Grosse Spielzeit – doch was bleibt davon?
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Das LSO im KKL. (Bild: Vera Hartmann)

Beethoven-Konzert des LSO im KKL Grosse Spielzeit – doch was bleibt davon?

5 min Lesezeit 15.06.2017, 10:44 Uhr

Mit Beethoven fing es an und mit Beethoven endet es auch. Diesen Mittwochabend begann der dreiteilige Abschluss der Konzertsaison des Luzerner Sinfonieorchesters. Im Anschluss soll es eine CD geben – doch diese wirft Fragen auf.

Manche Konzerte brauchen einen langen Anlauf. Für den gestrigen Abend im KKL gilt dies jedenfalls. Das Luzerner Sinfonieorchester und der Schweizer Pianist Oliver Schnyder haben sich immerhin auch einer grossen Aufgabe gestellt. Innerhalb von nur fünf Tagen erklingen die fünf Klavierkonzerte Beethovens sowie einige Ouvertüren. Gegen Ende des Jahres ist die Veröffentlichung auf CD vorgesehen. «Weil wir alle fünf Konzerte aufführen, können wir Beethovens Entwicklung über viele Jahre hinweg nachvollziehen und damit sein Reifen zu einem revolutionärem und schliesslich zu einem romantischen Komponisten», erklärte Chefdirigent James Gaffigan zentralplus.

Damit schliesst sich ein Kreis, denn schon im vergangenen Jahr spielte Schnyder, gewissermassen als Höhentraining, die Beethoven-Konzerte auf dem Pilatus in Begleitung von Solisten des LSO (zentralplus berichtete). Zwischen den Solokonzerten gab er auch noch Sonaten zum Besten, lud am Abend zuvor zu Nachtkonzerten und bewies seine Kondition. zentralplus gegenüber resümierte er: «Das ‹Höhentraining› auf dem Pilatus gab mir die Möglichkeit, die Klavierkonzerte erstmals zyklisch zu spielen und Erfahrungen zu sammeln mit den Anforderungen, die dieses ambitionierte Vorhaben stellt. Der psychologische Aspekt war für mich also von grosser Bedeutung.»

Nun ist er also wieder auf dem Luzerner Boden angekommen und brachte am ersten Abend in einem ausverkauften KKL Beethovens erstes und viertes Konzert zu Ohren. Das Luzerner Publikum ist schon bei gewagteren Programmen erfreulich treu und neugierig, da ist ein Beethoven-Heimspiel wenig überraschend gut besucht.

Publikum hätte mehr Kontrast gut getan

Zuerst erklang die Leonoren-Ouvertüre op.138, die für den Fidelio vorgesehen war, aber nie als Opern-Ouvertüre Verwendung fand. Einerseits eine kluge Wahl, hier werden die Elemente beethoven’scher und klassischer Musik überhaupt anschaulich vorgestellt. Gebrochener Stil, motivische Arbeit, Introduktion und Sonatenhauptsatzform.

Andererseits wird damit die mittlerweile leere Tradition fortgeschrieben, die Beethoven-Konzerte mit diesen Ouvertüren zu paaren. Das passt gut auf eine CD, aber einem Konzertpublikum wäre mehr Kontrast dienlich gewesen. Einen anderen Komponisten in Dialog zu bringen, mit einem späten Werk von Beethoven seine Entwicklung spiegeln – diese Möglichkeiten wurden verpasst. Dem vierten Konzert wird später die Colorian-Ouvertüre gegenübergestellt werden – hier gilt Gleiches.

Das Luzerner Sinfonieorchester.

Das Luzerner Sinfonieorchester.

(Bild: Vera Hartmann)

Energiegeladen, aber nicht vollkommen fehlerfrei

Beethoven war der erste Künstler von Weltrang, dessen ökonomische Umstände und unternehmerisches Geschick ihm ein Leben als freier Musiker und Komponist erlaubten. Mozart war dies nie gelungen. Diesem Umstand ist auch die vertrackte Zählung der Klavierkonzerte anzulasten. So entstanden drei Klavierkonzerte vor dem 1. Klavierkonzert op. 15. Zwei blieben ohne Opuszahl und eines wurde später als 2. Klavierkonzert B-Dur op. 19 veröffentlicht. Für Beethoven, der sich als Instrumentalvirtuose schon einen Namen gemacht hatte, stand mit der Präsentation einer eigenen Komposition viel auf dem Spiel. So entschied er sich, das C-Dur-Konzert zuerst dem Publikum vorzustellen, ebenso geht es das LSO an.

Die Partitur strotzt vor witzigen Einfällen, wo das Orchester und der Solist sich gegenseitig ihre verspielten Läufe zutragen. Ihren besonderen Charme entfalten diese Spässe vor dem Hintergrund der strengen äusseren Form eines Solokonzerts am Ende des 18. Jahrhunderts, der Beethoven ganz folgt. Hierbei steht die Orchesterexposition am Anfang, dann tritt das Klavier hinzu. Nach der Solokadenz – Schnyder bedient sich der Kadenzen Beethovens – ein rasantes Finale und fertig ist der Satz.

Ein Beispiel für Beethovens listigen Umgang mit der starren Form ist der Schluss der Kadenz. Gleich mehrfach erklingen lange Triller vom Klavier, die dem Orchester das Signal zum Wiedereinstieg geben, aber das Piano spielt einfach weiter und spielt mit den Erwartungen des Publikums. Dieser Witz wurde vor über 200 Jahren komponiert, wirkt aber beim LSO taufrisch. Schnyder lässt sich im langsamen Satz viel Freiheit in Tempofragen und Verzierungen, was erfrischt. Das Finale gelingt energiegeladen fröhlich, aber nicht vollkommen fehlerfrei und koordiniert zwischen den Musikern.

Hohe Konzentration erforderlich

Im 4. Klavierkonzert wagt Beethoven Unerhörtes: nicht das Orchester stellt wohlgeordnet das musikalische Material vor, sondern das Klavier drängt sich mit simplen G-Dur-Akkorden an den Beginn und gestaltet eine lyrische Passage. Dieses Konzert lebt von der Fähigkeit seines Schöpfers, aus den einfachsten Grundzutaten ein fesselndes Konzert zu kreieren. Unabdingbar dafür ist die musikalische, psychische und physische Konzentration der Musiker, auch wenn das Material ihnen keine technischen Schwierigkeiten bereitet. Die Aufmerksamkeit bei den Stimmungs- und Tonartwechseln und Phrasengestaltung füllen das KKL aus und erzeugen Intensität. Hier funktioniert das Zusammenspiel von Dirigent, Orchester und Solist ausgezeichnet. Wie im ersten Konzert schliesst eine effektvolle und euphorische Engführung den dritten Satz ab.

Als Konzert darf man von einem insgesamt gelungenen Abend reden. Zwei ganz verschiedene Konzerte des gleichen Komponisten wurden verglichen, wenn auch fremde Töne die Beethoven-Seligkeit gerne hätten stören dürfen. Gaffigan gibt auch zu bedenken: «Im Falle von Beethoven hinterlässt die Musik nicht nur einen Eindruck bei den Zuhörern. Das Orchester entwickelt sich ebenso weiter, weil es von der Präzision und der klaren Struktur dieser Werke geschult wird. Davon kann auch völlig anderes Repertoire profitieren.» Die Effekte dieser Schulung wird dann die nächste Saison zeigen.

Eine verpasste Chance

Was die Veröffentlichung auf CD angeht, konnte die Frage nach dem künstlerischen Nutzen leider noch nicht uneingeschränkt beantwortet werden. Zuerst fällt auf, dass noch nicht alle Töne im Klavier genau sitzen. Was einen Konzertabend nicht trübt, weil dieser von den grossen Linien der Interpretation und der Energie zwischen Musikern und Hörern lebt, ist auf einer Aufnahme störend. Ein bahnbrechender Interpretationsansatz ist auch nicht ersichtlich. Aussergewöhnliche Transparenz lässt sich mit vollem Sinfonieorchester (12 Erste Violinen!) schwerlich erreichen, die historisch-kritische Rekonstruktion wird nicht verfolgt. Das Orchester hat in dieser Spielzeit viele aussergewöhnliche Werke aussergewöhnlich gut präsentiert. Dass statt zum Beispiel des Busoni-Zyklus jetzt Beethoven auf CD gepresst erscheinen soll, kann eigentlich nur erklären, dass Beethoven eben verkauft. Eine verpasste Chance am Ende einer eigentlich grossen Spielzeit.

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