Politik
Daniele Marques vermisst Fokus auf Qualität

Bekannter Architekt kritisiert Pläne für Zuger Stadtbildkommission

Das Bild zeigt Daniele Marques im Jahre seiner Entlassung (Porträt: CS) (Bild: )

Der Umbau der Zuger Stadtbildkommission sorgt für Gesprächsstoff. Jetzt äussert sich der bekannte Luzerner Architekt Daniele Marques dazu. Früher selber Präsident dieser Kommission, wurde er 2011 von einem Tag auf den anderen entlassen. Marques sieht eine klare Parallele zwischen damals und heute.

Lange her – doch noch längst nicht vergessen: Im März 2011 war der bekannte Luzerner Architekt Daniele Marques vom damaligen Stadtzuger Baudirektor André Wicki (SVP) Knall auf Fall als Präsident der Zuger Stadtbildkommission entlassen worden. «Das war damals politisch nicht ganz korrekt», erklärt Daniele Marques elf Jahre später auf Anfrage.

Aktuell gibt die Stadtbildkommission (SBK) wieder zu reden. «Zuger Stadtbildkommission büsst an Unabhängigkeit ein», titelte zentralpus kürzlich. Hintergrund: Unter der Führung von Baudirektorin Eliane Birchmeier (FDP) wurde die Stadtbildkommission umstrukturiert: Seit dem 1. Januar 2021 obliegt das Präsidium der SBK neu der Stadtarchitektin. Vorher war dieses Amt jeweils durch eine verwaltungsexterne Person besetzt gewesen (zentralplus berichtete).

Auf Anfrage begründet Baudirektorin Eliane Birchmeier diesen Entscheid folgendermassen: «Indem die Vorbereitung, Koordination und Leitung der monatlich angesetzten Sitzung durch den Stadtarchitekten mit seinem Team erfolgt, können die externen Mitglieder der Kommission wesentlich entlastet werden, sodass sie sich auf ihre Fachaufgaben konzentrieren können.»

In Zug weht noch immer der gleiche Wind

Selbstverständlich erkenne er eine Parallele zwischen dieser aktuellen Massnahme und den Ereignissen von 2011, sagt Daniele Marques: «Man spürt, dass in Zug noch immer der gleiche Wind weht.»

«So richtig ernst meint man es in Zug mit dieser Stadtbildkommission offensichtlich nicht.»

Daniele Marques, Luzerner Architekt

Für Daniele Marques ist absolut klar, dass die Stadtbildkommission personell von der Verwaltung unabhängig sein muss. «Der Sinn eines solchen Gremiums liegt doch darin, dass es möglichst frei und unabhängig eine Bewertung abgeben kann.» Genau dies sei aber nicht mehr der Fall, wenn der Stadtarchitekt die Kommission präsidiere. «Ein Stadtarchitekt hat ja ein Mandat von der Stadt. Er ist von ihr abhängig, steht in einem auf lange Dauer angelegten Arbeitsverhältnis mit der Stadt und bezieht Lohn von ihr», sagt Marques, der gemeinsam mit Ivan Bühler in Luzern das Allmend-Stadion mitsamt Wohntürmen baute.

Das Präsidium prägt Entscheide wesentlich mit

Falls die Stadt wirklich echtes Interesse an der Qualität des städtischen Bauens hätte, so müsste es ihr wichtig sein, möglichst viele freie Meinungen vorliegen zu haben, erklärt Daniele Marques weiter.

Gemäss Baudirektion ist der Stadtarchitekt als Präsident nicht stimmberechtigt  – ausser, wenn es um einen Stichentscheid geht. Als Daniele Marques dies vernimmt, muss er am Telefon lachen: «Wer das Präsidium innehat, prägt Entscheide doch ganz wesentlich mit. Mit der Art der Gesprächsleitung übt man natürlich ganz klar Einfluss aus.»

Andere Interessen sind wichtiger

Zwar wage man es – wohl aus Imagegründen – nicht, die Kommission abzuschaffen. «Aber so richtig ernst meine man es in Zug mit dieser Stadtbildkommission offensichtlich nicht. Es wäre deshalb im Grunde ehrlicher, diese Kommission ganz abzuschaffen.»

Marques, der in Luzern ein eigenes Architekturbüro mit rund 20 Mitarbeitern führt, wird grundsätzlich: «Wenn es um die Stadtbildkommission und städtebauliche Fragen generell geht, spürt man in Zug in mancherlei Hinsicht, dass eben andere Interessen wichtiger sind als das Kriterium der Qualität. Das ist sehr zu bedauern.» Eigentlich könnte die Stadt von einer starken Stadtbildkommission nur profitieren.

Dabei müssten sich wirtschaftliche Interessen und Stadtbildkommission nicht unbedingt in die Quere kommen. «Für die Wirtschaft und die Stadt könnte sich eine Win-win-Situation ergeben. Die Stadt hätte die Chance, sich durch gute Architektur einen Ruf zu erwerben.»

Eine Frage des politischen Willens

Letztlich aber gehe es ja beim Thema Architektur um die qualitative Gestaltung des Lebensraums der Leute vor Ort – und somit um die Lebensqualität der betreffenden Menschen. Wenn städtebaulich nicht sorgfältig gearbeitet werde, so würden viele Leute ganz konkret darunter leiden.

Im Sinne eines Fazits hält Daniele Marques fest: «Eine starke Stadtbildkommission könnte einen wichtigen Beitrag zur Lebensqualität in dieser Stadt leisten. Ob man aber wirklich eine starke Stadtbildkommission will, ist letztlich eine Frage des politischen Willens.»

Dabei wäre eine starke Stadtbildkommission sehr wichtig

Dass einer Stadtbildkommission grundsätzlich hohe Bedeutung zukommen könnte, ist unter Fachleuten unbestritten. Das bestätigt auf Anfrage auch der bekannte Architekt Valentin Bearth vom Büro Bearth & Deplazes in Chur. Bearth war vor vielen Jahren selber Mitglied der Stadtbildkommission Zug.

Auf Anfrage schreibt der frühere Direktor der Architekturakademie der Università della Svizzera italiana: «Ich erachte die Stadtbildkommission als Planungsinstrument – zusammengesetzt aus Fachleuten – nach wie vor als essenziell, dessen Ziel eine qualitätsvolle, effiziente und nachhaltige Stadtentwicklung für alle Beteiligten sein sollte.» Voraussetzung dafür sei, dass die politischen Instanzen, namentlich der Stadtrat, Entscheidungen und Anregungen der Stadtbildkommission mittragen und umsetzen würden.

Was im März 2011 geschah: «Ich fiel aus allen Wolken»

Im März 2011 erfuhr die Öffentlichkeit, dass sich der Zuger Stadtrat völlig überraschend vom damaligen Präsidenten der Stadtbildkommission, Daniele Marques, getrennt hatte. In einem Interview in der «Zuger Presse» vom 20. April 2011 legte Daniele Marques dar, wie sich die Ereignisse aus seiner Sicht damals abgespielt hatten.

Demzufolge war auf Mittwoch, 16. März 2011, 8.45 Uhr, eine ganztägige Sitzung der Stadtbildkommission angesetzt gewesen. Als Präsident dieser Kommission habe er sich damals auf diese Arbeitssitzung bereits vorbereitet gehabt. «Am Vorabend um 18.30 Uhr läutete mir überraschend Baudirektor Wicki an. Es war ein Zufall, dass er mich um diesen Zeitpunkt noch erreichen konnte. Er erklärte mir, dass ich an der Sitzung des nächsten Tages nicht teilzunehmen hätte.» Er – Daniele Marques – sei aus allen Wolken gefallen.  

Bestimmte Kreise machten offensichtlich Druck

«Ich hatte mit Herrn Wicki bis zu diesem Zeitpunkt eigentlich noch nie Auseinandersetzungen gehabt. Im Gegenteil: Meine Arbeit war im Vorfeld anlässlich einer Pressekonferenz vom 24. Januar 2011 noch explizit gelobt worden. Der Absetzungsentscheid hat mich extrem überrascht. Was mich auch schmerzte: Ich hätte mich am anderen Tag mindestens noch gerne von den anderen Mitgliedern der Kommission verabschiedet.»

Zu den möglichen Gründen sagte Daniele Marques damals im Interview: «Als Präsident einer Stadtbildkommission wäre ich naiv, wenn ich annehmen würde, dass immer alle Beteiligten von unserer Arbeit begeistert sein müssten. Es gibt Kreise, denen kurzfristige finanzielle Vorteile wichtiger sind als qualitativ nachhaltiges Bauen. Und diese Kreise verstanden es ganz offensichtlich, politischen Druck zu machen. Aber sie unterliegen einem Trugschluss: Mit guter Architektur schafft man langfristig einen Mehrwert.»

Auf die Frage, wer denn ein Interesse daran gehabt haben könnte, ihn als Präsidenten wegzuhaben, antwortete Daniele Marques: «Es waren immer die gleichen paar wenigen Namen. Sie verstehen es, ihre Interessen lautstark zum Ausdruck zu bringen. Und solche Kreise versuchen auch politisch Einfluss zu nehmen. Wenn man sich aber die Mühe nimmt, der Bevölkerung die Zusammenhänge zu erklären, dann stösst man auf viel Verständnis.»  

Fachliche Kompetenz stand nie in Zweifel

Der damalige Baudirektor André Wicki verneint heute auf Anfrage nicht, dass die Entlassung von Daniele Marques damals de facto von einem Tag auf den anderen erfolgte. Für genauere Informationen verweist Wicki auf die Antwort des Stadtrats zu einer entsprechenden Interpellation der SP-Fraktion vom März 2011. Darin ist unter anderem zu lesen, dass der damalige Chef des Baudepartementes vorgängig erfolglos versucht habe, Marques zu kontaktieren.

Die fachliche Kompetenz des damaligen Präsidenten der SBK sei überhaupt nicht zur Diskussion gestanden. Zur Entlassung habe die Art der Kommunikation mit Bauwilligen und Architekten geführt. Zu diesem Vorwurf sagte Daniele Marques im erwähnten Interview: «Wenn die Argumente ausgehen, dann kommt man halt mit dem Ton … Schafft man mit dem ‹guten Ton› guten Städtebau oder nicht doch viel eher mit qualitativ guter Arbeit?» Klarheit helfe, auch den Beteiligten. «Dies ist auch in wirtschaftlicher Hinsicht viel besser. Es gibt und gab in Zug auch Investoren, die unsere Arbeit ausdrücklich lobten.»

Anmerkung noch: Laut einem damals befragten Professor für öffentliches Recht der Universität Luzern war die Entlassung von SBK-Präsident Marques rechtswidrig. Dies unter anderem wegen Nichtgewährung des rechtlichen Gehörs.

Verwendete Quellen
  • Telefonat mit Architekt Daniele Marques
  • Anfragen an Baudirektion der Stadt Zug (Stadträtin Eliane Birchmeier, Birgitt Siegrist)
  • Anfrage an Stadtrat André Wicki
  • Anfrage an Architekt Valentin Bearth
  • «Zuger Presse» vom 20. April 2011 (Interview mit Daniele Marques)
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