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Riesiges Alk-Lager in Schachen steht vor Verkauf – oder dem Aus
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Simon Häfliger, Betriebsleiter in Schachen, zwischen den Ethanol-Tanks. (Bild: pbu)

Luzern: Wer will 60 Alkoholtanks? Riesiges Alk-Lager in Schachen steht vor Verkauf – oder dem Aus

6 min Lesezeit 2 Kommentare 24.10.2016, 05:03 Uhr

Um die vielen Saufgelage zu minimieren, führte der Bund vor über 100 Jahren das Spirituosen- und Ethanolmonopol ein. Damit ist nun Schluss. Der Markt wird geöffnet. Davon betroffen ist auch das Riesen-Alkohol-Lager in Schachen, wo 17 Millionen Liter Ethanol gebunkert werden. Doch dort sieht man die Sache nüchtern.

Der Ethanolmarkt in der Schweiz soll auf Ende 2018 liberalisiert werden. Nach dem Nationalrat hat jüngst auch der Ständerat so entschieden. «Das staatliche Monopol wird den heutigen Realitäten nicht mehr gerecht», begründet Nicolas Rion, Mediensprecher der Eidgenössischen Alkoholverwaltung (EAV), diesen Entschluss (siehe Interview unten).

Damit einher geht der Verkauf des Alcosuisse-Lagers in Schachen, das zwischen Malters und Werthenstein liegt. Die Alcosuisse ist ein Profitcenter der EAV und unterhält aktuell drei Standorte: Der Hauptsitz befindet sich in Bern, das Ethanol wird in Delémont und Schachen gelagert. Das Ethanol wird vollumfänglich aus dem Ausland bezogen: aus Brasilien, den USA, aus Pakistan, Ungarn und anderen Ländern.

Der Alcosuisse-Standort in Schachen. In den Tanks lagert Ethanol in unterschiedlichen Qualitäten – im Auftrag des Bundes.
Der Alcosuisse-Standort in Schachen. In den Tanks lagert Ethanol in unterschiedlichen Qualitäten – im Auftrag des Bundes.

(Bild: pbu)

Das Areal in Schachen umfasst 7,5 Hektaren. In den 1940er Jahren wurde es als Pflichtlager gebaut – inklusive Schienenanschluss. 14 Aussentanks, 32 Kellertanks und 24 Stollentanks bringen es auf ein Fassungsvermögen von total 17 Millionen Liter. Rund 1200 Kunden aus der ganzen Schweiz beziehen Ethanol von hier. Der hochprozentige Trinkalkohol für Schnäpse kommt hauptsächlich aus Schachen.

Alkohol für die ganze Welt

Das Votum des Parlaments kommt indes nicht überraschend: «Man spricht schon seit rund zehn Jahren davon, dass man den Betrieb Schachen beziehungsweise die Alcosuisse verkaufen will», sagt Simon Häfliger, Betriebsleiter des Lagers in Schachen. «Als ich mich vor gut dreieinhalb Jahren auf diese Stelle beworben habe, stand das im Stelleninserat.»

«Wir betrachten den Verkauf als Chance.»

Simon Häfliger, Leiter Betrieb Schachen

Das gab ihm genügend Zeit, sich damit auseinanderzusetzen, was beim Wegfall des Bundesmonopols mit der Anlage und den neun Mitarbeitern in Schachen geschehen wird. Häfliger ist optimistisch: «Wir betrachten den Verkauf als Chance. Momentan düfen wir nur Ethanol verkaufen. Wenn Alcosuisse privatisiert wird, fällt diese Schranke und wir können das Angebot erweitern.» Zudem dürfe der Alkohol zurzeit nicht exportiert werden, obwohl diverse Anfragen bestünden. Auch dieses Hindernis wird bei einer Privatisierung fallen.

Ein grosser Teil des Alkohols wird unterirdisch gelagert.
Ein grosser Teil des Alkohols wird unterirdisch gelagert.

(Bild: pbu)

Der Marktanteil schrumpft

Die Tanks in Schachen beherbergen Ethanol in unterschiedlichen Qualitäten. Der grösste Teil des Ethanols, rund 70 Prozent, wird als Inhaltsstoff oder für den Herstellungsprozess von chemischen und parmazeutischen Produkten verwendet. Daneben wird das Hochprozentige für die Kosmetik und für technische Anwendungen genutzt. Der Trinkalkohol für Spirituosen macht etwa fünf Prozent aus. Fällt das Monopol, können in den Tanks theoretisch Flüssigkeiten jeder Art gelagert werden. «Andere Lösungsmittel zum Beispiel», erklärt Häfliger.

«Einige unserer Kunden werden das Ethanol dann wohl direkt aus dem Ausland beziehen.»

Klar ist allerdings auch, dass die Alcosuisse mit dem Wegfall der Monopolstellung unweigerlich Marktanteile verlieren wird. «Einige unserer Kunden werden das Ethanol dann wohl direkt aus dem Ausland beziehen», glaubt denn auch Häfliger. Grund: Dort ist es unter Umständen günstiger zu haben.

Trotzdem glaubt er an den Standort Schachen – aus zwei Gründen: Erstens würden Schweizer Kunden «dank der ausgezeichneten Infrastruktur» in kürzester Zeit beliefert. Dies nicht nur, weil die Wege im Vergleich mit dem Ausland kürzer sind, sondern auch, weil der Standort Schachen direkt ans Schienennetz angeschlossen ist.

Zweitens garantiere die Alcosuisse eine gleichbleibend gute Qualität. «Unser Ethanol ist gefragt, auch ausserhalb der Schweiz», betont Häfliger stolz und führt dies unter anderem auf das Qualitätsniveau der Alcosuisse zurück. Hohe Kontrollauflagen sorgen dafür, dass sich keinerlei Fremdkörper in der angelieferten Ware befinden. Laufend finden unabhängige Labortests statt.

Mit Gelassenheit in die Zukunft

Zunächst geht es aber darum, einen Käufer zu finden. Bevorzugt möchte der Bund die beiden Betriebe in Schachen und Delémont sowie die Zentrale in Bern als Paket an einen Investor bringen. «Dazu laufen bereits Gespräche», weiss Simon Häfliger. «Es hat Interessenten.» Mehr dazu sagen könne er allerdings nicht. Die Verkaufsverhandlungen würden erst ab Anfang 2017 beginnen.

Der grösste Teil des Ethanols kommt mit der Bahn. Im Bild die Abfüllanlage in Schachen.
Der grösste Teil des Ethanols kommt mit der Bahn. Im Bild die Abfüllanlage in Schachen.

(Bild: pbu)

Dass das Lager in Schachen dicht gemacht wird, sei indes sehr unwahrscheinlich. «Einen Rückbau wird es eher nicht geben, weil die Anlage in einem top Zustand ist. Die Tanks sind komplett aus Edelstahl, das kann man heute gar nicht mehr bezahlen.» Eine Umnutzung hingegen sei vorstellbar. Schliesslich rostet Edelstahl nicht und ist gar säurebeständig. Die Nutzungspalette für andere Flüssigkeiten ist also breit.

«Eine Arbeitsplatz-Garantie haben wir hier nicht, so wie es sie nirgends gibt.»

Dass Häfligers Stelle und jene seiner Mitarbeiter unter Umständen gefährdet sein können, nimmt der Betriebsleiter von Schachen gelassen. Sollten Stellen abgebaut werden, würde sich der Bund für die betroffenen Mitarbeitenden einsetzen, sagt er. «Eine Arbeitsplatz-Garantie haben wir hier nicht, so wie es sie nirgends gibt. Früher hiess es, eine Stelle beim Bund habe man auf Lebenszeit. Heute hat sich die Situation etwas geändert.» In diesem Sinne sei auch der Bund mittlerweile ein ganz normaler Arbeitgeber.

Das sagt der Bund zur Monopolauflösung

zentralplus: Nicolas Rion, Weshalb hat sich der Bund dazu entschlossen, den Ethanolmarkt in der Schweiz zu liberalisieren?

Nicolas Rion von der EAV.
Nicolas Rion von der EAV.

 Nicolas Rion: Das Spirituosen- und das Ethanolmonopol stammen aus dem Jahr 1887. Damals ging es darum, die Produktion und den übermässigen Konsum von Schnaps zu reduzieren. Heute haben wir eine völlig andere Ausgangslage. Nicht mehr jeder Bauernhof brennt heute Schnaps.

Die Schweiz ist das letzte Land mit einem Ethanol-Monopol. Daher hat sich der Bundesrat für Aufhebung des Monopols ausgesprochen, was das Parlament 2016 auch beschlossen hat. Wir haben heute andere Regulierungs-Mechanismen, zum Beispiel über die Steuern, Bewilligungen und risikoorientiere Kontrollen.

zentralplus: Welche Vorteile erhofft man sich durch die Privatisierung der Alcosuisse?

Rion: Durch die Liberalisierung ergibt sich eine Wettbewerbssituation. So dürfen mehrere Anbieter mit verschiedenen Angeboten auf den Markt kommen. Diese Wahlfreiheit kann sich auf die Konkurrenzfähigkeit von Schweizer Firmen im internationalen Markt positiv auswirken. Weil neu Ethanol aber auch aus dem Ausland bezogen werden kann, ist es möglich, dass ein potentieller Käufer nur einen der zwei heutigen Ethanolbetriebe benötigt.

zentralplus: Was könnte das bedeuten?

Rion: Sollte der gemeinsame Verkauf des Standorts Schachen mit dem Rest der Alcosuisse AG nicht möglich sein, wird ein separater Verkauf in Betracht gezogen. Das ist aber nur der Plan B. In diesem Fall ist ebenfalls noch völlig offen, was geschehen wird. Man muss dann klären, ob der Käufer nur die Infrastruktur braucht oder auch das Personal. Auch eine allfällige Umnutzung ist eine mögliche Option. Aber im Moment ist es noch zu früh für eine Beurteilung.

zentralplus: Der Reingewinn der Alkoholverwaltung von jährlich rund 260 Millionen Franken fliesst zu 90 Prozent in die Finanzierung der AHV/IV und zu 10 Prozent in die Kantone für Präventionsprojekte. Fällt dieses Geld künftig weg?

Rion: Nein, an der Verteilung des Reinertrags aus der Spirituosenbesteuerung ändert sich nichts. Die Höhe der zu verteilenden Gelder hängt in erster Linie davon ab, wie viele Spirituosen besteuert werden. Da die Alcosuisse den Ethanolhandel grundsätzlich zu selbstkostendeckenden Preisen sicherstellt, wird der Reingewinn nicht tangiert.

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2 Kommentare
  1. Franz Pfoster, 24.10.2016, 13:34 Uhr

    Von Vorteil wäre es wenn der Verfasser dieses Artikels ein wenig geografische Kenntnisse hätte. Luzerner Hinterland ist seit jeher das Amt Willisau….aber sicher nicht Schachen!!!

    1. Philipp Bucher, 24.10.2016, 19:51 Uhr

      Sehr geehrter Herr Pfoster
      Vielen Dank für Ihren Kommentar. Da haben Sie natürlich vollkommen recht. Der Fehler wurde mittlerweile behoben.

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