Gesellschaft
Leben retten als «First Responder»

Für Notfälle springt dieser Krienser um 3 Uhr aus dem Bett

Haushaltsgeräte reparieren und Leben retten: Das macht First Responder Cedric Biscontin. (Bild: mik)

Bei einem medizinischen Notfall wird die 144 aufgeboten – aber nicht nur. Seit etwas mehr als drei Jahren klingelt auch bei sogenannten «First Respondern» der Alarm. Wir haben bei einem von ihnen nachgefragt, wieso er sich freiwillig zu jeder Zeit aus dem Bett klingeln lässt.

Im Notfall zählt jede Sekunde. Ein Spruch, den viele von uns bereits gehört haben dürften, der sich jedoch auch mit Zahlen belegen lässt. Pro Minute, während der eine Person mit Herzstillstand unversorgt bleibt, sinkt die Wiederbelebungs-Chance um rund zehn Prozent. Das Problem: Von der Alarmierung bis zum Eintreffen des Rettungsdiensts vergehen durchschnittlich zehn bis zwölf Minuten, wie das Luzerner Kantonsspital (Luks) in einer Medienmitteilung schreibt. Die Überlebenschancen stehen also nicht besonders gut.

Vor etwas mehr als drei Jahren hat das Luks deshalb ein First-Responder-System aufgebaut, um die Lücke bis zum Eintreffen der Rettungskräfte zu schliessen. First Responder sind ehrenamtliche Ersthelferinnen, die im Fall eines Herz-Kreislauf-Stillstandes von der Notrufzentrale 144 aufgeboten werden. Sie verfügen über eine spezielle Ausbildung in Wiederbelebung und in der Anwendung von Defibrillatoren. Im letzten Jahr haben sie 256 Einsätze geleistet und dabei 15 Menschenleben gerettet.

Kürzlich hat dieses Netzwerk bezüglich Anzahl der Freiwilligen die 2'000er-Grenze erreicht (zentralplus berichtete). Einer von ihnen ist der 33-jährige Krienser Cedric Biscontin.

Servicetechniker mit «Helfer-Gen»

Er ist seit rund vier Monaten als First Responder aktiv und hat seinen ersten Einsatz hinter sich. Bei einem Besuch an seinem Arbeitsort, der Firma «Lustenberger – Im Haushalt daheim» in Malters, schildert der Servicetechniker, wie es dazu gekommen ist.

«Mit dem Gefühl, dass jederzeit etwas passieren könnte, entkommt man dem normalen Alltagstrott.»

Cedric Biscontin, First Responder

Von den First Respondern wisse er schon eine ganze Weile. Doch anfangs seien Helferinnen vor allem für abgelegene Orte gesucht worden. Vor Kurzem habe er erfahren, dass das Einsatzgebiet auf die gesamte Zentralschweiz ausgeweitet worden sei. Sein Partner habe ihn darauf aufmerksam gemacht, dass Leute gesucht würden. «Zuerst habe ich mich auf der Website schlau gemacht. Beim Lesen habe ich mir gedacht, ‹doch, das ist etwas, das mir zusagt› und mich dann direkt angemeldet.»

Das sei wie ein Teil von ihm: «Ich habe ein bisschen ein Helfer-Gen», sagt er. «Ich helfe gern Menschen in Not, so gut es geht.» So ist er nebst First Responder auch in der Feuerwehr Kriens und in verschiedenen Vereinen tätig.

Das Ziel: Schneller sein als die Ambulanz

Gesagt, getan: Zuerst besuchte er einen Kurs, um sein Wissen über Wiederbelebungsmassnahmen aufzufrischen. Danach folgte ein Online-Kurs von den First Respondern, bei dem es vor allem um die Einsatzabläufe ging. Mit kurzen Tests dazwischen wurde sein Wissensstand geprüft. Als das geschafft war, erhielt er die Meldung, dass er für seinen ersten Einsatz bereit sei. Einzig die Ausrüstung musste er noch abholen.

Diese Gegenstände hat Cedric Biscontin immer dabei – die Decke, das Sackmesser und die Handschuhe sind seine persönliche Ergänzung zur Ausrüstung.
Diese Gegenstände hat Cedric Biscontin immer dabei – die Decke, das Taschenmesser und die Handschuhe sind seine persönliche Ergänzung zur Ausrüstung. (Bild: mik)

Bis er zum ersten Mal ausrückte, zog es sich jedoch etwas hin. Denn einerseits hängt die Anzahl an Einsatzmeldungen davon ab, für wie viele Orte man sich meldet. Biscontin etwa ist in der Region Kriens und rund um seinen Arbeitsort angemeldet. In der ganzen Zentralschweiz gebe es etwa vier bis fünf Einsätze pro Woche, manchmal mehr.

Andererseits lohne es sich nicht immer auszurücken. «Mit jeder Einsatzmeldung kommt auch immer ein Hinweis, wann der Rettungsdienst etwa eintrifft. Mein Ziel ist es, diese Zeit zu unterbieten.» Meist lohne sich der Einsatz deshalb nur, wenn man selbst innerhalb von fünf bis maximal zehn Minuten vor Ort sein könne.

Beim ersten Einsatz war er nervös

Mitte Oktober war es dann so weit: der erste Einsatz, bei dem Biscontin auch wirklich ausrücken konnte. «Ich sass daheim in Kriens, als ich die Meldung aufs Handy bekam», schildert er. Trotz der Vorbereitung sei er nervös gewesen. Fragen wie «was treffe ich an?» und «wie geht es wohl dem Patienten?» schwirrten in seinem Kopf herum. «Vielleicht kann ich dann beim 20. oder 30. Einsatz mit Gelassenheit sagen, ‹okay, ich gehe mal hin›», sagt er nachdenklich.

Als er am Einsatzort eintraf, war es zu spät. Zum Glück nicht für den Patienten, sondern nur fürs Helfen: Andere First Responder hatten den Patienten bereits stabilisiert. «Somit kam der Puls schon etwas runter.»

Wäre er auch losgezogen, wenn die Meldung morgens um 3 Uhr eingetroffen wäre? Wie aus der Pistole geschossen antwortet der Krienser: «Ich würde gehen.» Und fügt an: «Egal zu welcher Zeit. Wenn ich nicht gerade am Arbeiten oder unterwegs bin und es im zeitlichen Rahmen liegt, gehe ich.» Als Feuerwehrmann und First Responder habe er der Verpflichtung zugesagt, 24/7 erreichbar zu sein.

Ständig auf Achse als Gegenpol zum Alltagstrott

Seine Familie und sein Arbeitgeber wissen Bescheid und unterstützen ihn. Doch wird es ihm nicht manchmal etwas viel, quasi stets auf Achse zu sein? «Bis jetzt geht alles unter einen Hut, und solange ich kann, mache ich das.» Zudem habe die ständige Bereitschaft etwas Spannendes: «Mit dem Gefühl, dass jederzeit etwas passieren könnte, entkommt man dem normalen Alltagstrott.»

Ein Grund fürs Aufhören wäre etwa, wenn er wegen des Alters nicht mehr körperlich fit genug wäre. Oder wenn es für ihn psychisch zu belastend würde. An diese Grenze sei er zwar noch nie gestossen. «Aber ich denke, wenn man zu viele Tote sieht, kann das einen verfolgen und schlaflose Nächte bereiten.» Zum Beispiel weil man sich Vorwürfe macht, nicht schnell genug gewesen zu sein. «Dann ist es wichtig, sich selbst Hilfe zu holen», betont Biscontin.

In der First-Responder-Schulung werde man zwar nicht speziell psychologisch geschult. Doch die Ausbildner hätten vorgewarnt, dass man belastende Dinge sehen könnte. Für Interessierte hat Biscontin deshalb auch den Tipp: «Man muss sich bewusst sein, was auf einen zukommt. Wenn man es sich noch überlegen muss, ist man am falschen Ort.»

So wirst du First Responder

Wenn du selbst auch zum Lebensretter werden willst, dann musst du einige Voraussetzungen erfüllen.

  • Du hast eine zertifizierte Ersthelfer-Ausbildung bei Herz-Kreislauf-Stillstand: gültiges BLS-AED-SRC Zertifikat; Wiederbelebung (BLS) inklusive Automatischer externer Defibrillation (AED).
  • Du musst die zweistündige Informationsveranstaltung «First Responder» besucht haben.
  • Du bist mindestens 18 Jahre alt.
  • Du brauchst ein Smartphone (Alarmierung).
  • Du musst dir bewusst sein, dass du Notfalleinsätze leistest. Die Szenen, die du zu sehen bekommst, sind unter Umständen belastend.

Weitere Informationen findest du hier.

Verwendete Quellen
Deine Ideefür das Community-Voting

Die Redaktion sichtet die Ideen regelmässig und erstellt daraus monatliche Votings. Mehr zu unseren Regeln, wenn du dich an unseren Redaktionstisch setzt.

Deine Meinung ist gefragt
Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert. Bitte beachte unsere Netiquette.
Apple Store IconGoogle Play Store Icon