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Gemeinde will möglichst keine jugendlichen Muslime
  • Politik
Keine 200 Meter dazwischen: links das Asylzentrum, rechts die Moschee im Krienser Schlund. (Bild: PD/Montage zentralplus)

Nach Hassprediger in Krienser Moschee Gemeinde will möglichst keine jugendlichen Muslime

5 min Lesezeit 07.03.2016, 16:41 Uhr

«Ist der IS-Terror in Kriens angekommen?», fragte die SVP den Krienser Gemeinderat. Dies, weil ein von der Bundesanwaltschaft angeklagter Iraker mit Verbindungen zum IS zeitweise in der Krienser Moschee gepredigt hatte. Der Gemeinderat wiegelt ab – überrascht aber mit einer Forderung an den Kanton.

Medien nannten ihn den «Scheich aus der Innerschweiz»: Der 34-jährige Imam Abdulrahman O. geriet letzten Dezember in die Schlagzeilen – und mit ihm die Gemeinde Kriens mit ihrer Moschee im Schlund. Abdulrahman ist einer von vier Irakern, denen die Schweizerische Bundesanwaltschaft vorwirft, für den IS tätig zu sein. Das Urteil ist noch hängig.

Abdulrahman verfasste extremistische Predigten, degradierte den Westen und huldigte dem Islamischen Staat, so die Vorwürfe. Der Mann hatte Verbindungen in die Innerschweiz: nach Hergiswil NW, wo er wohnte – und nach Kriens, wo er in der Dar-Assalam-Moschee zwischenzeitlich predigte (zentralplus berichtete).

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Inzwischen wohnt er nicht mehr in Hergiswil; man mutmasst, dass er in einen anderen Kanton, vielleicht nach St. Gallen, gezogen ist. Als Einziger der vier blieb Abdulrahman O. bis heute auf freiem Fuss – Ende Februar musste er sich dem Bundesstrafgerichtshof in Bellinzona stellen, die Staatsanwaltschaft fordert für ihn eine teilbedingte Freiheitsstrafe von zweieinhalb Jahren, für die drei Mitangeklagten sogar bis zu siebeneinhalb Jahren. Unter anderem wegen Beteiligung oder Unterstützung einer kriminellen Organisation. Abdulrahman O. streitet sämtliche Vorwürfe ab, sein Verteidiger fordert Freispruch. Das Urteil wird auf den 18. März erwartet.

Kriens ist nicht zuständig

Wenn es um Schweizer Moscheen geht, ist die SVP nie weit: Einwohnerrat Peter Portmann gelangte am 7. Dezember 2015 mit einer dringlichen Interpellation an den Gemeinderat. Und wollte unter anderem wissen: Werden in Kriens weitere IS-Anhänger oder Sympathisanten vermutet? Und ist die Behörde mit der Kontrolle und der Überwachung von Moscheen überfordert?

Nun kennen wir die knappen Antworten. Erstens: nein; zweitens, nein. Dem Gemeinderat seien keine weiteren Fälle bekannt. Und zur gefragten Überforderung antwortet die Gemeinde mit bestechender Logik: «Die kantonalen und kommunalen Behörden sind nicht zuständig. Deshalb können sie auch nicht überfordert sein.» Die Gemeinde verweist mehrmals auf die Bundesanwaltschaft, und wir wissen jetzt: «Die Bundesanwaltschaft hat eine eigene Homepage: www.bundesanwaltschaft», schreibt der Gemeinderat.

Eine müssige Forderung

Dar-Assalam-Moschee in Kriens

Die Dar-Assalam-Gemeinschaft Luzern ist laut Website eine «multinationale, multikulturelle und multilinguistische Gesellschaft». In der Krienser Moschee treffen sich vor allem arabischsprachige Muslime aus Nordafrika und dem Nahen Osten. Die Gemeinschaft wurde 1993 in der Luzerner Lädelistrasse gegründet, zuvor trafen sich die Muslime in der Eyüb-Moschee in Reussbühl zum Freitagsgebet. Ab 2001 trafen sich die Gläubigen in einem Eckhaus in Kriens, ab Juli 2010 in den heutigen, grösseren Räumlichkeiten in der Motelstrasse. Zum Freitagsgebet kommen rund 100 Personen, die Moschee bietet Platz für 150 Gläubige. Neben täglich fünf Gebeten bietet sie der Gemeinschaft eine breite Palette an seelsorgerischen Tätigkeiten sowie Informationsveranstaltungen, Weiterbildungen, schulische Angebote und soziale Aufgaben.

Weniger amüsant, aber inhaltlich gehaltvoller sind zwei weitere Punkte im Text. Wo es um einen möglichen Zusammenhang zwischen Moschee und dem keine zwei Gehminuten im Krienser Schlund stehenden Asylzentrum geht. Im ehemaligen Hotel Pilatusblick gibt es seit letztem Jahr ein Asylzentrum für 70 minderjährige Asylsuchende – sogenannte UMA (zentralplus berichtete). Ob die Moschee denn nun geschlossen werde, wollte die SVP wissen.

Der Gemeinderat sieht keinen Zusammenhang zwischen Krienser Moschee und dem Asylzentrum. Schlägt aber vorsichtshalber trotzdem vor, bei den Zuweisungen auf die religiöse Zugehörigkeit der Jugendlichen zu achten. Konkret rät der Gemeinderat den Verantwortlichen des Kantons, möglichst keine Zuweisungen von Jugendlichen vorzunehmen, die muslimischen Glaubens sind.»

Eine müssige Forderung, denn es gibt im Pilatusblick derzeit ohnehin nur ganz wenige muslimische Jugendliche: 10 von 70 Asylsuchenden. «Bei der geringen Anzahl muslimischer Kinder und Jugendlichen hat sich die Diskussion erübrigt. Zudem wurde das Gebiet um die Moschee als sensible Zone erklärt», sagt Ruedi Fahrni, Asylkoordinator beim Kanton Luzern.

Zuteilung nach Zufall

Dass es in Kriens wenige muslimische Asylsuchende hat, ist nicht gesteuert, sondern Zufall: «Die Kantone können beim Bund keinen Einfluss auf die Personenzusammensetzung bei den Zuweisungen ausüben. Diese erfolgen nach einem Zufälligkeitsprinzip», sagt Ruedi Fahrni. Und auch innerhalb des Kantons wäre eine Aufteilung nach Glaubensherkunft schwierig «und auch nicht sinnvoll». Fahrni: «Man muss wissen, dass die Muslime gegenüber den christlichen Asylsuchenden eine Minderheit darstellen.»

Links das Asylzentrum Pilatusblick, rechts das Gebäude mit der Moschee im Krienser Industriegebiet.

Links das Asylzentrum Pilatusblick, rechts das Gebäude mit der Moschee im Krienser Industriegebiet.

(Bild: Google Maps)

Die muslimischen UMA dürfen die Moschee natürlich besuchen, tun dies aber in Begleitung des Betreuungspersonals. Ruedi Fahrni: «Grundsätzlich sind Moscheen in Zentrumsnähe unproblematisch. Wir haben auch den Eindruck, dass die Moscheen eher wenig besucht werden.»

Nicht in ideologische Hände geraten

Wieso dann überhaupt die Forderung der Gemeinde Kriens? Es gehe darum, dass Kinder und Jugendliche noch nicht ausgereift und deshalb beeinflussbarer seien – «insbesondere Kinder und Jugendliche, die wie die unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden ausserhalb des Elternhauses aufwachsen müssen», sagt Lothar Sidler, Gemeinderat und Sozialvorsteher. «Unser Ratschlag ist eine mögliche Massnahme, um zu verhindern, dass muslimische Kinder und Jugendliche in ‹falsche›, ideologische Hände geraten.»

Der Wunsch nach weniger jugendlichen Muslimen habe auch mit der Lage des Asylzentrums zu tun: «Es ging um die besondere örtliche Nähe von Asylzentrum und Moschee», sagt Sidler. «Und um die Feststellung, dass in dieser Moschee ein umstrittener Imam gepredigt hat.»

Moschee ist für Jugendliche offen

Für Sidali Metriter indes, Präsident des Vereins Dar-Assalam Luzern, der die Moschee betreut, ist die Nähe zum Asylzentrum kein Thema: «Für die muslimischen Jugendlichen sei die Moschee natürlich offen, das wissen sie», sagt er auf Anfrage. Ob aber tatsächlich Jugendliche aus dem Asylzentrum die Gebetsräume besuchen, wisse er nicht.

Der Verein Dar-Assalam Luzern hat sich nach den Vorfällen im letzten Dezember nun Anfang Jahr mit dem Gemeinderat ausgetauscht. Die Gespräche seien «sehr angenehm und positiv» verlaufen, so Sidali Metriter. Mehr will er zur Vergangenheit – zum Fall Abdulrahman – nicht mehr sagen.

Auch die Gemeinde Kriens schaut nach vorn: Der Gemeinderat erwähnt in der Antwort auf die Interpellation den Austausch mit Mitgliedern des Vorstandes der örtlichen Moschee. Von gutem Dialog ist die Rede, die kritisierte Predigt von Abdulrahman O. liege einige Jahre zurück. Der Vorstand der Moschee bemühe sich um gut ausgebildete, möglichst fix angestellte Imame. «Um Predigten, die fundamentalistische Tendenzen beinhalten könnten, für die Zukunft möglichst auszuschliessen», zieht der Krienser Gemeinderat in der Antwort als Fazit.

Geplantes Asylzentrum Kriens

Der Kanton Luzern will direkt neben der Haftanstalt Grosshof in Kriens ein Asylzentrum mit 120 Plätzen bauen – ein schlichtes Holzhaus ist geplant (zentralplus berichtete). Dafür sind 6,3 Millionen Franken notwendig. Der Neubau soll im Herbst 2017 die Türen öffnen. Die Anlage weise eine technische Lebensdauer von ungefähr 30 Jahren auf – danach könnten darin Studentenwohnungen entstehen.

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