Gesellschaft
Kinderwunsch-Coach

Eizellenspende: Diese Fragen beschäftigen Luzerner Paare

(Bild: Ömürden Cengiz/Unsplash)

In der Schweiz ist es vielleicht bald möglich, ein Baby mit einer gespendeten Eizelle zu zeugen. Ein Kinderwunsch-Coach aus Baar spricht von einer grossen Entlastung – und erklärt, warum der Entscheid für Paare so schwierig ist.

In der Schweiz ist es verboten, ein Baby mit einer gespendeten Eizelle zu zeugen. Ist eine Frau unfruchtbar und eine Eizellenspende die letzte Option, um doch noch schwanger zu werden, so müssen Paare mit Kinderwunsch ins Ausland reisen.

Ist der Mann jedoch unfruchtbar, so kann eine Samenspende infrage kommen – was in der Schweiz zugelassen ist. Diese «Ungleichbehandlung von Mann und Frau» wollte GLP-Nationalrätin Katja Christ (Basel-Stadt) mit einem Vorstoss beheben.

Vergangene Woche hat der Nationalrat nun beschlossen, Eizellenspende für Ehepaare, bei denen der Unfruchtbarkeitsgrund bei der Frau liegt, zu legalisieren. Während die Befürworter eine «inakzeptable Ungleichbehandlung» abschaffen wollen, äusserten die Gegnerinnen im Nationalrat vor allem ethische und medizinische Bedenken.

Eizellenspende als letzte Möglichkeit

Silvia Urbon ist Kinderwunsch-Coach. In ihrer Praxis in Baar berät die Luzernerin Paare mit unerfülltem Kinderwunsch. Sie begleitet auch Paare, die eine Eizellenspende in Betracht ziehen – oder die sich mittlerweile für eine solche entschieden haben. «Die Entscheidung für eine Eizellenspende fällt keinem Paar leicht», betont Urbon.

«Das ist ein langer Entscheidungsprozess. Die Paare setzen sich immer wieder mit grundlegenden ethischen Fragen auseinander. Niemand entscheidet sich unüberlegt für eine Eizellenspende – sondern nur dann, wenn man keine andere Möglichkeit mehr sieht, um sich seinen langersehnten Kinderwunsch zu erfüllen. Dies, weil alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind.»

Über die Gründe einer Eizellenspende

Zwischen dem Entscheid, eine Familie zu gründen, und einer Eizellenspende liegen in der Regel mehrere Jahre, in denen es Paare auf natürliche Weise probiert haben, schwanger zu werden. Und eben unzählige negative Schwangerschaftstests.

«Oftmals sind es Fragen wie: Wird es mir optisch und charakterlich ähneln, auch wenn die Eizelle nicht von mir ist? Wird es mein Kind sein, das ich auf die Welt bringe?»

Silvia Urbon, Kinderwunsch-Coach

Bleiben medizinisch assistierte Fortpflanzungsmöglichkeiten wie die Samenübertragung (Insemination), die Befruchtung der Eizelle ausserhalb des Körpers (In-vitro-Fertilisation) und ICSI, bei der ein einzelnes Spermium direkt in das Zellinnere einer Eizelle injiziert wird, erfolglos – so bleibt oft nur noch eines: die Eizellenspende.

Auch genetische Vorerkrankungen, Chemotherapien oder die medizinische Behandlung anderer Krankheiten können dazu führen, dass eine Frau nur per Eizellenspende Kinder kriegen kann.

Kinderwunsch-Coach Silvia Urbon. (Bild: )

Zu Beginn gibt es viele offene Fragen

Silvia Urbon erklärt, welche Fragen sich Paare stellen. «Setzt sich eine Frau mit der Möglichkeit einer Eizellenspende auseinander, so sind es neben den Grundsatzfragen auch oftmals Fragen wie: Wird es mir optisch und charakterlich ähneln, auch wenn die Eizelle nicht von mir ist? Wird es mein Kind sein, das ich auf die Welt bringe? Werde ich es so annehmen können?»

Und: Wie geht man selbst mit der Herkunft des Kindes um? Klärt man sein Kind auf – und das Umfeld? Wie wird dieses reagieren?

Diese Fragen zu klären kann ein langer Prozess sein. Paare diskutieren darüber stundenlang, über Monate hinweg. Es sei auch wichtig, dass sie gemeinsam einen Entschluss fassen und beide dahinter stehen. Silvia Urbon, die auch als Mentaltrainerin tätig ist, begleitet Paare dabei, diese Fragen für sich zu beantworten. «Das gibt den Paaren Sicherheit und eine gewisse Entspannung.»

Ungewollt kinderlos – eine Belastungsprobe für Paare

Sind Paare ungewollt kinderlos, so ist das eine belastende Zeit. «Auch für Männer, was oft unterschätzt wird», sagt Silvia Urbon. «Es gibt auch Beziehungen, die daran zerbrechen. Gerade dann, wenn der Wunsch nach einem Kind unterschiedlich stark ist.»

«Ich höre häufig, wie gut es Paaren tut, wenn der Kinderwunsch nicht mehr allgegenwärtig ist.»

Silvia Urbon

Sie erzählt von Paaren, in denen Frauen alles aufgegeben haben und sich nur noch auf das Kinderkriegen fokussieren. Dies, weil ihnen jemand im Umfeld geraten habe: Wenn man keinen Stress hat, klappt's. Sie geben ihren Job auf, haben Sex nach Plan, nur noch ein Ziel vor Augen. «Wenn sich das Leben nur noch auf den Kinderwunsch beschränkt, wird der Wunsch übermächtig.» Besser sei es, wenn beide Partner ihre Leben beibehalten und den Kinderwunsch darin integrieren, statt ihr Leben für den Kinderwunsch aufzugeben und sich selbst zu verlieren.

Auch ein Coaching könne dann helfen. Um Zeiten zu definieren, in denen sich das Paar mit dem Kinderwunsch auseinandersetzt, darüber spricht – und davor und danach auch Distanz dazu gewinnen kann. Um quasi die Belastung aus dem persönlichen Umfeld auszuklammern. «Ich höre häufig, wie gut es Paaren tut, wenn der Kinderwunsch nicht mehr allgegenwärtig ist», so Silvia Urbon. «Der Wunsch ist zwar auch dann nicht weg und darf auch weiterhin da sein – aber seine Schwere ist weniger ausgeprägt.»

Viele Hürden

Wenn nach dem Nationalrat auch der Ständerat die Eizellenspende legalisiert, so muss der Bundesrat die gesetzlichen Grundlagen und die Rahmenbedingungen dafür schaffen.

Silvia Urbon spricht von einer «grossen Entlastung» für betroffene Paare. Eine Legalisierung mache es den Paaren möglich, hierzulande eine Klinik aufzusuchen und sich über die Möglichkeiten, einer Eizellenspende zu erkundigen. «Ins Ausland zu reisen, stellt für viele Paare eine zusätzliche Hürde dar.»

Verwendete Quellen
  • Telefonat mit Silvia Urbon
  • Medienbericht der SDA zum Entscheid des Nationalrates zur Eizellenspende
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