Regionales Leben
Jagt der Greifvogel bald auch in der Stadt Luzern?

Zu viele fette Tauben in der Stadt – der Wanderfalke so: «Ich kümmere mich darum»

Ein Wanderfalke schaut sich nach Beute um. (Bild: Adobe Stock)

Den Stadtluzerner Tauben geht es prächtig, fast zu gut. Auf Schildern werden Passanten nun wieder darauf aufmerksam gemacht, das Füttern der Tiere zu unterlassen. Denn auch im Winter ist das Nahrungsangebot üppig genug. Zudem fehlen den Stadttauben die natürlichen Feinde. Doch das könnte sich bald ändern.

Auf orangenen Plakaten in der Stadt Luzern prangt der Slogan in grossen Buchstaben: «STOPP FÜTTERN». Im durchgestrichenen «O» ist eine Taube abgebildet. Rundherum gurren einige Exemplare und picken zwischen den Kopfsteinpflastern vor der Jesuitenkirche nach Essbarem.

«Die Stadttauben sind anpassungsfähige Tiere mit einem hohen Reproduktionspotenzial. Dieses wird am besten über das Nahrungsangebot gesteuert», sagt Christian Hüsler, Wildhüter und Fachbearbeiter Jagd beim Kanton Luzern. Auch wenn Taubenfreunde es wohl gut meinen: «Durch regelmässige Fütterungen wird jede Taubenpopulation rasch über die natürliche Tragbarkeitsgrenze hinauswachsen.»

Die Folgen davon sind unangenehm, auch für die Vögel selber: Krankheiten, Stress und Streit um die Brutplätze. Für die Menschen sind die Schäden hygienischer Art, durch übertragbare Krankheiten sowie Verkotungen.

Tauben sind die Leibspeise der Stadtfalken

Währenddessen im belgischen Brügge: Die Strassen und Denkmäler sind blitzblank. Wer sich umschaut, stellt fest: Es gibt kaum Tauben in der Stadt. Auch hier hängt ein Plakat: Es macht darauf aufmerksam, dass im Turm der Liebfrauenkirche ein paar Wanderfalken leben. Rhetorisch wird darauf gefragt: «Und nun ratet mal, was ihre Leibspeise ist?»

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Wildhüter Hüsler ist selbst Falkner. Er weiss: «Wenn Wanderfalken in einer Stadt brüten, werden sie auch die lokale Taubenpopulation als Nahrungsquelle nutzen.» Insbesondere in der Brutzeit wird viel Futter benötigt und «ein Einfluss auf den Taubenbestand dürfte spürbar» sein.

Greifvögel rotten keine Tauben aus

Der Wanderfalke als spezialisierter Vogeljäger im offenen Luftraum stürzt sich aus grosser Höhe oder von Ansitzwarten auf hohen Gebäuden im Sturzflug auf seine Beute herab. Oft wird die Beute durch den Aufprall des Falken schlagartig getötet und sonst am Boden mittels Nackenbiss.

Doch Hüsler relativiert auch das Beispiel aus Brügge: «Kein Wanderfalke wird eine gesamte Taubenpopulation ausrotten.» Sobald weniger Tauben in der Stadt sind, würden die Falken ihr Nahrungsspektrum auf andere Beutevögel verlagern. «Der Aufwand, auch noch die allerletzte Taube zu erbeuten, wäre für einen Greifvogel viel zu gross und macht insbesondere für seinen Energiehaushalt keinen Sinn.»

Die Ausrottung der Tauben in der Stadt sei auch nicht das Ziel. Die in den Städten vorkommenden Strassentauben seien zwar keine Wildtauben, sondern verwilderte Haustiere. Sie würden – wie die Parkbäume – dennoch ein Stück Natur in die Stadt bringen. «Den Tauben bei der Futtersuche oder im Frühling bei der Balz zuzuschauen, kann vom Alltagsstress ablenken und einen die Sorgen für einen Moment lang vergessen lassen.» So würden diese Tiere zum Wohlbefinden der Stadtbevölkerung beitragen.

Um sich anzusiedeln, brauchen Falken Nisthilfen

Die Strassentauben dienen jedoch eben auch den Beutegreifern wie Wanderfalken – oder Sperbern – als Lebensgrundlage, um den urbanen Lebensraum überhaupt besiedeln zu können. 

Hüsler konnte auch schon Wanderfalken in der Stadt Luzern beim Jagen beobachten. «Dabei wird es sich aber entweder um Durchzügler oder Brutvögel von ausserhalb der Stadt gehandelt haben.» Aktuell ist ihm nämlich kein sesshaftes Brutpaar von Wanderfalken in oder um die Stadt Luzern bekannt.

Das könnte sich aber ändern. Aktuell wird diskutiert, ob und wo ein Aufhängen von zusätzlichen Nisthilfen auf hohen Gebäuden in der Stadt Luzern sinnvoll und möglich wäre. «In der Vergangenheit wurden meines Wissens zumindest am Stadtrand bereits Nistkästen angebracht.»

Platz für maximal zwei Brutpaare

Da Wanderfalken territoriale Greifvögel sind und ihr Revier oder zumindest die Horstumgebung gegen Artgenossen verteidigen, ist eine natürliche Dichtebegrenzung gegeben. «Das heisst, mehr als ein oder bei reichlichem Nahrungsangebot vielleicht zwei Brutpaare werden sich in der Stadtumgebung wohl nicht niederlassen», sagt Hüsler.

Doch könne schon ein Brutpaar einen Effekt auf die lokale Taubenpopulation haben, sofern nicht regelmässige Fütterungen stattfinden.

Der natürliche Feind sorgt für gesündere Tauben

Hüsler glaubt nämlich durchaus an eine positive Wirkung einer Wanderfalkenansiedlung auf die Taubenpopulation. «Wanderfalken jagen in der Regel äusserst selektiv, das heisst, sie erkennen aus einem Taubenschwarm heraus innert Sekunden kranke, schwache und unaufmerksame Individuen und jagen genau diese Tiere, da so der Jagerfolg maximiert und der dafür notwendige Energieaufwand minimiert werden kann.»

In der Folge wird die Taubenpopulation gesünder, «weil in erster Linie die fittesten Tiere davonkommen und die kranken selektiert werden». Einen weiteren Effekt würde man womöglich im Verhalten der Tauben spüren. Um sich vor dem Wanderfalken zu schützen, bewegen sich die Tauben vermehrt in kleineren Gruppen und verursachen dadurch nicht die starken Verkotungen einzelner Orte, die durch grosse Taubenansammlungen verursacht würden.

Fütterungsverbot bleibt die wichtigste Massnahme

Wichtig bleibt aber in jedem Fall die Verhinderung einer unbegrenzten Nahrungsverfügbarkeit. «Die effektivste Methode, um die Anzahl Tauben zu kontrollieren, ist der Fütterungsverzicht», sagt denn auch Biologe Livio Rey von der Vogelwarte Sempach. Sonst könnten Wanderfalken weder die Taubenbestände spürbar reduzieren noch grosse Ansammlungen von Taubenschwärmen an einzelnen Orten verhindern.

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