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Mit Würgen und Biegen: Luzern hält Kulturförderung am Leben
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Der Theaterplatz gehörte am Freitagabend den Spargegnern. (Bild: jal)

Notlösung mit Unterstützung von Privaten Mit Würgen und Biegen: Luzern hält Kulturförderung am Leben

5 min Lesezeit 19.12.2017, 18:55 Uhr

2017 hat der Kanton Luzern einen Grossteil seiner Kulturförderung eingestellt, für 2018 gibt es wieder etwas Luft: Ein Grossteil der Kulturförderung nimmt wieder Fahrt auf. Die Notlösung sorgt für ein Aufatmen, macht aber niemanden glücklich.

Als wäre nichts gewesen: «Der Kanton Luzern fördert ausgewiesene Kulturschaffende mit Förderbeiträgen», heisst es in einer Mitteilung. Im kommenden Januar stehen 180’000 Franken für Theater, Tanz- und Musikprojekte zur Verfügung (zentralplus berichtete). Und im Juni startet die zweite Ausschreibungsrunde, bei der es zusätzlich Geld für Freie und Angewandte Kunst gibt. Alles in allem erhalten freie Kulturschaffende vom Kanton Luzern für 2018 wieder rund 650’000 Franken.

Für nächstes Jahr werden also «nur» noch 150’000 Franken eingespart. «Hätte mir das im Juli jemand gesagt, hätte ich drei Purzelbäume geschlagen», sagt Stefan Sägesser, Leiter Kulturförderung Kanton Luzern. Jetzt sei er einfach froh, dass die Kulturförderung die Ausschreibungen wieder im geplanten Rhythmus aufnehmen könne.

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Die kantonale Kulturförderung nähert sich damit für 2018 wieder dem Normalzustand an. Das heisst, bevor in der Kulturförderung 800’000 Franken – 40 Prozent der gesamten Summe – gestrichen wurden, weil die Steuererhöhung abgelehnt wurde. Für 2019 sollten laut Aufgaben- und Finanzplan die Gelder wieder ohne Einbusse fliessen, auch wenn viele Fragezeichen bleiben.

Besser als befürchtet

Es sieht besser aus als befürchtet für die freien Kulturschaffenden, die auf Beiträge angewiesen sind. Aber bei der Kulturförderung ist man vorsichtig geworden mit Prognosen und die jetzige Übergangslösung kam nur mit Würgen und Biegen zustande.

«Das Wichtigste ist, dass wir den Ausschreibungsrhythmus aufrechterhalten und das Fördersystem nicht in sich zusammenbricht.»

Stefan Sägesser, Leiter Kulturförderung

Einerseits zapft der Kanton einen zusätzlichen Topf des Lotteriefonds an, andererseits springt ein privater Verein ein: Auch dank Zuwendungen des «Vereins zur Förderung der Freien Kulturszene Luzern» (FFK) um den Medienunternehmer Bruno Affentranger wurde die Übergangslösung in dieser Grössenördnung möglich (zentralplus berichtete).

Affentranger fing im Dezember an zu sammeln, beim Start waren bereits 120’000 Franken zugesichert, das Ziel sind 400’000 Franken pro Jahr, das der Kulturförderung zur Verfügung stehen soll. Es ist also noch unsicher, wie viel Geld hier überhaupt zusammenkommt.

Keine Euphorie

«Wir kalkulieren eher defensiv», sagt Stefan Sägesser, der angesichts der jetzigen Lösung nicht in Euphorie verfällt. Es sei schlicht das Bestmögliche, das man in der jetzigen Lage herausholen konnte. «Es war ein langer Weg, das Wichtigste ist, dass wir den Ausschreibungsrhythmus aufrechterhalten können und das vor kurzem umgestellte Fördersystem nicht in sich zusammenbricht.»

«Die Finanzierung der Kulturförderung ist noch nicht gelöst.»

Eva Laniado, IG Kultur

Denn die Einschnitte für die Kultur seien immer noch schmerzhaft, der Kanton konzentriert sich für 2018 auf die Hauptsparten Musik, Theater/Tanz und Bildende Kunst. «In diesen drei Sparten sind Ausschreibungen ohne Kürzungen möglich», so Sägesser. Die restlichen Ausschreibungen – Verlagsförderung, Publikationen oder Programme von Kulturveranstaltern – sind weiterhin auf Eis gelegt und werden frühestens 2019 wieder durchgeführt.

Zuversichtlicher, aber nicht euphorisch: Eva Laniado von der IG Kultur und Stefan Sägesser, Leiter Kulturförderung Kanton Luzern.

Zuversichtlicher, aber nicht euphorisch: Eva Laniado von der IG Kultur und Stefan Sägesser, Leiter Kulturförderung Kanton Luzern.

(Bild: jal/jwy)

Mit dem Schlimmsten gerechnet

Von einem leichten Aufatmen für die Kulturszene spricht auch Eva Laniado, Geschäftsführerin der IG Kultur Luzern. «Ich bin froh, dass es nun erstmal weitergeht und es nicht schlimmer gekommen ist», sagt sie – man habe mit allem rechnen müssen.

Haben also die regelmässigen und intensiven Kulturproteste der letzten Monate Wirkung gezeigt? «Ich hoff’s, dass wir damit die Regierung aufgerüttelt haben», sagt Laniado – aber auch bei ihr keine Spur von Euphorie. «Die Finanzierung der Kulturförderung ist noch nicht gelöst, es müssen immer noch Projekte zurückgestellt werden», sagt sie.

Ab 2019 wieder Normalzustand?

Eine Erhöhung des Kulturbudgets war im Dezember im Kantonsrat chancenlos (zentralplus berichtete). Das zeigt, wie schwierig es sein dürfte, nach der Übergangslösung wieder eine dauerhafte Entschärfung der Situation zu bewerkstelligen. Steht doch die Kultur im Verteilkampf mit Bildung, Polizei oder der individuellen Prämienverbiligung.

Das Ziel müsse sein, dass ab 2019 wieder Normalzustand herrscht und die gleichen Mittel zur Verfügung stehen wie vor den Sparmassnahmen. Im Juni werde man wohl wissen, was Sache ist, «ich bin zuversichtlich», sagt Stefan Sägesser vage.

Eva Laniado geht davon aus, dass es in den Folgejahren keine weiteren Drittgelder geben wird – und dass dann trotzdem wieder gekürzt werde bei der Kulturförderung. «Es ist schön, dass Private einspringen, obwohl das nicht ihre Aufgabe ist», sagt Laniado. «Aber der Kanton muss seine Verantwortung wieder übernehmen.»

Gar kein Vertrauen in den Regierungsrat hat der Theaterschaffende Patric Gehrig – er kommentiert auf Facebook: «Von Aufatmen kann keine Rede sein! […] Wenn nun Private in die Bresche springen und sich dadurch ein Teil der Einsparungen auffangen lässt, so ist das dennoch ein Armutszeugnis für den Kanton Luzern und dessen Regierung.»

Verschiedene Sammelaktionen

Der Widerstand wird wohl trotz Übergangslösung nicht so schnell erlahmen. Aktuell läuft ein Crowdfunding für einen Dokumentarfilm, der die Tiefsteuerstrategie im Kanton Luzern der letzten Jahre unter die Lupe nehmen soll (zentralplus berichtete). Ein Drittel der angestrebten 120’000 Franken sind bis jetzt gesammelt, es bleibt noch Zeit bis im Februar. Kommt das Projekt zustande, kann sich ein auswärtiger Filmemacher an die Recherche machen.

Zudem geht im Kleintheater eine Silvesterparty – respektive eine «$ilvester$party» – zugunsten der gebeutelten Kulturszene über die Bühne (zentralplus berichtete). Dazu läuft die erwähnte Sammelaktion des Vereins FFK.

Es geht um viel Geld und verschiedene Player appellieren an die Solidarität der Kulturinteressierten. «Ich habe natürlich Freude an diesem Engagement, bin aber skeptisch, ob all das Geld zusammenkommt», sagt denn auch Stefan Sägesser.

So laufen die Ausschreibungen

Die ersten kantonalen Ausschreibungen starten im Januar 2018: 180’000 Franken stehen für die selektive Produktionsförderung zur Verfügung. Sie verteilen sich auf die beiden Sparten «Musik» (60’000 Franken) und «Theater/Tanz» (120’000 Franken an eine Produktion). Die Ausschreibung im Bereich «Musik» richtet sich an Projekte von Musikschaffenden aus allen Sparten, jene im Bereich «Theater/Tanz» an Produktionen von professionellen Theater- und Tanzschaffenden.

Im Juni 2018 folgt die zweite Runde der Ausschreibungen  – neben den Sparten «Musik» und «Theater/Tanz» auch für die «Angewandte und Freie Kunst».

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