Annick Bosson (links) und Mirjam Steffen packen ihre Werke ein.
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Annick Bosson (links) und Mirjam Steffen packen ihre Werke ein. (Bild: jal)

Besuch in der Luzerner Zwischennutzung Güterschuppen: Ein Mikrokosmos löst sich auf

7 min Lesezeit 25.11.2019, 05:02 Uhr

Hinter den Gleisen bot Luzern in den letzten Jahren Kreativen, Sportlern und Handwerkern ein Zuhause. Bald wird der Güterschuppen abgerissen, um einem Gewerbegebäude Platz zu machen. Ein Besuch bei Menschen, die diesen versteckten Ort prägten.

Selten verirren sich Luzernerinnen und Luzerner per Zufall hierher. Der Güterschuppen liegt zwischen den Gleisen – wo es erstaunlich viele Autos hat – und hinter dem Bahnhof. Es ist ein unscheinbares altes Gebäude, gegenüber dem rosa Haus an der Güterstrasse, welches nach einer Besetzung für Schlagzeilen sorgte (zentralplus berichtete).

Doch hinter der unscheinbaren Kulisse taucht man in einen Mikrokosmos der Stadt Luzern. Der Spaziergang über die Rampe führt in einen breiten, langen Gang. Dort trifft man auf Autos, einen Wohnwagen, eine Socke an einem Holzpfosten: Auch wenn man erstmal verloren zu sein scheint, deuten Schilder auf die vielfältige Nutzung.

Es ist ein Mosaik, von dem einzelne Teile bereits fehlen. Nachdem die SBB den Mietern gekündigt hat, sind einige – zum Beispiel das Atelier Kanapé oder die Ping-Pong-Spieler – bereits ausgezogen (zentralplus berichtete).

Kreativwerkstatt im Atelier Pöschtli

Auch im Atelier Pöschtli stapeln sich bereits Umzugskartons und eingepackte Bilder. Annick Bosson und Mirjam Steffen schnüren gerade mehrere Teppiche zusammen. Es war im Winter öfters kalt im Schuppen, obwohl ein Kasten an der Decke unüberhörbar heisse Luft in den Raum pumpt. Das laute Ding werden sie nicht vermissen, dafür manch anderes.

«Die gute Lage und der Preis hier sind unschlagbar, sowas findet man sonst nicht mehr.» 

Annick Bosson, Kunstschaffende

Die beiden Kunstschaffenden ziehen am Samstag um, in eine Ateliergemeinschaft im Maihofquartier. «Es wird enger und anders werden», sagt Annick Bosson, die rund zwei Jahre an der Güterstrasse arbeitete. «Die gute Lage und der Preis hier sind unschlagbar, sowas findet man sonst nicht mehr.» Ein halbes Jahr haben die beiden mit anderen Künstlerinnen und Künstler gemeinsam nach einer Alternative gesucht. «Weil ein so grosser Raum wegfällt, war klar, dass es ein neues Lokal braucht», sagt Mirjam Steffen. «Denn es gibt nicht genügend Ateliergemeinschaften, die für alle hier einen freien Platz bieten.» 

Acht oder neun Jahre arbeitete Luca Bartulovic im «Atelier Pöschtli».

Im Atelier Pöschtli waren zuletzt neun Personen tätig, manche regelmässig, andere weniger. Zu ersteren gehört Luca Bartulovic. Dank einem Holzbau geht sein Atelier über zwei Stockwerke und wirkt heimelig wie ein Kinderzimmer mit Kajütenbett.

Ein Boxsack baumelt in der Luft, überall hängen Plakate und Zeichnungen. Es sind Zeugen der Zeit, die der Illustrator und Grafiker zwischen den Gleisen verbracht hat. Acht oder neun Jahre seien es gewesen, er weiss es nicht mehr so genau. Jedenfalls lang. «Es tut schon ein wenig weh, das aufzugeben», sagt er. «Aber ein Wechsel nach all den Jahren tut auch gut.»

«Nun wird nochmals etwas abgerissen, wovon es in der Stadt Luzern ohnehin schon zu wenig gibt.»

Luca Bartulovic, Illustrator

Luca Bartulovic hat etliche Mieter kommen und gehen sehen. «Ob bildende Künstler, Schreiner oder Texter, gerade solche Industrieräume geben jedem die Chance, seinen eigenen Raum zu gestalten und diesen an seine Bedürfnisse anzupassen.» Für ihn ist der Güterschuppen eine der letzten Bastionen für Künstler und Handwerker mit kleinem Budget. «Nun wird nochmals etwas abgerissen, wovon es in der Stadt Luzern ohnehin schon zu wenig gibt.»

Brachen im Zentrum haben schweren Stand

Die Entwicklung ist nicht nur in Luzern zu beobachten. Die Städte wachsen und wollen verdichten. Eigentümer lockt die Rendite, die solche Lagen versprechen. Brachen im Zentrum haben angesichts dessen einen schweren Stand.

Auch das Rösslimatt-Areal, auf dem die Zwischennutzung im Güterschuppen liegt, wird einem radikalen Facelifting unterzogen. Die SBB als Eigentümerin plant mehrere Neubauten mit Gewerbe- und Wohnraum (zentralplus berichtete). Sobald ein Ankermieter gefunden wird – der Abschluss der Verhandlungen steht laut SBB kurz bevor – soll es losgehen.

Muskeln stählen mit Blick auf die Gleise

Zurück im Güterschuppen. Neben dem Pöschtli-Atelier geht die Tür zu einer neuen Welt auf: derjenigen von Fleiss und Schweiss. In einer grossen Halle, die Industriecharme versprüht, stehen Michael Krauer und Michael Häfliger zwischen Reckstangen und Schaukelringen.

Die beiden Inhaber des Crossfit Pilatus tragen ihren Teil zum belebten Güterschuppen bei. Täglich stählen Dutzende in ihrem Studio in mehreren Kursen die Muskeln.

Trainer und Geschäftsführer: Michael Häfliger (links) und Michael Krauer von Crossfit Pilatus.

Im Unterschied zu den Künstlerateliers betreiben sie ein Geschäft, das in den letzten Jahren einen regen Zulauf erlebte und kommerziell erfolgreich ist. Vor rund fünf Jahren in die ehemalige Lagerhalle eingezogen, zählt Crossfit Pilatus heute eine treue und grosse Kundschaft. Gerade deshalb ist für die beiden Geschäftsführer die Ungewissheit über die Zukunft schwierig. «Der anstehende Umzug wirkt sich definitiv aufs Geschäft aus», sagt Michael Häfliger.

Obwohl die Duschen in einem «miserablen Zustand» seien, profitierte das Studio von der zentralen Lage und den Platzverhältnissen. Die beiden sind aber zuversichtlich, dass sie ihren Mitgliedern bald eine valable Alternative präsentieren können. Vorerst, bis Ende Februar, bleibt das Studio noch hinter dem Bahnhof.

Verschwitzte Kämpfer auf der Toilette

Schräg gegenüber öffnet Timo Müller die Türe zu seiner meterhohen Werkstatt. Holzbretter stapeln sich neben schweren Maschinen und Sägemehl, in einer Ecke steht ein Skelett, irgendwo hängt ein Ruderboot. Zahlreiche Skulpturen und Installationen sind hier gefertigt worden. Der Handwerker und Künstler hat soeben für eine Kundin eine Küche gebaut und arbeitet an einem Kunstprojekt für einen Neubau.

Anfänglich im Frigorex tätig, ist er über Umwege auf diesen Raum an der Güterstrasse gestossen. Ein Glücksfall, wie sich zeigte. «Ich habe Platz, es ist ebenerdig, bezahlbar und niemand stört sich am Lärm meiner Maschinen», sagt Müller, der auch im Gelben Haus in Luzern tätig ist.

Gekommen, um länger zu bleiben als gedacht: Timo Müller in seiner Werkstatt.

Und so ist er länger geblieben, als anfänglich gedacht. Das Provisorium wurde zum Dauerzustand. Was Timo Müller gefällt an diesem Mikrokosmos sind die unterschiedlichen Leute, die täglich ein- und ausgehen. Zum Beispiel die Dutzende von Skatern aus der halben Schweiz, die mit ihren Brettern in der Halle nebenan Tricks einstudieren. Oder die verschwitzten Martial-Arts-Kämpfer, die er hin und wieder auf der einzigen Toilette im Gebäude trifft. Oder die Betriebselektriker der SBB nebenan, von denen er auch schon Aufträge erhalten hat.

Wie zum Beweis grüssen zwei SBB-Mitarbeiter in orangen Westen im Vorbeigehen. Einer von ihnen weist auf Timo Müllers verbundene Finger und sagt: «Habe gehört, du hast dich verletzt?» – «Das hast du schon erfahren?» –  «Das machte schneller die Runde als eine ‹Blick›-Schlagzeile.»

Ein kurzer Smalltalk, ein Lachen, ein Gruss zum Abschied. Es sind auch Bekanntschaften entstanden in all den Jahren im Güterschuppen. Bald wird man unterschiedliche Wege gehen.

Angesichts des vielen Materials in der Werkstatt könnte man denken, der Umzug sei für Timo Müller ein Kraftakt. Doch er winkt ab. Er habe gute Kontakte und Helfer, die Zügelei selber stresst ihn nicht. Vielmehr beschäftigt ihn, dass er lange nicht wusste, ob er Ende November gehen muss oder noch ein wenig bleiben kann. «Diese Ungewissheit ist eine Belastung, denn die ganze Existenz hängt bei mir daran.»

Es rollt: der Eingang zur Skaterhalle.

Soeben hat er telefonisch die Bestätigung erhalten, dass er erst Ende Februar ausziehen muss. Demnächst schaut er sich eine mögliche neue Werkstatt an. Ob sie passt, kann er noch nicht sagen. «Ich muss dort zuerst einen Lärmtest machen», sagt er und lacht.

Ebenfalls vor einer offenen Zukunft stehen die angesprochenen Skateboarder. Vor acht Jahren hat sich Kilian Lipp mit der Rampe «einen Jugendtraum verwirklicht», wie er sagt. Bretter an den Wänden vor der Halle zeugen vom Hobby, dem hier gefrönt wird. «Aus der ganzen Schweiz kommen Skater und treffen sich bei uns», sagt der selbständige Unternehmer.

Nun, da das Ende naht, sei der Andrang noch grösser als sonst. «Alle wollen nochmals fahren.» Kilian Lipp hofft, dass bis Ende Jahr irgendwo eine neue Tür aufgeht. Ihm sei aber bewusst, dass es nicht möglich sei, zu diesem Preis etwas Vergleichbares zu finden. Jammern mag er deswegen nicht. «Wir sagen einfach Danke, packen zusammen und gehen.» 

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