Neubad: «Im Keller war nie jemand gefährdet»
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Durch diese Tür geht's in den Neubad-Keller – doch momentan ist er noch geschlossen. (Bild: Bildmontage jwy)

Regelwerk für Zwischennutzungen fehlt Neubad: «Im Keller war nie jemand gefährdet»

5 min Lesezeit 07.08.2017, 17:02 Uhr

Das Neubad muss Hausaufgaben nachholen und seinen Keller nachrüsten. Trotzdem sollte der Raum mit Einschränkungen im September wieder offen sein. Gegen den zuletzt wiederholt geäusserten Vorwurf, die Sicherheit vernachlässigt zu haben, wehrt man sich entschieden. Auch wenn das Neubad den Spielraum wohl zu grosszügig ausgelotet hat, fragt man sich: Sind die Regeln der Stadt für Zwischennutzungen überhaupt machbar?

Das Neubad und sein Keller, das war bisher eine Erfolgsgeschichte. Mit Idealismus, viel Freiwilligenarbeit und ja, vielleicht einer Portion zu viel Risiko, wurde da ein neuer Kulturraum gezimmert und seit letztem Herbst bespielt. Das wussten eigentlich alle – bis auf die «Luzerner Zeitung». Sie hat das diesen Sommer «publik gemacht» und dem Keller und seiner fehlenden Bewilligung eine Artikelserie gewidmet, die diesen Sonntag in einem Kommentar gipfelte: «Kein rechtsfreier Raum.» Tanzte da eine Horde Illegaler der Stadt auf der Nase rum?, fragte man sich als Leser.

Die Stadt als Besitzerin des Hauses hat reagiert – musste reagieren – und hat weitere Veranstaltungen vorerst gestoppt (es ist ja eh Sommerpause). Die Behörden fordern Nachbesserungen bei der Lüftung und beim Brandschutz (zentralplus berichtete). Wenn man das Ganze im Detail anschaut, reduziert sich der Missstand auf ein paar fehlende Lampen, Löcher in der Wand, einen Handlauf bei der Treppe und ausstehende Lüftungspläne. Das meiste davon hat man inzwischen nachgeholt, einer baldigen Bewilligung steht nichts mehr im Weg.

«Wir haben ganze Ordner voller Bewilligungen und sind in vielen Belangen ein Musterbetrieb.»

Urs Emmenegger, Neubad

Man kann also davon ausgehen, dass wenn das Neubad im September wieder öffnet, auch der Keller ordnungsgemäss wirtschaftet. Mit einer Einschränkung: Es fehlt weiterhin ein zweiter Notausgang, darum dürfen bis auf Weiteres nur noch 50 Gäste in den Keller – Platz hätten rund 150. Für kleine Konzerte geht das, Partys wie «Tanz im Keller» am 7. September jedoch finden darum wieder im Foyer im Erdgeschoss statt.

Zweiter Notausgang in Planung

Das Betriebsteam des Neubads will die Hausaufgaben möglichst bald erledigt haben, sodass der Betrieb offiziell weiterlaufen kann. Auch einen zweiten Notausgang wollen die Verantwortlichen schnell in die Wege leiten, sodass man vom Keller direkt auf den Vorplatz gelangt. «Die Abklärungen laufen bereits, aber das wird kaum vor Ende Jahr geschehen», sagt Urs Emmenegger, Leiter Veranstaltungen im Neubad.

Er ist sich bewusst, dass man mit der Eröffnung des Kellers den rechtlichen Graubereich ausgelotet habe – zu lange vielleicht. Aber man sei stets bemüht, alle Auflagen einzuhalten. Dass die Leute vom Neubad-Team jetzt wie Verbrecher dastehen, dagegen wehrt sich Urs Emmenegger: «Wir bemühen uns extrem, dass wir keine Angriffsfläche bieten, wir haben ganze Ordner voller Bewilligungen und sind in vielen Belangen ein Musterbetrieb.»

Steht zwischen Drum Machine und Synthesizer mit seiner Bassgitarre: Nick Furrer.

Nick Furrer alias Haubi Songs im Neubad-Keller.

(Bild: Marcel Hörler)

Ein marodes Haus

Emmenegger gibt zu bedenken: Das Neubad ist ein marodes Haus, Bewilligungsverfahren sind sehr komplex und ziehen sich in die Länge. «Wir mussten mit dem Keller etappenweise vorgehen, nur schon aus wirtschaftlichen Gründen und weil die Vertragsverlängerung mit der Stadt noch nicht definitiv ist», sagt er. Das Neubad hofft auf eine Verlängerung bis 2024 statt nur bis 2019.

Dass es mit der Lüftung so lange nicht geklappt hatte, habe damit zu tun gehabt, dass teilweise die Pläne der Sanitär-, Strom- und Lüftungsanlagen nicht mehr vorhanden sind. «Man sieht halt nicht, was alles regulär und professionell läuft in diesem Haus. Wir haben viel in die Sicherheit investiert», sagt er und verspricht: «Im Keller war nie jemand gefährdet, bei jeder Veranstaltung sorgen vier bis fünf Leute, dass die Regeln eingehalten werden.» Zudem sei der Raum auf ein grosses Bedürfnis gestossen. «Was wir hier machten, ist Kulturförderung», sagt er.

Immer wieder Grauzonen

Auch Alex Willener findet, dass die fehlende Bewilligung im Keller zum Sommerlochthema der LZ aufgebauscht wurde. Er war in der Aufbauzeit und in den ersten Betriebsjahren im Vorstand des Neubads – 2016 trat er zurück. Er ist Dozent und Projektleiter bei der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit am Kompetenzzentrum Regional- und Stadtentwicklung. Er befasst sich unter anderem mit Themen wie «Zwischennutzungen und kreative Stadtentwicklung».

«Es fehlt ein pragmatisches Regelwerk für Zwischennutzungen, da haben wir eine Lücke.»

Alex Willener, Dozent Hochschule Luzern

Willener sagt: «Ein solches Haus bewegt sich immer wieder in Grauzonen, da braucht es viel Flexibilität und immer wieder Gespräche, um Lösungen zu finden.» Bisher sei das gut gelungen, die Behörden seien gegenüber dem Neubad wohlwollend aufgetreten. Wenn nun von «rechtsfreiem Raum» die Rede sei, sei das für das Klima sehr abträglich. «Da wird bei der Bevölkerung Unmut aufgebaut», sagt Willener.

Forum zu Zwischenutzungen

Am 1. und 2. September finden im Neubad die Zwischennutzungstage «Temporär» statt. Debatten und Referate zu Zwischennutzungen, Stadtentwicklung, Kreativwirtschaft und Kulturproduktion. Anmeldung bis 15. August.

Unter grossem ökonomischem Druck

Es entsteht das Bild, dass sich die Betreiber mit Genuss und vorsätzlich über Regeln hinwegsetzen. «Es ist ein grosses Risiko, alle baulichen Auflagen einzuhalten und die Kosten im Griff zu haben, das Neubad steht unter grossem ökonomischem Erfolgsdruck», so Willener. Man habe von Anfang an allen Spielraum ausgelotet und nur mit viel Risiko, Improvisation, Freiwilligenarbeit und guten Zwischenlösungen sei es gelungen, das Neubad überhaupt betriebstauglich zu machen. Das Thema Sicherheit sei dabei immer ernst genommen worden.

Beim Keller hat man den Spielraum wohl zu grosszügig ausgelotet, das sieht auch Willener so. Aber die Hauptproblematik macht er woanders aus: «Es ist ein gesamtschweizerisches Problem, dass es an einem pragmatischen Regelwerk für Zwischennutzungen fehlt, da haben wir eine Lücke.»

Das Neubad eröffnet eine italienische Sommerbeiz.

Vorplatz des Neubad, im Sommer hat er sich in eine italienische Piazza verwandelt.

(Bild: pze)

Sind die Regeln zu starr?

Weil Zwischennutzungen ein immer wichtigeres – und auch gewünschtes – Element der Stadtentwicklung werden, sei es nötig, dass man dafür ein Rechtsinstrumentarium finde. Die Regeln, die sonst für Neubauten gelten, seien da zu starr und widersprechen oft einer temporären Nutzung mit wenig Geld. «Daran werden immer wieder Zwischennutzungen scheitern», ist Willener überzeugt.

«Wir beharren nicht bis aufs letzte Komma auf dem Regelwerk, aber die Sicherheit muss gewährleistet sein.»

Markus Hofmann, Leiter Ressort Baugesuche Stadt Luzern

Ihn stört, dass das Neubad nun in einem einseitigen Licht dargestellt wird. Willener sagt: «Man darf nicht vergessen, dass das Betriebsteam eigentlich unter unmöglichen Bedingungen mit einem enormen Engagement arbeitet. Diesen Innovationsgeist braucht die Stadt, also sollte man dem Neubad gegenüber grösstes Wohlwollen aufbringen.»

Stadt: Sicherheit geht vor

Bei der Stadt ist man bei Zwischennutzungen durchaus für Verhältnismässigkeit und für Kompromisse – «aber bei der Sicherheit hört das auf», sagt Markus Hofmann, Leiter Ressort Baugesuche der Stadt Luzern. Angesprochen auf den schlechten Zustand des Hauses und die Herausforderung einer Zwischennutzung, sagt er: «Wir beharren nicht bis aufs letzte Komma auf dem Regelwerk, aber die Sicherheit muss gewährleistet sein.»

Um Kompromisse zu finden, brauche es schliesslich Vertrauen und einen regelmässigen Austausch. Dass aber das Neubad einseitig und ohne Bewilligung im Keller veranstaltete, sei bei den betroffenen Stellen sauer aufgestossen. «Das Team hat die Erfahrung und das Know-how. Wenn es sich frühzeitig um die Bewilligung gekümmert hätte, wäre die Ausgangslage heute eine andere», sagt Hofmann. Wenn man im Austausch stehe, werde man einen Weg finden, ist er überzeugt. Auch in Zukunft.

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