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Mr. Turner macht das Museum fit für die Zukunft
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Turner digital: Zur Ausstellung bringt das Kunstmuseum Luzern die Kunst auf das Handy. (Bild: jwy)

Kunstmuseum Luzern startet Digital-Offensive Mr. Turner macht das Museum fit für die Zukunft

5 min Lesezeit 18.07.2019, 13:34 Uhr

Öl auf Leinwänden reicht nicht mehr: Museen rüsten digital auf, um neue Kundschaft anzulocken. Das Kunstmuseum Luzern nutzt den grossen Namen William Turner für dieses Vorhaben. Doch andere Museen sind schon weiter.

Wenn man eine neue und jüngere Kundschaft ins Museum locken will, muss man mehr bieten als Gemälde. Selbst wenn selbige vom Meister des Lichts persönlich stammen – vom weltberühmten Mr. Turner.

Es braucht einen digitalen Zugang für die Generation, die via Screen in die Welt eintaucht. Das kann man bedauern und beklagen, aber das Handy ist heute fix an den Museumsbesuch gekoppelt.

Die laufende Ausstellung «Turner. Das Meer und die Alpen» ist das grösste Highlight im Luzerner Kunstmuseum seit langem (zentralplus berichtete). Dazu hat es nun das aufwendige multimediale Vermittlungstool «Turner2019.ch» aufgeschaltet. Es soll als digitale Ergänzung zum Museumsbesuch dienen – ob zur Vorbereitung oder während des Besuchs.

Durch Turners Welt scrollen

Mit einem attraktiv aufgemachten und bildschirmfüllenden Scrollytelling-Format wird man in die Welt des kauzigen britischen Malers eingeführt. Man scrollt durch Zitate, zoomt in Bilder hinein, hört Audios, liest kurzweilige Texte und erfährt so mehr über die Anfänge des Tourismus, William Turners Begeisterung für Luzern, den See, die Berge.

Im düsteren Bild der Schöllenenschlucht etwa kann der User auf animierte Punkte klicken und erfährt so spielerisch Hintergründe über Turners Arbeitsweise. Eine Karte zeigt des Künstlers Stationen durch die Schweiz. Das Ganze ist optimiert für Tablet und Handy.

Ausstellung «Turner, das Meer und die Alpen» im Kunstmuseum Luzern. (Bild: Marc Latzel)

Möglich dank Förderfonds

Das Kunstmuseum hat die Aufmerksamkeit rund um Turner genutzt, um digital einen Schritt weiterzukommen. «Der Name hat eine grosse Breitenwirkung und ist als Startschuss super. Das hat unseren Ehrgeiz gepackt», sagt die Medienbeauftragte Eveline Suter.

Möglich gemacht hat die neue Website das Projekt «Digitorials.ch», eine Initiative aus dem Migros-Förderfonds. Dafür wurden Anfang Jahr verschiedene Schweizer Museen ausgewählt, Luzern macht den Anfang.

«Das Fotoverbot ist obsolet geworden.»

Eveline Suter, Kunstmuseum Luzern

Zusammen mit Grafikerinnen und Programmierern hat das Kunstmuseum die Inhalte ausgewählt und entsprechend multimedial für die mobilen Geräte aufbereitet. «Das hat uns personell an die Grenzen gebracht», gibt Suter zu. Zusätzliche Ressourcen waren dafür nicht zur Verfügung.

Aufwendig waren auch die Verhandlungen mit der Londoner Tate-Galerie, der die Bilder gehören. Für jedes digital verwendete Bild musste das Kunstmuseum separat anfragen. «Bildrechte sind noch nicht für die digitale Welt ausgelegt und wurden in diesem Fall eher restriktiv gehandhabt», sagt Suter.

Knipsen erwünscht

Viele Museen haben inzwischen erkannt, dass ein attraktiver Digitalauftritt den «echten» Museumsbesuch nicht gefährdet, im Gegenteil: Es erschliesst die Kunst im besten Fall einem neuen Publikum.

Turner in Luzern

«Turner. Das Meer und die Alpen»: Bis 13. Oktober, Kunstmuseum Luzern. Wer nicht anstehen will, kauft seine Tickets online.

Dazu gehört auch, dass das einstige Fotoverbot in immer mehr Museen fällt. Ja inzwischen werden Besucher sogar aufgefordert ihre Kunst-Selfies mit der Welt zu teilen. Auch im Kunstmuseum Luzern ist fotografieren mit dem Handy ohne Blitz erlaubt – auch bei Turner. «Das Verbot ist obsolet geworden», sagt Suter. Besucher würden ohnehin knipsen, bei einem Verbot einfach heimlich.

Grosse Museen machens vor

Auch die eigene Sammlung machen immer mehr Museen fit fürs digitale Zeitalter. Es reicht nicht mehr, ein paar Vorzeigebilder im Briefmarkenformat aufzuschalten. Grosse Museen bieten virtuelle Rundgänge durch die Sammlung und man kann in die hochaufgelösten Bilder eintauchen und bis zum feinsten Pinselstrich heranzoomen. So nah, wie man dem Bild in Wirklichkeit nie kommen kann, ohne den Verdacht der Aufsicht zu provozieren.

Das Amsterdamer Rijksmuseum macht vor, wie Museen die Digitalisierung für sich nutzen können. Über 200’000 Werke sind digital zugänglich, so viel wie die physische Ausstellung niemals zeigen kann.

Beim Frankfurter Städel-Museum kann man spielerisch in die Sammlung eintauchen und es gibt sogar Games für Kinder. Das Museum hat die technologische Entwicklung zu einer Kernaufgabe des Museums gemacht.

Auch die wachsende Kunst-Galerie von Google zeigt, wohin die Digitalisierung führt: Dort findet man etliche Werke in Gigapixel-Auflösung und man kann wie bei Street-View virtuell durchs Museum spazieren. In der Schweiz sind bisher die Fondation Beyeler und das Kunsthaus Zürich dabei, aus Luzern die Hochschule Luzern mit ihrer Textilsammlung.

Auch die Londoner Tate-Gallery, aus deren Sammlung die Turner-Werke stammen, spielt digital in einer anderen Liga.

Weitere Ausstellungen folgen

Luzern ist nicht Frankfurt, London oder Amsterdam – die Ressourcen sind knapper. Darum kam die Initiative Digitorials.ch wie gerufen. Mit Turner ist das Projekt nicht beendet, das Kunstmuseum will die Plattform für weitere Ausstellung nutzen.

«Wir sind laufend daran, die Sammlung weiter digital zugänglich zu machen.»

Eveline Suter, Kunstmuseum Luzern

Digitorials begleitet die acht Schweizer Museen über drei Jahre auf dem Weg in die museale Digitalisierung. Sie wurden aus über 40 Bewerbungen ausgewählt. Das Tool wurde zuvor in Museen in Frankfurt entwickelt, getestet und hat sich etabliert.

Luzern war Vorreiterin und hat 2005 als eines der ersten Schweizer Museen begonnen, seine Sammlung komplett zu digitalisieren. Man klickt sich durch die Sammlung und erhält Zusatzinformationen – mit einem virtuellen Rundgang wie bei Google kann es noch nicht mithalten.

Blick hinter die Kulisse

Das Kunstmuseum sei laufend daran, die Sammlung weiter digital zugänglich zu machen. Nur schon, weil es keine permanente Sammlungsausstellung zeigen kann. «In einem nächsten Schritt werden wir unsere digitalisierte Videosammlung zeigen», sagt Suter. Ab 14. September ist dazu die Ausstellung «Vom Band zum Byte» zu sehen.

Mit der Offensive für die Turner-Ausstellung hat das Kunstmuseum die Zeichen der Zeit erkannt. Was noch fehlt, ist der interaktive Charakter – ich kann mich noch wenig selber einbringen. Auch was die Aktivitäten auf Social Media betrifft, ist noch Luft nach oben.

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