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Experten warnen: «Ohne Schulpsychologen werden zahlreiche Laufbahnen eskalieren»
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Verhaltensgestört oder einfach Kind? Die SVP warnt vor voreiligen Diagnosen und möchte kurzerhand den schulpsychologischen Dienst abschaffen. (Bild: Fotolia )

Zug: SVP will Dienst abschaffen, um Geld zu sparen Experten warnen: «Ohne Schulpsychologen werden zahlreiche Laufbahnen eskalieren»

5 min Lesezeit 01.06.2017, 04:57 Uhr

Seit 44 Jahren gibt es im Kanton Zug einen gemeindeübergreifenden schulpsychologischen Dienst. Überflüssig, und auch schädlich, findet die Zuger SVP-Fraktion, und möchte diese Institution kurzerhand auflösen. Die Schulpsychologen warnen vor langfristigen Problemen.

In ihrer Motion, über die im Kantonsrat entschieden wird, lässt die SVP durchblicken, dass sie fürchtet, durch den institutionalisierten schulpsychologischen Dienst (SPD) würden Kinder unnötig diagnostiziert. Damit stellt sie kein neues Zuger Bildungsexperiment in Frage, sondern eine Institution, die es in Zug so bereits seit 44 Jahren gibt und die auch in allen anderen Deutschschweizer Kantonen existiert.

SVP-Fraktionschef Manuel Brandenberg präzisiert: «Ich habe bereits folgende Aussagen von Leuten über den Elternbesuchstag gehört: ‹Hoffentlich benimmt sich mein Kind gerade, wenn der Schulpsychologe vorbeigeht, sonst wird er noch darauf aufmerksam.›» Das möge zwar scherzhaft klingen, so Brandenberg, doch hätten solche Aussagen durchaus einen wahren Kern. «Hat man diesen Schulpsychologen-Apparat nicht, besteht auch weniger die Gefahr, dass zu schnell Abklärungen gemacht werden», ist er sich sicher.

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«Durch den institutionalisierten Dienst steigt die Gefahr, dass ein Kind durch zu frühes Eingreifen zu einem Therapiefall gemacht wird.»

Manuel Brandenberg, Fraktionschef Zuger SVP

Brandenberg erklärt weiter: «Durch den institutionalisierten Dienst steigt die Gefahr, dass man durch zu frühes Eingreifen einen Punkt macht, wo es nicht nötig wäre, und so eine Marotte zu einem Problem und ein Kind gerade dadurch zu einem Therapiefall macht.» Damit werde das Kind erst recht geschwächt.

Das mag zwar sein, doch würde ohne SPD nicht die Gefahr steigen, dass Kinder, die tatsächlich Hilfe benötigen, keine bekommen? Und dürften die Folgen dann nicht drastischer sein als jene bei einer voreiligen Therapierung? «Ob die Folgen schlimmer wären, weiss ich nicht. Beides ist meines Erachtens nicht gut», so Brandenberg.

Braucht es einen permanenten Apparat?

Und er ergänzt: «Doch ich bin sicher, dass ein Kind, das Hilfe braucht, auch ohne diesen institutionalisierten Apparat Hilfe bekommt. Eltern, die zuallererst für das Kind und dessen Gesundheit zuständig seien, realisieren doch, wenn etwas nicht gut ist.» Und wenn nicht, gebe es immer noch Lehrpersonen, die Auffälligkeiten mitbekämen und die Problematik angehen könnten.

«Wo es einen Verwaltungsapparat gibt, beschäftigt er sich. Das wird bei den Schulpsychologen nicht anders sein.»

Manuel Brandenberg

«Dazu braucht es keinen permanenten Apparat, der vom Kanton finanziert wird. Man sollte nicht naiv sein: Wo es einen Verwaltungsapparat gibt, beschäftigt er sich. Das wird bei den Schulpsychologen nicht anders sein», sagt Brandenberg.

Was der SPD den Kanton koste, habe die SVP zwar nicht ausgerechnet, doch geht Brandenberg von einem «erheblichen Sparpotenzial» aus, würde man den Dienst auflösen. «Und wenn ein Kind Hilfe benötigt, gibt es genügend Fachleute, Psychologen und Psychiater auf dem freien Markt», ist der SVP-Fraktionschef sicher.

Nicht das Kind bedarf der Abklärung, sondern die Situation

Ganz anders sieht die Sache erwartungsgemäss Peter Müller, der Leiter des Schulpsychologischen Diensts (SPD) des Kantons Zug. Auch wenn er betont: «Es ist legitim und richtig, dass die Politik hinschaut und kritische Fragen stellt.»

Und doch ist Müller überzeugt: «Der vom Kanton gesteuerte Schulpsychologische Dienst macht durchaus Sinn. Für den Kanton sind wir eine wichtige Fachstelle, um Massnahmen wie etwa Sonderschulzuweisungen zu steuern. Für Eltern sind wir eine Fachstelle, wenn für das Kind einschneidende Massnahmen getroffen werden sollen.»

Die Sache mit der Diagnose

Auf die Frage, ob man heutzutage Kinder nicht etwas gar früh psychologisch abklärt, antwortet Müller: «Natürlich steht bei uns das Kind im Zentrum und nicht die Testabklärung des Kindes. So gesehen braucht nicht das Kind eine Abklärung, sondern wir klären Situationen ab, in denen das Kind drinsteckt.» Der SPD führe eine Gesamtbeurteilung durch und helfe mit, die Situation einzuschätzen.

«Die Wissenschaft ist heute weiter als vor 50 Jahren, heute wird genauer hingeschaut. Das bringt mit sich, dass auch mehr gesehen und festgestellt wird.»

Peter Müller, Leiter Schulpsychologischer Dienst Zug

«Vielleicht ist in der Motion nicht nur der SPD gemeint, sondern auch all die anderen Abklärungen, die teilweise bei Kindern zusätzlich durchgeführt werden. Manchmal kommt da schon eine Menge zusammen», betont Müller. Also ist da was dran, das heute schneller diagnostiziert wird? «Das ist so eine Sache mit den Diagnosen», sagt Müller.

«Die Wissenschaft ist heute weiter als vor 50 Jahren, heute wird genauer hingeschaut. Das bringt mit sich, dass auch mehr gesehen und festgestellt wird.» Dennoch sei der SPD als Fachstelle der Bildungsdirektion auch dazu da, dass unnötige Diagnosen und Massnahmen verhindert würden. Der Zuger SPD-Leiter: «Wir kennen uns aus und beraten die Beteiligten aus einer neutralen Position.»

Die Schulpsychologie als Seismograf

Weniger zurückhaltend formuliert es Martin Brunner, der vormals als Präsident der Schweizerischen SPD-Leiter fungierte. Er warnt: «Die Schulpsychologie ist wie ein Seismograf für Probleme in der Schule. Wenn dieser Vermittlungsauftrag entfällt, wie es die Zuger SVP fordert, werden künftig zahlreiche Schullaufbahnen eskalieren.»

Von der Aussage Brandenbergs, dass Eltern ihre Kinder ja zu Psychologen auf dem freien Markt schicken können, hält Brunner wenig. Der Schulpsychologische Dienst sei eine Dienstleistung, die allen zugänglich und für alle gratis sei. «Wäre sie das nicht, würden wohl viele Kinder und Jugendliche diese Leistungen nicht in Anspruch nehmen.»

Mehr Diagnosen, ja. Aber …

Vor einer Auflösung des SPD rät er daher dringend ab: «Schulschwierigkeiten sind häufig Indikatoren für grössere Probleme. Häufig treten sie auf, bevor es zu sichtbaren psychischen Problemen bei Schülern kommt. Daneben können Schulschwierigkeiten auch darauf hinweisen, dass es Schwachstellen an der Schule gibt», erklärt Brunner. Was er damit meint? «Sie können auf einen übermässigen Leistungsdruck hinweisen, auf zu grosse oder zu stark belastete Schulklassen, aber auch auf Lehrpersonen, die ausgebrannt sind.» In diesem Sinne habe der SPD auch einen präventiven Charakter.

«Ich bin der dezidierten Meinung, dass die Schulpsychologen wesentlich mehr verhindern als sie unnötige Therapieren produzieren.»

Martin Brunner, ehemaliger Präsident der Schweizer SPD-Leiter

Brunner räumt ein, dass die Anzahl der Stützangebote zwar gestiegen seien und daher wohl auch die Zahl der Diagnosen. Doch er relativiert sogleich: «Das ist aus meiner Warte Ausdruck der hohen Belastungssituation an der Schule. Wenn mehr Kinder angemeldet sind, werden halt auch mehr Probleme sichtbar. Es ist zynisch, dass die SVP sowohl verlangt, den schulpsychologischen Dienst abzuschaffen, und gleichzeitig mit ihrer Finanzpolitik dafür sorgt, dass beispielsweise grössere Klassen gebildet werden.»

Und er doppelt nach: «Ich bin der dezidierten Meinung, dass die Wirkungen der Schulpsychologie mittel- bis langfristig wesentlich mehr Kosten einsparen als durch die Unterstützungsangebote kurzfristig ausgelöst werden.»

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