den Zufluss von Erdgas aus Russland durch die Ostsee nach Europa.

Von diesem Gebäude in der Industriestrasse 18 in Zug aus reguliert die Nordstream AG den Zufluss von Erdgas aus Russland durch die Ostsee nach Europa.

(Bild: woz)

Das Geschäft mit dem russischen Erdgas ist dabei inzwischen so lukrativ, dass gerade mit Hochdruck an einem zweiten, parallelen Pipeline-Strang gebaut wird – Nord Stream 2 –, der bis Ende 2019 fertiggestellt sein soll. Es ist geplant, dass die beiden neuen Stränge weitere 55 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr zusätzlich in das Gebiet der Europäischen Union leiten – zuletzt waren es rund 39 Milliarden Kubikmeter durch die bestehende Pipeline. Da rollt der Rubel.

634 Russen leben derzeit in Zug

Ein Milliardengeschäft, das natürlich auch Geld in die Kassen Putins pumpt. Wobei der Gaszufluss durch die Ostsee nach Europa sogar direkt von Zug aus gesteuert wird – von der Steuerungszentrale in der Industriestrasse 18, schräg gegenüber vom Metalli-Einkaufszentrum. Zwei Pipeline-Torsi vor dem Eingang weisen daraufhin.

Aber wie gross ist eigentlich die Bedeutung der Putin-Konzerne für Zug? zentralplus fragte Zugs Volkswirtschaftsdirektor Matthias Michel. «Trotz statistischen Defiziten bezüglich dieser Firmen kann festgehalten werden, dass der russische Markt auch bei im Kanton Zug ansässigen Firmen eine wichtige Rolle spielt. Immerhin sind derzeit 634 Personen mit russischer Nationalität in Zug ansässig.»

Dabei interessiert es den Kanton Zug offensichtlich nicht so sehr, was Putin und der russische Staat mit den erwirtschafteten Geldern machen. Ob damit Kriegskassen gefüllt werden. Wie sich Putin aussen- und weltpolitisch verhält. Stichworte: Krim-Intervention, Ukraine-Krise.

«Aussenpolitik ist Bundessache»

Michel: «Aussenpolitik ist gemäss Bundesverfassung die Aufgabe des Bundes. Es ist weder kantonale Aufgabe noch wäre es klug, wenn zusätzlich zum Bund noch weitere 26 Kantone aktiv und gar unabgesprochen Aussenpolitik betreiben würden.» Die Kantone müssten sich auf den Gesetzen und Abkommen des Bundes abstützen.

Russische Kunst in Zug: «Drinking Fountain» der Kabakovs.

Russische Kunst in Zug: «Drinking Fountain» der Kabakovs.

(Bild: mam)

«Die Regierung verlangt von allen ansässigen Firmen die Einhaltung der Gesetze in der Schweiz und fordert die Firmen auch auf, die lokal vor Ort im Ausland geltenden Gesetze einzuhalten. Letzteres entzieht sich aber der Kontrolle durch den Kanton», so Michel.

«Es gibt eine längere Tradition im Zuger Kunsthaus in Sachen russischer Kunst.»

Matthias Michel

Ganz abgesehen von Putin haben russisches Leben und russische Kultur in Zug durchaus Wurzeln. «Es gibt eine längere Tradition im Zuger Kunsthaus in Sachen russischer Kunst mit beispielsweise Werken von Ilya Kabakov», sagt Matthias Michel. Zudem existiere ein Zentrum mit schulischen Angeboten. Vereinzelt würden auch russische Musik- und Tanz-Aufführungen im Casino Zug stattfinden. «Und ich höre natürlich osteuropäische Sprachen im öffentlichen Leben, ohne dass ich diese jeweils genau einem Land zuordnen kann», sagt der Zuger Regierungsrat.

Dicke SUVs, Pelzmäntel und russische Kosmetiksalons

Ja, die Russen fühlen sich mittlerweile pudelwohl in Zug, wo sie von den Behörden und etwaigen Schutzgelderpressern bisher anscheinend kaum wirklich behelligt werden. Sie fahren dicke SUVs, chauffieren ihre Söhne und Töchter ganz bürgerlich zum Fussballtraining oder ins Ballett.

Man hört russische Konversation auf dem Rigiplatz in Zug, wo geschminkte Russinnen in Pelzmänteln ihre Kinder beaufsichtigen. Oder sie lassen sich in russischen Kosmetiksalons ihre Nägeln maniküren, während der Gatte nach Rohstoffen schürft, wie aus privaten Gesprächen mit Russen zu erfahren ist.

Über Weihnachten fahren dann die Zuger Russen zu ihren Eltern und Verwandten nach Moskau oder in die russische Provinz – um dann nach zwei Wochen schnell wieder nach Zug zurückzukehren. Klar, in Russland wollen sie nicht mehr dauerhaft leben. Wegen Putin etwa?

In Sachen Schönheit sind Russinnen legendär: Zuger Schaufensterauslage eines russischen Kosmetiksalons mit märchenhaften Matrjoschki.

In Sachen Schönheit sind Russinnen legendär: Zuger Schaufensterauslage eines russischen Kosmetiksalons mit märchenhaften Matrjoschki.

(Bild: woz)

Dabei gab es sogar einmal ein russisches Putin-Komitee in Zug. «Komitee der Unterstützung des Präsidenten der Russischen Föderation» nannte sich die Institution ganz offiziell, so, wie sie im Handelsregister eingetragen war. Unter der Rubrik Zweck waren zahlreiche Gründe aufgelistet – eine wirre Litanei, die fast länger wirkte als der Sermon des Moskauer Patriarchen während eines orthodoxen Gottesdiensts.

Zuger Komitee des Präsidenten: «Zur Vorbeugung der Terroranschläge»

Einige Kostproben aus der Zweckliste des Komitees unterstreichen den mysteriösen Charakter der Institution: «Hilfe bei der Schaffung des einheitlichen Systems der Kriminalitätsvorbeugung, Gegenwirkung gegen die Korruption, Vorbereitung des Personals im Bereich der Öffentlichkeit zur Vorbeugung der Terroranschläge, Teilnahme an Programmen der staatlichen und gesellschaftlichen Sicherheit Russlands, Förderung der Lebensqualität der russischen Staatsangehörigen, Förderung der Imagebildung Russlands im Ausland als einen demokratischen Staat, Schaffung des günstigen Images Russlands in den Augen der potentiellen Investoren.» Und, und, und.

Der Verein, der laut Handelsregistereintrag offensichtlich 2011 gegründet wurde, listete drei Namen im Vorstand auf – zwei davon sind eindeutig Russen: Präsident Andrej Adannikov und Vize-Präsidentin Oxana Dmitrievna Adannikova. Beide wohnen in Moskau. Adannikova, Politologin und Stabschefin des Komitees, war auf einem Bild im «kleinen Schwarzen» auf der russischen Internetseite sexy drapiert. Ansonsten gab’s viel Putin zu sehen – unterm russischen Doppeladler war sogar dessen präsidiale Website aufgeführt.

Das Komitee wirkte wie eine Mischung aus einer staatlichen PR-Agentur und einem Treuhand-Portal für die russische Regierung. Wer dahinter steckte, war nicht wirklich zu eruieren. Auch Zugs Volkswirtschaftsdirektor Matthias Michel sagt die Institution nichts.

«Das Komitee wollte damals soziale Projekte in Russland unterstützen.»

Wilhelm Gudelow, Zuger Ex-Vorstandsmitglied des Komitees

Seit 2016 ist der Eintrag des Komitees im Handelsregister gelöscht. War es eine Geldwaschanlage? Steckte der russische Geheimdienst dahinter, dem daran gelegen war, so viele russische Auslandsmillionäre wie möglich wieder zu repatriieren? Oder bettelte Putin einfach um Geld seines geflüchteten Expat-Geldadels?

«Das Komitee wollte damals soziale Projekte in Russland unterstützen», sagt Wilhelm Gudelow, russischstämmiger deutscher Staatsbürger in Zug und ehemaliges Vorstandsmitglied des Komitees, gegenüber zentralplus. Um was für Projekte es sich dabei handelte, könne er nicht sagen – «weil ich nicht daran beteiligt war».

Nun wird Putin am Sonntag erstmal wieder gewählt. Das Ergebnis ist jetzt schon klar. Dafür braucht er die Unterstützung der Zuger Russen nicht mehr.

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