«Frühlingsputzete» im Luzerner Seebecken

Wenn aus dem See Velos und Ölfässer gefischt werden

Auf Booten fahren die Taucherinnen in die Bucht. (Bild: Stefan Kämpfen)

Was haben Traktorreifen, Kühlschränke und Waffen mit dem Vierwaldstättersee zu tun? Mehr, als man denkt. zentralplus «bewaffnet» sich am Clean-up-Day 2024 mit Gummistiefeln und Notizblock und besucht die Abfalltaucher.

Die Fakten und Zahlen der Abfalltaucher Schweiz sind eindrücklich: Pro Einsatz fördern sie zwischen 700 und 3000 Kilogramm Abfall zutage. Seit ihrer Gründung 2010 haben sie die Schweizer Gewässer von knapp 500’000 Kilogramm Schrott befreit. Die gut 100 Mitglieder der gemeinnützigen Organisation gehen privat unterschiedlichen Jobs nach. Was sie verbindet, ist ihre Faszination fürs Tauchen und der Wille, etwas für den Umweltschutz zu leisten.

Am Clean-up-Day 2024 versammeln sich am Samstag etwa 25 Taucher neben dem KKL bei den Anlegerdocks der Schiffe zum fröhlichen Stelldichein. Der Wettergott meint es gut mit den insgesamt 50 freiwilligen Helfern, die dem Luzerner Seebecken im Wasser und zu Land zu einem frühlingshaften Facelifting verhelfen werden.

Abfalltauchen: Kein ungefährlicher Einsatz

Was auf der sicheren Hafenmole wie ein lockerer Spaziergang aussieht, kann schnell gefährlich werden. Deshalb brieft Matthias Ardizzon die versammelte Menge vor dem Tauchgang: «Haltet euer Druckmessgerät und euren Tauch-Buddy immer im Auge. Wenn ihr Abfall aus dem Sediment graben müsst, seht ihr einander nicht mehr. Bleibt deshalb nie mehr als eine Armlänge voneinander entfernt, damit ihr euch berühren könnt.»

Briefing vor dem KKL am Morgen. (Bild: Stefan Kämpfen)

Und ergänzt: «Das ist auch gut, wenn jemand Angst hat. Wenn sich jemand unwohl fühlt, taucht gemeinsam auf.» Matthias wird «Mättu» genannt. Er ist seit 2018 Präsident der Abfalltaucher Schweiz.

13 Grad Unterschied zwischen dem Roten Meer und dem Vierwaldstättersee

Dass das Tauchen im See etwas ganz anderes ist als im Meer, hängt ebenso mit der Wassertemperatur zusammen. Das weiss auch Mättu Ardizzon: «Vergangene Woche in Ägypten war die Wassertemperatur bei 24 Grad. Heute im Vierwaldstättersee ists etwas kälter.» Sagts, schmunzelt und schreitet von dannen, um seine Kameradinnen zu unterstützen. Dass diesen bei den elf Grad Wassertemperatur nicht das Lachen in den Gesichtern einfriert, dafür sorgen dicke Neoprenanzüge.  

«Behaltet immer euren Tauch-Buddy im Auge.»

Matthias Ardizzon

Dann ist es endlich so weit. Die Taucher teilen sich in drei PADI-Gruppen auf. Die Versierteren unter ihnen werden in zwei Fuhren mit einem Einsatzboot zu den beiden Enden der Seebrücke gefahren. Die anderen grasen den Seeboden gleich neben dem KKL ab. Getaucht wird immer im Duo. Eine rot-weisse Boje weist andere Seeverkehrsteilnehmerinnen darauf hin, dass an Ort und Stelle getaucht wird.

Seewasser gleich Trinkwasser

Unterstützt werden die Taucherinnen von freiwilligen Helfern, die das Ufer von Zigarettenstummeln befreien. Keine unwichtige Arbeit, denn Zigarettenstummel brauchen 10 bis 20 Jahre, um sich abzubauen. Das reicht aus, um 200 Liter stehendes Grund- und Trinkwasser zu verunreinigen.

Was viele nicht wissen: 80 Prozent des Schweizer Trinkwassers stammt aus dem Grundwasser – etwa die Hälfte davon ist Quellwasser. Der Rest wird aus Seen und Flüssen gewonnen. Kein Wunder, gehen die freiwilligen Helferinnen und Helfer gut gelaunt und topmotiviert ans Werk.

Welches Verbrechen wurde wohl hier vertuscht?

Es dauert nicht lange, da fischen zwei Taucher zwischen dem Seebistro Luz und dem Schifflandungssteg einen Veloreifen aus dem Wasser. Ein junger Helfer, der den Abfall in Netzsäcken vertäut, erzählt von früheren Einsätzen: «Das Extremste, was ich bisher gesehen habe, waren Munition, Pistolen und ein ganzes Boot, das mit einem Kran aus dem See gehievt werden musste.»

Man fragt sich unweigerlich, welches Verbrechen mit dem Versenken dieser Gegenstände vertuscht wurde. «Wenn etwas wirklich Grosses geborgen werden muss, das für Hebesäcke zu schwer ist, wird es von den Tauchern notiert», erklärt Mättu Ardizzon und fügt an: «Munition, Bomben und Pistolen werden nicht angefasst, sondern nur der Polizei gemeldet. Sie sichert solche gefährlichen Gegenstände mit speziell ausgebildeten Tauchern.»

Sieben Ölfässer fanden die Abfalltaucher

Auch der Tauchgang vergangenes Jahr in Horw brachte Interessantes an die Wasseroberfläche, wie Lucas Mörgerlin erzählt. Er arbeitet als PR-Agent für «SodaStream», ein Kooperationspartner der Abfalltaucher Schweiz. «Insgesamt wurden 600 Kilogramm Abfall aus dem See gefischt, darunter zwei Velos, ein Mofa, Autoreifen, ein schwerer Hänger mit Rädern und sieben Ölfässer, wovon eines bereits leckte.»

Ein Velo mit Quagga-Muscheln und miesgelaunte Schwäne

Und dieses Jahr? Die beiden Tauchteams, die von Bootsführer Dennis Sanz und seinen Mannen zur Seebrücke transportiert wurden, kommen mit vollen Händen und Beuteln vom ersten Tauchgang zurück. Das Resultat lässt sich sehen: Ankerteile, Spielzeug, Schaufeln, Krücken, haufenweise Bierdosen, Glasflaschen, ein Velo voller Quaggamuscheln und auch Undefinierbares.

Es gibt auch wunderschöne Schmuckstücke in der Tiefe. (Bild: Stefan Kämpfen)

Beim einen schwarzen, etwa Backstein grossen Kasten handelt es sich wohl um eine Autobatterie. Die anderen Gegenstände gehören mit viel Fantasie zu einem Rechaudgeschirr. So sind an diesem Clean-up-Day alle zufrieden. Nur das Schwanenpaar gleich neben dem Tauchgrund beim KKL schaut etwas missmutig aus der Federwäsche. In ihrem Nest befindet sich ein Getränkekarton und ein Plastiksack. Gut, gibt es sie – die Abfalltaucher!

Verwendete Quellen
  • Persönliches Vorbeigehen am Clean-up-Day 2024 
  • Gespräch mit Matthias Ardizzon, Präsident Abfalltaucher Schweiz 
  • Gespräch mit Lucas Mörgelin von der Brand Affairs AG (PR-Agentur von «SodaStream»)
  • Gespräch mit einem Helfer (will Name nicht nennen)
  • Website der Abfalltaucher
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