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«Nein, das MAZ ist nicht fein raus»
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Iwan Rickenbacher gibt das MAZ-Präsidium auf Ende 2015 ab. (Bild: lwo)

Der abtretende Präsident im Interview «Nein, das MAZ ist nicht fein raus»

10 min Lesezeit 28.12.2015, 12:09 Uhr

Sesselrücken an der grössten Journalistenschule der Schweiz, dem MAZ in Luzern: Nach elf Jahren als Präsident tritt Iwan Rickenbacher per Ende 2015 zurück. Der 72-Jährige übte das Amt elf Jahre lang aus und hat dabei einen Wandel erlebt, der heftiger kaum hätte sein können. Zeit also für ein Abschiedsgespräch.

Weltneuheit beim MAZ, der Schweizer Journalistenschule mit Sitz in Luzern: Erstmals in der 31-jährigen Geschichte des Instituts übernimmt mit Res Strehle per Anfang Jahr ein Journalist das Präsidium des MAZ-Stiftungsrates. Strehle (64) tritt in die Fussstapfen von Iwan Rickenbacher (72, siehe Box).

Im Interview blickt dieser auf den stürmischen Umbruch in der Zeitungsbranche zurück und analysiert wichtige Erfolge und schwierige Tiefschläge seiner Amtszeit.

Rickenbacher ist im Interview die Ruhe selbst. Er antwortet gemächlich, konzentriert, druckreif. Sein Blick ruht selten auf dem Gegenüber, sondern wandert vom Tisch zum Stuhl zum Fenster und wieder zurück. Grosse Emotionen sind nicht sein Ding, stoisch präzise analysiert Rickenbacher die letzten elf Jahre am MAZ. Dabei erlaubt er sich keine Versprecher und stolpert nie. Wirklich nie.

zentral+: Iwan Rickenbacher, das MAZ vermeldete kürzlich: «Unter Iwan Rickenbacher entwickelte sich die Institution zur führenden Journalistenschule der Schweiz.  Iwan Rickenbacher hinterlässt ein gesundes, erfolgreich positioniertes Unternehmen, das sich in einem schwierigen Marktumfeld behauptet.» Was löst diese Kurzbilanz bei Ihnen aus?

Iwan Rickenbacher: Der erste Gedanke ist, dass das eine Gemeinschaftsleistung war von vielen Leuten. Speziell der Leitung des MAZ sowie der Dozierenden.

zentral+: Das tönt sehr bescheiden.

Rickenbacher: In meiner Funktion stand ich eher selten im Rampenlicht. Ich hatte die Leitung des Stiftungsrates. Dieser setzt sich zusammen aus Vertretern der Verleger, der Journalistenverbände, der SRG. Und nur schon diese Aufzählung zeigt, dass es eine gute Zusammenarbeit unter diesen Vertretern in der Schweizerischen Presselandschaft relativ selten gibt. Und ich darf sagen, dass sich hier im MAZ alle gemeinsam für ein Ziel eingesetzt haben. Nämlich für eine gute Aus- und Weiterbildung von Journalisten. Die unterschiedlichen Interessen zu bündeln, das war meine Aufgabe.

«Der Umzug des MAZ in die Stadt provozierte erhebliche Widerstände. Die Rede war von Qualitätsverlust.»

zentral+: Was waren die wichtigsten Entscheide Ihrer Amtszeit?

Rickenbacher: Als ich 2004, also vor elf Jahren, meine Antrittsvisite im MAZ gemacht habe, geschah dies in der Villa Krämerstein in Horw. Eine etwas abgelegene Landvilla der Stadt, früher im Besitz reicher Stadtbürger. Einer der ersten und auch wichtigsten Entscheide war, bereits im Folgejahr von Kastanienbaum nach Luzern zu ziehen, an die Murbacherstrasse nahe beim Bahnhof. Das provozierte erhebliche Widerstände, die Rede war von Qualitätsverlust. Ich aber bin überzeugt, dass Journalismus dort betrieben werden soll, wo die Menschen arbeiten und leben und mobil sind.

zentral+: Und sonst?

Rickenbacher: Der zweite wichtige Entscheid betraf den Auf- und Umbau der Abteilung Kommunikation am MAZ. Auch das war eine heikle Geschichte, weil man sich dem Verdacht aussetzte, man durchbreche die sehr hoch gewichtete Trennung von Journalismus und Public Relations. Wir waren aber von Anfang an darauf bedacht, die beiden Abteilungen personell und räumlich zu trennen.

zentral+: Bezüglich Ihres Tiefschlags als Präsident wage ich eine Vermutung: Der Entscheid der Luzerner Kantonsregierung 2012, den jährlichen Beitrag ans MAZ von 50’000 Franken zu kürzen.

Rickenbacher: Das ist so. Dieser Entscheid des Kantons war ein Signal, das an vielen Orten negativ aufgegriffen wurde. Es hat andere Kantone bewogen, bei uns leise anzuklopfen und zu fragen, ob das MAZ nicht zu ihnen zügeln möchte. Es gab auch eine unglaubliche Solidaritätswelle mit uns. Es gelang dann, die Krise anständig zu beenden. Das MAZ ist hier in Luzern, und es bleibt hier.

zentral+: Geanu. Nach heftigem Protest hat die Regierung den Entscheid damals rückgängig gemacht. Nur, wie gesichert sind der Kantonsbeitrag und der Verbleib des MAZ in Luzern tatsächlich?

Rickenbacher: (überlegt). Das sind zwei Fragen. Politische Beiträge von Körperschaften halten immer bis zur nächsten Budgetdebatte. Es ist stets möglich, diesen Betrag infrage zu stellen. Ich gehe aber davon aus, dass ein Lernprozess stattgefunden hat zwischen dem Kanton Luzern und dem MAZ. Und dass die politisch Verantwortlichen gewillt sind, die Beziehung auf längere Dauer sicherzustellen.

Iwan Rickenbacher gibt das MAZ-Präsidium auf Ende 2015 ab.

Iwan Rickenbacher gibt das MAZ-Präsidium auf Ende 2015 ab.

(Bild: lwo)

zentral+: Sie haben die Abteilung Kommunikation erwähnt. Diese hat sich fürs MAZ finanziell zu einem wichtigen Standbein entwickelt. 2004 machten die Einnahmen noch knapp ein Drittel vom ganzen Kuchen aus. 2014 war es schon fast die Hälfte. Entfernt sich das MAZ immer mehr von der klassischen Journalistenschule weg, hin zum Kommunikationsinstitut?

Rickenbacher: Nein. Die Ausbildung der Medienschaffenden bleibt die Kernaufgabe. Man darf aber bei dieser Frage einen wichtigen Nebeneffekt nicht übersehen. Wir können betreffend die Kosten für unsere Journalismusausbildung nicht konkurrieren mit staatlichen Fachhochschulen. Diese sind subventioniert und können ihre Studiengänge viel günstiger anbieten als wir. Der Punkt nun ist: Unsere Preise wären noch höher, wenn wir sie nicht mit Mitteln aus der Abteilung Kommunikation quersubventionieren könnten. Das hilft uns finanziell einigermassen, konkurrenzfähig zu bleiben.

«Das MAZ ist heute so aufgestellt, dass es einen Rückschlag verkraften könnte.»

zentral+: Apropos Finanzen: Das MAZ war zumindest am Anfang nicht auf Rosen gebettet. Bei Ihrem Start 2004 Betrug das Eigenkapital 1,7 Millionen Franken. 2014 waren es 3,4 Millionen. Ist nun finanziell alles in Butter?

Rickenbacher: Schön wär’s. Nein, das MAZ ist nicht fein raus. Wir haben in Teilen bloss wieder das Stiftungskapital hergestellt. Dieses betrug ursprünglich zwei Millionen Franken, musste aber in den ersten Jahren fast aufgebraucht werden. Rückstellungen konnten keine gemacht werden. Das ist heute alles gewährleistet. Das MAZ ist heute so aufgestellt, dass es einen Rückschlag verkraften könnte.

zentral+: Blick zurück: Was war eigentlich Ihre Motivation, als Sie 2004 das Amt des MAZ-Präsidenten übernommen haben? Sie sind ja Polit- und Kommunikationsexperte, und weniger ein Journalismus-Crack.

Rickenbacher: Ich würde sagen, ausschlaggebend war die Überredungskunst der langjährigen MAZ-Direktorin Sylvia Egli von Matt. Sie hat mich überzeugt, dass ich der geeignete Mensch sein könnte, weil ich als Generalsekretär der CVP vorher schon einige Medienerfahrungen sammeln konnte. Und wohl auch aus der Überlegung heraus, dass ich schon damals im Verwaltungsrat der Tamedia AG war. Übrigens kamen alle MAZ-Präsidenten vor mir ebenfalls aus dem politischen Bereich. Mein Nachfolger, Res Strehle, ist der erste Journalist in dieser Funktion.

«Ich habe es keinen Tag bedauert, das Präsidium des MAZ übernommen zu haben. Denn ich bin gerne dort, wo sich die Welt bewegt.»

zentral+: In den letzten elf Jahren hat sich die Medienwelt rasant verändert. Welche Aspekte nehmen Sie besonders stark wahr?

Rickenbacher: Verändert haben sich die Nutzer, die gleichzeitig in den Besitz von neuen Kommunikationsmedien gekommen sind. Früher war die Technologie so aufwendig, dass sie nur den professionellen Produzenten zur Verfügung stand. Mit dem Internet ist die gleiche Technologie, die der Journalist braucht, auch in den Händen der Konsumenten. Der kann mit geringem Aufwand etwa ein Informations- und Austauschangebot schaffen. Die Medienhäuser haben darauf mit Gratis-Onlineangeboten reagiert. Damit wurde für einen Teil der Mediennutzer der Wert der journalistischen Arbeit relativiert. Seither stellt sich für die Verleger die Frage: Für welche Qualität ist der Konsument heute noch bereit, zu zahlen? Und wo ist endgültig die Post abgefahren? Diese Entwicklung hat sich auch aufs MAZ niedergeschlagen, indem wir neue Angebote kreiert haben. Es war eine unglaublich bewegte Zeit. Ich habe es keinen Tag bedauert, das Präsidium des MAZ übernommen zu haben. Denn ich bin gerne dort, wo sich die Welt bewegt.

«Es ist eine neue, mächtige Industrie entstanden, die mit den Daten der Mediennutzer handelt.»

zentral+: Die Auflagenzahlen aller grossen Schweizer Printtitel entwickeln sich seit Jahren nur nach unten. Nebst weniger Einnahmen aus den Abos schwinden auch die Einnahmen aus dem Inserategeschäft. Dieses verlagert sich ins Internet. Der Ausbau der Online-Kanäle kann diese Löcher noch nicht stopfen. Als Folge mussten alle Redaktionen teils massiv sparen und Mitarbeiter entlassen. Was sagen Sie zu dieser Entwicklung?

Rickenbacher: Sie haben nun die eine Seite der Medaille genannt. Die andere Seite ist, dass die gleichen Verlagshäuser auch hunderte und tausende Stellen im Onlinejournalismus geschaffen haben. Zudem hat die Zahl der Mediennutzer nicht ab-, sondern zugenommen. Wenn ich morgens die Leute beobachte, lesen viele online auf Newsportalen oder in der Pendlerzeitung «20 Minuten».

Zudem ist eine neue, mächtige Industrie entstanden, die mit den Daten der Mediennutzer handelt. Die grossen Verlagshäuser versuchen entsprechend alle, diesen Schatz an Daten zu erheben und damit Geld zu verdienen. Hier müssen sich die Medien aber erst rantasten. Die Suche nach der Frage, wie man in dieser neuen Welt noch qualitativ hochstehenden Journalismus betreiben kann, geht weiter.

«Meine Freude würde nicht darin gipfeln, dass man durch die Entwicklung der vergangenen Jahre ein paar faule Eier aus irgendwelchen Redaktionen komplementiert hat.»

zentral+: Der Medienkritiker Kurt W. Zimmermann findet die ganze Sparerei klasse. Denn so schrumpfe sich der Markt wieder gesund. Es gäbe nun – anders als früher – kaum mehr «faule Nüsse» auf den Redaktionen, und man konzentriere sich endlich wieder auf die wichtigen Themen: Politik, Wirtschaft, Sport und Kultur. Wie sehen Sie das?

Rickenbacher: (Diese Frage scheint ihn zu amüsieren, er richtet sich auf und schaut dem Interviewer gleich mehrmals in die Augen.) Die Entwicklung der vergangenen Jahre ist nicht umkehrbar und somit gegeben. Aber meine Freude würde nicht darin gipfeln, dass man dadurch ein paar faule Eier aus irgendwelchen Redaktionen komplementiert hat. Irgendwelche Schlaumeier wird’s auch in der neuen Medienwelt geben. Ich bin aber überzeugt, dass es auch künftig Menschen geben wird, die mehr wollen, als Horoskope und Sudokus – und für das auch bereit sind, zu bezahlen.

«Als es in Luzern noch drei Tageszeitungen gab, war die Qualität des Journalismus wunderbar.»

zentral+: Viele ältere Zeitungsleser beklagen, dass die Zeitungen dauernd an Qualität verlören. Zimmermann behauptet genau das Gegenteil. Laut ihm ist das Niveau vieler Zeitungen heute besser als früher. Nicht nur wegen weniger fauler Nüsse. Sondern auch, weil es früher fast nur Parteiblätter gab, die ja bekanntlich nicht neutral und ausgewogen berichteten.

Rickenbacher: Nehmen wir das Beispiel Luzern: Lange gab es hier drei Parteiblätter, ein liberales, ein konservatives und die Luzerner Neusten Nachrichten (LNN) dazwischen. In dieser Zeit war die Qualität des Journalismus wunderbar. Denn die drei Player haben sich gegenseitig auf die Finger geklopft und kritisiert. Das ist immer noch das grösste Korrektiv, das sorgt für Qualität. Wer Zeit und Geld hatte, alle drei Zeitungen anzuschauen, erhielt also ein gutes Bild. Schlimmer als Parteiblätter finde ich Monopole, also Räume, wo es keine Konkurrenz mehr gibt. Aber auch dies ist im grenzenlosen Online-Zeitalter kaum mehr ein Problem, wie etwa Ihre Online-Plattform zeigt. Zudem finde ich heute mehr Kontroversen in den einzelnen Zeitungen als früher. Auch online sind so viele Informationen erhältlich wie noch nie zuvor. 

zentral+: Wie hat sich das Schrumpfen der Zeitungen auf die Nachfrage nach MAZ-Kursen und Ausbildungen ausgewirkt?

Rickenbacher: Fast nicht. Wir haben im Printjournalismus immer noch eine hohe Nachfrage. Hart ist es aber im Onlinemarkt. Das hat aber eher mit den Verlagen zu tun, die aus finanziellen Gründen die Nachfrage begrenzen.

April 2014: Iwan Rickenbacher führt durch eine MAZ-Diplomfeier.

April 2014: Iwan Rickenbacher führt durch eine MAZ-Diplomfeier.

(Bild: maz.ch)

zentral+: Nun tritt ab 1. Januar 2016 der bekannte Journalist Res Strehle, zuletzt Chefredaktor des Tages-Anzeigers, in Ihre Fussstapfen. Das MAZ schrieb dazu: «Res Strehle ist eine ideale Besetzung. Er bürgt für einen Journalismus, der sich an Qualität und Relevanz orientiert – dies auch in einer digitalen Welt.» Ist dieser letzte Punkt ein Seitenhieb an Sie? Sie sind zwar etwa auf Facebook und Twitter angemeldet, aber nicht aktiv.

Rickenbacher: (völlig gelassen) Nein, das hat mit mir nichts zu  tun. Sondern eher damit, dass wir im MAZ ein deutliches Zeichen setzen wollten für den Journalismus.

«Journalismus übt noch immer einen grossen Reiz auf junge Leute aus.»

zentral+: Das Image der Journalisten ist ähnlich schlecht wie jenes von Politikern. Warum sollen junge Leute diesen Beruf ergreifen?

Rickenbacher: Ich frage die jungen Journalisten am MAZ gelegentlich. Sie antworten oft, der Beruf sei für sie eine Passion. Sich im näheren und weiteren Umfeld systematisch mit Themen zu befassen, diese zu ergründen, zu erfragen, die Hintergründe aufzudecken und damit anderen Leuten die Möglichkeit zu geben, sich besser eine Meinung machen zu können – das übt noch immer einen grossen Reiz auf junge Leute aus.

zentral+: Sie geben nun das MAZ-Präsidium ab, haben aber noch diverse andere Funktionen inne. Zudem sind sie für Medien weiterhin ein gefragter Interviewpartner, vorab wenn es um Politik geht. Wann schalten Sie mal einen Gang runter?

Rickenbacher: Mit dem Alter ist es so eine Sache in unserer Gesellschaft. Man kriegt als Senior Rabatte am Skilift und im Zoo, obwohl es vielen Senioren finanziell besser geht als jungen Familien. Soll ich mich zudem älter machen als ich mich fühle? Und wenn, für wen?

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