Gesellschaft
Mehrere Kantone sind am Anschlag

Luzerner Frauenhaus fast voll: «Situation ist angespannt»

Schutz suchende Frauen in Luzern mussten aufgrund von Überlastung noch nie in Hotels untergebracht werden. (Bild: Adobe Stock)

In mehreren Kantonen sind die Frauenhäuser überlastet. Der Kanton Bern muss Schutz suchende Frauen gar in Hotels unterbringen. zentralplus hat nachgefragt, wie es in Luzern aussieht.

Die drei Frauenhäuser im Kanton Bern sind überlastet. Dies berichtete das «SRF» in der vergangenen Woche. Grundsätzlich werden die Schutz suchenden Frauen dann in ausserkantonalen Frauenhäusern untergebracht. Doch dies sei nicht immer möglich, da diese mit ähnlichen Problemen kämpften. Grund für zentralplus nachzufragen: Wie ist die Situation im Frauenhaus Luzern?

Petra Sidler, Sozialarbeiterin im Frauenhaus, sagt gegenüber zentralplus: «Die Situation ist zwar angespannt und das Frauenhaus stark ausgelastet. Es gab und gibt immer wieder Zeiten, in denen wir gewaltbetroffene Frauen nicht aufnehmen können und einen Platz in einem anderen Frauenhaus suchen müssen. Die Situation ist aber nicht neu.»

Dass Frauen aber aufgrund einer derart hohen Überlastung gar in Hotels untergebracht werden müssen, wie dies aktuell im Kanton Bern vorkommt, ist Sidler nicht bekannt: «In meiner Zeit beim Frauenhaus Luzern ist es noch nie vorgekommen, dass Frauen ins Hotel verlegt werden mussten. Wenn Schutz suchende Frauen keinen Platz im Luzerner Frauenhaus haben, dann fragen wir ausserkantonale Frauenhäuser an. Bis jetzt haben wir stets einen Platz für sie gefunden.»

Häusliche Gewalt steigt in der Schweiz an – nicht aber in Luzern

Als Grund für die zunehmende Überlastung der Frauenhäuser wird oft häusliche Gewalt genannt. Und die betreffenden Zahlen zeigen in der Schweiz gemäss Bundesamt für Statistik nach oben. Im Jahr 2020 wurde mit 20'124 Fällen gar ein neuer Höchstwert erreicht. Gemäss einer im Herbst 2021 publizierten Studie haben 42 Prozent der Frauen und 24 Prozent der Männer schon Gewalt in der Partnerschaft erfahren.

Dass immer mehr Frauen in einem Frauenhaus Schutz suchen, weist laut Sidler aber nicht zwingend auf eine Zunahme häuslicher Gewalt hin. Zahlen der Luzerner Polizei zeigen, dass im Kanton Luzern keine Zunahme von Fällen häuslicher Gewalt zu beobachten ist. Da das Frauenhaus Luzern bei Bedarf aber Schutz suchende Frauen aus anderen Kantonen aufnimmt, ist auch der schweizweite Trend relevant für den Kanton Luzern. Darum führt die allgemeine Zunahme von häuslicher Gewalt zu einer schweizweit starken Auslastung der Frauenhäuser.

Was sind die Gründe für die Zunahme häuslicher Gewalt?

Und wie lässt sich die schweizweite Zunahme von häuslicher Gewalt erklären? Die Ursachen sind vielfältig. Auch die Studie, welche die Zahlen zu Gewalterfahrungen in der Partnerschaft dokumentiert, gibt sich vage: «Die Ursachen für Gewalt gegen Frauen sind vielfältig. Gesellschaftliche Werte und gesetzliche Vorgaben bilden den Rahmen, der das Verhalten eines Menschen bestimmt und beeinflusst. Die gesellschaftlichen Normen und die individuellen Verhaltensweisen widerspiegeln sich in Beziehungen, so auch in von Gewalt geprägten Paarbeziehungen.»

Auch eine entsprechende Zusammenfassung des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann, die den Ursachen von Gewalt in Paarbeziehungen nachgeht, kommt zum Schluss, dass es ein Zusammenwirken verschiedener Faktoren ist: «Eine Kausalität zwischen Ursache und Wirkung empirisch zu belegen ist beim komplexen Phänomen der Partnerschaftsgewalt nicht möglich.» Die Forschung konzentriert sich daher auf Risikofaktoren von Gewalt in Paarbeziehungen.

Zu den Risikofaktoren für das Auftreten von Gewalt in Paarbeziehungen zählt etwa das Alter: Der Höchststand an häuslicher Gewalt in Partnerschaftsbeziehungen erfolgt noch im Jugendalter respektive im jungen Erwachsenenalter. Auch ökonomische Faktoren wie geringes Familieneinkommen, Arbeitslosigkeit und Armut gehen mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit von Partnerschaftsgewalt einher.

Und Petra Sidler vom Frauenhaus Luzern sagt: «Es ist so, dass prekäre Lebenslagen als Risikofaktoren für häusliche Gewalt gelten und diese haben zugenommen.»

Gewalt gegen die Partnerin ist die häufigste Form von häuslicher Gewalt

Die Zusammenfassung zeigt weiter, dass diejenigen, die selbst einmal Gewalt erfahren oder miterlebt haben, ein höheres Risiko aufweisen, selbst einmal Gewalt auszuüben. Einen Einfluss hat auch die Erziehung: Studien zeigen, dass sich die Erziehung der Eltern, darunter insbesondere die Ermutigung zu gewaltfreiem Verhalten, als Schutzfaktor vor Gewalt in jugendlichen Paarbeziehungen erweist.

Bei der Betrachtung dieser Ursachen gilt es zu beachten: Gewalt in der Paarbeziehung stellt lediglich eine Form der häuslichen Gewalt dar, macht jedoch den grössten Anteil aus. Gemäss Bundesamt für Statistik sind im Jahr 2021 80 Prozent der Straftaten häuslicher Gewalt in Partnerschaften oder ehemaligen Partnerschaften verübt worden.

Letztlich sind die vollen Frauenhäuser nicht nur ein Resultat zunehmender häuslicher Gewalt. So meint Petra Sidler: «Dass sich immer mehr Frauen in den Frauenhäusern melden, bedeutet auch, dass gewaltbetroffene Frauen um dieses Angebot wissen und den Mut finden, in ein Frauenhaus zu gehen. Das wiederum ist erfreulich.»

Verwendete Quellen
  • Telefonat mit Petra Sidler, Frauenhaus Luzern
  • Kriminalstatistik der Luzerner Polizei
  • Statistiken des BFS über häusliche Gewalt
  • Studie «Gewalt in Paarbeziehungen»
  • SRF-Beitrag des Regionaljournals Bern Freiburg Wallis
  • Studie zu Ursachen von Gewalt in Paarbeziehungen
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