Gesellschaft
Begrünte Plätze statt Touristenabfertigung

Drei Luzerner und ihre Ideen für eine lebenswerte Altstadt

Tote Hose nach Ladenschluss in der Altstadt. Visionen zur Belebung sind vorhanden.

(Bild: Gabriel Ammon/Aura)

Tagsüber nehmen Touristen und Shopper die Altstadt in Beschlag, nach Ladenschluss ist sie weitgehend ausgestorben. Das ist schlecht für die Beizen und langweilig für die Einheimischen. Dabei fehlt es nicht an Ideen für eine Belebung. Drei Personen, die die Altstadt kennen wie ihre Hosentasche, stellen ihre Visionen vor.

In der Altstadt Luzern geht zwar viel über den Ladentisch von Bucherer & Co. Doch nach Ladenschluss und am Wochenende sind die Gassen und Plätze vorwiegend trostlos und ausgestorben. Flaneure und andere Bummler ziehen ihre Runden lieber an anderen Orten, wo das Leben pulsiert und zum Verweilen einlädt. Das ist schade. Denn Potenzial gibt es viel. Und das könnte besser genutzt werden.

So viel vorweg: In der Stadt Luzern gibt es Reglemente und Vorschriften, was möglich ist und was nicht. Das geht von Beleuchtungsvorschriften über Aussenbestuhlung bis hin zu kleinen und grossen Aktivitäten. Zwar sind Vorgaben teilweise notwendig. Aber sie blockieren auch innovative und individuelle Lösungsvorschläge zur Belebung der Altstadt. Und das visionäre Denken.

Mit der grossen Kelle anrichten

Dabei tut es jeder Stadt gut, mal mit der grossen Kelle anzurühren und schräge Ideen auszuhecken. So, wie das die Stadt Biel zur Wiederbelebung ihrer Altstadt gemacht hat und damit erfolgreich ist (zentralplus berichtete). Darum haben wir für einmal alle bestehenden Vorschriften zur Stadtgestaltung beiseite gelassen und wollten von drei Einheimischen wissen: Welches sind eure Vorschläge für eine lebendige Altstadt? In die Ideenkiste gegriffen haben die Beizerin Regula Schurtenberger (52), der Altstadtbewohner Daniel Ebneter (36) und der Unternehmer André Bachmann (45).

Gefragt sind viel mehr Kleinanlässe

Seit 13 Jahren ist Regula Schurtenberger Pächterin der Storchenbar am Kornmarktplatz. Ihre Gäste sind Einheimische und Geschäftsleute aus der Umgebung, im Sommer trudeln Individualtouristen in die Bar oder Gaststube. Die Stimmung in der Altstadt bringt sie so auf den Punkt: «Es ist tot. Nach Ladenschluss läuft gar nichts mehr.» Etwas Leben komme in die Gassen beim Abendverkauf, mit dem Wochenmarkt und bei Publikumsanlässen. Doch davon gibt es ihrer Meinung nach viel zu wenige.

Regula Schurtenberger ist Pächterin der Storchenbar am Kornmarktplatz in Luzern.

Regula Schurtenberger ist Pächterin der Storchenbar am Kornmarktplatz in Luzern.

(Bild: Christine Weber)

«Es braucht keine Festhütte mit Grossveranstaltungen. Gefragt sind vielmehr kleine und spezielle Anlässe von Vereinen oder kreativen Leuten», sagt sie. Gute Beispiele dafür habe sie in Los Angeles gesehen, das sie vor kurzem besucht hat. «Zum Beispiel hässliche Fassaden mit coolen Graffitis aufwerten. Und generell viel mehr Begrünung: An den Fassaden, in den Gassen und auf den Plätzen.» Sie selber würde auch den Aussenraum beim Storchen gerne anders nutzen. «Mehr Platz zum Verweilen und mehr Spielraum, um die Örtlichkeiten individuell zu gestalten», sagt sie. Stattdessen sei in der Altstadt die Devise, den Touristenstrom nicht zu behindern. «Aber wir wollen ja auch Einheimische in die Gassen holen. Und die verweilen gerne an schönen Plätzchen.».

«Darum gehen ja Leute in Shoppingmalls: Weil es ein Erlebnis, ein Event ist. Das könnte die Altstadt locker auch bieten.»
Regula Schurtenberger, Pächterin Storchenbar

Überhaupt ist die Wirtin davon überzeugt, dass es viel mehr kleine Aktionen braucht, um die Altstadt zu einem abenteuerlichen Spielplatz zu wandeln und die Leute ‹gluschtig› zu machen. «Darum gehen ja Leute in Shoppingmalls: Weil es ein Erlebnis, ein Event ist. Das könnte die Altstadt locker auch bieten. Aber natürlich mit entsprechenden Aktionen.»

Badestrand und surfen an der Reuss

An Ideen mangelt es der Gastrofrau nicht: «Zum Beispiel Tangoabende auf dem Kornmarkt, Filmprojektionen an die Fassade des Rathauses und mehr kleine Kulturanlässe.» Oder einen Vita Parcours mit verschiedenen Mitmachstationen durch die Gassen. Guten Gestaltungsraum sieht sie auch für das Reussufer, dafür schwebt ihr eine Bade- und Strandatmosphäre vor. «Die Leute können dort schwimmen und auf Liegestühlen relaxen. Und dabei zuschauen, wie beim Rathaussteg gesurft wird.»

Apropos Brücke: Für die Verkehrsführung hat Regula Schurtenberger eine gewagte Idee in der Tasche: «Es gibt eine neue Brücke vom KKL zum Lido. Der Verkehr fliesst im Einbahnsystem über diese neue Brücke hin und über die Seebrücke zurück.» Dafür wird die Seebrücke nur einspurig befahren. «Auf der anderen Spur gibt es stattdessen einen Markt oder viel Grün und Pflanzen.»

So sieht die visionäre Verkehrsführung gemäss einer Notiz aus.

So sieht die visionäre Verkehrsführung gemäss einer Notiz aus.

(Bild: Christine Weber)

Einrichten würde Schurtenberger auch eine ‹Slow Zone› für Velos und Elektrowägelchen, die ihr als Transportmittel für Einkäufe und Warenlieferung vorschweben. Ausserdem müsste schleunigst wieder ein Mix an verschiedenen kleinen Läden her. «Das aktuelle Angebot ist einseitig und funktioniert auf die Dauer nicht», sagt sie.

Einseitig auf Konsum ausgerichtet

Das sehen auch andere so. Zum Beispiel André Bachmann, Unternehmer und Vorstandsmitglied der City-Vereinigung. «Die Altstadt ist sehr einseitig nur auf Konsum ausgerichtet. Lifestyle, Galerien oder attraktive Aufenthaltsmöglichkeiten gibt es kaum – darum ist es kein Wunder, dass nach Ladenschluss nichts mehr los ist», sagt er. Es gebe mehrere Gründe, dass dies so gekommen sei: «Unter anderem sind das die jahrelange Fokussierung auf die Altstadt als Einkaufsmeile, die unzeitgemässen Ladenöffnungszeiten oder die verheerend teuren Mietpreise in den erdgeschossigen Geschäftslokalen.»

«Es braucht einfach viel mehr Mut, um markante Zeichen und Änderungen zu setzen.»
André Bachmann, Unternehmer

Brachliegendes Potential zur Gestaltung einer lebendigen Altstadt sieht Bachmann viel. «Es braucht einfach viel mehr Mut, um markante Zeichen und Änderungen zu setzen», sagt er und schiebt genau solche Vorschläge nach: Den Wagenbachbrunnen vom Europa- zum Schwanenplatz zügeln, alle Plätze mit schönem Mobiliar durch die Gastroszene frei bespielen lassen oder für die Beleuchtung grundsätzlich eine ganz andere Perspektive wählen – diese Änderungen gehören zu den Sachen auf seinem fiktiven Wunschprogramm, das er problemlos mit Ideen erweitern kann: «Denkmäler wie die Museggmauer oder das Rathaus sollten wir nicht nur erhalten, sondern auch sinnvoll und eben öffentlich nutzen», sagt Bachmann. «Zum Beispiel könnte man einen Stollen machen, der von der Altstadt via Lift direkt auf die Museggtürme führt. Dort gibt es eine grosszügige Aussichtsplattform mit einem Kafi als Treffpunkt.»

André Bachmann ist Unternehmer und Vorstandsmitglied der City-Vereinigung Luzern.

André Bachmann ist Unternehmer und Vorstandsmitglied der City-Vereinigung Luzern.

(Bild: Herbert Fischer/www.lu-wahlen.ch)

Den Mississippi-Dampfer flottmachen

Am Franziskanerplatz wird in Bachmanns Vision ausgemistet, dort kommt ein fixer Tagesmarkt mit kleinen Ständen und speziellen Angeboten hin, rundum gibt’s Platz für kleine Läden. In das markante Gebäude der Hauptpost könnte Luzern Tourismus einziehen, inklusive einem grosszügigen Café. «Das wäre ein attraktiver Empfang für Touristen und alle anderen Leute, die in Luzern ankommen», sagt Bachmann. Auch das Luzerner Theater am heutigen Standort sieht er als wichtigen Pfeiler: «Das Theater ist ein Herzstück der Stadt und verbindet die beiden Stadtteile Alt- und Neustadt. Das muss unbedingt so bleiben.»

Aus der Versenkung holen würde Bachmann die ehemalige Badeanstalt, die bis 1970 bei der Spreuerbrücke ankerte: «Der ‹Mississippi-Dampfer› wird wieder flottgemacht und schwimmt auf der Reuss herum – das wäre eine super Attraktion.» André Bachmann ist überzeugt, dass eine Belebung nur dann erfolgen kann, wenn es mehr Raum zum Verweilen gibt. «Bestes Beispiel dafür ist der Mühleplatz mit den Kafis und Bänkli, die einladend sind. Da bleiben die Leute dann auch gerne hängen.»

Die alte Badeanstalt heisst im Volksmund «Mississippi-Dampfer» und wurde 1970 abgerissen.

Die alte Badeanstalt heisst im Volksmund «Mississippi-Dampfer» und wurde 1970 abgerissen.

(Bild: Guido Gallati/fotodok.ch)

Fantastische Lage und doch ab vom Schuss

Der Mühleplatz und das Gebiet an der Reuss sind auch für Daniel Ebneter gute Beispiele, wie das Leben pulsieren könnte. «Allerdings sind das fast die einzigen Orte in der Altstadt, die etwas lebendiger sind», sagt der 36-Jährige, der am Grendel in einer der begehrten Altstadtwohnungen mit zahlbarer Miete wohnt.

«Das Leben spielt sich schlicht nicht in der Altstadt ab. Dieser Stadtteil ist nur noch für Auswärtige spannend.»
Daniel Ebneter, Mieter einer Altstadtwohnung

«Die Lage ist fantastisch und es gibt kaum Lärmemissionen. Zudem ist alles, was ich an Einkäufen brauche, in Gehdistanz», sagt er. Trotzdem zieht der alteingesessene Luzerner demnächst weg aus der Altstadt, hin ins Bruchquartier. Mit ein Grund: «Das Leben spielt sich schlicht nicht in der Altstadt ab. Dieser Stadtteil ist nur noch für Auswärtige spannend.»

Für ihn als Einheimischen seien die ansässigen Geschäfte unattraktiv zum «lädele». Zudem würden ihn zunehmend die konzentrierte Ansammlung von Reisecars am Schwanenplatz und die damit verbundenen herumstehenden und wartenden Touristen nerven. «Flanieren ist auch keine Alternative: Trotz der vielen schönen Plätze gibt es kaum einladende Ecken zum Verweilen.»

Daniel Ebneter – hier auf dem Hirschenplatz – wohnt in einer Wohnung am Grendel Luzern.

Daniel Ebneter – hier auf dem Hirschenplatz – wohnt in einer Wohnung am Grendel Luzern.

Weniger Bünzligkeit und mehr Improvisation

Das findet Ebneter schade und es gehört zum Ersten, was er in der Altstadt ändern würde: Die vielen schönen Plätze mit kleinen Bars, Cafés und einladender Begrünung beleben, so ähnlich, wie das jetzt schon beim Mühleplatz ist. «Das könnte ja auch nur mit kleinen Buvetten geschehen, die auch einen etwas improvisierten Charakter haben.» Überhaupt ist er der Meinung, dass alles etwas weniger bünzlig angegangen werden könnte. «Es soll auch Freiräume geben, um etwas auszuprobieren, was nicht bis in alle Ewigkeit Bestand haben muss.»

Dass die Mall of Switzerland allenfalls Kundschaft aus der Altstadt abzieht, sieht Ebneter auch als Chance. «Es ist allenfalls gar nicht schlecht, wenn gewisse Ramschläden und Shopper nach Ebikon gehen. Dann hat es hier wieder mehr Platz für neue tolle Läden und Cafés, so dass die Altstadt für die Einheimischen auch wieder interessanter werden könnte.»

Dass es dazu allerdings mehr Kreativtät und auch Mut braucht als bis jetzt, ist für ihn klar. «Die Stadt sollte sich jedoch nicht in der Opferrolle sehen – schliesslich ist die Altstadt Luzern schlicht phantastisch. Eine gute Ausgangslage, die auf dem Silbertablett präsentiert wird. Das muss man aber nutzen.»

Der Mühleplatz lädt mit Sitzgelegenheiten zum Verweilen ein – so gestaltete Plätze sind in der Altstadt rar.

Der Mühleplatz lädt mit Sitzgelegenheiten zum Verweilen ein – so gestaltete Plätze sind in der Altstadt rar.

(Bild: jav)

Von Visionen zur Realität

Dass Luzern eine attraktive Altstadt haben soll, beschäftigt schon länger. Schliesslich droht mit der Mall of Switzerland eine vertiable Konkurrenz. Das weiss man auch bei der Stadt. Seit 2014 steht die Attraktivierung der Innenstadt auf der politischen Agenda – vorwärts geht es aber nur langsam.

Immerhin liegt seit Frühling 2016 eine Detailhandelsstudie vom Büro «Fuhrer & Hotz» vor, die vom Stadtrat in Auftrag gegeben wurde. Darin werden Vorschläge gemacht, wie Massnahem zur Belegung aussehen könnten. Ebenfalls mit solchen Fragen setzt sich das «Forum Attraktive Innenstadt» auseinander. Ob, was und wie schnell sich etwas tut in der Altstadt Luzern, wird also ein spannendes Thema bleiben.

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